USA Amerikanische Uhren

Born in the USA – was ist noch übrig von der amerikanischen Uhren-Industrie?

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Wenn man an historische Meilensteine in der Uhrmacherei oder die Uhrenindustrie im allgemeinen denkt, kommen dem geneigten Uhrenfan sofort die Schweiz, Deutschland (Glashütte, Pforzheim) und Japan in den Sinn. Dann kommt erst mal lange nichts. Was viele nicht wissen ist, dass die verschiedene Hersteller aus den USA die Uhrenindustrie maßgeblich mitgeprägt haben. Und: Auch wenn nicht mehr viel übrig ist vom einst blühenden amerikanischen Industriezweig, so gibt es auch heute noch ein paar tätige US-Urgesteine (Timex, Bulova, Hamilton) und neue Micro-Brands, die einen Blick wert sind…

Hamilton und Bulova, zwei aus den USA stammende Uhrenhersteller, die auch heute noch sehr bekannt sind.
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Die Anfänge der Uhren-Industrie USA: Die amerikanischen Unternehmen Waltham Watch Co. und Elgin National Watch Co.

Die US-amerikanische Uhrengeschichte fand ihren Startschuss mit der Gründung eines Unternehmens durch die drei Geschäftsmänner David Davis, Aaron Dennison und Edward Howard im Jahre 1850. Schon früh wirbelte die Waltham Watch Company die alteingesessene Uhrenindustrie, die maßgeblich von der Schweiz und Großbritannien geprägt und dominiert wurde, ordentlich durcheinander: Waltham nutzte damals geschickt die neuen Möglichkeiten, die sich im Rahmen der industriellen Revolution boten, um die kostengünstige Massenproduktion von Uhren in hoher Qualität anzuschieben.

Die Waltham Watch Co. in seinen Anfangstagen

Waltham hat zu diesem Zweck einen bemerkenswert umfangreichen eigenen Maschinenpark aufgebaut, darunter eine Maschine zur effizienten und automatisierten Herstellung von Schrauben. Sämtliche Komponenten einer Waltham-Uhr waren standardisiert und damit austauschbar (zum Beispiel im Rahmen einer Reparatur) – damals ein echtes Novum. Damit hatte Waltham gegenüber den Schweizern, die noch mit viel Handarbeit werkelten, einen fetten preislichen Vorteil. Denn Handarbeit hatte nun mal ihren Preis – viele Bürger konnten sich von ihrem Lohn schlicht und ergreifend gar keine Uhr kaufen, da die Preise einfach zu hoch waren. Waltham-Uhren hingegen waren vergleichsweise günstig und deutlich zugänglicher für den Otto-Normal-Bürger. Ein paar spannende Einblicke in die maschinenlastige Produktion bei Waltham gibt’s hier.

Waltham-Mitarbeiter @ Work

Bemerkenswert war auch, dass Waltham so gut wie alle Taschenuhren-Komponten maschinell selbst fertigte: Vom Gehäuse über Werk, Zeiger, Zifferblatt, Gehäuse – alles „100% Made in the USA“! Zwar ist Henry Ford ein vielzitiertes Beispiel für die automatisierte, industrielle Produktion (Automobile am Fließband ab 1913), eigentlich war Waltham aber noch deutlich früher mit diesen damals neuartigen Ansätzen dran.

Waltham-Anzeige aus dem Jahre 1899

Die günstigen Taschenuhren von Waltham verkauften sich gut – sehr zum Leidwesen der Schweizer und der (damals ebenfalls noch starken) Britischen Uhrenindustrie, die stark sinkende Verkäufe beklagten. Nach dem Vorbild der Waltham Watch Co. wurde daher ab 1880 auch in der Schweiz verstärkt die maschinelle Produktion von Uhrenkomponenten angeschoben. Nur noch sehr komplizierte Arbeitsschritte wurden per Hand ausgeführt. Dadurch konnte man am Anfang des 19. Jahrhunderts wieder zu den Amerikanern aufschließen.

Mehr noch: Die Eidgenossen haben damals die Herstellung von Uhrenkomponenten – ganz im Sinne der Arbeitsteilung – dezentralisiert. Waltham hingegen hat quasi jede Komponente im eigenen Hause hergestellt – heute ist das ein beliebtes Qualitätsmerkmal von Luxus-Uhrenmanufakturen, die mit einer hohen Fertigungstiefe werben können (zum Beispiel Rolex, die sogar ihren eigenen Stahl gießen). Damals war das aber ein großer Wettbewerbsnachteil gegenüber den Schweizern, die eine viel größere Flexibilität in der Auswahl ihrer Lieferanten hatten (zum Beispiel, falls eine Komponente bei einem bestimmten Lieferanten nicht lieferbar war).

Letztendlich sollte aber ein anderer Trend Waltham ins Trudeln bringen: Im Ersten Weltkrieg wurden die Vorteile von Uhren, die am Handgelenk getragen wurden, deutlich – irgendwie ist es im Kampfeinsatz ja auch ungeschickt, wenn man die Hand von der Waffe nehmen muss, um die Taschenuhr rauszukramen, oder?

Waltham-Uhren, ca. 1917, Bild: National Archives and Records Administration [Public domain]

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen riesigen Armbanduhren-Boom – früher nur von gut betuchten Damen getragen, war nun auch die Nachfrage von der Männerwelt und „Normalverdienern“ vorhanden. Und genau diesen Trend hat Waltham mehr oder weniger verpennt, auch wenn diese Werbung aus dem Jahr 1918 etwas anderes suggerieren will:

Hinzu kam die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren („The Great Depression“) – viele Menschen wurden arbeitslos und konnten sich einfach keine Uhr leisten. Hilfe kam (unfreiwilligerweise) von der US-Regierung: Die US Army hat im Zweiten Weltkrieg Uhrenhersteller wie Waltham, Hamilton, Benrus in die Pflicht genommen Militäruhren (zum Beispiel Field Watches) zu produzieren. Das bescherte den Uhrenherstellern für die Dauer des Krieges volle Auftragsbücher. Da klingelten die Kassen! Später brach aber genau diese Hilfe Waltham das Genick: Nachdem Nazi-Deutschland besiegt war, wurden die Uhrenhersteller von der US-Regierung fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Davon hat sich Waltham nie so wirklich erholt.

Im Jahre 1951 versuchten sich daher Waltham und die Elgin National Watch Company durch einen Zusammenschluss über Wasser zu halten. Elgin war (wie Waltham) ein Massenproduzent von Uhren, der ab 1867 in der Nähe von Chicago eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Waltham zu verzeichnen hatte. Um 1900 überstieg Elgins Produktionsvolumen sogar das von Waltham – in den 1920er Jahren fertigte die Elgin National Watch Co. mehr als 2 Millionen Uhren pro Jahr. 

Das 1951 geformte Unternehmen Elgin & Waltham und eine Kooperation mit Timex konnten das sinkende Schiff aber nicht retten: die einst so innovativen amerikanischen Unternehmen (mit Blick auf die Produktionstechniken) mussten die Werkstore schließen und verschwanden von der Bildfläche…

Da war die Welt noch halbswegs in Ordnung: Elgin-Anzeige mit zwei US-Soldaten während des Zweiten Weltkriegs

Unternehmen, die den Übergang deutlich besser als Waltham gepackt haben, waren insbesondere die Waterbury Clock Company (Vorgänger von Timex), Bulova und Hamilton…

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Überlebenskünstler in der amerikanischen Uhren-Industrie: Bulova, Hamilton und die Waterbury Clock Co. (Timex)

It goes hm-m-m-m! Joseph Bulova und der „American Dream“ rund um Bulova Accutron & Co.

Was macht ein junger Mann im zarten Alter von 23, der aus Böhmen (heute Tschechien) versucht in den USA seine neue Heimat zu finden? Antwort: Er stampft mal geschwind eine Uhrenfabrik aus dem Boden, die der Grundstein für eine auch heute noch sehr beliebte Uhrenmarke war.

Ok ok, ganz so simpel war Joseph Bulovas Werdegang natürlich nicht – zunächst startete er 1875 einen Uhrenhandel in New York City. Später baute er aber auch selbst Uhren und importierte zu diesem Zweck Schweizer Uhrwerke, die er in selbst produzierte Taschenuhrengehäuse eingeschalt hat. Auch Tischuhren gehörten zu seinem Angebot. Die Geschäfte liefen gut – so gut, dass Joseph Bulova im Jahre 1912 eine eigene Produktionsstätte in Bienne, Schweiz gründete, die voll auf Massenproduktion durch effiziente Arbeitsabläufe mit einem großen Maschinenpark ausgelegt war.

Fun Fact am Rande: Der allererste US-amerikanische Radio-Werbespot überhaupt kam von Bulova im Jahre 1926: „At the tone, it’s 8 P.M., B-U-L-O-V-A, Bulova time“.

Auch Bulova belieferte während des Zweiten Weltkrieges das US-Militär – unter anderem Höhenmesser und Steigmesser für Flugzeuge sowie eine Militäruhr für den „normalen“ Soldaten, die unter Vintage-Sammlern populäre Bulova “Hack” Watch. „Hack“ hat natürlich nichts mit zwielichtigen Computer-Hackern zu tun, die mit einem Kapuzenpulli und Skimaske vor ihrem Laptop hocken 😉 – „Hack“ steht kurz für „Hacking“ und bezeichnet die damals nicht selbstverständliche Funktion einer Uhr, bei gezogener Krone die Zeiger zum Stoppen zu bringen. Um die Uhrzeit präzise unter den Kameraden synchronisieren zu können, war diese Funktion natürlich unerlässlich – schließlich wäre es ja irgendwie ungeschickt, wenn militärische Angriffe „nur so Pi mal Daumen“ koordiniert werden, oder? Auch im Vietnamkrieg war Bulova Lieferant des US-Militärs: Auf Basis von militärischen Spezifikationen (sogenannte Mil-Specs) wurden Militäruhren mit einem ganz charakteristischen Zifferblatt-Design geliefert.

Bulova musste sich nach dem Zweiten Weltkrieg – wie auch Waltham – massiv umstellen: Militäruhren und sonstige militärische Messtechnik wurden einfach nicht mehr in großen Mengen benötigt. In den 50er brachte Bulova daher das „100% Made in the USA“-Modell Bulova 23 heraus, welches mit einer „unzerstörbaren Triebfeder“ beworben wurde. Später wurde das Modell um eine mechanische Alarm-Funktion ergänzt…

Eines der berühmtesten Modelle entstand in den 60er Jahren: Die Bulova Accutron, die erste voll-elektronische Uhr der Welt und damit die Vorstufe zu den wenige Jahre später erscheinenden Quarz-Uhren. Der Clou: Die Accutron wurde von einer Stimmgabel angetrieben und besaß keinerlei übliche mechanische Komponenten – damals revolutionär.

Hinter der Accutron-Technologie (eine Wortneuschöpfung aus Accuracy und Electronic) steckt der Schweizer Physiker Max Hetzel, der für Bulova die Stimmgabel-Technologie entwickelte, welche damals als präziseste Möglichkeit die Zeit zu messen galt – maximal eine Minute Gangabweichung pro Monat, sprich 2 Sekunden pro Tag, versprach Bulova.

In einem sachlichen Werbespot vermittelte Bulova damals die neue Technologie:

Etwas gewöhnungsbedürftig ist allerdings das Geräusch einer solchen Stimmgabeluhr: Wie ein defekter Lautsprecher summt sie permanent und leise vor sich hin 😉 Passenderweise warb Bulova damals mit dem Slogan „The Watch that hums!“ und „It goes hm-m-m-m“. Nachzuhören hier:

Die Präzision der Accutron beeindruckte auch die US-Regierung: die Technologie war fester Bestandteil auf 46 (!) NASA-Missionen. Bulova stattete unter anderem NASA-Satelliten und sämtliche Zeitmesser an Bord der Raumkapseln aus (zum Beispiel in den Instrumenten-Panels). Bitter: An die Handgelenke der Astronauten hat es Bulova nie offiziell geschafft – hier war die Omega Speedmaster einfach gesetzt (mit einer Ausnahme im Jahre 1971, dazu gleich mehr).

Im Wettlauf um die erste Mondlandung mit der Sowjetunion („Race to Space“) hat die US-Regierung sogar die Ausstrahlung von Bulova-TV-Spots gestoppt, da die NASA Angst hatte, dass die Sowjets dadurch vielleicht die Technologie klauen könnten. Fun Fact: Präsident Lyndon B. Johnson machte die Bulova Accutron für eine Zeit lang zum offiziellen Geschenk des Weißen Hauses an ausländische Politiker und Gäste.

Die Investition in die Stimmgabeltechnologie dürfte sich für Bulova durchaus rentiert haben: Mehrere Millionen Stück der Accutron wurden an Mann und Frau gebracht – bis mit Aufkommen der auch heute noch gängigen und ziemlich günstigen Quarz-Technologie die Accutron mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden ist.

Vor ein paar Jahren sorgte eine ganz besondere Bulova-Uhr für Aufsehen: Der original Bulova-Chronograph, den NASA-Astronaut David Scott als Ersatz für seine Omega Speedmaster (die eigentlich ziemlich robuste Standarduhr der NASA, die plötzlich ihr Hesalitglas verloren hat) auf der Apollo 15-Mission im Jahre 1971 aus dem Hut zauberte, kam unter den Hammer und erzielt eine astronomisch hohe Auktionssumme in Höhe von über 1,6 Millionen US-Dollar! Damit war die Omega Speedmaster nicht mehr die einzige Uhr, die auf dem Mond getragen wurde.

Original Bulova Moonwatch Scott NASA
Bulova Chronograph, getragen auf dem Mond von David Scott, Bild: RR Auction

Bulova hat sich diese Gelegenheit natürlich nicht nehmen lassen und 2016 eine Retro-Auflage der Bulova Moonwatch auf den Markt gebracht. Mein ausführliches Review zur Bulova Moonwatch gibt’s hier.

Abschließend kann man festhalten, dass Bulova einer der wenigen US-amerikanischen Hersteller ist, von denen zumindest der Markenname bis heute überlebt hat. Allerdings produziert Bulova nach meinen Recherchen schon lange nicht mehr in den USA, sondern in der Schweiz, Hong Kong und Japan. In den USA ist nur noch die Verwaltung im Headquarter in New York übrig geblieben. Seit 2007 gehört Bulova außerdem zur japanischen Citizen-Gruppe, weshalb mittlerweile insbesondere hauseigene Miyota-Werke (mechanische wie das Miyota 8215 und auch Quarz) verbaut werden – so beispielsweise bei der Retro-Neuauflage der Bulova Computron.

Retro-Neuauflage der beliebten 70er-LED-Digital-Armbanduhr: Die Bulova Computron

Mit amerikanischen Wurzeln: Militäruhren und Filmuhren von Hamilton

Die Hamilton Watch Co. ist ein sehr gutes Beispiel für einen Uhrenhersteller, der allen Krisen und Stolpersteinen zum Trotz bis heute überlebt hat – dafür war allerdings ein großer Schritt nötig: Der Verkauf des Unternehmens im Jahre 1974 an das Schweizer Konglomerat Société Suisse pour l’Industrie Horlogère (SSIH) – der Vorgänger der heutigen Swatch Group. Zunächst blieb Hamilton nach der Übernahme im Heimatland USA. Im Jahre 2003 zog Hamilton allerdings ganz aus der US-amerikanischen Heimat weg: Die Produktion sitzt heute nicht mehr in Lancaster, Pennsylvania, sondern in der Schweiz.

Aber noch mal einen Schritt zurück: Die Hamilton Watch Co. wurde wie Waltham und Elgin Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Schon früh orientierte sich Hamilton Richtung Personenverkehr, insbesondere im Bereich Eisenbahnwesen und Luftfahrt konnten die Amerikaner einen Fuß in die Tür bekommen. In den 1930ern war Hamilton beispielsweise die offizielle Uhr von vier großen Fluglinien.

Hamilton hat, genau wie Waltham und Elgin, im Zweiten Weltkrieg irre viele Militäruhren (mehrere Millionen Stück, insbesondere mit dem robusten Kaliber 987), Marinechronometer (bis zu 500 pro Monat) und Zeitzünder für die US Army gebaut. Da Hamilton durch die Regierungsaufträge extrem ausgelastet war, litt naturgemäß der Kundenservice und die Produktion für den zivilien Bereich. Aus diesem Grund hat Hamilton während des Zweiten Weltkrieges regelmäßig Werbung geschaltet, um Verständnis bei den US-amerikanischen Kunden für die besondere Situation herbeizuführen („Wait for Hamilton – you’ll be glad you did“).

Auch für Hamilton brachen nach dem Krieg harte Zeiten an. Warum sich der US-Hersteller halbwegs über Wasser halten konnte? Nun, ein Grund ist sicherlich bei diversen Hollywood-Sternchen zu suchen, die Hamilton-Uhren auf der Leinwand getragen haben: Niemand geringeres als Elvis Presley trug das extravagante Modell Hamilton Venturo in seiner Rolle als Chadwick Gates im Musikfilm Blue Hawaii am Handgelenk. Auch heute noch ist die Ventura fester Bestandteil von Hamiltons Portfolio:

In der Neuauflage von Men In Black aus dem Jahre 2019 (MIB International) hat Hamilton die Ventura als offizielle Uhr der blitzdingsenden Agenten platzieren können. Ob sich der Hersteller damit so einen großen Gefallen getan hat, wage ich aber zu bezweifeln – der Film ist nämlich ziemlicher Murks… 😉

Und noch ein berühmtes Beispiel: Hamilton-Uhren waren fester Bestandteil im 1968 erschienene Weltraum-Epos 2001: Odyssee im Weltall von Stanley Kubrick. Hamilton produzierte für diesen Filmklassiker ein paar abgespacete Prototypen, die erst im Jahre 2009 in einer limitierten Auflage von 2001 Stück für Endverbraucher zugänglich gemacht wurden. Auch in Interstellar, Independence Day, Stirb Langsam und Der Marsianer waren Hamilton-Uhren an den Handgelenken der Hauptdarsteller zu finden.

Retro-futuristischer Klassiker: Die Hamilton X-01 (ganz links) – weitere Bilder der X-01 gibt’s hier.

Hollywood-Auftritte wie die genannten (und viele weitere) haben sicherlich dazu beigetragen, dass sich der aus den USA stammende Hersteller Hamilton deutlich länger über Wasser halten konnte als so mancher Konkurrent (Waltham, Elgin).

Auch wenn Hamilton mittlerweile den Hauptsitz und die Produktion in die Schweiz verlagert hat, wirbt das Unternehmen mit US-Wurzeln heute gerne noch mit „American Spirit“. Insbesondere Flieger-Chronographen und Militäruhren, die sich designtechnisch (mehr oder weniger) nah an den damaligen original Field Watches bzw. Militäruhren aus dem Zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg bewegen, sind die Zugpferde des Produktportfolios…

Waterbury Clock Co. (Timex)

Die Geschichte der Waterbury Clock Co. (WCC) ähnelt in den Anfängen stark denen der Waltham Watch Co.: Auch die WCC setzte ab den 1850er Jahren voll auf Massenproduktion und Standardisierung. Die Preise der WCC waren entsprechend günstig, vergleichsweise viele US-Amerikaner konnten sich Uhren aus der Produktion in Waterbury leisten.

Waterbury Clock Co. in „Brass City“

Den Durchbruch schaffte die WCC im Jahre 1896 dank einer Kooperation mit dem damaligen Versandhändler Ingersoll, der mit der „Yankee Dollar Watch“ eine Taschenuhr für spottbillige 1 US-Dollar aus der Produktion in Waterbury vertrieb.

Später sorgte WCC durch eine Kooperation mit Disney zur Herstellung einer witzigen, millionenfach verkauften Mickey Maus-Uhr für Aufsehen. Weniger witzig gestalteten sich die folgenden Jahre: Der aus seiner Heimat Norwegen von den Nazis vertriebene Industrielle Thomas Olsen suchte Asyl in den USA und kaufte die finanziell angeschlagene Waterbury Clock Company auf, um mit der Produktion von Instrumenten für Kampfflugzeuge, Näherungszünder etc. die US Army bei der Bekämpfung Hitlers zu unterstützen. In den Nachkriegsjahren hielt sich WCC (bzw. ab den 50ern Timex) mit geschickten Marketingkampagnen über Wasser, es folgte die Umbenennnung in Timex…

Einen umfangreichen Einblick in die Geschichte der Waterbury Clock Co., dem Vorgängerunternehmen von Timex, gibt’s in meinem Artikel über die beliebte Timex Expedition, die sich an den historischen Field Watches bzw. Militäruhren orientiert, die Timex im Vietnamkrieg an das US-Militär geliefert hat…

Timex Expedition Scout

New Yorker Schleudertrauma: Das Auf und Ab von Benrus – Neustart 2019/2020

New York, New York! Mit einem Startkapital von 5000 US-Dollar haben Benjamin Lazarus und seine zwei Brüder 1921 im Big Apple eine Uhrenreparaturwerkstatt gegründet. Schnell importierten die Brüder auch Werke aus der Schweiz als Grundlage für eine eigene Uhrenkollektion. Die Geschäfte liefen gut, die Markenbekanntheit von Benrus wuchs.

Berühmteste Träger von Benrus-Uhren waren der Baseball-Star Babe Ruth, Hollywood-Superstar Steve McQueen (in einem seiner populärsten Filme Bullitt) und niemand geringeres als US-Präsident JFK…

Spannend: In den frühen 50er Jahren versuchte Benrus den Konkurrenten Hamilton zu übernehmen – geworden ist daraus aber (zum Glück?) nichts. 1967 wurde Benrus dann an den Eigentümer von Remington (genau, die mit den Rasierapparaten) verkauft. Dank Regierungsaufträgen (Militäruhren für die Soldaten im Vietnamkrieg gemäß Mil-Spec MIL-W-3818B) und einer Kooperation mit Christian Dior konnte Benrus noch für einige Jahre bestehen – bis 1977, als die finanzielle Not einfach zu groß wurde und nach über 50 Jahren Unternehmensgeschichte die Insolvenz unvermeidbar war.

Mit dem Kapital eines neuen Investors wurde Benrus erst kürzlich wiederbelebt. Grundsätzlich finde ich solche Neustarts immer spannend, auch wenn man natürlich zugeben muss, dass vom historischen Benrus nicht mehr als die Markenhülle übrig geblieben ist. Gut finde ich aber allemal, dass die neuen Benrus-Modelle sich an den historischen Modellen orientieren. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wirkt auf den ersten Blick aber eher schwach: Für knapp 1100 US-Dollar beim Modell „Field Watch“ gibt’s tatsächlich nur ein Miyota 8 Automatikwerk und Mineralglas. Wenn ich mir da im Vergleich die Khaki Field-Modellreihe von Hamilton anschaue (Saphirglas, ETA-Kaliber, unter 500€) fehlt mir etwas die Fantasie wer die neuen Benrus-Uhren kaufen soll – trotz der coolen Retro-Optik …. Hmmm!

Die Konkurrenz schläft nicht: ETA 2824 Automatikkaliber in einer Hamilton Khaki Field

Make America Great Again? Neue Uhrenhersteller und Micro-Brands aus den USA

LÜM-TEC

Hinter der in Ohio ansässigen Firma LÜM-TEC steckt Chris Wiegand bzw. sein Unternehmen Wiegand Custom Watch, LLC, welches als kleine Reparaturwerkstatt mit Spezialisierung auf die Erneuerung von ausgepowerter Leuchtmasse gestartet ist. Später kam auch Watch Modding als Dienstleistung hinzu. Seit 2008 baut Wiegand unter der Marke LÜM-TEC eigene Uhren, die designtechnisch vor allem im Dunstkreis von Einsatz- und Militäruhren angesiedelt sind und sich preislich unter 1000€ bewegen. Steckenpferd von LÜM-TEC ist – daher kommt auch der Name – eine besonders kräftige Leuchtkraft der Ziffern, Zeiger und Indizes (Lume), die durch die hauseigene „MDV“-Technologie ermöglicht wird.

Mehr über LÜM-TEC gibt’s in meinem Review des Modells Combat B19 Bronze – dort beantworte ich auch die Frage wie sich der Buchstabe „Ü“, den das US-Alphabet gar nicht kennt, in den Markennamen gemogelt hat… 😉

Devon Los Angeles – American Made Timepieces

Was haben Knoblauchbrot, Käsesticks, belegte Toasts und Uhren gemeinsam? Scott Devon! Scott ist nicht nur Kopf von Cole’s Quality Foods in den USA, im Sonnenstaat Kalifornien werkelt der tüchtige Geschäftsmann seit einigen Jahren auch noch an irre aufwendigen Uhren „Made in USA“. Das Besondere: Devon-Uhren zeigen die Uhrzeit über Riemen bzw. Bänder an („Time Belts“), die von Mikromotoren angetrieben werden. Elektronik und Mechanik werden so auf ziemlich beeindruckende Art und Weise kombiniert. Diese Technologie verleiht den Uhren daher auch eine charakteristische, gleichzeitig aber auch etwas gewöhnungsbedürftige Optik. Das Modell Tread 1 erinnert beispielsweise an Stromzähler.

Entsprechend sind auch die Preise zwischen rund 10.000 und 25.000 US-Dollar ziemlich gesalzen. Mit Blick auf die krasse Technologie und die Tatsache, dass nach Aussage von Devon rund 80% der Uhrenkomponenten tatsächlich in den USA produziert werden und die Uhr natürlich auch in den USA zusammengebaut wird, relativiert sich der Preis aber – vor allem, wenn man bedenkt, welche horrenden Preise so mancher Schweizer Hersteller von Ultra-Luxusuhren für ähnlich spezielle Modelle aufruft (zum Beispiel HYT Watches).

Bild: Devon

Shinola Watches – „built in Detroit“!?

Klingt wie eine neue japanische Uhrenmarke, kommt aber aus den USA: Shinola ist so etwas wie der Shootingstar unter den US-Amerikanischen Uhrenmarken – erst 2011 gegründet, zählt Shinola heute bereits über 500 Mitarbeiter, davon 100 in der Produktion. Und das in der „Motor City“ Detroit – die einst bedeutendste Industriestadt der Welt, die heute aber kaum mehr als eine verwaiste, vom Verfall gezeichnete Wrack-Stadt ist. Niemand geringeres als US-Präsident Bill Clinton brachte es auf den Punkt: “We need more American success stories like Shinola in Detroit.”

Ab rund 700 US-Dollar sind die eher klassischen Uhren mit Schweizer Werken (z.B. Sellita SW200) aus der Shinola-Kollektion zu bekommen. Shinola ist recht breit aufgestellt: Neben Uhren (dem Hauptgeschäft) produziert man in Detroit beispielsweise auch Lederwaren in einer eigenen Manufaktur und Fahrräder.

Bild: Shinola

Eine hohe Fertigungstiefe wie bei Devon darf man bei Shinola aber nicht erwarten: Die US-Wettbewerbskommission FTC hat Shinola 2016 untersagt mit „Where American Is Made“ zu werben, da keine einzige der Uhren-Komponenten aus den USA stammt. Im Prinzip baut Shinola „nur“ Uhren aus aller Herren Länder zusammen. Nicht mehr und nicht weniger. Verwerflich ist das keineswegs: Nichts anderes macht der Großteil aktueller Micro-Brands. Nur mit „Made in the USA“ zu werben ist halt irgendwie dann doch etwas zu weit an der Realität vorbei 😉 – insbesondere, da die „Made in USA“-Regel besagt, dass faktisch wirklich 100% aller Komponenten aus den USA kommen müssen (die Hürde für „Made in USA“ ist also deutlich höher als beim ziemlich laschen „Swiss Made“). Dennoch sind die Einblicke in die Arbeit bei Shinola in Detroit spannend:

RGM Watch Co., Lancaster

Die Positionierung von RGM Watches wird mit Blick auf die Website schnell klar: Der in Lancaster ansässige Hersteller beansprucht für sich „America’s Premier Watchmaker“ zu sein. Eine eigene Gehäuseproduktion, aufwendige Handarbeiten (zum Beispiel Guillochierung) und sogar eigene Manufakturkaliber (darunter ein Manufakturkaliber mit Tourbillon – Kostenpunkt des Modells: Knapp 100.000 US-Dollar), welche nach Aussagen von RGM zu 90% Made in USA ist, sollen die Premium-Position des Herstellers stützen. Die Designs von RGM Watch sind recht eigenständig und bewegen sich von „klassisch“ bis hin zu „ausgefallen“.

Fun Fact am Rande: RGM hat seine Büros und die Produktion in der ehemaligen Hamilton Uhrenfabrik bezogen. Mehr über RGM in diesem Interview mit RGM-Chef Roland Murphy:

Weiss Watch Co. Los Angeles

Seit 2013 werkelt Firmengründer Cameron Weiss zusammen mit seinem Team in Los Angeles an klassischen Modellen im Field Watch- bzw. Militäruhren-Design. Die Preise starten ab rund 1200 US-Dollar. Besondere Aufmerksamkeit widmet der ausgebildete Uhrmacher Cameron Weiss der aufwendigen Dekoration von Uhrwerkskomponenten (Schweizer Basiskaliber).

Mehr über Weiss Watch Co.:

Abschließende Gedanken zur amerikanischen Uhren-Industrie

Viel übrig von der einst durchaus beachtlichen US-amerikanischen Uhrenindustrie ist heute nicht geblieben. Uhrenproduktion auf amerikanischem Boden findet man heute nur noch in homöopathischen Mengen. In dieser Hinsicht haben die USA etwas mit Russland gemeinsam 😉 Dennoch gibt es noch einige historisch spannende und sehr bekannte Marken mit US-Wurzeln wie Bulova, Hamilton oder Timex, die Modelle mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis bieten (Hamilton zähle ich persönlich zu meinen Lieblingsmarken im Einstiegsbereich mechanischer Uhren).

Aber auch die Emporkömmlinge sind nicht zu verachten: Wer eine Uhr sucht, die mit einer ordentlichen Portion US-amerikanischem Wertschöpfungsanteil kommt, darf vor allem in Richtung der jungen Micro-Brands schielen, die teilweise mit viel Handarbeit in den USA fertigen (z.B. RGM oder Devon).

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