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Ahh, die auf europäische Märkte ausgerichtete Marke des russischen Herstellers Vostok! Sätze wie diese muss sich der Kopf hinter Vostok Europe, Igor Zubovskij, (fälschlicherweise) sicher öfter anhören. Tatsächlich entstand der damals wie heute in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, ansässige Vostok Europe-Produzent Koliz Vostok UAB im Jahre 2004 aus einem Joint Venture mit dem russischen Hersteller ВОСТОК (kyrillisch für Vostok = Osten), dessen Ursprung wiederum auf die Uhrenfabrik Tschistopol im Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist.

Aber: Heute besteht zwischen Vostok und Vostok Europe keinerlei Verbindung mehr – weder wirtschaftlich noch hinsichtlich der Technik (Kaliber). Vor allem auch beim Design hat sich Vostok Europe in den letzten Jahren, zum Beispiel durch den Einsatz von Tritium-Röhrchen, emanzipiert. Ein guter Grund für einen genaueren Blick auf Vostok Europe und drei aktuelle Modelle des litauischen Herstellers…

Über Vostok Europe Uhren

Kommen wir kurz zu einer geschichtlichen Einordnung: Im Zuge der EU-Erweiterung 2004 wurde die ehemalige Sowjetrepublik Litauen, die Grenzen zu Polen, Lettland und Weißrussland hat, Mitglied der Europäischen Union und der NATO. Nun kann man die EU, die NATO-Mitgliedsstaaten und die heutige Russische Föderation bekanntermaßen nicht unbedingt als Busenfreunde bezeichnen.

Vostok (ohne „Europe“) aus Tschistopol, 15 Autostunden östlich von Moskau und damit tief im Herzen Russlands, versprach sich in den Anfangsjahren von der Zusammenarbeit mit Vostok Europe daher sicherlich einen gewissen Zugang zum europäischen Markt. Auf der anderen Seite durfte sich Vostok Europe über die Lieferungen russischer Kaliber freuen – und so fanden die ursprünglich exklusiv für Vostok Europe entwickelten Kaliber 2426 und 2432 Einzug in die allerersten Vostok Europe-Modelle wie die Dreizeigeruhr K3 Submarine, die nach dem gleichnamigen sowjetischen U-Boot benannt wurde.

Heute ist Vostok Europe wirtschaftlich völlig unabhängig von Vostok aus Tschistopol – was Vostok Europe auch gerne betont, um keine unnötigen Verwechslungen zu beschwören. Weder verwandt noch verschwägert könnte man also auch sagen. Eine gewisse russische DNA ist bei Uhren von Vostok Europe zwar nicht von der Hand zu weisen – so wurden bisher (fast) alle Modelle unter einem bestimmten Thema rund um technologische Entwicklungen in der sowjetischen Geschichte lanciert (dazu später mehr).

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Allerdings ist das Design von Vostok Europe dank eigener Designabteilung überaus eigenständig und deutlich moderner. Russische Kaliber kommen außerdem gar nicht mehr zum Einsatz.

Die Vostok Europe-Produktion findet damals wie heute im eigenen Hause, das heißt mit einem eigenen Uhrmacher-Team in Vilnius statt (u.a. Montage, Tests in der Druckkammer, Feinregulierung, Qualitätskontrolle). Vostok Europe zählt mittlerweile fast 30 Mitarbeiter und kommt auf einen Jahresumsatz von knapp 4 Millionen Euro – eine durchaus beachtliche Größe für einen Uhrenhersteller und ein Indiz dafür, dass das Konzept der Litauer gut ankommt.

(zum Vergrößern bitte klicken)

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Unter dem Claim watches for going to extremes will Vostok Europe vor allem die Robustheit der Modelle hervorheben. Dazu passend wurden auch die Markenbotschafter ausgesucht: So ist beispielsweise der aus Litauen stammende Rally-Fahrer Benediktas Vanagas seit 2014 Markenbotschafter. Auch der Stuntpilot Jurgis Kairys ist als Markenbotschafter an Bord.

*Hinweis / Reklame
Seit mittlerweile fast 20 Jahren ist die P. Maier GmbH der zuverlässige Partner für litauische und russische Uhrenmarken. Das Unternehmen ist unter anderem der offizielle Vertreter der Marken Vostok Europe, Sturmanskie und Slava in Deutschland. Neben dem Vertrieb der Uhren, schätzen Kunden die P. Maier GmbH auch als Ansprechpartner für die Gewährleistung/Garantie, Ersatzteilbeschaffung sowie Sonderanfertigungen auf Wunsch.

Vostok Europe Uhren x mb-microtec

Seit 2009 arbeitet Vostok Europe mit der Schweizer mb-microtec AG zusammen, dem unangefochtenen Platzhirsch im Bereich selbstleuchtender Tritium-Röhrchen.

Diese basieren auf der modernen, sogenannten GTLS-Technologie (Gaseous Tritium Light Source), gut erkennbar an den Kennzeichnungen H3 und T25 auf dem Ziffernblatt. Es handelt sich dabei um wenige Millimeter kleine und hermetisch versiegelte Röhrchen aus Borosilikatglas, die mit Tritium-Gas befüllt sind.

Die Innenseite der Glasröhrchen ist außerdem mit verschiedenfarbigen Leuchtstoffen beschichtet. Während des radioaktiven Zerfalls des Tritiumgases aktiviert die Beta-Strahlung diesen Leuchtstoff (Phosphor). Je nach Phosphor-Beschichtung sind somit verschiedene Farben möglich (z.B. Orange, Rot oder Blau).

Der Clou an der GTLS-Technologie: Die mit Tritiumgas gefüllten Röhrchen benötigen keinerlei externe Energiequelle, um sich aufzuladen und später Licht abzugeben – anders als bei der gängigen Leuchtmasse Super-Luminova, die beispielsweise über das Sonnenlicht „aufgeladen“ werden muss, bevor sie leuchten kann. Die Leuchtdauer von Super-Luminova ist stark abhängig von der Dauer und der Intensität der Lichtquelle und variiert zwischen Minuten und Stunden. Tritium-Röhrchen hingegen leuchten konstant für über 10 Jahre.

Vostok Europe setzt mittlerweile fast nur noch auf Tritium-Röhrchen, um die Ablesbarkeit im Dunkeln zu ermöglichen und (wie wir gleich sehen werden) dem Design eine spezielle Note zu verleihen – und das ist durchaus eine Besonderheit, denn nur wenige Hersteller setzen auf diese Technologie, darunter die mb-microtec-hauseigene Marke traser, Luminox und eine Handvoll weiterer…

Vostok Europe im Hands-On

Vostok Europe Lunokhod 2 Automatik und Quarz-Chronograph

Vostok Europe-Uhren stehen typischerweise unter dem Motto einer technologischen Errungenschaft der Sowjetunion. So wurde die Vostok Europe Lunokhod 2 nach dem gleichnamigen unbemannten sowjetischen Mondmobil (russ. Луноход), das in den 70er Jahren im Rahmen des Luna-Programms den Mond erforschte, benannt.

Mondmobil-Gravur auf dem Gehäuseboden

Die erste Lunokhod-Serie wurde bis 2009 produziert und dann im Jahre 2013 in Form der Lunokhod 2 neu aufgelegt. Passenderweise hat Vostok Europe die Lunokhod 2 im selben Jahr auf einen Jungfernflug in die Stratosphäre geschossen, um die Robustheit des „neuen alten“ Modells zu unterstreichen – in eine Höhe von fast 20 Kilometern (und ja, die Uhr hat laut Vostok Europe Beschleunigung, das Stratosphären-Vakuum, -44 Grad Celsius & Co. unbeschadet überstanden).

Die Vostok Europe Lunokhod 2 ist auch heute noch erhältlich: sowohl als Dreizeiger-Automatik (Seiko NH35A) als auch als Chronographen-Variante mit Quarz-Kaliber (Seiko Epson YM86).

Lunokhod in der Stratosphäre (2013)

Die Lunokhod 2-Modelle kommen – neben innenliegenden Super-Luminova-Indizes im Sandwich-Design – mit dem oben beschrieben Tritium als Leuchtquelle. Das Besondere: Die Tritium-Röhrchen sind senkrecht nach oben angeordnet – das sieht richtig genial aus und mir ist auch keine andere Uhrenmarke bekannt, welche die Tritium-Röhrchen in der Form anordnet. Die Tritium-Indizes auf 12-3-6-9 leuchten dabei zur besseren Unterscheidung grün, die anderen dazwischenliegenden gelb-orange.

Mit 49 mm Durchmesser (56 mm Horn-zu-Horn) ist die Vostok Europe Lunokhod 2 ein ziemlicher Brummer, das Gehäuse ist ein richtig massiver Klotz Stahl, was sich auch beim Gewicht bemerkbar macht (fast 200 Gramm am Silikonband; sowohl Quarz-Chronograph als auch Dreizeiger-Automatik teilen sich exakt dasselbe Gehäuse). Wie man den Wristshots unten entnehmen kann muss man nicht unbedingt der Vostok Europe-Markenbotschafter Marcin Tybura, Mixed Martial Arts UFC-Schwergewichtler sein, um die Lunokhod 2 tragen zu können (jup, die Wristshots unten sind von mir; und nein, ich betreibe keine Vollkontakt-Kampfsportart) – wer allzu dünne Spargelärmchen hat, sollte sich aber den Kauf des Modells sehr genau überlegen und ggf. kleinere Vostok Europe-Modelle in Betracht ziehen (z.B. die SSN-571, dazu gleich mehr).

Marcin Tybura

Auch die Gehäusehöhe ist mit 17,5 mm nicht ganz ohne – Vostok Europe nutzt den dadurch entstehenden, großzügigen Platz auf der linken Gehäuseflanke für eine Gravur der Seriennummer (limitiert, x von 3000 Stück) sowie ein Helium-Ventil.

Viele denken, dass ein Heliumventil eine Uhr per se wasserdichter macht. Das ist aber nicht wirklich korrekt bzw. gibt nur die halbe Wahrheit wider: Ein Heliumventil ist eine Art Sicherheitsventil, das typischerweise bei Taucheruhren zum Einsatz kommt und in Phasen des abnehmenden Druckes, also beim Auftauchen, für einen Druckausgleich sorgt. Oder anders gesagt: Wenn der Überdruck im Inneren der Uhr einen bestimmten Wert erreicht, so wird das Rückschlagventil an der Gehäuseflanke automatisch aktiviert, damit Helium aus dem Gehäuse entweichen kann. Der Druck wird dadurch automatisch ausgeglichen und ein Abplatzen des Glases verhindert. Wer gerne kocht, kennt dieses Prinzip wahrscheinlich – ein Schnellkochtopf macht im Wesentlichen nix anderes: Ist der Druck im Topf durch den Wasserdampf zu hoch, so entweicht durch das Rückschlagventil ein Teil des Dampfes.

Sportliches Detail: Das Helium-Ventil ist – genau wie die Schrauben zum schnellen Bandwechsel (dazu später mehr) – von einem roten Ring umrandet.

In der Vostok Europe Lunokhod 2 Chronograph tickt das Quarzwerk Seiko Epson YM86 mit Wochentags- und 24-Stunden-Anzeige. In der schlichteren Dreizeiger-Automatikvariante wiederum tickt das Automatikkaliber NH35A aus dem japanischen Hause Seiko TMI. Das NH35, im Hause Seiko auch bekannt als 4R35 (siehe z.B. Seiko Turtle), gilt als robuster und zuverlässiger „Traktor“, mit dem ich selbst schon ausführliche, jahrelange Erfahrungen machen konnte. An Bord sind 21600 bph, eine Stoßsicherung und ein Sekundenstopp bei gezogener Krone. Im Falle der Vostok Europe Lunokhod 2 ist das NH35A mit einer Ganggenauigkeit von +5,3 Sekunden pro Tag sehr gut (f)einreguliert.

Eckdaten Vostok Europe Lunokhod 2 (Automatik bzw. Quarz-Chronograph):*

  • Kaliber: Seiko NH35A Automatik (Dreizeiger-Variante) oder Seiko Epson YM86 (Chronograph)
  • Indizes: Tritiumgas-Röhrchen
  • Gehäusematerial: Edelstahl
  • Durchmesser: 49 mm
  • Höhe: 17,5 mm
  • Horn-zu-Horn: 56 mm
  • Bandanstoß 25 mm
  • Wasserdichtigkeit: 30 bar / 300 Meter
  • Glas: Gehärtetes K1 Mineralglas
  • Gewicht: ca. 190 Gramm (am Silikonband)
  • Inklusive Dry Box
  • Krone und Boden verschraubt
  • Preis: 719€ bzw. 814€

Vostok Europe SSN-​571 Nuclear Submarine Automatik Bronze

Das Modell SSN-571 ist eines der neueren Modelle von Vostok Europe und das erste, das nicht nach einer technologischen Entwicklung in der Sowjetunion benannt ist, sondern nach einer US-amerikanischen – konkret dem 1954 zu Wasser gebrachten, allerersten nukleargetriebenem U-Boot der Welt USS Nautilus SSN-571 (sorry, ich meine natürlich „Nukular! Das Wort heißt nukular!„)

Man darf diesen Schritt vermutlich so interpretieren, dass sich Vostok Europe noch weiter von den russischen Genen emanzipieren möchte. Auf jeden Fall mehr als gelungen ist der Gehäuseboden der Vostok Europe SSN-​571 Automatik Bronze – der beherbergt eine tiefe, reliefartige Gravur des U-Bootes SSN571.

Beim Design wurden einige Parallelen zum namensgebenden Atom-U-Boot SSN-571 gezogen. So entstand die Gestaltung der Zeiger in Anlehnung an die Bordinstrumente. Besonders ins Auge sticht auch das schicke, türkisfarbene Wellenmuster des Zifferblatt-Innenbereiches, der auch die Silhouette des U-Bootes SSN-571 beherbergt. Im Außenbereich verbindet eine Eisenbahnminuterie die feinen Tritiumgas-Röhrchen.

Des Weiteren wurde die Form des Uhrengehäuses der Hülle des Kernreaktors nachempfunden, der die Energie für den Antrieb und die Bordsysteme des namensgebenden U-Bootes bereitstellt – gut erkennbar an der hohen, griffigen Lünettenseite.

Bronze, eine Kupfer-Zinn-Legierung, als Gehäusematerial passt ebenfalls ganz hervorragend zum U-Boot-Thema: Kupferlegierungen finden beim Bau von seewasserführenden Rohrsystemen in der maritimen und Offshore-Industrie ein breites Anwendungsgebiet. Auch Taucherhelme wurden früher aus Bronze gefertigt.

Der Charme von Uhrengehäusen aus Bronze ist insbesondere, dass sich eine sogenannte Patina auf der Oberfläche bildet. Dieser z.B. durch Feuchtigkeit oder Hitze bedingte Alterungseffekt schützt die Bronze wie eine Haut vor weiterer Korrosion – und verleiht einer Uhr gleichzeitig eine sehr coole individuelle (Retro-)Optik.

Zum Einsatz kommen natürlich wieder die bekannten Röhrchen mit dem radioaktiven Betastrahler Tritium. Wie auch beim Modell Lunokhod 2 sind die Tritium-Röhrchen senkrecht auf den Stundenpositionen 1 bis 12 angeordnet.

Normalerweise ist die Entscheidung, was für ein Band man an eine Bronze-Uhr macht, ein No-Brainer – an einem schönen Lederband (optimalerweise im Vintage-Look) führt eigentlich kein Weg vorbei. Neben einem Lederband in derselben Farbe wie das Zifferblatt, liegt der Vostok Europe SSN-​571 Nuclear Submarine Automatik Bronze aber auch noch ein superflexibles und dadurch sehr angenehm zu tragendes, Allergiker-freundliches Silikonband bei, das optisch meiner Meinung nach mindestens genauso gut passt.

Mit dem beiliegenden Schraubendreher (oder alternativ einer 1 Cent-Münze) lässt sich das Band ratzfatz wechseln (gleich mehr zu den Bandwechseln bei Vostok Europe im Allgemeinen). Mit 46 mm Durchmesser und 15,6 mm Höhe ist die Vostok Europe SSN-571 Bronze ebenfalls nicht grade klein, im Vergleich zur Lunokhod 2 aber relativ human dimensioniert – zumal das Gehäuse nach oben hin zuläuft, wodurch der Lünettendurchmesser oben ca. 43 mm beträgt. Das Modell wirkt dadurch deutlich kleiner.

In der Vostok Europe SSN-​571 Nuclear Submarine Automatik Bronze tickt ebenfalls das Automatikkaliber NH35A von Seiko TMI – mit einer Ganggenauigkeit von ordentlichen +6,9 Sekunden pro Tag.

Eckdaten Vostok Europe SSN-​571 Nuclear Submarine (Ref. 571O609):*

  • Kaliber: Seiko NH35A Automatik
  • Indizes: Tritiumgas-Röhrchen
  • Gehäusematerial: Bronze
  • Durchmesser: 46 mm
  • Höhe: 15,6 mm
  • Horn-zu-Horn: 55 mm
  • Bandanstoß 22 mm
  • Wasserdichtigkeit: 30 bar / 300 Meter
  • Glas: Gehärtetes K1 Mineralglas
  • Gewicht: 150 Gramm (am Silikonband)
  • Inklusive Dry Box
  • Preis: 739€

Vostok Europe Uhren: Energia Rocket Automatik Power Reserve

Die für dieses Modell namensgebende Energia (auch: Energija, russisch Энергия) war eine sowjetische Trägerrakete, die entwickelt wurde, um schwere Nutzlasten wie Raumfähren in den Orbit zu kutschieren. Nachdem die Energia am 15. Mai 1987 erfolgreich getestet worden war, erfolgte am 15. November 1988 der erste und einzige Start mit der Raumfähre Buran 1.01 – der unbemannte Flug wurde nach zwei Erdumkreisungen erfolgreich mit einer automatischen Landung abgeschlossen.

Ein echter Blickfang beim Zifferblatt des Modells Vostok Europe Energia Rocket Automatik Power Reserve ist insbesondere das plastisch wirkende, konzentrische Muster, das sich ganz hervorragend mit den spitz zulaufenden, applizierten und mit Tritium-Röhrchen belegten Indizes ergänzt. Die graue Zifferblattfarbe hat außerdem ein paar schöne gelbe Farbakzente spendiert bekommen, die vom Minutenzeiger und der Lünette aufgegriffen werden.

Vostok Europe Energia am Lederband

Anhand des Modells Vostok Europe Energia Rocket möchte ich noch kurz den Bandwechsel demonstrieren, der ein charakteristisches optisches wie funktionales Merkmal vieler Vostok Europe-Modelle ist: Der übergroßen Box liegt ein kleiner Sechskantschraubendreher bei, mit dem man die verschraubten Stege lösen kann. Das funktioniert nicht nur tadellos, sondern ist – ohne zu übertreiben – die mit Abstand coolste Art ein Band zu wechseln, die mir bei einer Uhr bisher untergekommen ist. Auch optisch passt der Mechanismus ganz hervorragend zur martialischen Optik von Vostok Europe-Uhren.

Die Vostok Europe Energia Rocket Automatik Power Reserve ist mit 48 mm Durchmesser und 17 mm Höhe fast so groß wie das Modell Lunokhod 2. Wer also Spargelarme hat, sollte eher kleinere Vostok Europe-Modelle ins Auge fassen – 19 cm Handgelenkumfang sollten es für das Modell Energia Rocket schon mindestens sein.

Am Silikon- oder dem pflanzlich gegerbten Lederband aus einer kleinen italienischen Manufaktur ist der Tragekomfort trotz des Durchmessers in Ordnung. Optisch ungewöhnlich ist dabei die „Dreiteilung“ des Bandes am Anstoß.

Ziemlich beeindruckend ist das optional erhältliche Stahlband, das extrem massiv und haptisch ziemlich genial ist. In dieser Preisklasse sind solche tollen Stahlbänder alles andere als eine Selbstverständlichkeit – das Stahlband hat aber auch seinen Preis (und ich rede nicht von Euros): Dadurch, dass es 26 mm breit ist und sich auch nicht verjüngt, wiegt es alleine (also ohne „Uhrenkopf“) schon fast 200 Gramm – ungefähr so viel wie die Omega Seamaster 300m am Stahlband.

Auch ein Blogger weiß nicht immer alles – und so musste ich erst mal zum Innenleben der Vostok Europe Energie Rocket, das Seiko Epson YN84 mit Gangreserve- und 24-Stunden-Anzeige, recherchieren. Gefunden habe ich: Nicht wirklich viel. Der Hersteller ist aber kein unbekannter Name: Seiko Epson hat zwar mit der Seiko Watch Co., die man beispielsweise von beliebten Modellen wie der Seiko Turtle oder der Seiko 5 Sports Automatik kennt, offiziell keine direkte wirtschaftliche Verbindung, Seiko Epson ist aber das Mutterhaus hinter den überaus beliebten Uhren-Marken Orient und Orient Star. Und da Modelle von Orient (Star) als charakteristisches Merkmal häufig eine Gangreserveanzeige an Bord haben, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein für Vostok Europe umgebautes Orient-Kaliber aus der F6-Reihe handelt. Das bestätigt auch der Blick auf Eckdaten wie die Gangreserve (über 40 Stunden) und die Frequenz (21600 bph).

So oder so: Dass Vostok Europe quasi ein Orient-Kaliber nutzt, sind definitiv gute Nachrichten, denn die von Orient im eigenen Haus produzierten Werke gelten als robust, zuverlässig und langlebig. Mit einer Ganggenauigkeit von +6,7 Sekunden pro Tag ist das Kaliber außerdem mehr als ordentlich feinreguliert worden.

Eckdaten Vostok Europe Energia Rocket Automatik Power Reserve (Ref. YN84-​575A539):*

  • Kaliber: Seiko Epson YN84 Automatik
  • Indizes: Tritiumgas-Röhrchen
  • Gehäusematerial: Edelstahl
  • Durchmesser: 48 mm
  • Höhe: 17 mm
  • Horn-zu-Horn: 60 mm
  • Bandanstoß 26 mm
  • Wasserdichtigkeit: 30 bar / 300 Meter
  • Glas: Gehärtetes K1 Mineralglas
  • Gewicht: 170 Gramm (am Silikonband), das optional erhältliche Edelstahlband wiegt ca. 200 Gramm
  • Inklusive Dry Box
  • Preis: 819€

Vostok Europe Uhren – Fazit

Auffällig, extrovertiert, wuchtig und massiv sind sicherlich passende Verben, um Uhren von Vostok Europe zu umschreiben. Alles in allem hebt sich das Design stark von anderen Marken ab – man findet eigentlich nichts Vergleichbares. Und alles, was sich vom Uhren-Einheitsbrei abhebt, finde ich grundsätzlich mehr als begrüßenswert. Auch Haptik und Qualität passen zu den aufgerufenen Preisen. Den Claim watches for going to extremes nehme ich dem litauischen Hersteller definitiv ab (mit eigentlich unnötigen Abstrichen, dazu gleich mehr).

Sogar die Box passt zum Claim: Alle hier vorgestellten Vostok Europe-Modelle kommen in einer Box in stattlicher Größe und mit ordentlichem Gewicht – ehrlich gesagt war mein erster Gedanke, dass ich diese Art von Boxen mittlerweile schon bei vielen Herstellern gesehen habe. Ich bin außerdem ohnehin kein allzu großer Fan von extravaganten Boxen, da die Uhren selbst dadurch meiner Meinung nach nur unnötig verteuert werden und (wenn man mal ehrlich ist) Boxen doch ohnehin nur irgendwo in einer dunklen Ecke verstauben. Die Boxen der Vostok Europe-Uhren haben es mir aber dann doch angetan: Es handelt sich dabei nämlich um echte Dry Boxes bzw. Diving Boxes, also Hartschalenkoffer, die tatsächlich dank dem Einsatz professioneller Dichtungen wasserdicht und stoßfest sind. Das Innenleben (der Schaumstoff) lässt sich außerdem komplett entfernen, wodurch man die Box super zur staubfreien Aufbewahrung von Bändern und dergleichen nutzen kann. Prädikat: Saucool.

*Hinweis / Reklame
Seit mittlerweile fast 20 Jahren ist die P. Maier GmbH der zuverlässige Partner für litauische und russische Uhrenmarken. Das Unternehmen ist unter anderem der offizielle Vertreter der Marken Vostok Europe, Sturmanskie und Slava in Deutschland. Neben dem Vertrieb der Uhren, schätzen Kunden die P. Maier GmbH auch als Ansprechpartner für die Gewährleistung/Garantie, Ersatzteilbeschaffung sowie Sonderanfertigungen auf Wunsch.
Vostok Europe-Drybox

Abschließend sei aber auch etwas Kritik erlaubt: Vostok Europe setzt grundsätzlich nicht auf Saphirglas (was gängig ist in dieser Preisklasse), sondern auf ein durch Wärmebehandlung gehärtetes K1-Mineralglas. K1-Mineralglas ist mit einer Härte von ungefähr 7 Mohs zwar deutlich weniger empfänglich für Kratzer als „normales“ Mineralglas (ca. 4-5 Mohs), aber auch merkbar kratzempfindlich als Saphirglas (9 Mohs).

Vostok Europe hat sich dennoch bewusst für K1 Mineralglas entschieden, da dieses im Falle einer starken Krafteinwirkung in der Regel „nur“ Risse bekommt, während Saphirglas in etliche Mini-Splitter „zerkrümeln“ kann (hier ein Beispiel). Diese deutlich erhöhte Splitterbildung wiederum kann dann das Innere der Uhr schädigen. Wie Vostok Europe in Praxistests festgestellt hat, waren die Folgeschäden an Uhren bei Schlagtests mit K1-Mineralglas praktisch nicht vorhanden – neues Glas drauf, fertig. Gebrochenes Saphirglas hingegen sorgte häufig für eine komplette Überholung des Uhrwerkes und ggf. Ersatz des Zifferblattes (was aufgrund der GTLS-Technologie auch nicht grade ein Pappenstiel ist).

So einleuchtend und absolut korrekt die Gründe auch sind – als Bürotäter komme ich höchstselten in eine Situation, in der ich meine Uhr so krass irgendwo gegen schlage, dass ein Uhrenglas bricht (okay, vielleicht nach der Weihnachtsfeier) – ein Saphirglas bringt für mich persönlich daher in aller Regel den höheren praktischen Nutzen (denn ich bin eine kleine PTM und hasse Kratzer auf meinen Uhren 😉 ).

Auf meinem Wunschzettel für zukünftige Modelle stehen auch etwas kleinere Uhrengrößen: Zwar werden die auf dem Papier ziemlich krassen Durchmesser von bis zu 49 mm durch die spezielle Form der Hörner und die sehr komfortablen Bänder etwas relativiert, dennoch sollte man definitiv keine dünnen Ärmchen haben, wenn man ein Modell von Vostok Europe tragen möchte.

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Auch über Kommentare freue ich mich immer sehr (Kommentare werden einzeln, in der Regel innerhalb kurzer Zeit, geprüft und freigeschaltet). Vielen Dank!

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Christoph Häusler

    Gewohnt gut recherchiert und geschrieben, Mario. Das „Volkskaliber“ NH35 einschalen scheint in Begleitung eines USP beim Gehäusedesign durchaus erfolgversprechend zu sein, wie Vostok Europe zeigt. Nachdem mir als Nicht-Atomphysiker über die Verlinkungen zur Tritiumherstellung die Sorge genommen wurde, dass mir nicht das Handgelenkt durchbrät, eine Frage auch in Richtung Nachhaltigkeit: können die Röhrchen einigermaßen wirtschaftlich getauscht werden oder bleibt die Uhr nach 10 Jahren dem Tageslichtgebrauch vorbehalten?

  2. Madlen

    Nach 20 Jahren ohne Armbanduhr bin ich durch einen glücklichen Zufall auf die Marke Vostok Europe gestoßen und habe mich für den Kauf einer Undine Chrono entschieden. Diese Entscheidung habe ich nicht bereut. Zum Glück liegt die Schönheit immer im Auge des Betrachters und jeder, der sich ein eigenes Bild machen will, wird das erkennen. Auf jeden Fall lohnt sich ein Blick auf das Angebot von P. Maier in Heidenheim.

  3. Olaf Müller

    Es ist schon bemerkenswert, wie genau dieser sehr gut geschriebene Artikel
    gelesen wird. An mehren Stellen wird auf die Herkunft der VostokEurope-Uhren
    hingewiesen, nämlich Vilnius in LITAUEN. Es gibt keinerlei Verbindung zu VOSTOK-Russland.
    Auch das wird mehrfach betont.
    Ich besitze mittlerweile sechs VostokEurope Uhren (3 Automatik- und 3 Quarzkaliber) und bin jeden Tag
    aufs neue begeistert. VostokEurope bedient mit ihren Serien verschiedene Zielgruppen.
    Während die Modelle der GAZ-14 Limousine Kollektion als Dressuhren zu bezeichnen sind, stehen die anderen Serien
    für den robusten Einsatz als Taucher-, Flieger- und Sportuhren.

  4. Rolf

    Was für hässliche, total überdimensionierte teure „Klopper“. Da lob ich mir doch meine Original Vostok Amphibia „Reef“ (Automatik mit GMT Anzeige und Datum, 20 ATM, perforiertes blaues Lederband) für 175,00 € von vostok-watches24.com .

  5. Frank T aus MZ

    Danke für die Vorstellung, Mario! Russische Uhren besitzen einen eigenen Charme. Zu den gezeigten VOSTOK-Modellen, Top: H3 Tritiumröhrchen by mb-microtec (CH). Flop: Die Größe steht in keinem funktionellen Verhältnis zur Druckbeständigkeit oder der Größe der erbsengroßen Uhrwerke. Neutral: Dieses K1-Mineralglas kannte ich bis dato nicht. Wenn es von der Härte tatsächlich zwischen Mineral- und Saphirglas liegt und dabei einen Vorteil ggü. Saphirglas bietet, okay…

  6. Martin Beck

    Sehr interessanter Artikel Mario, kannte russische Uhren bisher nicht so genau, evtl schaue ich mir das Energia Modell bei P.Maieral an, er ist nicht weit von mir entfernt

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