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Braucht die Uhrenwelt noch eine A-Muster-Fliegeruhr? Modelle in diesem klassisch-schlichten Stil sind zwar äußerst beliebt unter Uhrenfreunden, es gibt aber auch nicht grade wenige Anbieter (und das in quasi allen Preisregionen). Mit der neuen Aristo Vintage 42 Beobachter (Ref. 7H165) sticht der Pforzheimer Traditionshersteller dennoch durch zwei besondere Merkmale hervor – und das zu einem vergleichsweise überraschend günstigen Preis. Schauen wir mal genauer hin…

Eckdaten Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 (Ref. 7H165):

Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 im Test

Kontrastreiche, dicke Stunden- und Minutenindizes und rundum laufende arabische Ziffern – Uhrenfreunde sehen sofort: das von einem kratzfesten Saphirglas geschützte Zifferblatt der Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 bewegt sich im Dunstkreis klassischer Beobachtungsuhren im A-Muster.

Insbesondere das zentrale Dreieck mit zwei Punkten ein charakteristisches Merkmal, das aus Gründen der besseren Ablesbarkeit statt der arabischen „12“ zum Einsatz kommt. Das Dreieck sorgt dafür, dass der Träger der Uhr auch im hektischen Alltag und bei schlechten Sichtverhältnissen selbst mit einem flüchtigen Blick die Stellung der Zeiger zur „12“ erkennen kann. Gut: Das verbaute NOS-Kaliber von der historisch spannenden Schweizer Firma Record (dazu gleich mehr) kommt ohne Datum, wodurch sich erst gar nicht die Problematik ergibt, dass das Datumsfenster ggf. die Ziffer Drei “absäbelt” – das Blatt ist perfekt symmetrisch und ausgewogen.

In der Summe ist die Ablesbarkeit der Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 auch dank der randlos und großzügig mit Schweizer Super-Luminova belegten, klassischen Schwert-Zeiger in Verbindung mit dem klaren Zifferblatt-Design rundum perfekt. Durch den bräunlichen Farbton der Leuchtfarbe bekommt das Modell außerdem die namensgebenden Vintage-Optik. Auch im Dunkeln ist die Fliegeruhr optimal ablesbar, die Leuchtkraft ist überdurchschnittlich kräftig bzw. intensiv. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Aristo das Zifferblatt im eigenen Hause produziert – das ist in der Preisklasse äußerst ungewöhnlich.

Historisch betrachtet geht dieses klassische Zifferblatt-Design übrigens auf den Zweiten Weltkrieg zurück als das Reichsluftfahrtministerium (RLM) Zeitmesser für die Navigatoren an Bord von Langstreckenflugzeugen wie beispielsweise der Heinkel He 111 herstellen ließ. Historische Hersteller dieser Beobachtungsuhren waren beispielsweise Laco, Stowa und IWC – Aristo gehörte nicht dazu. Dennoch hat Aristo eine gewisse “Legitimation” sich in diesem Dunstkreis zu bewegen: Vorgänger der Beobachtungsuhren waren nämlich die optisch ähnlich schlichten sogenannten RLM-Uhren, die von der Firma Aristo unter der Führung der Familie Epple hergestellt wurden.

Aristo ist auch heute noch in Familienbesitz, allerdings bei der Familie Vollmer: Hansjörg Vollmer ist ein Nachkomme der seit über 100 Jahren in und um Pforzheim tätigen Unternehmerfamilie – er erwarb anno 1998 die Markenrechte von Helmut Epple. Ein kleines, aber feines Detail vor diesem Hintergrund ist, dass Hansjörg Vollmer das historische Aristo-Schriftlogo mit dem charakteristisch abgerundeten “A” bei der neuen Fliegeruhr reaktiviert hat.

Mehr: Hinter den Kulissen: Einblicke in die Produktion von Aristo Vollmer in Pforzheim

Beobachtungsuhren waren im Zweiten Weltkrieg ein entscheidender Baustein in der Flugnavigation, denn ein Flugzeug fliegt wohl höchstselten 100% “kerzengrade” irgendwo hin (schon gar nicht im Krieg): Insbesondere bei notwendigen Kursänderungen über dem Meer konnte sich die Besatzung an keinerlei visueller Anhaltspunkte am Boden orientieren, weshalb eben gewisse Hilfsmittel notwendig waren – so wie ein Zeitmesser. Der gesamte Flugverlauf wurde dabei penibel in einem Logbuch dokumentiert, inklusive der genauen Uhrzeiten zu bestimmten Ereignissen, Kurskorrekturen etc.

Weitere Infos darüber wie eine Beobachtungsuhr in der Theorie genau funktioniert könnt ihr im original Dokument aus den 40er Jahren, den Leitfaden der Flugnavigation – Angewandte Navigation, den ich hier für euch hochgeladen habe, entdecken.

(zum Vergrößern der Dokumente bitte klicken)

Das Gehäuse: Brüniert und zeitgemäß dimensioniert

Ziffern und Zeiger der Aristo Flieger kommen mit einem dezenten Braunton, um dem Modell einen gewissen Retro-Charakter zu verleihen. Passend dazu sieht auch das bis 5 bar wasserdichte Gehäuse nicht wie aus dem Ei gepellt aus – es ist brüniert.

Das Brünieren dient im Allgemeinen der Bildung einer dünnen Schutzschicht auf eisenhaltigen Oberflächen. Der Begriff stammt vom französischen Wort brunir für ‚bräunen‘. Es gibt verschiedene Methoden, um Edelstahl zu brünieren. Bei Aristo wird das Gehäuse zunächst auf 800 Grad Celsius erhitzt und anschließend in Öl abgeschreckt – das sieht in der Pforzheimer Produktion dann ganz konkret so aus:

Die Brünierung ist keine Beschichtung im eigentlichen Sinn, denn es wird keine zusätzliche Schicht auf das Material aufgetragen. Vielmehr wird die bereits bestehende Oberfläche umgewandelt bzw. durch das Erhitzen des Edelstahls wird eine Oxidschicht auf der Oberfläche des Metalls erzeugt. Das schnelle Abschrecken des erhitzten Edelstahls in Öl wiederum hat dabei gleich mehrere Effekte: Es hilft die Oxidschicht zu stabilisieren und damit die Korrosionsbeständigkeit zu verbessern. Wenig verwunderlich ist, dass dieses Verfahren, das Hansjörg Vollmer übrigens im eigenen Hause am Pforzheimer Hauptsitz umsetzt, eigentlich aus dem Werkzeugbau stammt, wo Langlebigkeit und Haltbarkeit ein wesentlicher Faktor sind.

Darüber hinaus bekommt die Optik des Gehäuses einen dezenten Antik-Touch: Der Edelstahl bekommt ein mattes, dezent ungleichmäßig dunkles Aussehen, das an alte Ölkanister erinnert und das wunderbar zum Vintage-Thema des Modells passt. Der Effekt ist deutlich weniger intensiv als bei der Laco Erbstück, aber dennoch merkbar vorhanden. Mir gefällt’s – sehr sogar!

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Aristo: NOS-Kaliber von Record (Longines) an Bord

Im Gegensatz zu den bulligen Beobachtungsuhren der 40er Jahre mit aus heutiger Sicht absurden Gehäusegrößen von 55 mm, in denen üppig dimensioniert Taschenuhrwerke untergebracht waren, ist die Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 (wie der Name schon sagt) mit zeitgemäßen 42mm Durchmesser (Horn-zu-Horn = kompakte 49,7) und 10,5 mm Höhe hervorragend für das durchschnittliche Herrenhandgelenk tragbar.

Und hier geht es direkt weiter mit einer Besonderheit: Im Gehäuse der Aristo Beobachter tickt ein NOS-Automatikkaliber der Record Watch Company. NOS bedeutet New Old Stock und meint neue bzw. unbenutzte Uhrwerke aus altem Lagerbestand

Record wurde bereits 1903 gegründet und erreichte über die Jahrzehnte eine beachtliche Größe: Neben dem Hauptsitz in Genf verteilten sich viele Hundert Mitarbeiter auf weitere Standorte wie Tramelan-Dessus, La Chaux-de-Fonds, Les Pommerats und London. 1961 wurde Record durch einen Aktienankauf von einer bekannten Schweizer Größe erworben, die auch heute noch tätig ist: Longines. Record-Kaliber fanden so unter anderem unter dem Markennamen Longines Einzug in verschiedene Modelle.

Der Name Record bestand auch unter der Longines-Ägide drei Jahrzehnte eigenständig fort. Im Zeichen der Quarzkrise hat Longines bei Record anno 1991, nach fast 90 Jahren, allerdings die Tore geschlossen. Doch die Kaliber leben auch heute noch weiter – von Zeit zu Zeit tauchen mehr oder weniger große Lagerbestände beispielsweise bei Uhrmachern auf, die ihr Geschäft aufgeben. Firmen wie Aristo Vollmer schlagen dann mitunter zu und überholen diese umfassend bevor sie in neuen Modellen verbaut werden – so wird diesen Stücken Schweizer Geschichte neues Leben eingehaucht. Auch die Ersatzteilversorgung sichergestellt, indem ein bestimmter Prozentsatz an Kalibern zwecks Ersatzteilversorgung zurückgehalten wird.

Konkret verbaut Aristo im Modell Vintage 42 Beobachter 7H165 das Record 1959-2 aus den 70er Jahren. Das durch einen Glasboden sichtbare 11 1/2 Ligne-Kaliber kommt mit einer Gangreserve von 40 Stunden, 17 Juwelen, 21.600 bph Frequenz und ist auf eine gute Ganggenauigkeit von maximal +10 Sekunden pro Tag feinreguliert (Reglage). Zu beachten ist allerdings, dass eine heute gängige Komfortfunktionen nicht an Bord ist, und zwar der Sekundenstopp bei gezogener Krone (“Hacking”-Funktion). Alles in allem untermauert das Kaliber die Vintage-Optik des Modells auch technisch ganz hervorragend.

Abschließende Gedanken

Ich habe Eingangs gefragt: Braucht die Uhrenwelt noch eine A-Muster-Fliegeruhr? Nun, wenn sie so ist wie die die Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 – dann darauf ein klares Ja! Das Modell ist eine Made in Pforzheim-Fliegeruhr mit überdurchschnittlich hoher Fertigungstiefe und spannenden Besonderheiten (brüniertes Gehäuse, NOS-Kaliber), die das Modell deutlich aus der Masse hervorstechen lassen – für einen Preis weit unter der magischen 1000€-Grenze (konkret: 690€) und damit komplett konträr zu den Preissteigerungstendenzen bei quasi allen anderen deutschen Herstellern. Und das alles von einer historisch spannenden Marke, die bis heute unabhängig und familiengeführt ist. Jetzt mal Butter bei die Fische: Wo findet man heute noch solch ein tolles Gesamtpaket? Wer seiner Uhrensammlung noch eine klassische Beobachtungsuhr hinzufügen möchte, der kommt aufgrund des tollen Preis-Leistungs-Verhältnisses kaum um die Aristo Vintage 42 Beobachter 7H165 herum: Große Kaufempfehlung!

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8 Kommentare
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THOR
1 Monat zurück

Ich habe die brünierte Beobachteruhr,(Baumuster-B)
mit den”Omega-ahnlichen”Hörnern,Saphirglas und Eta-2824
für 383.-€ bekommen(Nov.23!)
Die haben auf der Inhorgenta sogar einen Award-Preis bekommen! 😉
Der Sinn der gekrümmten Hörner besteht darin:”Das bei kleinerem HGU,
auch eine 43er tragbar ist!
Das Gehäuse hat ein titanähnliches Grau ond schimmert (irisiert)an manchen Stellen Bräunlich!
Es gibt die Beobachteruhr auch als (Cockpit-Version),in der nur die vollen Zahlen beschriftet sind auch als”Leuchtkeks!”
..Ich kann nicht meckern!;-)

https://www.german-design-award.com/die-gewinner/galerie/detail/47547-burnished-aviator-43.html

LG
THOR

Oliver
1 Monat zurück

Toller Beitrag 🤷🏼‍♂️ jetzt weiss ich auch, dass meine Longines Spirit eine Beobachtungsuhr A-Modell ist

Dlanor Lepov
1 Monat zurück

Erschliesst sich mir nicht, warum ich Geld für ein altes Uhrwerk mit Minimalspezifikation ausgeben sollte. Da ist doch jedes Seiko NH für 25 Euro besser, und Ersatzteile braucht man nicht, weil man einfach das Werk tauschen kann. Sieht doch sehr nach Marketinghype aus.
Die Brünierung ist allerdings eine tolle Sache. Habe ich selbst mal im Praktikum gemacht. Nach dem Ölbad mit der Messingbürste drüber gehen, das sieht dann noch besser aus.

Frank T. aus MZ
1 Monat zurück
Antworten...  Dlanor Lepov

Ich denke, dass das alte RECORD-Werk deutlich langlebiger ist als ein heutiges SEIKO-Einstiegswerk. Zudem ist es mit max. +10 Sekunden/Tag präziser. Ein NH35 wird z. B. mit -20/+40 angegeben. Und zu guter letzt sieht das RECORD durch den Glasboden auch ansprechender aus. Den Umweltgedanken bezüglich mechanischen Wegwerf-Uhrwerken mal außen vor gelassen. Gruß, Frank

Frank T. aus MZ
1 Monat zurück

Moin Mario, endlich mal wieder etwas Sehenswertes von diesem Traditionshersteller! Einzig scheint mir die Farbe der Zeiger nicht 100%ig zur Farbe der Indizes zu passen. Dies wird vermutlich einem unterschiedlich starken Auftrag der Leuchtmasse geschuldet sein. Die Brünierung wünschte ich mir dunkler. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau angesichts des günstigen Preises. Schönen Gruß, Frank

THOR
1 Monat zurück
Antworten...  Frank T. aus MZ

Werter Herr Frank T.,
Die Zeiger sind idR.bei :”ARISTO und Messerschmitt”, immer etwas heller
gehalten als die Indizies!
…Es ist ein:”Alleinstellungsmerkmal”,von Herrn Vollmer!
Klingonisch…ist aber so! 😉
mfG
THOR

Hajo
1 Monat zurück

Ganz toller Bericht. Kompliment an den Autor, der sein Tiefenwissen hierbei voll einsetzen konnte.