Rolex als Wertanlage sinnvoll

Warum die Uhr als Wertanlage ein Märchen ist [inkl. konkreter Rechenbeispiele]

Sind Uhren als Wertanlage sinnvoll? Gefühlt poppen im Wochentakt auf Uhrenseiten und Blogs neue Artikel zu diesem ausgelutschten Thema auf. Dabei wird meistens immer wieder das gleiche, allgemeine BlaBla wiedergekäut, mit dem man problemlos Bullshit-Bingo spielen kann:

  • Kaufen Sie beliebte Marken!
  • Kaufen Sie echte Klassiker!
  • Kaufen Sie limitierte Auflagen!
  • Kauft mechanische Modelle!
  • Mit Rolex macht man nichts falsch!
  • Kaufen Sie Modelle mit vielen Komplikationen wie z.B. Mondphase!
  • … blablabla.

Viele dieser Artikel stammen von Shopping-Plattformen oder Händlern, die natürlich mit ihren „Empfehlungen“ insbesondere ihren eigenen Absatz im Sinn haben. Es klingt auf den ersten Blick ja auch irgendwie verlockend, insbesondere in aktuellen Niedrigzins-Zeiten: Die Preise für beliebte Uhren-Modelle sind in den letzten 20 bis 30 Jahren um ein vielfaches gestiegen. Nicht zufällig werden Fragen nach Wiederverkaufswert, Wertsteigerungen oder Wertstabilität in Uhren-Communities immer wieder gerne gestellt.

Ein auf den ersten Blick toll klingendes Beispiel: Der UVP der Rolex Submariner Date ist von 2122€ (im Jahr 1993) auf 7750€ (Jahr 2018) geklettert und hat sich somit fast vervierfacht

Rolex als Wertanlage sinnvoll
Zwei Klassiker: Rolex Submariner und Omega Moonwatch

Was viele Artikel leider konsequent ignorieren ist die Inflation, die die Preiserhöhungen der Uhrenhersteller zumindest teilweise relativiert (das soll aber nicht der Schwerpunkt meines Artikels sein).

Dennoch: Inflationsbereinigt hat sich der Wert der Rolex Submariner Date immerhin noch um fast das 2,5-fache erhöht. Also: Uhr kaufen, ab in das Schließfach damit (Kratzer und Dellen mindern schließlich den Wert) und in ein paar Jahren an saftiger Rendite erfreuen? Klingt immer noch verlockend?

Warum man dennoch um Uhren als Wertanlage in den meisten Fällen einen großen Bogen machen sollte, zeigt dieser Artikel mit einigen konkreten Rechenbeispielen

Sinnlose Wachstums-Graphik – einfach so.

Omega, Breitling, Rolex als Wertanlage? Konkrete Beispiele und mittelfristige Rendite ausgewählter Uhren-Modelle

Steigen wir direkt mit dem ersten Knackpunkt ein: Bei fast allen Preisentwicklungs-Graphiken, welche man so im Netz findet und die Argumentation pro Uhren als Wertanlage stützen sollen, werden nur die UVPs dargestellt. Das kann in vielen Fällen das Bild der Realität stark verzerren: Zwar waren auch schon vor rund 10 Jahren sogenannte Grauhändler (= unter UVP verkaufende Online-Händler) aktiv, in den letzten Jahren wuchs aber die Akzeptanz dieser Händler deutlich. Darüber hinaus sind neue Online-Grauhändler wie z.B. Chronext in den Markt eingetreten.

Alles in allem haben die Entwicklungen im Online-Markt für Uhren zur Folge, dass die Rabatte bei bestimmten Marken deutlich gestiegen sind (was sicherlich auch an einem gewissen Preiskampf zwischen den Grauhändlern liegt). Das wiederum bewirkt, dass die herstellerseitigen UVP-Erhöhungen ggf. effektiv stark relativiert werden.

Hier ein Beispiel: Die äußerst beliebte Omega Seamaster Planet Ocean Big Size hat im April 2013 einen UVP von 4600€ gehabt und wurde beim Grauhändler Uhrinstinkt für 3864€ (16% Rabatt) angeboten (Quelle: Archive.org):

Omega Seamaster Planet Ocean 2013

 

Nun gibt es im Wesentlichen zwei Effekte, die einen damaligen Kauf dieser populären Uhr als Wertanlage im Nachhinein als ziemlich schlechtes Geschäft erscheinen lassen: Zum einen ist der UVP in den letzten 5 Jahren nicht sehr stark gestiegen, und zwar um „nur“ runde 10% (von 4600€ auf 5000€).

Omega Geldanlage sinnvoll

Zum anderen sind die Grauhändler-Rabatte für die meisten Omega-Modelle mittlerweile deutlich attraktiver: So bekommt man die Omega Seamaster Planet Ocean Big Size Stand März 2018 mit fast 30% Rabatt für ca. 3600€. 

Kurz gesagt: Eine Omega Seamaster Planet Ocean Big Size ist aufgrund der nur geringfügig angestiegenen UVPs und der gleichzeitig stark gestiegenen Rabatte mittlerweile günstiger zu bekommen als noch vor 5 Jahren! Hat man sich dieses Modell als Wertanlage angeschafft, hätte man auch genauso gut Geld aus dem Fenster werfen können. Natürlich verhält es sich aber nicht bei allen Modellen so wie bei der Omega Seamaster Planet Ocean…

Breitling als Wertanlage: Verzinsung einer Navitimer World

Nehmen wir noch ein Beispiel in Form der beliebten Breitling Navitimer World (A24322) am Stahlband: Im Juni 2010, also vor ca. 8 Jahren, betrug der UVP des Modells 5410€. Der Rabatt war mit 29% attraktiv (Kaufpreis 3841€).

Heute beträgt der UVP der Breitling Navitimer World 7110€ (+30%) und man bekommt die Breitling Navitimer World am Stahlband für effektiv rund 5300€ (Rabatt ca. 30%). Gegenüber dem Kaufpreis vor 8 Jahren beträgt die Werststeigerung also immerhin fast 1500€. Ziemlich gut! Oder?

Breitling Navitimer Geldanlage
Verträumt aus dem Fenster blickend: Eine Breitling Navitimer

Nun muss man aber noch bedenken, dass man wohl kaum seine jahrelang im Tresor gelagerte Breitling zum selben Preis los wird wie dieser bei seriösen Online-Händlern aufgerufen wird. Insbesondere die längst abgelaufene Hersteller-Garantie ist ein Aspekt, den man berücksichtigen muss: So muss man bei einem Wiederverkauf der Breitling Navitimer World den Preis effektiv auf geschätzte 4900€ reduzieren, damit der eine oder andere private Käufer das Geschäft als potentiell lohnenswert erachtet.

Breitling Garantie Karte 2 Jahre
Kürzlich abgelaufen: Die 2-jährige Garantie, vermerkt auf der elektronischen Garantiekarte von Breitling

Die effektive Wertsteigerung gegenüber dem damaligen Kaufpreis von 3841€ beträgt also „nur“ noch knapp über 1000€. Das entspricht einer jährlichen Verzinsung von ca. 3%. Keine allzu schlechte Rendite, gegenüber vergleichsweise weniger risikobehafteten Investitionsmöglichkeiten wie ETF-Indexfonds aber auch nicht überragend. Zum Vergleich: Der MSCI World Index-Fond ist in den letzten 8 Jahren um jährlich über 7% gestiegen…

Rolex als Wertanlage: „da kann man nichts falsch machen“ – oder doch?

Schauen wir uns noch einen weiteren Effekt anhand des Beispieles der Rolex Submariner No-Date (ohne Datum) an: Die Rolex Submariner No-Date am Stahlband (Referenz 14060M) hatte vor 7 Jahren (im April 2011) einen UVP von 4940€. Der Online-Rabatt betrug 5%, der effektive Kaufpreis also 4693€.

Heute beträgt der UVP des Modells 6800€, ein Rabatt von ca. 5% ist nach wie vor durchaus möglich (effektiver Kaufpreis ca. 6500€). Macht in der Summe doch einen ordentlichen „Gewinn“, oder? Der Knackpunkt: Rolex hat vor ein paar Jahren das Modell abgeändert bzw. verbessert und insbesondere die kratzanfällige Aluminium-Lünette gegen eine (meiner Meinung nach optisch grandiose) Keramik-Lünette getauscht. Auch das neue Band mit der hervorragend funktionierenden Glidelock-Schnellverstellung bietet einen echten Alltags-Nutzen. Zwei echte Pluspunkte gegenüber der alten Submariner…

Rolex Submariner 114060 vs. 14060M Wertanlage
Rolex Submariner mit neuer Referenznummer 114060 (mit Keramiklünette und Glidelock)

Die „alte“ Rolex Submariner mit der Ref. 14060M ist zwar nach wie vor recht beliebt unter Sammlern, das neue Modell mit Keramiklünette und Glidelock findet aber große Akzeptanz. Nach meinen Recherchen in diversen Foren lässt sich die alte Submariner 14060M im neuwertigen Zustand (NOS = New Old Stock) immerhin aber noch für ca. 5700€ verkaufen. Effektiver Zins pro Jahr: Ganz ordentliche, aber nicht überragende 2,8% (eventuelle Kosten für einen Uhrmacher, der vor dem Verkauf noch mal die Dichtungen checkt etc., noch nicht eingerechnet).

 

Fazit und Diskussion: Das Märchen der Uhr als Wertanlage – Schluss mit Bullshit-Bingo!

Die oben kalkulierten Beispiele zeigen, dass eine gewisse Rendite mit beliebten Modellen mittelfristig durchaus möglich ist. Sehr hohe Renditen jenseits der 10% sind aber nur mit einem sehr glücklichen Händchen erreichbar. Das Risiko ist in den allermeisten Fällen sehr hoch! Wenn ihr also nicht grade zufällig eine Glaskugel zuhause rumliegen habt, empfehle ich eher den Blick auf andere Anlageformen.

Ausnahmen können unter Umständen Limited Editions bilden, die sich im Nachhinein als sehr beliebt entpuppen wie z.B. die Omega Speedmaster „Snoopy“. Aber Obacht: Viele Hersteller wie zum Beispiel TAG Heuer oder auch Omega sind Meister dadrin mit limitierten Auflagen oder „Special Editions“ den Markt zu fluten – nur die allerwenigsten davon entpuppen sich später als beliebte Sammlerobjekte. Ganz im Gegenteil: Modelle wie beispielsweise die TAG Heuer Aquaracer Premier League Special Edition dürften nur sehr schwierig einen neuen Käufer finden, unabhängig vom Zustand der Uhr…

TAG Heuer Premier League Special Limited Edition
TAG Heuer Premier League Special Limited Edition

Ein weiteres beliebtes Positiv-Beispiel, welches beim Thema „Uhren als Wertanlage“ gerne herangezogen wird ist die Rolex Cosmograph Daytona mit „Paul Newman“-Ziffernblatt (Referenz 6239), welche man in den 1960ern für schlappe 1500 DM kaufen und heute für eine irre Summe von bis zu 400.000€ verkaufen kann. Aber wer hätte das damals ahnen können?

Kurz gesagt: Welche Modelle oder Limited Editions sich im Nachhinein als beliebte Sammlerobjekte entpuppen ist ein kaum kalkulierbares Risiko. Aktien sind dagegen fast schon eine risikofreie Anlagemöglichkeit 😉

Rolex Cosmograph_Daytona_Paul_Newman_Dial
Wer in den 60ern eine gekauft hat, darf sich glücklich schätzen: Rolex Cosmograph Daytona mit „Paul Newman“-Ziffernblatt (Referenz 6239)

Man muss allerdings zugeben, dass die Preissteigerungen vieler Hersteller in den letzten Jahren eher moderat ausgefallen sind (siehe auch das Beispiel der Omega Seamaster Planet Ocean). Man könnte natürlich nun argumentieren, dass die nächste Preissteigerungswelle wieder anrollt – erste Anzeichen gibt es schon, nun da es der Uhrenindustrie wieder deutlich besser geht. Das macht die Anschaffung einer Uhr als Wertanlage theoretisch etwas interessanter, letztendlich bewegt man sich aber immer noch im Reich der Spekulationen. Ich behaupte: Die Preisbereitschaft für Luxusuhren stößt bei „Otto-Normal-Kunden“ langsam an Grenzen – die Preise können von den Herstellern schlicht nicht mehr nach Belieben nach oben angepasst werden.

Grundsätzlich empfehlenswert als Wertanlage können aber Vintage-Uhren sein. Hier kommt es aber ganz maßgeblich darauf an wie günstig man einkauft und ob das vermeintliche Flohmarkt-Schnäppchen sich im Nachhinein nicht doch als Überraschungsei bzw. Baustelle entpuppt, in das man noch mächtig Geld pumpen muss. Auch Betrüger, die nicht-originale Ersatzteile in Vintage-Uhren verbauen, sind keine Seltenheit. Man muss also eine ordentliche Portion Wissen und Erfahrung mitbringen, wenn man sich eine Vintage-Uhr als Wertanlage anschaffen möchte. Wer dafür keine Zeit oder keine Lust hat: Finger weg!

Schön, aber keine Wertanlage: Eine Junghans Vintage-Uhr

Zu guter letzt meine persönliche Meinung: Uhren sind zum Tragen da und nicht, um sie irgendwo im Tresor einzulagern, um auf Wertsteigerung zu hoffen! Die beste Rendite ist immer noch die Freude daran, eine tolle Uhr am Handgelenk zu tragen. Punkt! 🙂

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11 Gedanken zu “Warum die Uhr als Wertanlage ein Märchen ist [inkl. konkreter Rechenbeispiele]”