Spinnaker Bradner Seiko NH35 Automatik

Die Ganggenauigkeit des Seiko NH35 in der Gigandet Sea Ground Automatikuhr – Feinregulierung vs. Revision [Leserbrief]

Das japanische NH35A (bzw. kurz: NH35) Automatikwerk von Time Module (TMI), einer Tochtergesellschaft von Seiko (SII, Seiko Instrumentcs Inc) wird insbesondere von Micro-Brands und bei günstigeren Modellen sehr häufig verbaut – zurecht wie meine Tests und Langzeiterfahrungen zeigen. Dennoch ist das Seiko NH35 standardmäßig in Sachen Ganggenauigkeit nicht grade das Gelbe vom Ei. Aus diesem Grund hat sich Chrononautix-Leser Michael mit Problemen bei seiner Gigandet Sea Ground G2-002 mit Seiko NH35A Automatikwerk gemeldet – gehen wir der Sache also mit Blick auf die Stichwörter Revision und Feinregulierung nach…

Invicta 8926OB Pro Diver Seiko NH35A
Das Seiko NH35A in der Invicta 8926OB Pro Diver

Gigandet Sea Ground Automatikuhr: Gangabweichung des Seiko TMI NH35A / Feinregulierung vs. Revision

Kommen wir zunächst zu Michaels E-Mail:

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Lieber Mario,

ich habe heute Deine Seite entdeckt und bin sehr begeistert. Stundenlang bin ich von Artikel zu Test zu Hintergrundinfo zu ichweißnichtwas gewandert und fühlte mich sehr gut informiert/unterhalten. Habe diese Seite in die Lesezeichenleiste vom Browser gepinnt, weil es noch viel zu entdecken gibt. Einstweilen vielen Dank, auch dafür, daß Du wohl ein positiv Bekloppter in Sachen Uhren bist. Es gibt für mich (interessierter Anfänger) eine Menge zu lernen. 

Wenn es denn recht ist, möchte ich Dich etwas fragen. Du erwähnst in Deinen Tests des öfteren das Seiko-Werk NH 35, das bei Dir ganz gut beurteilt wird. Seit etwa einem Jahr habe ich eine sehr schöne Uhr mit diesem Werk. Alles prima, Uhr toll (Gigandet Sea Ground G2-002), Werk läuft… Aber die Genauigkeitswerte, von denen Du schreibst, sehe ich nicht mal mit einem Fernglas. Das Uhrwerk läuft pro Tag etwa 20 Sekunden nach, egal, ob ich die Uhr trage oder sie nur so rumliegt. Diese 20 Sekunden sind dann aber auch ziemlich genau. Nun teilte mir ein Uhrmacher auf meine Frage, ob denn nicht eine Revision möglich sei, mit, bei einem solch preiswerten (billigen) Uhrwerk würde sich so etwas nicht lohnen. Deiner Beurteilung nach handelt es sich doch um ein zwar günstiges, aber doch ganz vernünftiges Werk (nicht so vernünftig wie ein eta 2824-2, aber immerhin).

Ich bitte Dich um Deine Meinung, Deinen Rat: Soll ich die Uhr zu einem Uhrmacher bringen? 3-4 Sekunden Vor/Nachgang pro Tag sind doch toll! Lohnt sich das? Und was kostet so etwas (wenigstens ungefähr, Pi mal Daumen, ich habe da keine Ahnung und keine Vorstellung)? Ist Vorgang eigentlich besser als Nachgang? Oder ist das wurscht?

Sorry, viele Fragen auf einmal. Aber mit Hilfe Deiner Seite und des frisch abonnierten Newsletters werde ich hoffentlich dazulernen. Vielleicht kannst Du mir weiterhelfen, ich würde mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Michael M.

Michaels Uhr, die Gigandet Sea Ground G2-002 – eine sehr beliebte Rolex Submariner Hommage

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Hallo Michael,

Danke zunächst für dein Feedback und deine motivierenden Worte! 🙂

Das Seiko NH35A ist zunächst ein mal grundsätzlich ein sehr guter Antrieb in jeder günstigeren, mechanischen Uhr: Ich habe schon einige Uhren mit Seiko NH35A getestet und auch schon Langzeiterfahrungen mit dem Japaner gesammelt. Und ich kann wirklich nichts schlechtes berichten – das Werk ist ein robustes und zuverlässiges Arbeitspferd.

Auch die Eckdaten des NH35 lesen sich auf den ersten Blick ordentlich:

  • beidseitiger automatischen Aufzug
  • Handaufzugsmöglichkeit
  • Datums-Schnellverstellung
  • Sekundenstopp bei gezogener Krone
  • 41 Stunden Gangreserve
Gewinnt keinen Schönheitswettbewerb, vollrichtet aber tapfer und zuverlässig seinen Dienst: Das Seiko NH35 in einer Spinnaker-Uhr

Gut zu wissen: Das Seiko NH35A wird natürlich auch von Seiko selbst verbaut, und zwar unter dem Namen Seiko 4R36. Eines der berühmtesten Seiko-Modelle mit dem 4R36 alias NH35A ist die Seiko Turtle:

Seiko Turtle Prospex Automatik Diver (SRP787K1): 2016er Neuauflage der Seiko 6309 im Kult-Check

Alles in allem verwundert es nicht, dass sehr viele Micro-Brands auf das Seiko 4R36 bzw. NH35) setzen – das japanische Arbeitspferd ist ein guter Kompromiss aus Robustheit, Technik (Gangreserve, Sekundenstopp etc.) und v.a. Preis, damit Micro-Brands die Verkaufspreise attraktiv gestalten können.

Zwei Nachteile des NH35 seien aber genannt: Das Automatikwerk kommt zum einen nur mit einer Frequenz von 21600bph. Vereinfacht gesagt macht der Sekundenzeiger bei einem Werk mit 21600 bph nur 6 Schritte pro Sekunde, während es bei Werken mit 28800 bph 8 Schritte pro Sekunde sind. Dadurch läuft der Sekundenzeiger beim NH35A nicht ganz so flüssig und auch die Ganggenauigkeit ist dadurch theoretisch geringer als bei moderneren Werken wie dem Miyota 9015 oder dem Schweizer ETA 2824 (beide jeweils 28800 bph).

Zum anderen – und das ist der eigentliche Knackpunkt – gibt Seiko bzw. TMI bei der Ganggenauigkeit einen Standardwert von -20 bis +40 Sekunden pro Tag bei einer Referenztemperatur von 23º± 2ºC an. Das lässt sich auch in der offiziellen NH35A-Spezifikation der Seiko-Tochter TMI Time Module nachlesen. Mit anderen Worten sind alle Seiko NH35A Automatikwerke, die im Bereich -20 bis +40 Sekunden pro Tag laufen, offiziell im Rahmen, wenn sie an die Uhrenhersteller verschickt werden.

Seiko NH35A TMO Time Module Ganggenauigkeit

Der Knackpunkt: Viele Uhrenhersteller verbauen (aus Kostengründen) das Seiko NH35 ohne weitere Regulierung, weshalb auch Uhren mit recht großer Abweichung in den Verkauf kommen können (denn wie gesagt: Laut Seiko-Spezifikation wären ja sogar +40 Sekunden noch in einem „akzeptablen“ Rahmen). Grade bei günstigen Modellen ist das der Fall. Und wenn man dann als Kunde mal „Pech“ hat, gelangt man an ein Modell mit großer Gangabweichung.

Dekorierter Rotor RAF Logo AVI-8
AVI-8 Flyboy mit Seiko NH35A

Die Ausgangsfrage war ja, ob im konkreten Fall tatsächlich eine Revision der Gigandet Sea Ground mit Seiko NH35 notwendig ist, da die Gangabweichung mit +20 Sekunden pro Tag (verständlicherweise) nicht besonders zufriedenstellend ist. Grundsätzlich kann eine große Gangabweichung natürlich auf eine notwendige Revision hindeuten – ist eine Uhr beispielsweise schon sehr alt und sind beispielsweise über die Jahre Schmutzpartikel ins Werk eingedrungen, kann sich das negativ auf das Gangverhalten auswirken.

Eine Revision ist relativ teuer, da das Werk komplett auseinander gebaut wird und eine Menge Liebe bekommt, indem zum Beispiel Staubpartikel entfernt oder verschlissene Teile ausgetauscht werden. Dies sind die typischen Revisions-Schritte des Uhrmachermeisters Uli Kriescher:

  • Ausbau des Uhrwerkes
  • Zerlegen des Uhrwerkes
  • Reinigen aller Uhrwerksteile im Ultraschallreiniger
  • Zusammenbau des Uhrwerkes
  • Schmieren und Ölen aller relevanten Teile
  • Kontrolle auf sichere Funktion
  • Montage des Zifferblattes & der Zeiger
  • Reinigen des Gehäuses
  • Einbau des Uhrwerkes
  • Kontrolle der Uhr auf Ganggenauigkeit
Ulrisch Kriescher Porträt
Uhrmachermeister Uli Kriescher bei der Arbeit

Meine Vermutung ist aber: Nein, das ist in diesem konkreten Fall nicht nötig. Denn: Die Gigandet Sea Ground ist noch ein junger Hüpfer (ca. 1 Jahr alt) und da die Taucheruhr die +20 Sekunden pro Tag konstant hält spricht eigentlich alles dafür, dass es mit einer Feinregulierung (auch Feinstellung, Reglage oder Adjustment genannt) getan sein sollte.

Das tolle ist: Eine Feinregulierung ist gegenüber einer Revision deutlich unkomplizierter und damit natürlich auch günstiger (hierzu gleich mehr). Anders gesagt solltest du einen Uhrmacher darum bitten das Werk einzuregulieren, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Revision notwendig ist.

Eine Revision kann der Uhrmacher aber auch mit einer kurzen Messung auf einer Zeitwaage ausschließen. Übrigens: Für den Heimbedarf gibt es solche Geräte auch zu kaufen, zum Beispiel den Frederique Constant Analytics Clip, der eine Auswertung über das Smartphone ermöglicht. Im Zweifel sind die (deutlich teureren) Profi-Geräte beim Uhrmacher aber sicherlich präziser. Man beachte auch grundsätzlich: Das gemessene Gangverhalten einer mechanischen Uhr kann sich je nach Lage der Uhr sehr stark unterscheiden (sogenannte Lageabweichung, z.B. Uhr flach liegend vs. Uhr auf der Seite liegend).

Frederique Constant Analytics-Clip: App-gestützte Zeitwaage im Test

Ganggenauigkeit: Was macht der Uhrmacher bei der Feinregulierung eines Automatikwerkes?

Eine Feinregulierung ist wirklich kein Hexenwerk: Der Uhrmacher öffnet den Boden der Uhr und reguliert an einem kleinen „Hebel“, dem sogenannten Rücker – das ist die klassische Art der Feinregulierung. Was passiert technisch beim Betätigen des Rückers? Die Frequenz der Unruh, dem Herzen jeder mechanischen Uhr, lässt sich durch Änderung der wirksamen Federlänge einstellen. Durch Betätigen des Rückers wird die wirksame Länge der Unruh-Feder verändert – bei einer kürzeren Spirale schwingt die Unruhe schneller; eine länger wirksame Spirale lässt die Unruhe langsamer schwingen so lässt sich der Vor- bzw Nachgang regulieren.

Und was kostet der Spaß? Das sagt Uhrmachermeister, Sachverständiger, Blogger und ZDF-Fernseh-Protagonisten Ulrich Kriescher dazu:

„Grundsätzlich kann man sagen, dass das Einregulieren bei den meisten Uhrwerken gut machbar und günstig ist (bei mir 25.- Euro). Unter der Voraussetzung, dass das Uhrwerk auf der Zeitwaage passable Werte bringt. Ein Uhrwerk einzuregulieren, das eine bescheidene Amplitude hat, ist nicht zielführend. Dann müsste im Vorfeld eine Revision gemacht werden.“

Auf Uhrwerken findet man häufig Rücker-Skalierungen, damit der Uhrmacher sofort sieht wie er Vor- bzw. Nachgang einstellen kann. Üblich sind beispielsweise A (französisch avance für ‚Vorgehen‘) und R (französisch retard für ‚Nachgehen‘). Beim Seiko NH35A ist schlicht „+“ bzw. „-“ eingraviert:

Spinnaker Bradner Seiko NH35 Automatik
Seiko NH35A in der Spinnaker Bradner

Nun mag aufgrund des simpel wirkenden Mechanismus die Verlockung für den einen oder anderen groß sein einfach selbst die Feinregulierung vorzunehmen – im Internet findet man in diversen Foren sogar Anleitungen wie man das machen kann. Ich persönlich als Grobmotoriker würde mich das aber nicht trauen. Auch Uli Kriescher rät ganz klar davon ab selbst Hand anzulegen:

Einregulieren als DIY ist nicht ratsam. Der Privatmann hat sehr wahrscheinlich nicht die passenden Werkzeuge und Erfahrung dafür. Habe da schon die besten Stories mitbekommen: Beim Versuch einen IWC ewiger Kalender selber einzuregulieren ist der Besitzer abgerutscht und hat das komplette Schwingsystem beschädigt. Hat dann 5.000.- Euro bei IWC gekostet und musste 6 Monate auf seine Uhr warten!

Mehr über die Arbeit von Uli Kriescher gibt’s in diesem Artikel:

Ein Fall für Ulrich Kriescher: Revision einer fast 50 Jahre alten Junghans Vintage-Uhr

Grundsätzlich sollte eine Feinregulierung immer einen leichten Vorgang als erklärtes Ziel haben. Omega duldet beispielsweise keinerlei Nachgang bei seinen teureren Modellen: Unter der Bezeichnung „Master Chronometer“ vermarktet der Schweizer Luxusuhrenhersteller Modelle, die neben der COSC-Zertifizierung eine vom METAS zugelassene, 10-tägige Testreihe durchlaufen, in der die alltäglichen Tragebedingungen simuliert und die Unempfindlichkeit gegenüber Wasser und Magnetfeldern kontrolliert werden. Die Gangabweichung darf für die Zertifizierung maximal +5 Sekunden pro Tag betragen.

Mehr über die COSC-Zertifizierung und Chronometer:

Was ist was: Chronometer vs. Chronograph

Man beachte: Auch eine einregulierte Uhr kann durch bestimmte äußere Einflüsse oder Umweltbedingungen wieder sehr ungenau laufen. Zum Beispiel:

  • starke Stöße
  • Magnetisierung
  • Temperaturschwankungen

Gegen Stöße und Magnetisierung ist das Seiko NH35A aber ganz gut gewappnet: Im offiziellen Dokument zum NH35A schreibt Seiko bzw. TMI, dass ein „Shock-absorber device for balance staff“, d.h. ein Stoßfänger in einem der empfindlichsten Teile der Uhr, der sogenannten Unruh, verbaut ist. Unter dem Punkt „Antimagnetic“ (Magnetischer Widerstand) findet sich in der Spezifikation außerdem nüchtern der Wert „DC : ≧ 4800 A / m“ – aber ist das nun gut oder schlecht? Als Maßstab kann die DIN 8309 bzw. ISO 6425 für Taucheruhren herhalten: Taucheruhren dürfen demnach bei einem Magnetfeld-Einfluss von 4800 A/m eine Abweichung von höchstens 30 Sekunden pro Tag auf die Zeitwaage bringen. Magnetfelder gehen zum Beispiel von leistungsstarken Elektrogeräten aus (z.B. Schweißapparat oder Bohrmaschine).

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