Field Watch Infranterie Uhren

Field Watch und Infanterie-Uhr von gestern bis heute

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Uhren, die unter der Bezeichnung „Field Watch“ angeboten werden, gibt es heutzutage wie Sand am Meer, da der Begriff nicht geschützt ist. Das kann schnell für Verwirrungen sorgen. Korrekterweise ist die Field Watch eine Militäruhr, welche (im Unterschied zu militärischen Taucher- und Fliegeruhren) von Infanterie-Soldaten (Heer, Bodentruppen) getragen wird. Aufgrund perfekter Ablesbarkeit und eines zeitlosen, schnörkellosen Designs sind Field Watches heute auch bei Otto-Normal-Verbrauchern überaus beliebt.

Zu beachten ist allerdings, dass die Grundlage für „echte“, d.h. im Kampfeinsatz getragene, Field Watches spezielle Anforderungskataloge der Regierung waren (und teilweise sind). Man spricht auch von sogenannten Mil-Specs, welche Optik und Technik maßgeblich prägen.

Dieser Artikel zeigt, welche Field Watches aus historischer Sicht besonders bedeutungsvoll waren und welche Besonderheiten (Technik und Design) diese aufweisen. Besonders spannend ist dabei, dass viele aktuell erhältliche Uhren-Modelle auf einer Field Watch basieren und damit eine „echte“ historische Grundlage haben (Re-Issue-Uhr)…

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Definition einer historischen Field Watch

Obwohl ich Anglizismen eigentlich nicht besonders mag, trifft es der Begriff Field Watch ziemlich gut (jedenfalls besser als „Felduhren“ 😉 ): Die Field Watch wird und wurde von Infanterie-Soldaten und sonstigen Bodentruppen (Gebirgs-, Fallschirm-, Panzerjäger, Panzergrenadiere etc.) „im Feld“, d.h. im Kampfeinsatz am Boden unter rauen Bedingungen, getragen. Field Watches sind demnach von militärischen Flieger- und Taucheruhren abzugrenzen (wie beispielsweise die Rolex „MilSub“ oder die Glycine Airman Fliegeruhr).

Hin und wieder trifft man auch auf die Begriffe „General Purpose Watch“ (Uhr für allgemeine Zwecke) oder „Military Issued“ (sinngemäß „ausgestellt für militärische Zwecke“).

Nato Irak

Unter den ruppigen Bedingungen, unter denen Infanterie-Soldaten tätig sind und waren muss eine Uhr, als Grundlage für zeitlich koordinierte Aktionen, einfach bzw. schnell ablesbar sein und eine hohe Robustheit mitbringen. Eine Field Watch ist quasi der Stereotyp einer Uhr, die auf pure Funktionalität gebürstet wurde. Ein Arbeitspferd ohne Schnickschnack.

Bild: Hamilton

Gleichzeitig handelt es sich bei historischen Field Watches in der Regel um absolute Massenware, die entsprechend günstig sein musste. Eine regelmäßige Wartung von Field Watches war nicht zwangsläufig vorgesehen. Kurz gesagt waren frühe Field Watches häufig Wegwerfartikel. Kein Wunder, denn Krieg ist nun mal teuer und obwohl Armbanduhren ein wichtiges Utensil im Kampfeinsatz waren, so waren funktionierende und ausreichend vorhandene Schusswaffen und dergleichen natürlich ungleich wichtiger.

Um die Entstehung von Field Watches zu verstehen, graben wir noch etwas tiefer…

Field Watch auf Basis von Mil-Spec

Die Verteidigungsministerien dieser Welt tüfteln für jeden einzelnen Ausrüstungsgegenstand, der im Einsatz von Armeen wie der US Army, British Army, Bundeswehr etc. genutzt werden soll, umfangreiche Anforderungskataloge bzw. Lastenhefte aus. Es handelt sich dabei um sogenannte militärische Spezifikationen (engl. Military Specification; kurz Mil-Spec).

Das ist ja auch irgendwo logisch: Die Regierung will ja wissen, was sie für ihr Geld bekommt und der Hersteller muss wissen, was er eigentlich produzieren soll. Ein rosa Panzer mit montierter 1-Liter-Super Soaker beispielsweise wäre wahrscheinlich nicht im Sinne des Militärs (wenngleich in vielen Krisengebieten durchaus erstrebenswert).

Staatliche Hersteller von Rüstungsgütern und/oder Unternehmen aus der Privatwirtschaft können sich diese Anforderungen dann anschauen und ihrerseits ein Angebot abgeben. Die Regierung wählt dann einen Anbieter aus. Oftmals werden auch Aufträge mehrfach vergeben. So haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mehrere Uhrenhersteller den Auftrag für dieselbe Field Watch bekommen. Gründe dafür können beispielsweise die Risikominimierung sein (wenn ein Lieferant ausfällt, können die anderen die Lücke füllen) oder auch einfach Kapazitätsbegrenzungen (es werden 100.000 Uhren pro Jahr benötigt, ein Hersteller schafft aber nur 30.000 Stück pro Jahr). Bei modernen Field Watches ist es außerdem gängig, dass diese eine Nato-Lagernummer, die sogenannte 13-stellige Nato Stock Number (NSN) bekommen.

Ein wichtiger Aspekt ist, dass historische Field Watches deutlich mehr aushalten mussten als Uhren, die damals (!) für Zivilisten erhältlich waren (man denke nur an Temperaturschwankungen, extreme Luftfeuchtigkeit, Sand, Staub, Stöße etc.).

Heute ist das anders: Eine moderne Casio G-Shock, die jeder für unter 100€ bei Amazon & Co. kaufen kann, schafft heute problemlos militärischen Anforderungen zu genügen. Aus diesem Grund ist es daher heutzutage auch üblich, dass Soldaten ihre Uhren für den Kampfeinsatz privat anschaffen und nicht mehr wie früher gestellt bekommen (dazu später mehr).

Casio-G-Shock-GA-100
Casio G-Shock GA-100 – eine günstige, für Zivilisten erhältliche Uhr, die problemlos militärischen Standards genügt

Das Bundeswehr-Desaster, das Sturmgewehr Heckler & Koch G36, ist ein gutes Beispiel dafür, wie trotz eines umfangreichen Anforderungskataloges ein wenig brauchbares Produkt entstehen kann.

Natürlich ist der Anforderungskatalog einer Armbanduhr längst nicht so lang und komplex wie der eines Sturmgewehrs oder dergleichen. Und dennoch haben Uhrenhersteller in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich genau diktiert bekommen, wie die gewünschte Field Watch auszusehen hat. Die geforderten Eckdaten sind dabei zu 100% auf pure Funktionalität ausgerichtet – schauen wir uns diese etwas genauer an…

Bild: Hamilton

Das Zifferblatt einer Field Watch

Eine Mil-Spec gibt in der Regel das exakte Design des Zifferblattes vor. Von Mil-Spec zu Mil-Spec gibt es hier einige Unterschiede (dazu gleich mehr), alle Designs haben aber gemeinsam, dass sie auf das Nötigste reduziert und minimalistisch sind, um eine eine perfekte Ablesbarkeit zu gewährleisten.

Bild: Hamilton

Knallig-leuchtende Neon-Farbtöne für Zifferblatt & Co. kommen im Kampfeinsatz meistens weniger gut. Die dominierende Zifferblatt-Farbe ist logischerweise schwarz. In der Regel gibt es auch Vorgaben hinsichtlich der Ablesbarkeit im Dunkeln (Radium, später Tritium, gefolgt von Super-Luminova auf Zeigern und Indizes).

Ein oftmals vorzufindendes, charakteristisches Merkmal für das Zifferblatt einer Field Watch (ab dem Vietnamkrieg) ist außerdem ein Innenring, der mit den Ziffern 1 bis 24 beschriftet ist. Das wirkt etwas befremdlich – in Deutschland wissen fast schon Kinder, dass beispielsweise 4 Uhr Nachmittags gleich 16 Uhr ist. Menschen aus anderen Kulturkreisen sind es allerdings oftmals gewohnt einfach nur von „4 Uhr“ zu reden, egal ob Nachts oder Nachmittags (in den USA beispielsweise 4 am vs. 4 pm). Im US-Militärjargon ist allerdings die Rede von 1600 (Sixteen Hundred). Der Innenring soll entsprechend den Soldaten als Hilfestellung dienen, um die Zeit richtig zu „übersetzen“.

Bild: Hamilton

Das Gehäuse einer Field Watch

Mil-Specs für Field Watches enthalten häufig die folgenden Vorgaben für die Gehäuse:

  • Die Oberflächenbeschaffenheit des Gehäuses: In aller Regel werden matt-stumpfe Gehäuse bevorzugt. Polierte bzw. glänzende Gehäuse würden Reflexionen verursachen, die dem Feind die Position des Soldaten verraten. Durch eine sogenannte Passivierungsschicht sind mattierte Field Watches außerdem unempfindlicher gegenüber Umweltbedingungen wie Luftfeuchtigkeit (Vermeidung von Korrosion).
  • Die Größe: Die Gehäusedurchmesser historischer Field Watches sind in der Regel ziemlich klein (ca. 31 bis 35 mm). Heute erhältliche Field Watches (z.B. Re-Issues) kommen aber häufig in modernen, größeren Durchmessern.
  • das Gehäusematerial: Häufig Edelstahl, manchmal auch chrom-beschichtetes Messing. Auch Kunststoff kam damals aus Kostengründen zum Einsatz.
  • die Wasserdichtigkeit: Aus Kostengründen wurden bei diesem Punkt bei Field Watches häufig Abstriche gemacht. Spezielle Dichtungen, Wasserdichtigkeitstests etc. können schließlich bei den x-Tausendfach produzierten Field Watches schnell ins Geld gehen. Bei Bodentruppen war ein Schutz vor Spritzwasser in der Regel ausreichend.
Marathon GPM – mit 34 mm Durchmesser ziemlich klein, Bild: Marathon

Sonstige Eckdaten einer Field Watch

Mil-Specs enthalten darüber hinaus oftmals Anforderungen hinsichtlich…

  • … der Widerstandsfähigkeit gegenüber Erschütterungen,
  • Ganggenauigkeits-Toleranzen des Uhrwerks und
  • … Sekundenstopp ja/nein (sogenannte „Hacking„-Funktion, damit die Soldaten im Feld ihre Uhren einfach synchronisieren konnten – heute Standard bei fast allen mechanischen Uhrwerken).

Abgerundet wird eine Fieldwatch in aller Regel von einem schlichten, gravierten Gehäuseboden, der Eckdaten wie beispielsweise die Seriennummer oder das Produktionsdatum enthält:

Bild: Brandon Cripps, CC BY-NC-SA 2.0 via flickr.com
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Bedeutende Field Watch-Modelle und Erläuterungen zu den Mil-Specs

Erster Weltkrieg: Trench Watch (US Army)

Die US Army-Trench Watch (Trench = engl. für Schützengraben) gilt als eine der allerersten, von Bodentruppen am Handgelenk getragenen Uhren überhaupt. Hersteller waren die US-amerikanischen Uhren-Hersteller Waltham und Elgin. Spannend: Die ersten Trench Watches waren im Prinzip einfach nur umgebaute Taschenuhren, an deren Gehäuse Bögen drangelötet wurden, um ein Lederband montieren zu können. Viele offizielle Trench Watches kamen mit einem Emaille-beschichteten Zifferblatt, Radium-Leuchtmasse auf den Zeigern und den übergroßen Ziffern, kleiner Sekunde (zum Zwecke der Synchronisation unter den Soldaten), einer griffigen zwiebelförmigen Krone und einem Gehäuse aus Nickel oder Silber.

Viele heute tätige Uhrenhersteller greifen das zeitlose Trench Watch-Design auf, darunter Tourby aus Hagen (z.B. das Modell Old Military Vintage Enamel 45). Einen echten historischen Hintergrund hat aber keines dieser Modelle (Waltham und Elgin existieren heute nicht mehr).

Tourby Old Military Vintage Enamel 45, Bild: Tourby

Zweiter Weltkrieg: DH-Uhren (Wehrmacht)

Deutsche Uhren im Zweiten Weltkrieg – da denkt man als Uhrenfreund reflexartig an die berühmten Beobachtungsuhren von Laco & Co. oder auch Fliegerchronographen von Hanhart bzw. Tutima.

Deutlich weniger bekannt sind die Field Watches, die von den Bodentruppen der Wehrmacht getragen wurden – diese sind auch bekannt unter dem Namen DH-Uhren – abgeleitet von der typischen Gehäuseboden-Gravur „D [Seriennummer] H“ (DH für „Dienstuhr Heer“). Dienstuhren, die nur mit „D“ vor der Gehäusenummer markiert wurden, waren der Luftwaffe zugeordnet.

Jeder Soldat, der aufgrund seiner militärischen Tätigkeit über genaue Zeitangaben verfügen musste (zum Beispiel Funker) konnte die DH-Uhr kostenlos bekommen. Aber auch alle anderen Soldaten konnten die Uhr käuflich erwerben.

Die DH-Uhren wurden auf Basis exakter Vorgaben der Heeresleitung von Herstellern wie Arsa, Büren, Helvetia, Helios, Helbros, Grana, Longines Moeris, Minerva, Mimo, Recta, Record, Stabila, Titus, und Zenith gebaut. Verrückt: Gleichzeitig bauten die neutralen Schweizer aus dieser Aufzählung (z.B. Longines) auch Uhren für die Alliierten.

Charakteristisch für die deutschen DH-Uhren waren kleine Durchmesser (34 mm), schwarze oder weiße Zifferblätter, Kunststoffgläser und Gehäuse aus Edelstahl oder verchromtem Messing. Die DH-Uhren hatten große Ähnlichkeit mit den Dirty Dozen W.W.W.-Uhren der British Army (dazu gleich mehr).

Als Antrieb diente häufig das sogenannte Wehrmachtskaliber AS 1130 des Werkeherstellers Anton Schild in Grenchen. Aber auch Manufakturkaliber der jeweiligen Hersteller kamen zum Einsatz.

Ein heute besonders seltenes und unter Vintage-Sammlern sehr gesuchtes Modell kam damals von Lange & Söhne: Der in Glashütte ansässige Hersteller musste auf Bestellung des SS-Führungshauptamt in Berlin-Wilmersdorf hin eine satte 65 mm große Sonderanfertigung einer Beobachtungsuhr für die Artillerie-Truppen der Waffen-SS produzieren: Ab März 1941 sollten 10 Uhren pro Monat hergestellt werden und an die sogenannten Messbatterien („M-B“) geliefert werden. Eine Messbatterie hatte die Aufgabe feindliche Artillerie durch Schall und Mündungsfeuer aufzuklären, die Uhr diente zur Unterstützung der Berechnung. Das Besondere an der Uhr: Für fotografische Auswertungen sollten die Sekundenziffern in Spiegelschrift aufgebracht werden.

Artillerieuhr Waffen-SS-Uhr WW2
Waffen-SS-Uhr im Uhrenmuseum Glashütte

Zweiter Weltkrieg: Dirty Dozen W.W.W. Field Watch (British Army)

Die heute als „Dirty Dozen“ bekannten Uhren, welche die British Army während des Zweiten Weltkrieges orderte, gehören heute zu den begehrteren „General Service“ Vintage-Field Watches aus der Zeit. Der unter Sammlern bekannte Name rührt allerdings nicht etwa vom gleichnamigen Kriegsfilm her, sondern von immerhin zwölf (!) Uhrenherstellern, welche insgesamt rund 150.000 Stück für das britische Militär produziert haben. Namentlich: Buren, Cyma, Eterna, Grana, Jaeger Le-Coultre, Lemania, Longines, IWC, Omega, Record, Timor und Vertex. Wie der Tabelle unten entnommen werden kann, kamen die meisten Uhren von Cyma, Omega und Record und nur sehr wenige beispielsweise von Grana (entsprechend schwierig sind diese teilweise auch auf dem Vintage-Markt zu bekommen).

Bild: Timor

Spannend: Gerüchten zu Folge gab es noch einen Dreizehnten Uhrenhersteller, der mit der Belieferung beauftragt wurde: Enicar. Als die Briten aber rausgefunden haben, dass Enicar auch die deutsche Wehrmacht beliefert, wurde dieser kurzerhand ausgelistet. Dieser Logik folgend hätten allerdings auch beispielsweise Longines und Grana ausgelistet werden müssen, da die beiden Hersteller DH-Field Watches an die Wehrmacht lieferten (siehe oben). Hmm!

Quelle: Konrad Knirim

Das britische Ministry of Defense stellte die folgenden Anforderungen an die „Dirty Dozen“:

  • Schwarzes Zifferblatt mit arabischen Ziffern, kleiner Sekunde und Eisenbahnminuterie
  • Leuchtende Stunden- und Minutenzeiger und Stundenindizes
  • Mechanisches Kaliber mit 15 Steinen, regulierbar auf Chronometer-Genauigkeit
  • Bruchsicheres Acryl-Glas
  • Gehäuse wasserdicht und stoßsicher
Original Timor Vintage-Dirty Dozen-Field Watch, Bild: Timor

Die zwölf genannten Hersteller hatten bei der Umsetzung der Anforderungen gewisse Freiheiten, weshalb sich zum Beispiel die Zeigersätze stark unterscheiden: die Longines-Variante beispielsweise kam mit Kathedralzeigern, die Omega mit Schwertzeigern.

Auch die Durchmesser unterscheiden sich recht stark: Die Dirty Dozen-Field Watch von IWC kam mit 35mm Durchmesser (auch genannt „Mark X“), die Longines hat 38mm. Die Longines Dirty Dozen-Uhr ist daher heute auch besonders gesucht, da der Durchmesser für das durchschnittliche Herrenhandgelenk auch heute noch ganz gut tragbar ist. Es kamen sowohl Gehäuse aus chrombeschichtetem Messing als auch aus Edelstahl zum Einsatz.

Weitere charakteristische Merkmale der Dirty Dozen-Field Watch ist eine W.W.W.-Gravur auf dem Gehäuseboden (Watch, Wristlet, Waterproof) und der britische „Broad Arrow“ auf Gehäuseboden und Zifferblatt, einem pfeilartigen Symbol, welches genutzt wurde, um Staats-Eigentum zu markieren.

Originalgetreue Dirty Dozen-Field Watches sind heute bei Vertex (40 mm Durchmesser, ETA 7001 Handaufzug, ab 2500 Pfund) und Timor (mit ziemlich winzigem 36 mm-Durchmesser, Sellita SW260 Automatik oder SW216 Handaufzug, 910 Pfund) erhältlich.

Zweiter Weltkrieg: Seikosha / Seiko Field Watch

WWII-Militäruhren aus Japan sind in hiesigen Gefilden selbst unter hartgesottenen Uhrenfreunden kaum bekannt – das gilt selbst für „krasse“ Uhren wie die Seikosha „Kamikaze“-Militäruhr, die von japanischen Selbstmordpiloten getragen wurde.

Kamikaze-Watch-Seikosha-Uhr
Seikosha „Kamikaze“-Fliegeruhr, Bild: Phillips

Natürlich kamen aber auch japanische Bodentruppen im Zweiten Weltkrieg nicht ohne zuverlässigen Zeitmesser aus: Die Kaiserlich Japanische Armee orderte damals bei Seikosha (dem Vorgänger von Seiko) funktionale Uhren mit kleiner Sekunde, Chrom-beschichtetem Messinggehäuse und großen, schwarzen arabischen Ziffern auf weißem Blatt.

Spannend: Nicht nur Bodentruppen haben die Uhr bekommen, sondern auch die Marine und die Luftwaffe – die jeweiligen Modelle hatten einen Stern (Bodentruppen), einen Anker (Marine) oder eine Kirschblüte (Luftwaffe) auf dem Zifferblatt.

Man beachte: Heute erhältliche Field Watches von Seiko wie die SNK805K2 oder die SNK803 orientieren sich eher an den Field Watches der US Army (was nicht verwundert, da das Design der Seikosha Field Watch doch eher speziell ist).

Schon deutlich bekannter als die WW2-Field Watch aus Japan ist die Seiko Turtle, die in Form der Seiko 6105 vom US-Militär (!) aufgrund außerordentlicher Robustheit und der sehr guter Wasserdichtigkeit (150m) an Spezialeinheiten wie zum Beispiel die während des Vietnamkrieges gegründeten Navy SEALs ausgegeben wurde.

Post-WWII: Smiths W10 (British Army)

Der ehemalige britische Uhrenhersteller Smiths durfte zwischen den 50er und 70er Jahren eine Reihe von Militäruhren für die Infanterie-Einheiten der British Army produzieren. Sicherlich hilfreich bei der Bewerbung auf den Regierungskontrakt war dabei die Bekanntheit, die Smiths als fester Bestandteil der ersten erfolgreichen Mount Everest-Expedition 1953 erlangte (neben der Rolex Explorer I).

Die W10-Hommage des neuen Markeneigentümers Timefactors (Smiths PRS-29) von orientiert sich sehr nah an der Smiths W10 und kommt mit ETA2801 Handaufzugswerk, Saphirglas und eher kleinen 36 mm Durchmesser, Bild: Timefactors

Die bekannteste Field Watch von Smiths ist dabei das Modell W10 (Nato Stock Number NSN 6645-99-96-4045), welches sogar mit einem in England gebauten mechanischen Smiths-Manufakturkaliber (60466E) mit Hacking-Funktion kam. Mit 35 mm war das Gehäuse eher klein. Charakteristisch ist auch hier wieder der „Broad Arrow“ auf dem Zifferblatt.

Explosionszeichnung des Smiths-Manufakturkalibers 60466E

Vietnamkrieg: Timex, Hamilton & Co. Field Watch (US Army)

Auf Basis der Mil-Spec MIL-W-3818B des US-Verteidigungsministeriums (bzw. der fast identischen GG-W-113 der General Services Administration (GSA)) entstanden im Jahre 1962 Field Watches unter der Bezeichnung DTU-2A/P. Die Uhren-Hersteller Hamilton, Benrus, Timex und Bulova sicherten sich damals den lukrativen Regierungsauftrag.

Die Mil-Spec enthält unter anderem die Anforderung, dass die Field Watch zwei Jahre ohne Service-Arbeiten im Einsatz durchhalten muss. Die Mil-Spec legte darüber hinaus bis auf kleinste Detail das Design der Field Watch fest, d.h. wirklich jeden Winkel und Abstand auf Ziffernblatt, Zeiger etc.

MIL-Spec W-3818B Zeiger
Zeiger in der MIL-W-3818B
Mil-Spec W-3818B Ziffernblatt
Ziffernblatt der MIL-W-3818B

Hier einige weitere spannende Anforderungen aus der Mil-Spec W-3818B:

  • Als Leuchtmasse musste das radioaktive Tritium (H3) eingesetzt werden
  • Die Uhr musste bis zu einem Abstand von rund 30 cm vom Auge problemlos ablesbar sein (das entspricht einem leicht angewinkelten Arm)
  • Die Gangreserve des mechanischen Uhrwerkes musste mindestens 36 Stunden betragen, die Ganggenauigkeit musste zwischen -30 und +30 Sekunden betragen (bei einer Referenztemperatur von -19 bis +24 Grad Celsius) – effektiv kam beispielsweise das ETA-Kaliber 2750 zum Einsatz
  • Sekundenstopp bei gezogener Krone („Hacking Movement“)
  • Alle Zeiger waren aus demselben Material wie Messing-Patronen
  • Glas aus „Copolymer Plastic“ (Kunststoffglas)
  • Widerstandsfähigkeit gegenüber Vibrationen und magnetischen Einflüssen
  • Die Uhren mussten einen Sturz aus 1,2 Meter Höhe auf einen Holzblock überstehen
  • 34 mm Gehäuse, Bandanstoß rund 18 mm

Die gesamte original Mil-Spec W-3818B ist hier als PDF abrufbar.

Spannend: Zwei Jahre nach der Mil-Spec W-3818B folgte eine massive Abwandlung in Form der Low-Budget-Mil-Spec MIL-W-46374 – kein Zufall: Im Jahre 1964 traten die USA aktiv in den Vietnamkrieg ein, weshalb die Kosten gesenkt werden mussten (Krieg ist schließlich nicht ganz günstig). So wurden die Uhren auf Basis der Mil-Spec MIL-W-46374 als „Wegwerf“-Uhren konstruiert – auf dem Gehäuseboden heißt es nur nüchtern: „U.S. Wrist Watch (Non-Maintainable). Die Gehäuse waren entsprechend versiegelt, d.h. man konnte nur über die Vorderseite an das Werk kommen (was nicht weiter schlimm war, da die Uhren ohnehin nicht dazu gedacht waren repariert zu werden).

Gespart wurde unter anderem bei den Gehäusen (es kamen überwiegend Kunststoffgehäuse zum Einsatz, die so gut wie gar nicht gegenüber Wassereintritt abgedichtet waren) und bei den mechanischen Uhrwerken (die Toleranz der Ganggenauigkeit wurde deutlich vergrößert und es gab keinen Sekundenstopp (Hacking)).

Die Billig-Uhren auf Basis der Mil-Spec MIL-W-46374 wurden bis in die späten 80er Jahre von Benrus, Belforte, Westclox, Hamilton, Timex, und Stocker and Yale produziert. Der Gehäuseboden der Field Watch kam mit Informationen wie einer Lagernummer (federal stock number), Vertragsnummer (contract number), Herstellungsmonat und -jahr und Seriennummer.

MIL-W-3818B Gehäuseboden
Gehäuseboden gemäß Mil-Spec MIL-W-3818B

Unter der Referenznummer H69439931 verkauft der ehemals US-amerikanische, heute zur Schweizer Swatch Group gehörige Uhrenhersteller Hamilton eine originalgetreue Field Watch auf Basis der Mil-Spec MIL-W-3818B. Das Gehäuse ist gegenüber der Vorlage allerdings mit 38 mm etwas größer und es wird Saphirglas verbaut. Unter der Referenz H69439511 gibt es auch eine weiße Variante, unter der Referenz H69409930 eine schwarze.

Übrigens: Timex ist mit dem Low Budget-Quarzer Expedition Scout optisch recht nah dran an der MIL-W-3818B. Noch näher dran ist die Timex MK1 Military Reissue

Moderne, analoge Field Watch (u.a. Afghanistan): CWC G10 (British Army)

CWC (Cabot Watch Company, benannt nach dem Entdecker John Cabot) wurde im Jahre 1972 vom ehemaligen Hamilton CEO Ray Mellor gegründet. Mellor blickt dabei auf eigene Militärerfahrungen zurück – er war im Zweiten Weltkrieg bei der Handelsmarine tätig und schipperte britische Truppen über die Weltmeere.

Mit der Field Watch CWC W10 und insbesondere mit dem Nachfolger, der CWC G10, konnte Mellor einen beachtlichen Erfolg feiern: Nur wenige Jahre nach der Gründung, im Jahre 1980, ersetzte er mit CWC den vorherigen, alteingesessenen Lieferanten Hamilton. Bis 2008, also für fast 30 Jahre, wurden insgesamt über 200.000 Stück der CWC G10 an die British Army ausgeliefert. Allein im Golfkrieg (1991) wurden 20.000 Stück ausgeliefert.

Seit 1990 ist die CWC G10 auch für Zivilisten käuflich erwerbbar – damals wie heute kommt die Field Watch mit einem Quarzwerk (ETA 955.102), einem matten, eher kleinen Gehäuse (36,5 mm Durchmesser), 5 atm Wasserdichtigkeit und einem Deckglas aus Acryl. Anstelle Tritium kommt allerdings Super-Luminova zum Einsatz. Der Gehäuseboden enthält u.a. den „Broad Arrow“ und die offizielle NATO-Lagernummer (NATO Stock Number, NSN). Preispunkt: Faire 219 Britische Pfund, direkt auf cwcwatch.com.

Moderne ana-digi Field Watch (Afghanistan): Boccia 728 (Bundeswehr)

Die Boccia 728 mit analoger und unabhängig einstellbarer digitaler LCD-Anzeige und Titangehäuse ist die letzte Uhr, die in größeren Mengen an das Heer der Bundeswehr und die Elitetruppe der Kommando Spezialkräfte (KSK) geliefert wurden (jeweils in leicht unterschiedlichen Varianten). Immerhin rund 16.000 Stück wurden von Boccia, der Low-Budget-Marke von Tutima Glashütte, an die Bundeswehr für den Einsatz in Afghanistan (Nato-Mission ISAF) geliefert.

Ausgemusterte Original-Uhren der Boccia 728-07 sind relativ günstig für unter 300€ bei den bekannten Gebrauchtwaren-Shops wie beispielsweise ebay Kleinanzeigen zu bekommen…

Marathon Field Watch MIL-PRF-46374 (US Army, u.a.)

Marathon Watches ist auf hiesigen Märkten leider absolut unterrepräsentiert – Händler gibt es kaum. Das ist schade, denn Marathon ist im Bereich Militäruhren ein echter alter Hase und schon seit 1941 in diesem Bereich aktiv. Marathon Watch ist bis heute familiengeführt (in der vierten Generation), die Produktion findet im Schweizer La Chaux-de-Fonds statt.

Marathon ist unter Freunden von Militäruhren u.a. für die „General Purpose“-Field Watch bekannt, welche lange Zeit die offizielle Field Watch der US Army war. Die offizielle Versorgungsnummer (Nato Stock Number, NSN 6645-01-364-4042) ist auf dem Gehäuseboden eingraviert, die dazugehörige Militär-Spezifikation heißt MIL-PRF-46374.

Bild: Marathon

Charakteristisch ist insbesondere das asymmetrische Kunststoff-Gehäuse, welches gleichzeitig für den Schutz der Krone sorgt. Erwähnenswert ist auch, dass Zeiger und Stundenindizes mit Tritiumgas-Glasröhrchen besetzt sind, die permanent, d.h. ohne Aufladung durch Sonnenlicht, leuchten.

Bild: Marathon

In der Marathon General Purpose Field Watch (GPQ) tickt das nicht allzu häufig anzutreffende Schweizer Quarz-Werk ETA F06 mit „End of Life“-Indikator. Mit dem Modell General Purpose Mechanical (GPM) ist auch eine mechanische Variante mit dem japanischen Kaliber Seiko NH35 erhältlich.

Marathon-6645-01-364-4042
Bild: Marathon

Die Marathon Field Watch ist auch für Zivilisten und Schreibtischtäter erhältlich – für 250 US-Dollar für die Tritium-Variante (man beachte, dass 19% Einfuhrumsatzsteuer hinzukommen, da der Versand aus Kanada erfolgt). Hin und wieder gibt es auch Angebote für Marathon-Uhren auf Amazon Deutschland.

Und heute?

Heutzutage werden Field Watches nur noch selten an Infanterie-Soldaten ausgegeben. Vielmehr tragen „einfache“ Soldaten seit dem Irak- und dem Afghanistan-Krieg in aller Regel ihre privaten Uhren – beliebt sind dabei günstige Modelle wie die als „unkaputtbar“ geltende Casio G-Shock. Uhren, als fester Bestandteil der militärischen Ausrüstung, gibt es fast nur noch bei Spezialeinsatzkräften wie beispielsweise den KSM (Sinn UX S) – das bestätigte mir vor einiger Zeit ein Bekannter, der als Offizier bei der Bundeswehr tätig war.

Mögliche Gründe: Die Bedeutung von Bodentruppen ist heute nicht mehr so groß wie früher – heute dominieren hochmoderne Technologien wie Drohnen und Kampfjets die Krisengebiete. Gleichzeitig versuchen natürlich auch die Verteidigungsministerien dieser Welt Kosten einzusparen…

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7 Gedanken zu “Field Watch und Infanterie-Uhr von gestern bis heute”