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Seiko Turtle Prospex Automatik Diver (SRP787K1): 2016er Neuauflage der Seiko 6309 im Kult-Check

Seiko – die Uhrenmarke dürfte so ziemlich jeder kennen, der mal einen Schritt in ein Kaufhaus gemacht hat. Seiko haftet daher leider auch (zumindest in Deutschland) das Image einer „Kaufhausuhr“ an, was nicht zufällig eher nach billiger Modeuhr, Wegwerfquartzer und dergleichen klingt. Zu Unrecht: Die Japaner haben mit Modellen wie der sehr beliebten Seiko Turtle historisch spannende Kult-Modelle im Portfolio, denen ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis und große Robustheit nachgesagt wird…

Seiko: Japanische Tradition trifft Innovation – Grand Seiko, Seiko Turtle & Co.

Das Image der „Kaufhausuhr“ wird der 1881 gegründeten, japanischen Traditionsmarke keinesfalls gerecht: Die Erfinder des Quarzwerkes, die sich auch heute noch betont innovativ geben, haben nämlich eine Menge auf dem Kasten und können auch mit hauseigenen Kalibern den Mechanikuhren-Markt bedienen, dem Seiko selbst in den 70ern fast den Todesstoß gegeben hätte (Stichwort Quarzkrise): Mit der Grand Seiko zum Beispiel haben die Japaner seit 2010 ein absolutes Automatik-Spitzenmodell im Portfolio, welches hinsichtlich Fertigungstiefe, Qualität und Preis-Leistung im oberen Luxussegment positioniert ist. Tief in die Tasche greifen muss man aber trotz gutem Preis-Leistungs-Verhältnis: Viele Grand Seiko-Varianten kratzen an der 10.000€ Marke oder übersteigen diese. Eine Seiko für mehrere Tausend Euro – das dürfte bei vielen sicherlich ungläubige Blicke hervorrufen. Understatement pur!

Seit Anfang 2017 wird Grand Seiko sogar als eigenständige Luxusmarke geführt. In Anbetracht des riesigen Modellportfolios von Seiko ist das sicherlich keine schlechte Idee, um sich von Einstiegsmodellen wie die Seiko Prospex Automatik-Taucheruhren (Preise ab ca. 250€) abzugrenzen. Aber auch diesen vergleichsweise günstigen Modellen wird ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis nachgesagt, insbesondere den Seiko Prospex Automatik Diver’s Modellendie von Fans auch liebevoll Seiko Turtle (= Schildkröte) genannt werden.

Als die Seiko Turtle 2016 neu aufgelegt wurde, nahm der Hype um die Uhr Züge an, die ich nur schwer nachvollziehen konnte: Mit einem UVP ab 399€ bietet die Seiko Turtle weder Saphirglas, noch eine Keramiklünette und ein Automatikwerk mit eher schwachbrüstigen 21600 bph. Die Seiko Turtle wirkt in Anbetracht der großen Konkurrenz von Micro-Brands, die in einer ähnlichen Preisregion auf dem Papier deutlich mehr bieten (z.B. die Steinhart Ocean 1), auf den ersten Blick eigentlich eher wie ein Rohrkrepierer.

Neugierig war ich natürlich trotzdem und blicke daher in diesem Artikel hinter den Kult der Seiko Turtle in Form der blau-schwarzen Modellvariante SRP787K1

 

Die hier behandelte Seiko Turtle Prospex Taucheruhr wurde freundlicherweise von Uhren4You zur Verfügung gestellt. Neben einem Ladengeschäft in Osnabrück, vertreibt das Unternehmen seit 2006 Armband-, Wand-, Tischuhren etc. auch online unter Uhren4You.de, darunter eine große Auswahl an Modellen aus unterschiedlichen Preisbereichen der Marken Seiko, Casio, Citizen, Junkers, Zeppelin, Vostok, Luminox etc.

Neben einer kostenlosen Garantieverlängerung auf 3 Jahre bei vielen Modellen (u.a. die Seiko Turtle) und einer deutlich verlängerten Widerrufsfrist  (100 Tage statt der gesetzlich festgelegten 14 Tage), punktet der Online-Shop auch noch mit Tiefpreis-Garantie.

 

Neuauflage der Seiko 6309: Woher stammt der Kult um die Seiko Turtle?

Die Grundsoliden Eckdaten der Seiko Turtle

Wie bereits erwähnt, verdankt die Seiko Turtle ihre große Beliebtheit und den Kult wohl kaum den eher unspektakulären Eckdaten: Zum einen wäre da der Verzicht auf Saphirglas, Seiko verbaut stattdessen Hardlex-Glas. Bei Hardlex-Glas handelt es sich im Prinzip nur um ein Mineralglas, das zusätzlich gehärtet wird, um es kratzunempfindlicher zu machen. Das klingt natürlich relativ unsexy, weshalb Seiko dem Glas einen cooler klingenden Namen verpasst hat. Auch andere Hersteller in günstigeren Preisregionen härten ihr verbautes Mineralglas, darunter z.B. Swiss Military Hanowa oder Festina. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass es hier auch große Qualitätsunterschiede geben kann.

Alles in allem ist Hardlex also ein qualitativer Mittelweg zwischen kratzempfindlichem Mineralglas und robustem Saphirglas. Im Alltag hat das Hardlex meiner Seiko Turtle ein paar kleinere Karambolagen im Schreibtischumfeld problemlos verziehen, dennoch würde ich mich mit einem Saphirglas wohler fühlen. Im Zweifelsfall kostet aber auch ein Glastausch nicht die Welt.

Auch bei der Lünette verzichtet Seiko auf robuste und kratzfeste Keramik, die in der Preisregion gängigerweise eingebaut wird. Hier finde ich die Alternative von Seiko aber durchaus überzeugend: Die einseitig drehbare Lünette kommt mit einer kratzunempfindlichen Titankarbidauflage. Mit Titankarbid habe ich bereits positive Erfahrungen gemacht, zuletzt bei einer TAG Heuer Black Phantom mit durchgängig schwarzer, robuster Titankarbidbeschichtung.

Seiko New Turtle 2016 blau Titankarbid Lünette

Auch der Blick auf das Automatikwerk der Seiko Turtle sorgt auf den ersten Blick nicht grade für Jubelstürme, kommt aber mit grundsoliden Eckdaten: Das hauseigene Seiko-Kaliber 4R36, welches auch von vielen Micro-Brands (unter der Bezeichnung „NH35“) verbaut wird, bietet einen effizienten, beidseitigen automatischen Aufzug („magischer Hebel“), Handaufzugsmöglichkeit, Sekundenstopp und 41 Stunden Gangreserve. Das Werk schlägt allerdings nur mit 21600bph, wodurch der Sekundenzeiger nicht so schön flüssig läuft wie bei einem Werk mit 28800bph (Miyota 9015, ETA 2824 etc.) und theoretisch auch ungenauer arbeitet. Meine vorliegende Seiko Turtle ist mit -3 Sekunden pro Tag aber sehr ordentlich einreguliert. Positiv hervorheben möchte ich außerdem, dass der Rotor-Aufzug des 4R36 flüsterleise ist.

Alles in allem verwundert es nicht, dass sehr viele Micro-Brands auf das Seiko 4R36 (NH35) setzen (z.B. Marc & Sons, Armida, Maranez) – das 4R36 ist ein guter Kompromiss aus Robustheit, Technik (Gangreserve, Sekundenstopp etc.) und v.a. Preis, damit Micro-Brands die Verkaufspreise attraktiv gestalten können.

Hardlexglas, eine Lünette mit Titankarbidauflage und ein Automatikwerk, das sich auf dem Papier mit seinen 21600bph nur eine Schwäche leistet – das sind alles grundsolide Eckdaten, die an sich aber noch nicht den Preis der Uhr rechtfertigen (UVP ab 399€, effektive Marktpreise bewegen sich je nach Modell aber deutlich darunter).

Kult-Aspekte: Geschichte und Design der Seiko Turtle

Woher kommt also dann der Kult um die Seiko Turtle? Zum einen ist der Grund in der charakteristischen Gehäuseform zu suchen, die (mit etwas Fantasie) einem Schildkrötenpanzer ähnelt und dem Modell den inoffiziellen Namen „Turtle“ verleiht…

Bild: Seiko

Insbesondere der Wechsel von gebürsteter Oberfläche auf der Gehäuse-Oberseite zur polierten Oberfläche auf der Unterseite sowie die schräg angeordnete Krone sind ein echter Hingucker:

 

Aber auch die hervorragend verarbeiteten Zeiger und Indizes unterstreichen die markante Taucheruhren-Optik:

Seiko Turtle SRP787 Close Nahaufnahme

Kurzum: In Anbetracht der Flut von Rolex Submariner-Lookalikes diverser Micro-Brands ist die Seiko Turtle erfrischend eigenständig und zeitlos im Design – und das bei einer Modellhistorie, die bis in die 1960er zurückreicht. Und da wären wir auch direkt beim nächsten Kult-Aspekt: Die Modell-Geschichte…

Die Seiko Turtle wurde in optisch sehr ähnlicher Form bereits in den späten 1960ern produziert: Die Seiko 6105 wurde vom US-Militär aufgrund seiner Robustheit und der damals sehr guten Wasserdichtigkeit (150m) an Spezialeinheiten wie zum Beispiel die während des Vietnamkrieges gegründeten Navy SEALs ausgegeben. Viele US-Soldaten kauften die Seiko 6105 aber zum Beispiel auch in den sogenannten PX (Post Exchange) Stores, wo auf den US-amerikanischen Stützpunkten neben Uhren u.a. auch Haushaltswaren, Bekleidung etc. angeboten wurden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis der Seiko 6105 war in Anbetracht der hervorragenden Qualität auf dem Niveau von Rolex Submariner oder Omega Seamaster 300 damals einfach unschlagbar.

Natürlich ist es kein Zufall, dass Martin Sheen in seiner genialen Rolle als Captain Willard im Antikriegsfilm-Kracher Apocalypse Now eine Seiko 6105 am Handgelenk trägt, während er sich durch die Dschungelhölle Vietnams und Kambodschas schlägt (Apocalypse Now noch nicht gesehen? Schande, Schande, Schande!)

Dank des filmreifen Auftritts in Apocalypse Now ist die Seiko 6105 (auch bekannt als Seiko Willard) leider schon lange kein Vintage-Schnäppchen mehr: Gut erhaltene Modelle gehen locker flockig für über 1000€ weg.

Die Seiko 6309 wurde 1976 als Nachfolger der Seiko 6105 vorgestellt und bis 1988 produziert. Optisch unterschied sich die Neuauflage vor allem im Design der Zeiger und Indizes von der Seiko 6105, während die beliebte Schildkröten-Gehäuseform und die „hängende“ Krone erhalten blieben:

Auch die Seiko 6309 fand ihren Weg an die Leinwand: In James Camerons Science-Fiction-Klassiker „The Abyss“ trägt Virgil „Bud“ Brigman (gespielt von Ed Harris) eine Seiko 6309 während seiner Unterwasser-Survival-Abenteuers:

 

Darüber hinaus fand ganz offensichtlich auch niemand geringeres als Rolling Stones-Frontmann Mick Jagger Gefallen an der Seiko 6309:

Die Seiko Turtle hat also zweifellos einen interessanten geschichtlichen Hintergrund. Doch wie nah dran ist die 2016er Neuauflage an dem Klassiker, der Seiko 6309? Das ist insbesondere spannend, da allzu freie Interpretationen von historischen Vorlagen oftmals auch sehr kritische Stimmen finden. Ich bin zwar durchaus offen für Anpassungen, z.B. beim Gehäusedurchmesser, erfreue mich aber auch sehr an mit Liebe zum Detail und historisch korrekt umgesetzten Modellen wie die Laco Erbstück oder die Hanhart TachyTele

Seiko New Turtle: Unterschiede zwischen der Seiko 6309 und der Neuauflage

Zugegeben: So langsam spüre ich trotz der eher nüchternen Eckdaten den Zauber der neuen Seiko Turtle, die fast 30 Jahre (seit dem Produktionsende der Seiko 6309) auf sich warten ließ. Das liegt insbesondere an der originalgetreuen Umsetzung, die nur unwesentlich von der Vorlage, der Seiko 6309, abweicht: Das Ziffernblattdesign mit den charakteristischen, sehr hell leuchtenden LumiBrite-Indizes und die Zeiger beispielsweise wurden fast 1:1 übernommen.

Auffälligste Abweichung ist noch der Sekundenzeiger, welcher in der Neuauflage deutlich schlanker und mit einem kreisrunden „Gegengewicht“ mit Leuchtmasse kommt. Das ist insbesondere im Dunkeln etwas gewöhnungsbedürftig…

Seiko Turtle 2016 Nightshot

Das Gehäuse ist nur minimal kleiner (44,3 mm in der Neuauflage gegenüber 45 mm bei der Seiko 6309). Man braucht sich vom Durchmesser allerdings nicht abschrecken lassen: Dieser bezieht sich auf den unteren Bereich der Uhr, die Lünette misst „nur“ 42 mm. Die Optik ist dadurch merkbar kleiner, der Tragekomfort hoch:

Seiko New Turtle Armband blau Nautical Rope
Seiko Turtle mit farblich passendem Constantin Nautics Ocean Wave Armband von Watchbandit

Eine dezente, optisch sehr gelungene weitere Abweichung gibt es außerdem z.B. bei den Modellen SRP787K1 und SRP789K1, bei denen die Minutenzeiger farblich mit der jeweiligen Lünette harmonieren.

Das Datums-/Wochentags-Fenster bei 3 Uhr wiederum ist wie bei der Seiko 6309 in weiß gehalten. Das ursprüngliche Suwa-Zeichen auf 6 Uhr und der Schriftzug „Water 150m Resist“ wurden durch das Prospex-Logo und den Hinweis auf die verbesserte Wasserdichtigkeit (200m) ersetzt.

Prospex Logo und Schriftzug Seiko Turtle 2016

Toll: Seiko rundet das Turtle-Gesamtpaket mit einer sehr plastisch wirkenden, stilisierten Welle auf dem Gehäuseboden ab:

Seiko New Turtle 2016 Gehäuseboden

Alles in allem wurde die neue Seiko Turtle mit viel Liebe zum Detail und originalgetreu umgesetzt. Das macht die Schildkröte definitiv zu einem würdigen Nachfolger der Seiko 6309. Trotzdem habe ich noch was zu meckern…

Knietsch, knarz, klapper: Das Stahlband der neuen Seiko Turtle

Wurstfinger wie ich benötigen zum Stahlbandkürzen stets Hilfe – die finde ich zum Glück bei meiner äußerst geschickten Frau, die meine Bänder immer kratzerfrei und im Handumdrehen kürzt. Als Lohn lasse ich mich auch hin und wieder zum Kochen überreden ;-). Man darf ihr also durchaus eine gewisse Erfahrung mit Stahlbändern verschiedenster Marken attestieren. Natürlich durfte sie auch bei meiner Seiko Turtle ran. Ihre erste Reaktion: Was ist das denn für ein Klapperteil?

Recht hat sie: Selbst im Vergleich zum eher durchschnittlichen Stahlband der von mir kürzlich getesteten Marc & Sons MSD-045 Taucheruhr, muss sich das Stahlband der Seiko Turtle klar geschlagen geben. Es ist kein Wunder, dass beliebte Seiko-Aftermarket-Händler wie z.B. Yobokies mit passenden Stahlbändern sicherlich kein schlechtes Geschäft machen.

Da ich noch ein hochwertiges Made in Germany Mesh-Band von STAIB rumliegen hatte, durfte meine Frau bei der Seiko Turtle jedenfalls direkt mal das ganze Band austauschen. Erst danach fühlte sich die Seiko Turtle so richtig „rund“ an, die Taucher-Optik wird hervorragend unterstrichen. Hier ein paar bewegte Bilder:

Einziges Wermutstropfen ist die recht große Lücke zwischen Bandanstoß und Steg, wodurch man die leider etwas lieblos verarbeitete Innenseite (zwischen den Hörnern) der Seiko Turtle sehen kann. Wenn man sich daran stört, verschafft hier sicherlich ein qualitativ hochwertiges Nato-Band von einem spezialisierten Händler wie z.B. Miro’s Time oder Watchbandit Abhilfe:

https://chrononautix.com/watchbandit-nato-zulu-nylon-leder-uhren-armband-knoten-anker-vergleich-test-erfahrungen/

Auch ein knallig-saphirblaues, individualisierbares Lederband von Greenpilot Watchstraps ist sicherlich eine schicke Alternative, welche sich super mit dem Blauton in der Lünette der Seiko Turtle SRP787K1 ergänzen dürfte:

Bild: Greenpilot Watchstraps

Fazit zur Seiko Turtle 2016: Würdiger Nachfolger der Seiko 6309

Eingangs habe ich gefragt, was die Seiko Turtle zum Kult-Diver macht. Das liegt wie beschrieben nicht nur an dem zeitlos-eigenständigen Design und der spannenden Modell-Historie, sondern auch am ordentlichen Preis-Leistungs-Verhältnis. Spätestens als das STAIB-Mesh an der Seiko Turtle montiert war, konnte ich mich dem Charme des sehr gut verarbeiteten Taucheruhrenklassikers kaum entziehen. Das macht die Seiko Turtle in der Summe zu einer Uhr, die lange in meinem Uhrenkasten residieren darf.

Abschließend noch ein paar Worte zu Qualitätsproblemen von Seiko, von denen man u.a. im Zusammenhang mit der Seiko Turtle hier und da liest: Schief montierte Ziffernblätter, Dellen in der Lünette etc. sind natürlich für eine Uhr in der Preisregion ein absolutes No-Go und definitiv ein Grund die Uhr wieder zurückzuschicken bzw. um Austausch zu bitten. Umso wichtiger ist, dass ihr eure Wunsch-Turtle bei einem deutschen Händler kauft, der den Kunden bei Qualitätsproblemen nicht abblitzen lässt. Also: Augen auf beim Uhrenkauf!

Seiko Prospex Automatic Divers 200m

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