Das 1×1 der Uhrengläser: Saphirglas vs. Mineralglas vs. Hesalitglas vs. Hardlex-Glas

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Das Uhren-Glas schützt das Ziffernblatt und die empfindlichen Zeiger vor Schmutz und Beschädigung – logisch! Aber welche Vorteile und Nachteile haben die Uhrenglas-Arten Saphirglas, Mineralglas, Hesalitglas und Hardlexglas? Was sind die gängigen Entspiegelungen von Uhrengläsern? Diese und weitere Fragen beantwortet dieser Artikel…

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Schick: Das gewölbte Hesalitglas einer Glycine Airman GMT

Uhrengläser im Vergleich: Saphirglas vs. Mineralglas vs. Hardlex-Glas vs. Hesalitglas

Die gängigen Uhrglas-Arten Saphirglas, Mineralglas, Kunststoffglas (Hesalit, Acryl oder Plexi) und Hardlexglas lassen sich im Wesentlichen anhand von vier Eigenschaften charakterisieren: Kratzempfindlichkeit, Pflegemöglichkeit, Spiegelung und Kosten. Die jeweiligen Eigenschaften der Uhrglas-Arten lassen sich in einer kompakten Übersicht bewerten:

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist Saphirglas das Nonplusultra bei Uhrgläsern: Es gilt als fast unzerkratzbar – im Alltag eines Otto Normal Uhrenfans kann eigentlich nur Beton dem Saphirglas etwas anhaben (und Diamant, aber die wenigsten werden wohl täglich mit Diamanten zu tun haben 😉 ).

Der Nachteil: Saphirglas bricht das Licht vergleichsweise stark – das Uhrglas wirkt dadurch milchig, was die Ablesbarkeit beeinträchtigen kann.

Bulova Moonwatch
Wirkt milchig trotz Entspiegelung auf der Innenseite: Das Dicke, erhobene Saphirglas der Bulova Moonwatch

Die Fertigung von Saphirglas ist außerdem recht aufwendig und teuer. Aus diesem Grund kommt Saphirglas in der Regel in Uhrmodellen ab 300€ zum Einsatz. Ausnahmen wie die beliebten China-Uhren von Bersigar/Pagani Design bestätigen die Regel. Natürlich setzen auch Uhrenhersteller im gehobenen Segment wie Breitling, Rolex, Omega oder TAG Heuer ausschließlich Saphirglas ein (mit Ausnahme von Hesalitglas bei bestimmten Retro-Modelle, hierzu gleich mehr).

Breitling beschreibt das chemische Fertigungsverfahren von Saphirglas so:

Der synthetische Saphir wird auf der Basis von Tonerde (oder Aluminiumoxid) hergestellt. Die Fusion erfolgt bei 2050 °C unter Beigabe von Wasserstoff und Sauerstoff. Einem Stalagmiten gleich bildet sich auf dem Sockel nach rund 15 Stunden eine sogenannte Schmelzbirne, ein Korund (kristallisiertes Aluminiumoxid). Zur Stabilisierung der Materie werden die Steine danach nochmals auf 1800 °C erhitzt. Diamantklingen zersägen die Korunde anschließend in Scheiben. Mit einer Präzision von 2 Hundertstelmillimetern wird das Glas auf den gewünschten Durchmesser geschnitten, danach folgt die Oberflächenbearbeitung, also das Schleifen der Glasdicke. Durch Schleifen der Vorder- und Rückseite erhält das Glas die bombierte Form.

Und so sieht die durchaus beeindruckende Fertigung von Saphirglas im Hause Breitling aus (Bilder: Breitling):
 

Uhrengläser: Mineralglas und Hardlex-Glas

Mineralglas wird hingegen hauptsächlich bei sehr günstigen Uhrenmodellen unter 100€ eingesetzt: Chemisch betrachtet kommt es Fensterglas sehr nahe und ist daher sehr günstig in der Herstellung. Ein Vorteil ist außerdem, dass Mineralglas das Licht nicht so stark bricht wie Saphirglas.

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Der größte Nachteil von Mineralglas ist aber ganz klar die geringe Härte: Unschöne Kratzer, die sich auch nicht durch Polieren o.Ä. entfernen lassen, tauchen daher schon bei kleineren Stößen auf. Hier ein unschönes Beispiel meiner Fossil-Uhr, die unsere Haustür geknutscht hat:

fossil-kratzer-uhrglas
Nichts für Pingelige: Ein übel zugerichtetes Mineralglas

Bei Hardlex-Glas handelt es sich im Prinzip „nur“ um ein veredeltes bzw. beschichtetes Mineralglas, das zusätzlich gehärtet wird, um es kratzunempfindlicher zu machen. Das klingt natürlich relativ unsexy, weshalb der japanische Uhrenhersteller Seiko den Namen Hardlex eingeführt hat. Auch andere Hersteller härten das verbaute Mineralglas, darunter z.B. Swiss Military Hanowa oder Festina – die Qualität der Härtung dürfte allerdings je nach Hersteller recht stark variieren. Modelle mit gehärtetem Mineralglas kosten i.d.R. unter 200€.

Seiko Prospex Diver's Taucheruhren
Seiko Turtle mit Hardlexglas

Saphirglas polieren?

Für alle, die in das Saphirglas oder das Mineralglas ihrer Lieblings-Uhr Kratzer reingezogen haben, habe ich leider schlechte Nachrichten: Polieren funktioniert bei diesen beiden Glas-Typen leider nicht. Die einzige Möglichkeit besteht darin, das Glas professionell abschleifen zu lassen – bevor man das tut würde ich aber definitiv eher empfehlen, das Glas direkt austauschen zu lassen, denn die Kosten für einen Tausch reißen normalerweise kein Loch in den Geldbeutel.

Anders sieht es da bei Kunststoffglas bzw. Hesalitglas aus: es ist leicht, günstig in der Produktion, spiegelt kaum – und es ist sehr weich und entsprechend anfällig für Kratzer. Jeder, der schon mal Billig-Bilderrahmen von IKEA in der Hand hatte, weiß wovon ich Rede. Dennoch würde ich persönlich Kunststoffglas fast immer Mineralglas vorziehen: Das liegt zum einen am Vintage-Charme von Kunststoffgläsern, da die Optik wärmer als bei Saphir- oder Mineralglas rüberkommt.

Außerdem – und das ist der größte Vorteil – lassen sich feinere Kratzer relativ problemlos aus Kunststoffglas entfernen, z.B. mit Polywatch. Bei tieferen Kratzern ist aber auch ein Austausch relativ unproblematisch und vor allem Geldbeutel-schonend.

Polywatch im Einsatz bei einer Vintage-Uhr mit Kunststoffglas

Hesalitglas: Retro pur

Das wohl mit Abstand beliebteste Uhrenmodell mit einem Glas aus Kunststoff (genauer: Hesalitglas) ist die Omega Speedmaster Moonwatch: Diese wird nach wie vor fast exakt so hergestellt wie bei der Mondlandung im Jahre 1969, bei der Neil Armstrongs Astronauten-Kollege Buzz Aldrin seine ersten Gehversuche wagte.

Omega Watch COmpany Speedmaster Snoopy Award NASA

Ein Schnäppchen ist die Omega Speedmaster Moonwatch trotz Kunststoffglas allerdings nicht: Der UVP beträgt nach einigen Preiserhöhungen bei über 4000€. Für einen saftigen Aufschlag kann man allerdings die Omega Speedmaster Moonwatch auch in der Variante mit gewölbtem Saphirglas kaufen. Immerhin 800€ Aufpreis kostet diese Variante allerdings. Letztendlich ist die Wahl des Uhrenglases Geschmackssache – den Vintage-Charakter dieses Klassikers fängt man aber natürlich nur mit der Hesalitglas-Variante ein (Referenz 311.30.42.30.01.005). Das liegt u.a. auch an der toll umgesetzten Wölbung des Glases, die – passend zum Modell – an einen Planeten erinnert.

Omega Speedmaster Moonwatch Silver Snoopy Award
Omega Speedmaster Moonwatch mit gewölbtem Hesalitglas – und dabei trotzdem gut ablesbar

Gewölbtes Saphirglas

Gewölbtes (bombiertes) Saphirglas kommt übrigens generell eher in hochpreisigen Uhren zum Einsatz, da zusätzliche Produktionsschritte (Schleifen, Fräsen) nötig sind, die natürlich die Kosten in die Höhe treiben. Aktuelle Beispiel-Modelle sind die Oris Divers Sixty Five, der Steinhart Ocean One Vintage Chronograph sowie die Tudor Heritage Black Bay GMT.

Tudor-GMT-Black-Bay-Gewicht
Pepsi-Lünette Tudor GMT Baselworld 2018
Bild: Oris
Oris Divers Sixty Five, Bild: Oris

Ein ganz extremes Beispiel für ein gewölbtes Saphirglas ist die Spinnaker Piccard, eine Hommage an die Rolex Deep Sea Special, die in den 60er Jahren am Grund des Marianengrabens war…

Spinnaker-Piccard-vs.-Rolex-Submariner

Was die obigen Beispiele zeigen: Gewölbtes Uhrglas wird gerne eingesetzt, um den Vintage-Charme bestimmter Modelle zu unterstreichen: Im Falle von Oris wurde das erste Taucheruhrenmodell aus den 60ern, im Falle von Tudor ein Modell aus den 50ern als Vorlage genommen und mit dem gewölbten Saphirglas und sonstigen Details originalgetreu neu aufgelegt. Auch das Modell Ocean One Vintage Chronograph von Steinhart ist eine Hommage an die sündhaft teure Vintage-Rolex Daytona „Paul Newman“.

Entspiegelung: Beidseitig entspiegeltes Saphirglas – pro und kontra

Insbesondere Saphirglas wird oftmals entspiegelt, um dem Nachteil der starken Lichtbrechung entgegenzuwirken. Hierbei handelt es sich um eine chemisch aufgedampfte Schicht, die entweder nur auf die innenliegende Seite des Uhrglases oder beidseitig aufgedampft wird.

Der übliche Weg, den die Hersteller gehen, ist eine Entspiegelung der Innenseite des Saphirglases. Denn: Eine Entspiegelungsschicht ist immer weicher als das Saphirglas selbst und somit kratzanfällig. Auf den ersten Blick ist die Entspiegelung der Außenseite also eigentlich völliger Quatsch, da ja der größte Vorteil von Saphirglas – die Kratzunempfindlichkeit – vermindert wird.

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Trotzdem setzen viele Hersteller darauf: Beispielsweise (fast) alle aktuellen Modelle von Breitling, Sinn, Hanhart, Union Glashütte und viele Modelle von Omega setzen auf eine beidseitige Entspiegelung. Und das hat einen einfachen Grund: Die Ablesbarkeit der Uhr wird extrem erhöht, je nach Blickwinkel hat man sogar das Gefühl, dass gar kein Uhrglas vorhanden ist. In Kombination mit einem hochwertig verarbeiteten Ziffernblatt ist der Effekt meiner Meinung nach einfach grandios und wertet die Optik stark auf. Die vielen tollen Details der Breitling Navitimer beispielsweise (appliziertes Logo, Breitling-„B“ auf dem Sekundenzeiger, Rechenschieberlünette etc.) kommen durch die beidseitige Entspiegelung erst so richtig zur Geltung:

Breitling Navitimer Outletcity Metzingen appliziertes Logo mit Flügeln
Breitling Navitimer 01 Zeiger B

Mittlerweile sind die Entspiegelungsschichten teilweise auch so hochwertig, dass Härten um die 1800 HV erreicht werden, was zumindest annähernd Saphirglas entspricht. Im Zweifelsfall sollte man den Hersteller kontaktieren, welchen Härtegrad die äußere Entspiegelungsschicht hat (gemessen in HV, Härte nach Vickers). Hier noch einige HV-Referenzwerte von SINN:

Beispiele für Härten:
Edelstahl : ungefähr 200 bis 240 HV
Titan Grade 2: ungefähr 210 HV
Titan Grade 5: ungefähr 350 HV
Gehärtetes Mineralglas : ungefähr 800 bis 900 HV
Saphirkristallglas : ungefähr 2.000 HV
Diamant: > 4.500 bis 10.000 HV

Die Entspiegelungsschicht kann je nach Betrachtungswinkel auch einen charakteristischen farblichen Schimmer aufweisen. Aktuelle Breitling-Modelle haben z.B. i.d.R. einen bläulichen Schimmer auf dem Uhrglas. Das ist hier gut zu sehen:

Bild: Breitling
Bild: Breitling

Genau dieser bläuliche Schimmer auf den Uhrgläsern wird oftmals kritisiert. Mir persönlich gefällt’s – Geschmackssache eben!

Breitling beschreibt das hauseigene Entspiegelungsverfahren so:

Nach dem für das Einpassen ins Gehäuse notwendigen Abschrägen der Kanten wird das Glas beidseitig chemisch poliert. Nun gelangt es in ein steriles Labor (Weißraum), wo es durch Vakuumverdampfung in einem Ofen entspiegelt wird. Diese beidseitige Behandlung beseitigt 99% der vom Auge wahrgenommenen Reflexe.

Auf der anderen Seite setzt Omega z.B. häufig auf eine farblose Entspiegelungsschicht:

Omega Seamaster mit beidseitig entspiegeltem Saphirglas

Interessanterweise setzt Rolex in allen Modellen gar keine Entspiegelung ein (außer bei der Datums-Lupe). „Built to last“ scheint hier das Kredo zu sein, d.h. der Kunde soll auch nach vielen Jahren von Kratzern verschont bleiben. Das erklärt allerdings nicht, warum Rolex bei vielen Modellen nicht zumindest die Innenseite der Uhrgläser entspiegelt.

Bei Klassikern wie der Rolex Submariner dürfte der Grund allerdings ein recht einfacher sein: Wie bei der Omega Speedmaster Moonwatch will man einfach nah dran am  im Jahre 1953 vorgestellten Originalmodell bleiben, welches logischerweise auch nicht entspiegelt war. Nichtsdestotrotz wird unter Uhrenfans das Warum heiß diskutiert. Der Tenor: Ein bisschen Bling-Bling durch das reflektierende Saphirglas gehöre wohl eben zu einer Rolex dazu…

Bild: Rolex/Cédric Widmer
Rolex Uhrglas mit Zykloplupe, Bild: Rolex/Cédric Widmer

Auch, wenn ich wie gesagt Fan von beidseitig entspiegeltem Uhrglas bin, so muss ich doch eine Lanze für die Rolex Submariner (Referenz 114060) brechen, bei der das Uhrglas überhaupt nicht entspiegelt ist: Die Gesamtoptik ist durch die glänzende Lünette in Kombination mit der sehr weichen Lichtbrechung auf dem dicken Saphirglas sehr stimmig. Auch die Ablesbarkeit ist durch das eher schlichte Ziffernblatt-Design kaum eingeschränkt:

Stimmiges Gesamtbild: Die glänzende Keramiklünette und das spiegelnde Saphirglas der Rolex Submariner

Alles in allem muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, ob man unbedingt beidseitig entspiegeltes Saphirglas haben will oder nicht. Möchte man seine Wunschuhr mit beidseitiger Entspiegelung haben, wird dadurch natürlich die Auswahl recht stark eingeschränkt, da die Mehrheit der Uhrenhersteller ganz klar auf die Entspiegelung der Innenseite setzt. Wem das nicht genügt, der kann sein Uhrglas aber auch nachträglich (beidseitig) entspiegeln, z.B. bei Uhrentechnik Uwe Regelmann. Das ist z.B. auch eine Option bei Uhren, deren Entspiegelungsschicht über die Jahre zerkratzt ist, da die alte Entspiegelungsschicht vor der Neu-Beschichtung entfernt wird. Die Kosten dafür liegen bei unter 100€…

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