Richtige Uhrengröße finden: Reicht der Durchmesser als Anhaltspunkt? 31


„Wie finde ich die richtige Uhrengröße“ ist sicherlich eine wesentliche Frage, wenn es darum geht die neue Lieblings-Uhr zu finden. Begriffe wie „Oversize“, „Big Size“ oder „XL“, die auf die Uhrengröße hinweisen sollen, machen die Entscheidung nicht grade einfacher, da es keinen einheitlichen Standard wie z.B. bei Textilien gibt.

Oftmals läuft es darauf hinaus, dass die optimale Uhrengröße versucht wird auf den Durchmesser zu reduzieren. Doch so einfach ist es in der Regel nicht. Andere Faktoren wie die Bauhöhe oder das Uhrendesign spielen eine große Rolle. Aber der Reihe nach…

Der Trend: Große Uhren im Aufwind

Wenn man sich auf chrono24.de Herrenuhren der 50er bis 70er anschaut, so wird schnell deutlich, dass sich die Modelle fast ausschließlich im Bereich 34-37mm bewegen. Kleine Anekdote gefällig? In den 40ern und 50ern gab es ein Omega-Modell mit dem Namen „Oversize“, also Übergröße. Die Uhr hatte sage und schreibe einen Durchmesser von 38mm (gemessen ohne Krone). Zum Vergleich: Sucht man über Google nach aktuellen „Oversize“-Uhren, findet man problemlos Modelle jenseits der 50mm (z.B. Diesel), die wohl höchstens Popeye tragen könnte, ohne dass die Uhr irgendwie seltsam wirkt.

Auch wenn Rolex seinen wohl berühmtesten Klassiker, die Rolex Submariner, schon seit Jahrzenten bei 40mm belässt, setzen viele Submariner-Hommagen (böse Zungen würden auch „Nachbauten“ sagen) sehr wohl auf einen größeren Durchmesser (z.B. die Steinhart Ocean in 42mm und 44mm) und gehen damit mit dem Trend. Aber selbst Rolex kann sich nicht dem Trend wachsender Uhrengrößen erwehren: So wuchs die neue Air-King, welche auf der Baselworld 2016 vorgestellt wurde, von 34mm auf immerhin 40mm. Auch die Neuauflage der Tudor Black Bay in Bronze erfreut sich einem Wachstum: Von 41mm auf 43mm.

Jetzt könnte man argumentieren: Trends kommen und gehen (Hemden aus Spitze – echt jetzt?). Manchmal kommen die Trends sogar zurück (Hallo Röhrenjeans!). Aber werden auch die Uhrengrößen wieder schrumpfen…?

Große Uhren adé – Werden Uhren wieder kleiner?

Meine persönliche Meinung lautet ganz klar: Nein! Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Uhrengrößen für Männer bei >40mm halten werden. Auch wenn sich zum Beispiel die New York Times für kleine Uhrengrößen stark macht („Are You Man Enough for a Small Watch?“), so gibt es eigentlich keinen Grund dafür, dass Uhren als (so ziemlich) einziges Schmuckstück eines Mannes wieder kleiner werden. Das zeigt auch das Aufpumpen der Uhren von Rolex und Tudor, welche bisher eher zurückhaltend hinsichtlich größerer Modelle waren (Omega, Tag Heuer, Breitling & Co. sind und waren da deutlich schneller). Der Markt fordert große Uhren ein – und das finde ich gut, da eine Männeruhr meiner Meinung nach durchaus präsent sein darf.

Durchmesser vs. Handgelenkumfang: Anhaltspunkt, um die optimale Uhrengröße zu ermitteln

Es ist durchaus legitim den Durchmesser einer Uhr (ohne Krone gemessen) als ersten Anhaltspunkt heranzuziehen, wenn man die richtige Uhrengröße finden will. Als Bezugspunkt zum Uhren-Durchmesser wird in aller Regel der Handgelenksumfang herangezogen. Nehmt dazu einfach ein Maßband und legt es (nicht zu eng) um euer Handgelenk.

Um allgemeingültige Aussagen zum Verhältnis Handgelenksumfang-Durchmesser treffen zu können, habe ich in vielen einschlägigen Foren recherchiert.

Die Auswertung der Angaben von 80 Uhren-Fans ergab, dass die Wohlfühl-Uhrengröße mit einem durchschnittlichen Faktor von 2,3 ermittelt werden kann.

Sprich: Ihr nehmt einfach euren Handgelenksumfang (in cm) und multipliziert diesen mit 2,3.

Beispiel: Bei meinem Handgelenkumfang von 18,5cm ergibt sich somit ein Uhren-Durchmesser von ca. 43mm. Volltreffer – das ist nämlich auch in etwa die Uhrengröße, die ich am liebsten trage.

Interessanterweise ergibt die Auswertung auch noch, dass die meisten Uhren-Fans sich in der Regel in einem Korridor von 3mm bewegen. Auch meine Uhrengröße, mit der ich mich am wohlsten fühle, würde ich im Bereich 42-45mm ansiedeln.

Ich möchte an dieser Stelle hervorheben, dass es sich bei der Auswertung um Mittelwerte handelt, d.h. es gibt natürlich auch Uhrenträger, die kleinere oder größere Uhren bevorzugen. Letztendlich spielen natürlich aber auch noch andere Faktoren bei der Uhrenauswahl eine Rolle…

Bauhöhe und Gewicht: Breitling SuperOcean Steelfish vs. Breitling Colt

Nun, wo ihr euren individuellen „Wohlfühl-Korridor“ ermittelt habt, könnt ihr zumindest schon einmal grob abschätzen, welche Modelle für euch in Frage kommen.

Folgende Faktoren sind neben dem Durchmesser noch wichtig…

Die Bauhöhe

Diese wird in der Regel auch in Millimeter angegeben. Hier gibt es riesige Unterschiede. Beispiel gefällig? Zwei sehr ähnliche Breitling-Modelle, zum einen die mittlerweile nicht mehr erhältliche Breitling Superocean Steelfish in der 44mm-Variante sowie die Breitling Colt (ebenfalls 44mm) nebeneinandergestellt geben folgendes Bild ab…

Zunächst von vorne:

Breitling SuperOcean Steelfish Front Vorne

Breitling Colt Front Vorne

Hier wirken die beiden Modelle noch gleich groß.

Nun aber die entscheidende Seite:

Breitling SuperOcean Steelfish Seite

Breitling Colt Seiten

Der Höhen-Unterschied beträgt 11,3mm zu 16,7 mm (das sind ca. 50%)! Dadurch wirkt die Breitling SuperOcean Steelfish deutlich wuchtiger am Arm, auch wenn der reine Durchmesser der verglichenen Modelle exakt gleich ist. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Tragekomfort…

Gewicht und Material

Es liegt in der Natur der Sache, dass größere Uhren natürlich auch mehr wiegen. In o.g. Vergleich der beiden Breitling-Uhren ist die SuperOcean Steelfish ein echter „Klopper“, während die Breitling Colt durch die geringere Bauhöhe deutlich weniger wiegt und dadurch auch angenehmer zu tragen ist. Die Breitling SuperOcean Steelfish ist – auch wenn Sie oft als Breitling-Klassiker neben der Navitimer genannt wird – durch die Kombination der Bauhöhe und dem Gewicht sehr kopflastig und neigt dazu unangenehm zur Seite zu „purzeln“. Dies trifft v.a. auf die Stahlband-Variante zu, welche das Gewicht natürlich noch weiter erhöht. Am Lederarmband oder Nato trägt sich auch die Steelfish noch recht angenehm. Allerdings hat mir die Breitling SuperOcean Steelfish so wirklich nur am Stahlband gefallen – eine echte Zwickmühle.

Armbanduhren für Männer sind in den allermeisten Fällen aus Edelstahl. Relativ häufig findet man größeren Uhren aber auch in einer Titan-Variante, wodurch das Gewicht der Uhr deutlich verringert wird und sich dadurch natürlich auch der Tragekomfort erhöht. Während Edelstahl ca. 8g/cm³ wiegt, kommt Titan nur auf ca. 5g/cm³. Ein Unterschied von immerhin 60%, der sich im Alltag bei mehreren Stunden Tragezeit durchaus bemerkbar machen kann. Titan wirkt optisch allerdings deutlich grauer als Edelstahl. Hier entscheidet aber der persönliche Geschmack.

Ein aktuelles Beispiel für eine große Titan-Uhr ist die Hamilton Khaki Navy Frogman Automatik in der 46mm-Variante (Preis: ca. 1200€) mit roter Lünette, welche auf der Baselworld 2016 vorgestellt wurde und seit Mitte 2016 im Handel ist. Obwohl das Modell ziemlich groß ist, ist sie aufgrund des leichten Titan-Gehäuses recht komfortabel tragbar:

Hamilton Khaki Navy Frogman rot H77805335

© Hamilton International Ltd.

Ein noch leichteres Material, was ab und an in der Herrenuhren-Produktion genutzt wird ist Carbon. Carbon wiegt unter 2 g/cm³ und kann damit auch sehr große Uhren hinsichtlich Tragekomfort angenehmer machen. Einigermaßen erschwingliche Modelle mit Voll-Carbon-Gehäuse sind allerdings nicht sehr oft zu finden. Denn: Carbonfasern sind teuer und die Produktion ist aufwendig.

In diesem Beitrag gibt es mehr Infos und zu Carbon-Uhren inkl. einer umfangreichen Übersicht über aktuelle Modelle:

Carbon Uhren Übersicht: High-Tech für’s Handgelenk

Alles in allem sind Carbon-Uhren allerdings eher ein Nischenprodukt – Titan als Alternative zu Edelstahl hat sich im Vergleich eher durchgesetzt. Ich persönlich finde den Look von Carbon am Handgelenk allerdings Hammer und hoffe, dass hier in Zukunft noch mehr Modelle erscheinen!

Das Uhrendesign – Verhältnis von Lünette und Ziffernblatt

Hier möchte ich gerne kurz und knapp Bilder sprechen lassen, um den Unterschied deutlich zu machen:

Uhrengröße - Tag Heuer Carrera vs. Breitling Colt

Ich habe mehrere Freunde und Bekannte gefragt, welche Uhr wohl größer ist. Wie aus der Pistole geschossen kam stets: Die Tag Heuer Carrera Calibre 16 Day-Date (links). Diese hat allerdings nur einen Durchmesser von 43mm, während die Breitling Colt 44mm misst. Kurz gesagt: Das relativ kleine Ziffernblatt in Verbindung mit der Edelstahl-Lünette, lassen das Breitling-Modell deutlich kleiner wirken („Lünetteneffekt“). Auch das insgesamt dunklere Design der Tag Heuer Carrera lässt diese etwas „wuchtiger“ wirken.

Die Krone und sonstige Drücker

Auffällige Kronen und sonstige Drücker (z.B. an Chronographen) können die Uhr optisch natürlich auch verändern. Ein bekanntes Beispiel ist sicherlich die Marke Panerai mit dem sehr auffälligen Kronenschutz. Hier am Beispiel der (ohnehin groß wirkenden) Panerai 111 illustriert:

Panerai 111 mit wuchtigem Kronenschutz

Panerai 111 mit wuchtigem Kronenschutz

Aber auch die oben bereits erwähnte Hamilton Khaki Navy Frogman mit 46mm Durchmesser wirkt durch den auffälligen Kronenschutz nicht grade kleiner.

Horn-zu-Horn-Maß und Bandanstoßbreite

Auch das sogenannte Horn-zu-Horn-Maß kann den optischen Eindruck einer Uhr deutlich verändern, indem die Uhr „vertikal“ größer ist. Auch die Bandanstoßbreite spielt eine Rolle, indem die Hörner auf der jeweiligen Seite weiter voneinander entfernt sind und somit das ganze Gehäuse wuchtiger wirken lassen können. Beides kann wie folgt ausgemessen werden:

Horn zu Horn und Bandanstoßbreite richtig ausmessen.

Bei der Steinhart Nav B-Uhr aus Bronze im obigen Bild ist erwähnenswert, dass mit dem montierten Band etwas „getrickst“ wurde, d.h. das Canvas-Armband ist dicker als die Bandanstoßbreite eigentlich vorsieht, da es etwas „übersteht“. Die oben verglichenen Modelle Breitling Colt und Tag Heuer Carrera Day-Date haben übrigens Horn-zu-Horn-Maße von 53mm bzw. 51mm. Das bedeutet, dass die Breitling Colt durch das größere Horn-zu-Horn-Maß den Lünetteneffekt etwas relativiert.

Uhrengröße ermitteln – Fazit

Letztendlich ist es neben den beschriebenen Faktoren natürlich auch Gewöhnungssache, ob ihr mit bestimmten Uhrengrößen klarkommt. So lässt sich in einschlägigen Foren öfters die Aussage finden, dass die andauernde Umgewöhnung von kleinere auf größere Modelle nicht grade leicht fällt. Daher ist es ggf. ratsam, die persönliche Uhrensammlung auf einen bestimmten Größenkorridor zu beschränken.

Dennoch gilt: Uhren, die rein von den Daten her zu groß oder zu klein scheinen, können dennoch stimmig am Handgelenk wirken. Behaltet einfach alle genannten Faktoren im Hinterkopf, wenn ihr euch für eure Wunschuhr entscheidet, damit ihr auch lange Freude an dieser habt.


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