Was ist noch übrig von der russischen Uhrenindustrie? Geschichtliche Hintergründe und aktuelle russische Uhren von Vostok, Sturmanskie, Raketa, Agat & Co.

Russische Uhren haben eine nicht zu verachtende Fangemeinde. Das liegt insbesondere daran, dass man mit Uhren aus „Mütterchen Russland“ oftmals einen günstigen Einstieg in die Welt der mechanischen Uhren finden kann: In der Regel kommen Uhren von Herstellern wie Vostok, Raketa, Agat, Sturmanskie & Co. mit einfachen, aber robusten mechanischen Kalibern und bringen ein Design mit, welches manchmal arg gewöhnungsbedürftig ist, teilweise aber auch zeitlos-klassisch. Und preislich gibt’s ohnehin nix zu meckern: Die Vostok Amphibia und die Vostok Komandirskie beispielsweise gelten als mechanische Uhren mit kaum schlagbarem Preis-Leistungs-Verhältnis (30€ bis 70€!).

Die Vostok Amphibia – ein echter russischer Klassiker zum verschwindend geringen Preis…

Bei den vielen russischen Uhrenmarken durchzusteigen ist aber gar nicht so leicht. Das liegt unter anderem an vielen Umbenennungen in den letzten Jahrzehnten sowie an Werksschließungen und Lizenzkonstellationen: Von der traditionellen, früher ein mal sehr großen russischen Uhrenindustrie ist leider – bis auf wenige Ausnahmen – nicht mehr allzu viel übrig. Und außerdem gibt es heute ein paar Marken, die sich zwar mit dem Image russischer Uhren kleiden, aber de facto nicht mehr viel mit der russischen Uhrentradition zu tun haben. Tauchen wir in diesem Sinne also mal ein in die spannende Geschichte der russischen Uhren-Industrie…

Der geschichtliche Grundstein für Uhren aus Russland: Der sowjetische Beschluss über die Bildung der Uhrenindustrie

1927, im Jahr der Machtergreifung durch Josef Stalin und ziemlich genau 10 Jahre nach der Oktoberrevolution, fasste die sowjetische Regierung den „Beschluss über die Bildung der Uhrenindustrie“. Das erklärte Ziel war es die Sowjetunion (UdSSR bzw. СССР in kyrillischer Schrift) unabhängig von Importen zu machen und die Rote Armee mit zuverlässigen und robusten Zeitmessern ausrüsten zu können. Schließlich kann man eine Armee schlecht ohne Zeitmesser führen 😉 Der Beschluss griff dem Sowjetischen Fünf-Jahres-Plan vor, der zwischen 1928 und 1932 die militärische und zivile Industrie ankurbeln sollte. Das erklärte Ziel war es, pro Jahr 1,5 Millionen Wanduhren (z.B. für Kasernen), 400.000 Wecker und 45.000 elektrische Zeitmesser herzustellen.

Die erste staatliche Uhrenfabrik in Moskau, 1930

Nun kann man aber natürlich viel beschließen, wenn der Tag lang ist – das fachliche Know-How um die Produktion von Uhren kommt natürlich trotzdem nicht einfach so ins Land geflogen, nur weil man ganz arg fest daran glaubt. Also dachten sich die Sowjets: Schicken wir doch einfach eine Kommission unter der Führung von Andrej M. Bodrow nach Europa, um entsprechendes Fachwissen abzuzwacken. Dort bekam man aber prompt eine Abfuhr nach der anderen – warum auch sollten die europäischen Uhrenhersteller einen neuen Konkurrenten aufbauen? Unhöflich: Die Schweizer verweigerten den Sowjets sogar die Einreise.

Die Lösung fanden die Sowjets aber ausgerechnet beim Klassenfeind, den Vereinigten Staaten: Die US-amerikanische Uhrenfabrik Dueber-Hampden Watch Co. war pleite und für einen schnäppchenverdächtigen Preis von 325.000 US-Dollar zu bekommen. Das ließen sich die Sowjets nicht lange sagen und schlugen zu. Praktisch: Dueber-Hampden hat nicht nur Uhren, sondern auch mechanische Werke hergestellt und komplett alles, was dafür benötigt wurde, im eigenen Haus hergestellt. Parallel zum Dueber-Hampden-Deal wurden auch die Anlagen der Ansonia Clock Company in die UdSSR verkauft.

Kurios: Die USA hatten nichts gegen einen Verkauf, obwohl es ein Handelsembargo gab – die Anlagen wurden schlicht für veraltet und wertlos gehalten. Als die russische Uhrenindustrie dann ihren Durchbruch erlebte und die USA aus den Top 3 der Uhrenhersteller verdrängte (hierzu später mehr) beklagten sich die Amis über bösen neuen Konkurrenten.

Aber zurück zur sowjetischen Uhrenfabrik mit Standort in den USA: Es war natürlich irgendwie unpraktisch Uhren die ganze Zeit von den USA in die Sowjetunion zu verschiffen. Und: Die Beziehung zwischen den beiden Großmächten war schon damals nicht besonders herzlich – der Kalte Krieg schwelte bereits, auch wenn dieses Plakat aus dem Jahre 1917 etwas anderes suggeriert 😉

Shakehands zwischen den Genossen-Demokraten: Iwan und Uncle Sam, Plakat 1917

Die Sowjets verlegten also im Jahre 1930 kurzerhand den Maschinenpark der jüngst erstanden Dueber-Hampden Watch Co. und Ansonia Clock Co. nach Moskau auf das Gelände einer alten Tabakfabrik – begleitet von 21 amerikanischen Uhrmachern, die sich für ein Jahr verpflichtet haben in Russland zu arbeiten. Schließlich musste das Zeugs ja auch jemand bedienen und das Wissen weitergeben.

Die Sowjets waren jedenfalls extrem fleißig: Nach nur sechs Monaten wurden die ersten Taschenuhren für Offiziere der Roten Armee auf den US-amerikanischen Anlagen produziert – inklusive des passenden Werkes natürlich, das Uhrwerk „TYP 1“ (TИП 1), welches identisch zum 16Sz-Präzisionsuhrwerk der Firma Dueber-Hampden war. Damit war die erste staatliche Uhrenfabrik in Moskau (russisch: Первый Государственный Часовой Завод – 1ГЧЗ) geboren.

Bildmarke der ersten Uhrenfabrik Moskaus ab 1936

In den darauffolgenden Jahren schafften es die Sowjets weiteres Know-How ins Land zu holen: Durch die Weltwirtschaftskrise (1929 – 1939) war die Arbeitslosigkeit im deutschen Uhrencluster Glashütte groß, weshalb einige Uhrmacher und Feinmechaniker von dort in der Sowjetunion anheuerten. Deren Auftrag war vor allem die Ausbildung russischer Arbeiter. Insbesondere Frauen und Mädchen aus dem Moskauer Umland, die in der landwirtschaft tätig waren, wurden an die Bänder der Uhrenfabrik gestellt und von Mitarbeitern aus Glashütte trainiert.

Im Jahre 1935 erhielt die erste Uhrenfabrik den Namenszusatz Kirow, benannt nach dem aufstrebenden Partei-Funktionär Sergej Mironowitsch Kirow, der 1934 unter nie völlig aufgeklärten Umständen ermordet wurde. Zeitgleich wurde der Staatsbetrieb reorganisiert und der Produktionsausstoß auf jährlich 450000 Zeitmesser erhöht.

Киров С М выступает на XVII съезде ВКП(б) Москва, 1934
Der Namensgeber Kirow

Als der zweite Weltkrieg ausbrach und Hitler die Sowjetunion überfallen hat, konzentrierte man sich in der ersten Uhrenfabrik zunächst auf die Produktion von Marinechronometern für die Rote Flotte und Borduhren für Kampfflugzeuge. Wie viele andere Rüstungsbetriebe auch musste die Fabrik allerdings aufgrund der schnell vorrückenden Wehrmacht im Jahre 1941 verlegt werden – hinter das Uralgebirge in die 1800 (!) Kilometer entfernten Städte Tscheljabinsk (Челябинск) und Slatoust (Златоуст).

Neben der ersten Uhrenfabrik gab es auch weitere Neugründungen, um den großen Bedarf an militärischen Uhren im zweiten Weltkrieg zu decken. Nur wenig später nach der Gründung der ersten staatlichen Uhrenfabrik wurde auch schon (wenn ich mich nicht verzählt habe ;-)) die zweite staatliche Uhrenfabrik ins Leben gerufen, um die Kapazitäten zu erweitern. Die Fabrik ging aus der MEMZ (Moskauer Elektro-Mechanische Betrieb) hervor – ein staatlicher Wirtschaftsbetrieb, der wiederum viele kleine Werkstätten der Roten Armee zusammenfasste. Als die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hat, konzentrierte man sich in der Fabrik allerdings zunächst auf die Herstellung von Munition. Im Oktober 1941 wurde die zweite staatliche Uhrenfabrik kriegsbedingt vollständig nach Tschistopol verlegt. Damit wurde der Grundstein für den auch heute noch sehr beliebten russischen Uhrenhersteller Vostok gelegt (hierzu später mehr).

Poster Defend Moscow
Poster zur Ermutigung der Soldaten, Moskau zu verteidigen, Bild: Жуков Николай Николаевич (1908-1973) [Public domain], via Wikimedia Commons

Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Produktion der ersten staatlichen Uhrenfabrik aus Tscheljabinsk wieder zurück nach Moskau verlegt, der Produktionsstandort wird in „Erste Moskauer Uhrenfabrik“ umgetauft. Dort erfreute man sich an vielen neuen, hochwertigen Maschinen: Als Siegermacht kassierten die Sowjets die Produktionsanlagen aus Glashütte vollständig ein. Da Glashütte in der sowjetischen Besatzungszone lag, „durften“ die in Glashütte ansässigen Uhrmacher außerdem russisches Personal ausbilden. Kein Zufall: In dieser Zeit entstand auch der Markenname „Pobeda“ (russisch für „Sieg“), unter dem Schiffschronometer und Beobachtungsuhren produziert wurden.

Pobeda Gedenkbriefmarke, Bild: Stamp issuing authority – MARKA Publishing & Trading Centre.Printer – Association GOZNAK of the Ministry of Finance of the Russian Federation [Public domain], via Wikimedia Commons

In der Nachkriegszeit und bis in die 1980er Jahre hinein war die russische Uhrenindustrie ein ernstzunehmender „Big Player“: Millionen von Uhren verließen die russischen Produktionsstätten. Zu Hochzeiten produzierte allein die Erste Moskauer Uhrenfabrik fast 3 Millionen Uhren – pro Jahr! Fast 70% der Verkäufe gingen dabei ins Ausland – ein echtes Indiz dafür, dass russische Uhren damals auf dem Weltmarkt sehr gefragt waren.

Die bekannteste Marke der ersten Moskauer Uhrenfabrik ist „Poljot“ (Пoлёт = Flug). Weitere Marken waren oder sind

  • „Wympel“ (Вымлел),
  • „Pobeda“ (Пoвeдa = Sieg),
  • „Kirowskije“ (Кировские),
  • „Sportiwnyje“ (Спортивные),
  • „Sturmanskije“ (Штypмaнскиe = Steuermann),
  • „Strela“ (Стрела),
  • „Antarktida“ (Антарктида) und
  • „Cornavin“ (international). 
Poljot Aviator Alarm, Bild von meinem Leser Thomas

Ein paar von diesen Marken sowie Uhren aus anderen (auch teilweise heute noch produzierenden) russischen Fabriken, schauen wir uns jetzt an…

Erste Uhrenfabrik Moskau: Umbenennung in Poljot / russische Uhren im Weltraum von Sturmanskie und Strela

Poljot (Ролет = Flug) war nicht nur die bekannteste Marke der ersten Uhrenfabrik Moskau, sondern ab 1964 auch der Beiname der Fabrik. Mit dieser Änderung wollte man den Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin feiern, der im Jahre 1961 der allererste Mann im Weltall war – jup, noch vor den Amerikanern!

Yuri-Gagarin-1961-Helsinki-crop
Juri Gagarin, Bild: Arto Jousi / /Suomen valokuvataiteen museo / Alma Media / Uuden Suomen kokoelma [Public domain], via Wikimedia Commons

Gagarin trug bei seinem 108-minütigen Weltraum-Ausflug in seiner Sojus-Kapsel eine Uhr aus der ersten Uhrenfabrik Moskau, konkret ein Modell von Sturmanskie.

Shturmanskie 17j
Sturmanskie-Uhr, getragen von Juri Gagarin, Bild: mwheatl [Public domain], via Wikimedia Commons
Wrist watch Shturmanskie 1949 Russia stamp 2010
Bild: Stamp issuing authority – MARKA Publishing & Trading Centre.Printer – Association GOZNAK of the Ministry of Finance of the Russian Federation [Public domain], via Wikimedia Commons

Sturmanskie-Uhren wurden seit 1949 für das Flugpersonal des russischen Militärs gebaut und waren nicht für Otto-Normal-Bürger erhältlich. Trotzdem war man offenbar bei der russischen Raumfahrtbehörde ziemlich knauserig: Die Sturmanski-Uhr, die Gagarin getragen hatte, war aus seinem privaten Bestand. Als Jagdflieger war Gagarin in den Besitz des Zeitmessers gekommen.

Neuauflage der Gagarin-Uhr von Sturmanskie – hierzu später mehr.

Wenig später, im Jahre 1965, gab es einen weiteren russischen Weltraumerfolg zu vermelden: Alexey Arkhipovich Leonov war der erste Kosmonaut, der sich im freien Weltraum aufhielt – für immerhin über 12 Minuten. Umgeschnallt hatte er dabei einen Chronographen aus der ersten Moskauer Uhrenfabrik: Einen Strela-Chronographen mit dem aufwendigen Schaltrad-Kaliber 3017 (СТРЕЛА = Strela = russisch für „Pfeil“).

Spannend: Das Kaliber 3017 ist quasi baugleich mit dem Schweizer Venus 150 / 152 Schaltradchronographenkaliber. Die ersten Chronographen mit diesem Werk wurden im Jahre 1959 eingeführt und waren nur für die russische Luftwaffe verfügbar.

Alexei in Action

Das Kaliber Poljot 3133 / beliebte und bekannte Chronographen mit dem Poljot 3133 aus der Ersten Moskauer Uhrenfabrik

In den frühen Siebziger Jahren wurden die Strela-Chronographen dann unter dem Markennamen Poljot produziert und das Kaliber 3017 wurde vom Kaliber 3133 abgelöst. Das Kaliber 3133 kommt allerdings ohne Schaltradmechanismus und ist quasi baugleich mit dem Schweizer Valjoux 7734 – um das Werk bauen zu können hat die Moskauer Uhrenschmiede den sich in finanziellen Nöten befindlichen Schweizern die Fertigungsanlagen komplett abgekauft. Zu der Zeit waren die Sowjets offenbar „seltsamerweise“ willkommener als noch beim ersten Versuch Ende der 20er Jahre 😉

Poljot 3133, Bild: Poljot24.de

In den späten Siebzigern wiederum kam es zu einer erneuten Namensänderung: Die Poljot-Chronos wurden forthin unter dem Markennamen Sekonda produziert. Bis 1979 wurden insgesamt ca. 100.000 der Chronographen (Strela, Poljot und Sekonda) hergestellt, da nun auch nicht-militärische Kreise Zugang zu den Uhren bekamen…

Für Retro-Uhrenfans: Es gibt derzeit noch eine Reihe von Strela-Chronographen mit dem Kaliber 3133 bei diversen Händlern, die sich optisch sehr nah an dem Chronographen bewegen, den Alexey Leonov damals bei seinem Weltraumspaziergang getragen hat, zum Beispiel die Strela 1254

Strela 1254, Bild: poljot24.de

Ein ebenfalls sehr beliebter Chronograph mit dem Kaliber Poljot 3133 ist die Poljot Blue Angels, die eine sicherlich nicht ganz zufällige, starke Ähnlichkeit mit einem Fliegeruhrenklassiker schlechthin, der Breitling Navitimer, hat. Der Chronograph ist auch heute noch bei vielen spezialisierten Händlern käuflich erwerbbar.

Poljot Blue Angels, Bild: Poljot24.de

Als echter Klassiker gilt auch der Poljot Okean (OKEAH) Chronograph mit dem 3133 Handaufzugskaliber. Das Modell wurde von der Ersten Moskauer Uhrenfabrik für die Sojus 23 Raumfahrtmission entwickelt, dem 40. Weltraum-Ausflug im Rahmen des sowjetischen Sojus-Programms. Das Design zum Poljot Okean Chrono kommt Vintage-Fans aber vielleicht irgendwie bekannt vor – offensichtlich musste der Dugena 7734 Chronograph als „Inspiration“ herhalten 😉

OKEAH Chronograph mit Poljot 3133, Bild: Poljot24.de

Auch der Okean-Chrono ist bei diversen Händlern noch erhältlich. Warum allerdings Mineralglas anstelle des originalgetreuen Plexiglases zum Einsatz kommt, ist mir ein Rätsel.

Leider habe ich schlechte Nachrichten für alle Fans des beliebten Kaliber 3133: Chronographen mit diesem Werk wird es voraussichtlich nicht mehr allzu lange geben: Die Produktion des Kalibers wurde Ende 2011 eingestellt, sodass nur noch Restbestände verbaut werden….

Das Ende von Poljot-Uhren / die Ära MakTime und Volmax

Nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 gab es eine Menge Verwirrung um Poljot. Wie viele andere Staatsbetriebe wurde auch die Moskauer Uhrenfabrik privatisiert, d.h. in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Mit den massiven staatlichen Förderungen war dann natürlich Schluss.

Polyot
Das Poljot-Gebäude in Moskau im Jahre 2007, Bild: A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

2004 stellte die Poljot die Produktion von Uhren ein, die erst 1996 gegründete russische Maktime Watch Factory Ltd. nutzte die Gelegenheit aber und übernahm den angeschlagenen Hersteller. Bitter: Ende 2011 musste auch MakTime Insolvenz anmelden.

Der Name Poljot lebt aber dennoch weiter – in Form von Poljot International, einer 1994 ins Leben gerufenen Marke der der in Frankfurt am Main ansässigen Uhrenvertriebsgesellschaft „Poljot-V GmbH“. Viele Designs von Poljot International haben allerdings nicht mehr viel mit der eher klassischen Poljot-Optik zu tun…

Der Gründer von Poljot International ist kein geringerer als Alexander Shorokhov, der Uhrenkennern vor allem im Zusammenhang mit der (fast) gleichnamigen Uhrenmarke Alexander Shorokhoff bekannt ist. Ich habe vor einiger Zeit Herr Shorokhov interviewen dürfen und einige spannende Einblicke in seinen Werdegang und seine kreative Ader gewinnen können. Mehr dazu in meinem Artikel:

Vor einigen Jahren entstand außerdem ein Poljot-Ableger: die Firma Volmax, gegründet von ehemaligen Mitarbeitern der Ersten Moskauer Uhrenfabrik. Im Jahre 2002 sicherte sich Volmax die Rechte für die Marken AviatorBuran und Sturmanskie.

Volmax brachte beispielsweise ein Modell heraus, welches der Uhr originalgetreu nachempfunden ist, die Juri Gagarin bei seinem Weltraumtrip getragen hat (siehe oben). Das Modell hat mich direkt gepackt, sodass ich es mir gekauft habe – auch, wenn der Preis auf den ersten Blick mit über 400€ nicht grade schnäppchenverdächtig wirkt, war ich äußerst positiv von der Uhr überrascht. Qualitativ gibt’s da wirklich gar nix zu meckern (okay, anstelle des Mineralglases hätte es gerne ein Hesalitglas sein dürfen ;-))! Besonders genial ist der tief und extrem hochwertig gravierte Gagarin-Kopf auf dem Gehäuseboden der Retro-Neuauflage. Schön ist auch, dass ein mechanisches Russen-Kaliber, das Poljot 2609 Handaufzugswerk, in der Juri Gagarin-Sturmanskie zum Einsatz kommt. Leider ist es mit +15 Sekunden pro Tag eher solala einreguliert.

Die Optik ist aber wirklich genial, die Qualität kann locker mit Schweizer Uhren in dieser Preisklasse mithalten – aber seht selbst in dieser Bildergalerie (zum Vergrößern bitte klicken)!

Die russische Uhren-Tradition lebt weiter: Raketa und Vostok

Unabhängig von dem vielen Wirrwarr rund um die Erste Moskauer Uhrenfabrik existieren aber auch heute noch zwei Uhrenhersteller, die authentische russische Uhren bauen: Vostok und Raketa…

Vostok Uhren: Amphibia Taucheruhr, Komandirskie Offiziersuhr und das Modding

Wie bereits oben erwähnt musste auch die zweite staatliche Uhrenfabrik Moskaus aufgrund der vorrückenden deutschen Truppen gen Osten verlegt werden: In einer Hauruck-Aktion verfrachtete das Personal sämtliche Maschinen zur Herstellung von Uhren und Munition auf rund 170 (!) LKW. Das Ziel der rund 500 Mitarbeiter samt Maschinen: Die Stadt Tschistopol, knapp 1000 km östlich von Moskau. Der Wiederaufbau der Fabrik erfolgte unter kaum vorstellbaren Bedingungen – bei tiefem Schnee und arschkalten Temperaturen.

Nach einigen Schwierigkeiten konnten die Mitarbeiter die Produktion in Tschistopol wieder aufnehmen – Munition sowie Taschenuhren Typ-1 (K-43), die von den Offizieren der Roten Armee dringend benötigt wurden, verließen die Fabrik Richtung Front.

FSWF type1 wristlet
Taschenuhr Typ 1 (K43) mit angelöteten Ösen, um die Uhr auch am Handgelenk tragen zu können, Bild: mwheatl [Public domain], via Wikimedia Commons

Nachdem die deutschen Truppen zurückgedrängt wurden, wurde die Fabrik wieder zurück nach Moskau verlegt – doch ein Teil der Maschinen verblieb in Tschistopol, um damit eine zusätzliche Fabrik mit der Hilfe der Bewohner Tschistopols zu betreiben – diese wurden von den Exil-Moskauern umfangreich trainiert und konnten die Arbeit natürlich gut gebrauchen.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg produzierte man in Tschistopol militärische Zeitmesser, Ende der 40er Jahre beispielsweise besonders stoßfeste Schiffsuhren. Schließlich kam der Kalte Krieg wieder in Fahrt, weshalb die Rote Armee weiterhin großen Bedarf an militärischen Zeitmessern hatte.

Bild: Carlos3653 [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Den Namen Wostok bekam die Uhrenfabrik Tschistopol allerdings erst in den 1960ern – wieder mal zu Ehren des smarten Kosmonauten Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch im Weltall eine Tour in seiner Wostok-1 Raumkapsel drehte und damit zum echten Nationalhelden avancierte. Zunächst produzierte die Fabrik Uhren mit dem Namen von Juris Raumkapsel auf dem Zifferblatt. In diesem Zeitraum gelang der russischen Fabrik auch der Durchbruch – der Hersteller wurde zum offiziellen Lieferanten des russischen Verteidigungsministeriums. Aufgrund der hohen Qualität der Vostok-Uhren (Robustheit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit) wurde auch die Fabrik im Jahre 1969 in ВОСТОК umbenannt (kyrillisch für Wostok = Osten).

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Wostok, wie viele andere Unternehmen der ehemaligen UdSSR auch, Anfang der 1990er Jahre privatisiert. Um auch westliche Märkte zu erschließen, nannte man sich kurzerhand in Vostok um. Durch den Zerfall der Uhrenindustrie steigerte Vostok als einer der wenigen überlebenden Fabriken den Anteil an der gesamtrussischen Uhrenproduktion von 8% auf 30%.

Завод управление ЧЧЗ
Vostok, Tschistopol, im Jahre 2011, Bild: Добрый ТиП at ru.wikipedia [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Im Jahre 2010 musste allerdings auch Vostok die weiße Fahne hissen und Insolvenz anmelden. Das Unternehmen hat allerdings offenbar die Kurve gekriegt, Vostok-Uhren sind problemlos bei diversen Händlern erwerbbar (hierzu später mehr).

In diesem Video der russischen Variante von „Galileo“ wird deutlich, auf was der russische Hersteller auch heute noch Wert legt. Wie bei Agat (hierzu gleich mehr), scheint auch bei Vostok die Fertigungstiefe beachtlich zu sein:

Vostok ist übrigens nicht zu verwechseln mit der 2004 gegründeten litauischen Uhrenmarke Vostok International: Die Designs haben nicht viel mit dem Charme klassischer russischer Vostok-Uhren zu tun und sind allzu sehr an westliche Geschmäcker angepasst. Außerdem ist die Kollektion sehr Quarz-lastig…

Vostok Europe

Die beliebtesten Uhren-Modelle von Vostok / Vostok Amphibia im Hands-On

Die klugen Entwickler-Köpfe bei Vostok wurden Anfang der 60er Jahre mit einer sportlichen Aufgabe betreut: Eine bis 20 bar wasserdichte Taucheruhr für die Rote Flotte und deren Kampftaucher sollte her. Mehr noch: Es sollte eine Uhr werden, die mit Taucheruhren wie der Rolex Submariner oder der Blancpain Fifty Fathoms konkurrieren konnte.

Nach einiger Entwicklungszeit, im Jahre 1967, war die Vostok Amphibia geboren – eine Taucheruhr, die unter Uhrenkennern heute als echter Klassiker und sehr günstiger Einstieg in die Welt der mechanischen Uhren gilt.

Der Gehäuseboden der Vostok Amphibia – mit zunehmendem Wasserdruck, nimmt auch die Wasserdichtigkeit zu

Spannend: Die Amphibia erreichte – anders als viele andere Taucheruhren zu der Zeit – die hohe Wasserdichtigkeit durch das Kompressor-Prinzip: Konkret bedeutet das, dass sich die Gehäuseelemente (Gehäuseboden, Krone und Glas) mit zunehmendem Wasserdruck noch weiter an die Dichtungen drückte. Oder anders gesagt: Höhere Wassertiefe = höherer Wasserdruck = höhere Wasserdichtigkeit

Часы Восток-Амфибия, сделано в СССР
Vintage-Taucheruhr von Vostok, Bild: Andshel [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Auch heute noch ist die Vostok Amphibia erhältlich – in vielen verschiedenen Varianten mit unterschiedlichen Gehäuseformen, Lünetten und Zifferblättern. Die beliebteste Variante ist aber definitiv die blaue „Scuba Dude“ (Taucher-Typ) Variante im „420er“ Gehäuse…

Die „Scuba Dude“-Amphibia ist meiner Meinung nach auch die schönste Variante – viele andere Amphibia-Modelle kommen mit arg gewöhnungsbedürftigen, sehr präsenten Zifferblatt-Drucken wie beispielsweise überdimensionierte rote Sterne. Beispielhaft sei auch dieses KGB-Geheimdienst-Modell genannt:

Gewöhnungsbedürftig: Vostok Amphibia KGB-Variante, Bild: Poljot24.de

Leinwandpräsenz hatte die Vostok Amphibia auch schon: Im Film „Die Tiefseetaucher“ (Originaltitel: The Life Aquatic with Steve Zissou) trägt niemand geringeres als Bill Murray (in der Hauptrolle als Steve Zissou) eine Sonderanfertigung der Vostok-Taucheruhr:

Zissou Vostok Amphibia
Vostok Amphibia Zissou-Variante, Bild: Matthew Bellemare [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Auch ich war bei den Recherchen für diesen Artikel dem Charme der Vostok Amphibia erlegen: Die Vostok Amphibia Scuba Dude wanderte vor kurzem in meine Uhrensammlung. Die Anschaffung des Modells reißt auch alles andere als große Löcher in den Geldbeutel: Mit rund 70€ ist der Klassiker spottbillig. Doch wie ist der Gegenwert?

Nun, meiner Meinung nach gibt’s mit der Amphibia eine Menge Uhr für’s Geld, wenngleich man natürlich kein qualitatives Wunder erwarten darf bei einem Preis von weit unter 100€. Zuerst die negativen Aspekte: Fragt ihr euch vielleicht warum es relativ wenig Bilder der Amphibia am original Stahlband im Internet gibt? Nun, der Grund ist einfach: Blechern und klapprig sind fast schon zu nette Worte für das „Stahlband“ an der Amphibia…

Zum abgewöhnnen respektive abmachen: Das „Stahlband“ der Vostok Amphibia

Nicht ohne Grund sollte die erste Amtshandlung für Neubesitzer einer Vostok Amphibia sein, das Band zu entfernen und zum Beispiel gegen ein Lederband zu tauschen. Auch Nato-Bänder machen eine gute Figur an dem russischen Klassiker. Man beachte allerdings, dass die Vostok Amphibia relativ hoch baut und naturgemäß wegen des eher kleinen Durchmessers (40 mm) etwas pummelig wirkt – ein Nato-Band oder ein Unterlagenband (siehe Bild) steht der Amphibia zwar theoretisch ziemlich gut, verstärkt den Pummel-Faktor aber natürlich noch.

Vostok Amphibia an Leder-Unterlagenband von Greenpilot-Watchstraps

Optisch sehr passend finde ich beispielsweise auch ein blaues Wildlederband, welches den Retro-Charakter der Amphibia unterstreicht (hier: Wildleder-Uhrenband von Watchbandit.de):

Auch von der Feinmechanik der Vostok Amphibia darf man nicht allzu viel erwarten: Die Lünette lässt sich stufenlos in Beide Richtungen drehen (ohne Klicks), so 100% rund läuft sie aber nicht. Witzig: Als ich die verschraubte Krone gelöst habe, um die Uhr zu stellen, dachte ich erst ich halte selbige gleich in der Hand – voll entschraubt und herausgezogen wackelt die Krone wie ein Kuhschwanz. Wenn man das (eher unübliche) Funktionsprinzip aber erst mal durchschaut hat braucht man keine Sorge zu haben: Die Krone macht keineswegs den Eindruck, dass sie leicht flöten geht 😉

Alles in allem unterstreicht die Vostok Amphibia das Image, welches russische Konstruktionen inne haben: Sehr einfach und ohne Schnickschnack, gleichzeitig aber extrem robust. Jedenfalls hätte ich keine großen Bedenken die Vostok Amphibia im Alltag zu strapazieren (wenngleich ich das als Bürostuhlakrobat höchst selten mit meinen Uhren tue).

Kommen wir zu weiteren Pluspunkten: Richtig genial an der Vostok Amphibia ist definitiv das Zifferblatt mit dem tollen türkis-blauen Farbton, dem Taucher-Typie („Scuba Dude“) und den applizierten Indizes. Die Verarbeitung des Blattes ist in Anbetracht des Preises äußerst gelungen und wirkt sehr hochwertig. Die Leuchtmasse-Punkte zu jeder vollen Stunde sind beispielsweise tadellos und sauber aufgebracht. Das stark gewölbte Plexiglas unterstreicht den Retro-Charakter des Modells ganz hervorragend:

Kaum eine andere Uhr ist so beliebt bei Moddern wie Uhren von Vostok. Das liegt unter anderem sicherlich am Preis des Modells – wenn man in Eigenregie die Optik der Uhr durch neue Teile verändern will, tut ein Kratzspuren verursachender Ausrutscher nicht allzu sehr wehr. Beliebt ist beispielsweise der Lünettentausch bei der Amphibia, was gut nachvollziehbar ist – die polierte Oberseite in Kombination mit den eingelassenen Farbtupfern ist schon ziemlich gewöhnungsbedürftig. Andererseits macht grade die Lünette einen großen Teil des Charmes aus. Hmmm!

Wer genauso Wurstfinger-mäßig ungeschickt unterwegs ist wie ich und eine Amphibia mit einer anderen Lünette haben möchte, dem empfehle ich einen profesionellen Modder wie AM-DIVER.de – dort kann man sich seine Vostok Amphibia sogar komplett frei konfigurieren (Gehäuse, Zifferblatt, Lünette…).

Von meinem Leser Ronald habe ich in den Kommentaren einen genialen Modding-Tipp bekommen (siehe unterhalb dieses Artikels der Kommentar von DIanor): Die verchromte Oberfläche der Vostok Komandirskie mit Handaufzugswerk (ab 30€, hierzu gleich mehr) lässt sich mit Hilfe von Säure entfernen, wodurch das darunter liegende Messing zum Vorschein kommt. Führt man dann noch eine künstliche Patinierung herbei (z.B. mit Kaliumpolysulfid), hat das Modell einen ganz neuen, mehr als genialen Charme. Schade, dass Vostok diese Uhren nicht per se herstellt! Hier ein paar Bilder von Ronalds Vostok-Modding:

Mechanische Uhr für 30€ – geht nicht? Doch! Die Vostok Komandirskie

Nicht weniger beliebt ist die Vostok Komandirskie Offiziersuhr mit dem hauseigenen russischen Handaufzugswerk 2414 (oder alternativ die teurere Variante mit dem 2415 Automatikwerk). Auch die Komandirskie entstand auf Basis der Anforderungen des russischen Verteidigungsministeriums – noch vor der Vostok Amphibia im Jahre 1965.

Vostok military watch
Vintage-Komandirskie von Vostok. „ЗАКАЗ МО СССР“ bedeutet frei übersetzt „Bestellt vom Verteidigungsministerium der UdSSR)“, Bild: Woodman at Chinese Wikipedia. [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Kaum zu glauben: Die Vostok Komandirskie ist (in der Variante mit Handaufzugswerk) sogar noch deutlich günstiger ist als die Vostok Amphibia (sicherlich u.a. wegen der deutlich geringeren Wasserdichtigkeit von nur 2 bar / 20 Meter). Die Vostok Komandirskie gibt es in etlichen Varianten – neben ziemlich seltsamen Design-Schöpfungen mit bunten Panzern, U-Booten, Kampfflugzeugen und Flugzeugträgern gibt’s zum Glück aber auch richtig schicke, neutrale Komandirskie-Modelle wie zum Beispiel ein Modell mit einem Zifferblatt im klassischen Field Watch-Stil.

Wer etwas Besonderes, typisch russisches, sucht ist bei der 24-Stunden-Variante der Vostok Komandirskie richtig aufgehoben: Statt zweimal pro Tag dreht sich der Stundenzeiger tatsächlich nur einmal pro Tag um seine Achse. Uhren mit dieser 24-Stunden-Anzeige wurden ursprünglich für Menschen konstruiert, die den Unterschied zwischen vormittags und nachmittags nicht anhand der Umwelt ersehen konnten wie beispielsweise Polarforscher, Raumschiff- oder U-Boot-Besatzungen etc.

Auch die Vostok Komandirskie lässt sich sehr gut modden: Hier ein Beispiel einer Komandirskie mit neuer Lünette von meinem Leser Ronald (Original links, Mod rechts):

Achja, der Preis: Ab 30€ ist man bei der Komandirskie dabei – und nein, das ist kein Schreibfehler 😉 Günstiger dürfte man wohl kaum an eine gute mechanische Uhr kommen…

Kein Scherz: Trotz des verschwindend geringen Preises für Komandirskie und Amphibia gibt es tatsächlich Fälschungen aus China, die beispielsweise auf russischen Flohmärkten vertickt werden. Auch beim Import sollte man nur auf seriöse und bekannte Händler setzen: Zu nennen sind insbesondere …

  • Der schon seit vielen Jahren im Bereich russischer Uhren tätige Julian Kampmann mit poljot24.de (bei dem ich beispielsweise meine Seagull 1963 gekauft habe),
  • der Newcomer Peter Arms mit poljot-watches24.com, von dem ich die oben getestete Vostok Amphibia gekauft habe (die Uhr kam direkt aus Russland und es wurden keine zusätzlichen Zollgebühren fällig),
  • der in der Nachbarschaft von Vostok sitzende russische Händler Meranom
  • oder – wie bereits erwähnt – die Modder von AM-Diver.
Vostok Komandirskie in einer vergleichsweise neutralen Variante mit Automatikwerk, Bild: poljot24.de

Auch die Typ 1 K-43 Taschenuhr, die von russischen Offizieren im zweiten Weltkrieg ein wichtiges Hilfsmittel war, wird nach wie vor von Vostok produziert – natürlich mit einem „normalen“ Armbanduhrengehäuse in einer gut tragbaren Größe von 42 mm. Zum Einsatz kommt das robuste Vostok 2415 Automatikkaliber. Der Preis: Knapp über 100€.

Vostok K-43 Retro, Bild: Poljot24.de

Raketa-Uhren aus der Uhrenfabrik Petrodworez

Mein Kollege Manfred, der mich auch regelmäßig bei meinen Baselworld-Besuchen begleitet, kam vor 30 Jahren zu seiner ersten russischen Uhr, einer Raketa: „Ich war mit einer Gruppe vom 9. -13. Nov. 1989 in Moskau. Zwangsumtausch war 50 Mark pro Kopf. Der Kurs hat sich in dieser Woche einfach mal verzehnfacht. Das Geld konnten wir unmöglich ausgeben, da ja alle an DM interessiert waren und nicht an Rubel. Dass man die Rubel wieder zurücktauschen konnten, war uns nicht bekannt. Dann habe ich vor der Rückreise meine restlichen Rubel kurzerhand in diese Raketa investiert. Alleine die Prozedur des Uhrenkaufs in einem Juweliergeschäft, mit Rechnung, Bezahlen, Quittung in mehrfacher Ausfertigung mit vielen Stempeln und Abholung der Uhr an einem anderen Schalter, war eine interessante aber langwierige Erfahrung… Nebenbei hatten wir auch noch Dieter Bohlen auf dem roten Platz getroffen…

Vintage pur: Raketa-Uhr aus dem Jahre 1989

Die Ursprünge der Uhrenfabrik Petrodworez (russisch Петродворцовый часовой завод) gehen bis in das 17. Jahrhundert zurück – damals stellte man in dem Städtchen in der Nähe von Sankt Petersburg Edelsteine für den Zarenhof her. In der Sowjetunion lief dann aber auch in Petrodworez die Uhrenproduktion auf Hochtouren.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik zerstört, nach der Befreiung 1944 allerdings wieder aufgebaut. Der Markenname Raketa (russisch für – wer hätt’s gedacht – „Rakete“) wurde allerdings erst 1962 ins Leben gerufen. Ihr könnt es euch denken: auch das geschah (wie bei Vostok und Poljot) zu Ehren des Kosmonauten Juri Gagarin (ja, der Mann war wirklich ein Nationalheld!). In Spitzenzeiten beschäftigte die Fabrik satte 8000 Mitarbeiter, die Jahresproduktion betrug 4,5 Millionen Stück!

Ganz so viele Uhren sind es heute sicherlich nicht mehr 😉 Interessant ist aber, dass Raketa – ganz anders als Vostok – im Luxussegment positioniert ist: bis zu 2000€ kann man für eine Raketa-Uhr auf den Tisch legen. Raketa rechtfertigt diesen Preis zum Beispiel damit, dass jede einzelne Uhrwerkskomponente der Manufakturkaliber im eigenen Hause produziert wird – inklusive schwierig zu produzierender Teile wie der Unruhfeder, was durchaus beachtlich ist. Nach eigenen Aussagen sind auch Schweizer Uhrenfirmen Abnehmer von Raketa-Komponenten…

Ein paar bewegte Bilder über Raketa gibt’s in diesem ARD-Beitrag (ab ca. Minute 1:00):

Molnija und Agat: Mehr als eine Übergangslösung südöstlich des Ural

Wie oben beschrieben war die Uhrenproduktion der Sowjets in Slatoust und Tscheljabinsk eigentlich nur eine Notlösung aufgrund der vorrückenden Wehrmacht im zweiten Weltkrieg (die erste Uhrenfabrik musste verlegt werden). Als sich die Deutschen im Jahre 1943 zurückzogen und die Uhrenproduktion wieder zurück nach Moskau verlegt werden konnte, verlieb allerdings ein Teil der Produktionsmaschinen in den beiden Städten südöstlich des Uralgebirges. Hieraus gingen die Slatouster Uhrenfabrik sowie Molnija hervor.

Die Slatouster Uhrenfabrik (Zlatoust Clock Factory) produziert neben Relais und Schaltern auch heute noch Uhren. Im Endkonsumentenbereich ist der russische Uhrenhersteller bekannt für XXXL-Kampftaucheruhren der Marke Agat (Aгaт = Achat). Die größten Modelle des Herstellers haben einen Durchmesser von satten 60 mm! Der Durchmesser entspricht dem historischen Original aus den 1960er Jahren, dem Modell Agat Vodolaz 191-ЧС (ChS) mit dem Slatouster Taschenuhrenkaliber 8620 Type 1, welches an das russische Militär geliefert wurde. Da muss wahrscheinlich sogar der Große-Uhren-Fan Arnold Schwarzenegger schlucken.

Passt doch gut, oder? 😉 – original Agat 191 mit dem Kaliber Zlatoust 8620 und irren 60 mm Durchmesser, Bild: Poljot24.de

Es gibt aber auch etwas humanere Größen: Das am besten tragbare Modell ist eine Variante mit 46 mm Durchmesser, Vostok 2415 Automatikwerk und Titangehäuse. Canteen Lock samt Krone sind zum Glück links angeordnet, sodass sich das Modell (wenn links getragen) nicht in den Handrücken bohren kann… 😉

Agat Kampftaucheruhr in vergleichsweise humanem 46 mm-Gehäuse, Bild: poljot24.de

Agat-Uhren sind kein günstiger Spaß: Die schlichten und massiven Klopper starten bei ca. 700€. Der eine oder andere Uhrenfan wird sich nun denken: WTF, dafür krieg ich auch schon gute Swiss Made-Uhren von Micro-Brands wie Steinhart! Stimmt – das ist aber nur die halbe Wahrheit. Mit Blick auf die enorme Fertigungstiefe bei Agat wird schnell klar, wo der Preis herkommt: Im Ural werden nicht einfach Komponenten aus aller Herren Länder zusammengeschustert (wie das Micro-Brands in aller Regel tun). Die Russen arbeiten noch mit extrem viel Handarbeit, Agat ist daher definitiv als Manufaktur zu bezeichnen. Sogar die Gehäuse werden auf Basis von selbst zugeschnittenen Edelstahlrohlingen mit CNC-Maschinen produziert. Verbaut werden authentische russische Kaliber von Vostok. Gerüchten zufolge produziert Agat weniger als 1000 Uhren pro Jahr. Man zeige mir mal einen Uhrenhersteller, der bei solchen vergleichsweise geringen Produktionsmengen noch solch eine Fertigungstiefe mitbringt 😉 Da geht einem Uhrenfreak wie mir auf jeden Fall das Herzle auf…

Auch 150 km östlich von Slatoust, in der Stadt Tscheljabinsk, wurde nach dem zweiten Weltkrieg weiterproduziert – unter dem Namen Molnija (Moлния = Blitz) entstanden insbesondere Borduhren für das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation. Im Jahre 2008 wurde die Produktion eingestellt, dann aber wenige Jahre später (2015) wieder aufgenommen. Mit Blick auf die offizielle Molnija-Website baut man dort offenbar wieder Borduhren für die Luftfahrt. Auch vergleichsweise günstige Armbanduhren gehören zum Portfolio. Primär werden allerdings leider nur Quarzwerke (von Miyota und Ronda) verbaut. Da geht für mich persönlich leider etwas russsische Uhrenseele verloren – schade!

Russian-Aviation-chronograph
Molnija-Borduhr für den Mikojan-Gurewitsch MiG 25 Kampfjet, Bild: Kristoferb at English Wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

Fazit zu russischen Uhren

Nachdem ich nun zwei russische Uhren gekauft und selber mal anschauen bzw. eine Zeit lang tragen konnte, kann ich ruhigen Gewissens sagen, dass man eventuelle grundsätzliche Bedenken gegenüber Uhren aus Russland definitiv ablegen kann – denn die Qualität ist wirklich gut! Mehr noch: Grade mit Vostok-Uhren (Amphibia und Komandirskie) kann man den perfekten Einstieg in die Welt mechanischer Uhren zu einem wirklich guten Preis-Leistungs-Verhältnis finden.

Und: Mit den oftmals sehr eigenständigen (manchmal aber auch eigenwilligen) Designs und den kyrillschen Schriftzügen versprühen russische Uhren auf jeden Fall einen gewissen Underdog-Charme. Viel mehr Understatement geht wohl kaum. Und robust sind Uhren aus Russland obendrein.

Man muss nur wirklich aufpassen an welche Marke man gelangt, da ein paar Hersteller nicht mehr viel mit dem traditionellen russischen Uhrenbau zu tun haben…

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei FacebookInstagramYouTubePinterest oder Twitter. Oder nutze die kostenlose Abonnement-Funktion meines Blogs, um immer auf dem Laufenden zu bleiben:

Du kannst auch im Facebook Messenger immer auf dem Laufenden über neue Beiträge auf meinem Blog chrononautix.com bleiben:

 

Auch über Kommentare freue ich mich immer sehr. Vielen Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

19 Gedanken zu “Was ist noch übrig von der russischen Uhrenindustrie? Geschichtliche Hintergründe und aktuelle russische Uhren von Vostok, Sturmanskie, Raketa, Agat & Co.”