Steinhart Uhren: Ocean One Double-Green Keramik 42 – die Rolex „Hulk“-Hommage im Test

Und täglich grüßt das Murmeltier: Mit der 2020 lancierten Taucher-Uhr Steinhart Ocean One Double-Green Keramik Premium hat die in Stadtbergen (bei Augsburg) ansässige Micro-Brand Steinhart Watches in einschlägigen Foren und Communities mal wieder reflexartig emotionale Diskussionen über (Rolex-)Hommagen ausgelöst – man hört die Hutschnur einiger Uhren-Freunde quasi meilenweit platzen 😉

Es ist hinlänglich bekannt, dass es Steinhart perfektioniert hat Designs populärer Uhren-Klassiker wie die Rolex Submariner in ein erschwingliches Paket mit sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis zu verfrachten. Das ist, so viel kann ich schon mal verraten, auch beim neuesten Steinhart-Wurf nicht anders. Was hinter dem Erfolgsrezept von Steinhart steckt zeige ich in diesem Test der Steinhart Ocean One Double-Green Keramik 42 Premium, die kürzlich (als meine dritte Steinhart) in meine Uhrensammlung gewandert ist…

Eckdaten / Spezifikationen der Steinhart Ocean One Double-Green Keramik Premium:

Steinhart Uhren: Woher kommt der günstige Preis?

Irgendwie ist es schon erstaunlich: Steinhart ist – im Vergleich zu anderen Uhren-Marken – überaus zurückhaltend wenn es um PR, Marketingkommunikation & Co. geht. Und trotzdem: Uhren von Steinhart scheinen sich fast wie von selbst zu verkaufen. Markenbotschafter, wie beispielsweise die von der ähnlich stark auf Hommagen fokussierten Uhren-Marke Davosa, hat Steinhart offenbar nicht nötig.

Eine Sache aber hebt Steinhart auf Website & Co. immer gerne hervor: Wie alle Modelle kommt auch die Ocean One Double-Green Keramik mit dem begehrten Swiss Made-Schriftzug.

Nun darf man natürlich durchaus kritisch anmerken, dass viele Uhrenmarken mit Schwerpunkt auf mechanische Modelle im unteren Swiss Made-Preissegment (ab rund 500€) die aktuelle Swissness-Regelung maximal ausschöpfen und mit allerlei Komponenten aus Fernost arbeiten (z.B. typischerweise Gehäuse, Zifferblätter samt Zeigersatz, Saphirglas).

Kurz zur Erläuterung: Das Swiss Made-Uhrenlabel wird, wie ich in meinem Swiss Made-Artikel bereits ausführlich dargelegt habe, primär dadurch möglich, dass das Lohnniveau in der Schweiz um ein vielfaches höher ist als beispielsweise in China: 1000 Arbeitsstunden in der chinesischen Uhrenfertigung entsprechen etwa 40 Stunden in der Schweiz – der springende Punkt sind die in der „Verordnung über die Benützung des Schweizer Namens für Uhren“ genannten Herstellungskosten, die sich im Wesentlichen aus Lohnkosten und Materialkosten zusammensetzen (jeweils in der Schweiz und in Fernost).

Das Einschalen eines Schweizer Werkes, Tätigkeiten wie das Setzen der Zeiger und die Qualitätskontrolle auf Schweizer Boden reichen in aller Regel aus, um die Swiss Made-Bedingungen zu erfüllen – trotz Verschärfung vor einiger Zeit auf 60% Schweizer Wertschöpfungsanteil (wer des Französischen mächtig ist, dem lege ich diesen Besuchsbericht von Le Temps in einer Uhren-Fertigungsstätte in Shenzhen ans Herz – Google Translate tut es notfalls auch 😉 ).

Und nein, an dieser Geschäftspraktik ist in einer globalisierten Welt überhaupt nichts „schlimm“. Denn natürlich können auch aus Fernost qualitativ hervorragende Uhrenkomponenten kommen. Dass die asiatischen Fertigungsstätten sogar Schweizer Werkzeugmaschinen für die Feinmechanik haben, ist keine Seltenheit. Hier ein paar Einblicke in die hochmoderne Zifferblatt-Fertigung bei Siam Dial in Thailand:

Insbesondere Uhrenmarken mit sehr hohem Einkaufsvolumen können in aller Regel bei größeren Abnahmemengen auch höhere Qualität zu vergleichsweise niedrigen Preisen beschaffen (bzw. über Private Label Uhrenhersteller beschaffen lassen). Nicht umsonst lässt beispielsweise die Swatch-Gruppe für Marken des mittleren Preissegments (z.B. Tissot, Certina) die Zifferblätter u.a. in Thailand herstellen – inklusive „Swiss Made“-Schriftzug. Einfaches, betriebswirtschaftliches Einmaleins. Junge Micro-Brands, die vielleicht grade mal 200 Uhren pro Jahr verkaufen (wenn überhaupt), haben hier per se einen Wettbewerbsnachteil, da sie das hohe Einkaufsvolumen wie beispielsweise Steinhart einfach (noch) nicht haben.

Das Einkaufsvolumen macht sich preislich beispielsweise auch stark bei Uhrwerken bemerkbar – nicht ohne Grund gibt es mittlerweile nur noch wenige Micro-Brands, die mit ihren geringen Abnahmemengen Schweizer ETA-Kaliber zu vernünftigen Preisen beschaffen können – der Hickhack zwischen der Schweizer Wettbewerbskommission und der ETA-Mutter Swatch Group tut sein übriges, um dafür zu sorgen, dass der Markt für ETA-Kaliber langsam austrocknet. Auf der ETA-Website heißt es derzeit nur nüchtern: „Nicht verfügbar“.

ETA-Kaliber 2824-2. Auf der ETA-Seite mit „nicht verfügbar“ betitelt

Die Nachfrage geht daher Richtung Sellita – und selbst die können (oder wollen) aufgrund fehlender Kapazitäten oftmals kleine Uhrenmarken nicht mehr direkt beliefern. Viele Microbrands weichen daher auf andere Quellen wie die (noch) eher unbekannten ETA-Kloner Swiss Technology Production (STP) oder Seiko (NH35) aus. Nicht aber Steinhart: Die Einkaufsmengen der Augsburger reichen ganz offenbar aus, um die beliebten ETA-Kaliber zu vernünftigen Preisen einkaufen zu können. Das ist, im Vergleich zu anderen Microbrands, definitiv ein großer Wettbewerbsvorteil (dazu gleich mehr).

Steinhart Ocean One Double-Green Keramik 42 Taucher-Uhr im Test

Das ist nun eine sehr gute Überleitung zu Steinhart und der Mitte 2020 lancierten Ocean One Double-Green Keramik Premium: Steinhart gehört zu den am längsten tätigen (rund 20 Jahre), erfolgreichsten Micro-Brands überhaupt und verkauft schlicht und ergreifend eine Menge Uhren – primär im Online-Direktvertrieb (und damit ohne preistreibende Händler-Margen) und auch weit über deutsche Grenzen hinweg. Es gibt wohl kaum eine andere Microbrand, die so absatzstark ist wie Steinhart. In der Hinsicht darf man natürlich auch diskutieren, ob man überhaupt noch von einer Microbrand reden kann – mittlerweile hat Steinhart rund 35 Mitarbeiter, die den Geschäftsbetrieb am Laufen halten.

Das Einkaufsvolumen von Steinhart ist entsprechend hoch, die Uhrenkomponenten qualitativ hochwertig. Das merkt man der Steinhart Ocean One Keramik in der neuen Double-Green-„Hulk“-Variante (grünes Zifferblatt und grüne Keramik-Lünette) qualitativ auf jeden Fall an: Die Verarbeitung ist bis ins letzte Detail – unter Berücksichtigung des Preises von unter 600€ – einfach phänomenal.

Die Ziffern und Indizes in der Keramik-Lünette beispielsweise sind sehr sauber ausgefräst und präzise mit Farbe belegt. Die Zifferblatt-Drucke (Tampon-Druck) sind, genau wie die polierten Zeiger und die applizierten Indizes, makellos – auch auf Nahaufnahmen tun sich keinerlei Mängel auf. Einziger kleiner Wermutstropfen ist die Mechanik: Die Lünette ist zwar perfekt zentriert und rastet sauber-knackig, hat aber merkbar „Spiel“.

Das Zifferblatt kommt mit einem Sonnenschliff, welcher allerdings sehr dezent, fast schon etwas schüchtern, umgesetzt ist (deutlich dezenter als bei der Marc & Sons Eleganz) – nur in direktem Licht kommen die verschiedenen Grün-Nuancen so richtig zur Geltung.

Das Gehäuse der Steinhart Ocen One ist bis 30 bar wasserdicht – einem Tauch-Ausflug steht also nichts im Weg. Wie bei der Design-Vorlage, der Rolex Submariner, sind die Flanken poliert und damit vergleichsweise empfänglich für feine Kratzer. Im Zweifelsfall hilft aber natürlich das PTM-SOS-Kit schlechthin: ein Cape Cod-Poliertuch 😉

Besonders positiv überrascht war ich vom Stahlband der Steinhart Ocean One Double-Green Keramik im dreireihigen Oyster-Stil: Die massiven, verschraubten (!) Stahlband-Glieder sind sehr sauber aufeinander abgestimmt – da quietscht und knarzt gar nix! Das hebe ich an dieser Stelle so hervor, da das absolut keine Selbstverständlichkeit in dieser Preisklasse ist – Stahlbänder werden von vielen Micro-Brands leider doch ziemlich stiefmütterlich behandelt (oder einfach weggelassen). Einziger Fauxpas sind die Bandanstöße: Hier tut sich leider ein kleiner Grand Canyon beim Übergang zum ersten Glied auf.

Nur die Schließe hätte etwas mehr Liebe vertragen können: Zwar ist diese etwas massiver als Standard-Blechschließen, die man sonst so in dieser Preisklasse findet und auch die polierte Kante ist schick anzusehen – mit der wirklich guten Schließe von Marc & Sons (samt Schnellverstellung!) kann die Steinhart-Schließe aber nicht mithalten.

Ein weiterer kleiner Wermutstropfen sei genannt: Das Leuchtdreieck auf der Lünette wirkt – durch eine randvolle Befüllung mit Super-Luminova-Leuchtmasse – farblich etwas unterschiedlich bzw. nicht rein-weiß wie die sonstige Farbe auf der Keramik-Lünette. Das wird aber nur unter bestimmten Lichtverhältnissen deutlich und ist absolut verschmerzbar.

Das Leuchtdreieck ist randvoll mit Super-Luminova und leuchtet deutlich stärker als Indizes und Zeiger

Steinhart Ocean One: 39 vs. 42

Steinhart-typisch gibt’s von der neuen Ocean One Double-Green Keramik eine 42mm-Version, die deutlich wuchtiger und größer ist als das Design-Vorbild, die 40 mm große Rolex Submariner. Mit über 180 Gramm (am Stahlband) ist die Ocean One Keramik auch alles andere als eine leichte Uhr (Submariner am Stahl = knapp über 150 Gramm). Der Tragekomfort der 42mm-Ocean One ist zwar in der Summe dennoch gut, Uhrenfreunden mit eher kleineren Handgelenken würde ich aber definitiv eher die Variante mit dem Durchmesser 39 mm ans Herz legen. Zum Vergleich: Mein Handgelenkumfang beträgt in etwa 19 cm.

Uhrengröße Leitfaden Handgelenkumfang Durchmesser

Steinhart Uhren und das ETA 2824.2 Elaboré Premium

Die Beschaffung größerer Mengen ETA-Kaliber ist offenbar nach wie vor kein größeres Problem für Steinhart. So tickt in der Steinhart Ocean One Double-Green Keramik das ETA 2824.2 in der guten Qualitätsstufe Elaboré (besser wären noch „Top“ und „Chronometer“). Steinhart spendiert dem ETA 2824.2 außerdem schicke Werksverzierungen wie einen Perlschliff (Perlage), gebläute Schrauben und einen goldenen Steinhart-Rotor.

Ein ETA 2824.2 in dieser Qualitätsstufe in einer Uhr für 590€ – das ist heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Uhren anderer Micro-Brands mit ETA 2824 sprengen schnell die 1000€-Grenze, da das Kaliber bei kleineren Abnahmemengen alleine schon deutlich über 100€ kostet (Einkaufspreis).

Durch die Qualitätsstufe Elaboré liegt das ETA2824.2 in der Steinhart Ocean One Double-Green Keramik per Spezifikation bei einer Ganggenauigkeit von 7±7 Sekunden pro Tag – theoretisch jedenfalls.

Das habe ich geschwind auf einer App-gestützten Zeitwaage geprüft – der Wert wird faktisch leider nicht eingehalten. Zumindest noch nicht: ich werde das Gangverhalten weiter beobachten und schauen, ob es sich noch „einpendelt“.

Bon Hommage!? Fazit zur Steinhart Ocean One Keramik Premium

Abschließend möchte ich noch die Eingangs erwähnten, immer wieder aufs Neue entfachenden Diskussion um Hommagen aufgreifen – denn, so ehrlich muss man sein: Ein ziemlich gutes Preis-Qualitäts-Verhältnis und Schweizer ETA-Kaliber sind nicht die einzigen Gründe für den Erfolg von Steinhart: Das Nachhahmen von Designs bekannter Uhren-Klassiker (sogenannte Hommagen) gehört so fest zur Steinhart-Strategie wie Augsburg und die Puppenkiste.

Lobend hervorheben kann man aber, dass Steinhart auch ein paar gefällige, überaus eigenständige Designs im Sortiment hat (wie beispielsweise die Steinhart Triton oder die Steinhart Apollon). Auch ein paar sehr eigenständige Limited Editions wurden in den letzten Jahren lanciert. Damit hebt sich Steinhart von anderen Uhrenmarken ab, die wirklich gar nix anderes machen, als Hommagen zu lancieren.

Coole Idee: Steinhart Apollon Chronograph mit einem Lünetten-Satz, den der Kunde selbst durchtauschen kann

Allerdings: Der Löwenanteil und die mit Abstand am häufigsten an den Handgelenken von Uhrenfreunden zu sichtenden Modelle sind glasklar Hommagen aus dem Design-Dunstkreis von Rolex, insbesondere Rolex Submariner (Steinhart-Modellreihe „Taucheruhren“ bzw. „Premium„). Hinzu kommen beispielsweise die klassischen Fliegeruhren-Designs, die Steinhart mal mehr, mal weniger eigenständig interpretiert (A- und B-Muster, bekannt z.B. von IWC).

Steinhart Nav-B 44 Pilot Fliegeruhr
Steinhart Nav-B 44 Bronze – klassisches A-Muster-Fliegerdesign, ergänzt um kleine Sekunde

Der Steinhart’sche Design-Schwerpunkt auf Hommagen erzeugt bei einigen Uhrenfreunden offenbar eine gewisse Missgunst. Auch ich muss sagen, dass ich eigenständige Design-Elemente (wie beispielsweise bei der Microbrand Direnzo) immer sehr begrüße, denn das von Rolex geprägte Taucheruhren-Design ist fast schon allgegenwärtig in der Welt der Microbrands.

Auf der anderen Seite bin ich für Uhren mit exzellentem Preis-Leistungs-Verhältnis immer zu haben – und in dieser Hinsicht muss man einfach sagen, dass Steinhart regelmäßig Modelle abliefert, die unter qualitativen Gesichtspunkten nur von wenigen anderen Uhrenmarken in dieser Preisklasse erreicht werden.

Mehr dazu in diesem Artikel:

Der eigentliche Knackpunkt ist aber doch folgender: Heutzutage an eine der beliebten Rolex-Modelle (wie beispielsweise die Submariner „Hulk“) zu kommen ist fast schon unmöglich (zumindest für Normalsterbliche 😉 ). Auch dank etlicher Leute, die sich eine Rolex ausschließlich als Wertanlage kaufen und die Uhr irgendwo im Schließfach versauern lassen, quillen die Wartelisten über.

Die bekannten Grauhändler, die zwar mit sofortiger Verfügbarkeit von beliebten Rolex-Modellen werben, aber absurde Aufschläge jenseits der 100% auf den Listenpreis packen, sind für viele einfach keine Option. Das sorgt für Frust. Und was spricht dann als Alternative gegen eine qualitativ, haptisch und optisch hervorragende Steinhart Ocean One Keramik?

Und jetzt noch ein (natürlich absolut unfairer) Vergleich: Lassen wir mal Markenimage, Wartelisten und dergleichen außen vor: Man bekommt für den Preis einer Rolex Submariner „Hulk“ insgesamt 15 (in Worten: Fünfzehn) Steinhart Ocean One Double-Green Keramik . Ist die Rolex (ganz nüchtern betrachtet) 15x mal „besser“ (Haptik, Optik)? Nein, das ganz sicher nicht…

Abschließend sei auch noch auf den exzellenten Steinhart-Kundenservice hingewiesen, mit dem ich selbst schon vor einiger Zeit Kontakt hatte – da können sich andere Micro-Brands eine dicke Scheibe von Abschneiden. Shitstorms wie bei der Italo-Microbrand Meccaniche Veneziane sind, das behaupte ich einfach mal, bei der hervorragenden Kundenorientierung von Steinhart so gut wie ausgeschlossen…

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