Rolex als Wertanlage sinnvoll

Warum die Uhr als Wertanlage ein Märchen ist

Sind Uhren als Wertanlage sinnvoll? Gefühlt poppen im Wochentakt auf Uhrenseiten, Youtube und Blogs neue Artikel zu diesem Thema auf. Dabei wird meistens immer wieder das gleiche, allgemeine Blabla wiedergekäut, mit dem man problemlos Bullshit-Bingo spielen kann – hier ein paar Original-Zitate:

  • Kaufen Sie beliebte Marken!
  • Kaufen Sie echte Klassiker!
  • Kaufen Sie limitierte Auflagen!
  • Kauft mechanische Modelle!
  • Mit Rolex macht man nichts falsch!
  • Kaufen Sie Modelle mit vielen Komplikationen wie z.B. Mondphase!
  • Investieren Sie in James Bonds Lieblingsuhr!
  • … blablabla.

Man sollte aber stets genau auf die Quelle von solchen „Tipps“ schauen. Denn: Viele Artikel, die Uhren als Wertanlage anpreisen und mit Lobhuldigungen überschütten, stammen von Shopping-Plattformen oder Händlern – ein bekannter Grauhändler (= inoffizieller Online-Händler von bestimmten Uhrenmarken, häufig unter UVP) hat beispielsweise zum Jahreswechsel aggressiv mit „Smartes Investment für Ihren Bonus“ geworben. Man spricht hier auch von „Corporate Blogs“, also redaktionellen Inhalten, die allerdings sehr häufig hochgradig tendenziös sind, da die Händler natürlich mit ihren „Empfehlungen“ insbesondere ihren eigenen Umsatz im Sinn haben.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher primär mit diesen tendenziösen, angeblich attraktiven Wertanlage-Empfehlungen gewisser Online-Grauhändler.

Omega, Breitling, Rolex als Wertanlage? Beispiele und Rendite ausgewählter Uhren-Modelle

Zugegeben: Es klingt auf den ersten Blick schon irgendwie verlockend, insbesondere in Niedrigzins-Zeiten: Die Preise für bestimmte, beliebte Uhren-Modelle sind in den letzten 20 bis 30 Jahren um ein vielfaches gestiegen. Nicht zufällig werden Fragen nach Wiederverkaufswert, Wertsteigerungen oder Wertstabilität in Uhren-Communities immer wieder gerne gestellt.

Ein häufig zitiertes Beispiel: Der UVP der Rolex Submariner „Date“ ist von 2122€ (im Jahr 1993) auf 8350€ (Jahr 2020) geklettert und hat sich somit mehr als vervierfacht. Weitere, häufig genannte von Online-Grauhändlern genannte Beispiele sind die Rolex Daytona und die Patek Philippe Nautilus. Der Knackpunkt: Diese Modelle sind für „Normalsterbliche“ ohne gute Kontakte kaum zum Listenpreis erwerbbar (diesen Punkt führe ich später im Zusammenhang mit Rolex weiter aus).

Rolex als Wertanlage sinnvoll
Zwei Klassiker: Rolex Submariner und Omega Moonwatch

Was viele redaktionelle Beiträge von Online-Grauhändlern außerdem leider konsequent ignorieren ist die Inflation, die die Preiserhöhungen der Uhrenhersteller zumindest teilweise relativiert (das soll aber nicht der Schwerpunkt meines Artikels sein). Dennoch: Inflationsbereinigt hat sich der Wert der Rolex Submariner Date immerhin noch um fast das 2,5-fache erhöht. 

Also: Uhr kaufen, ab in das Schließfach damit (Kratzer und Dellen mindern schließlich den Wert) und in ein paar Jahren an saftiger Rendite erfreuen? Klingt immer noch verlockend?

Warum man dennoch um die von Online-Grauhändlern beworbenen Uhren als Wertanlage in vielen Fällen einen großen Bogen machen sollte, zeigt dieser Artikel mit einigen konkreten Rechenbeispielen

Sinnlose Wachstums-Graphik – einfach so.

Omega als Wertanlage? Knackpunkt Rabatt-Entwicklung

Steigen wir direkt mit einem wesentlichen Punkt ein: Bei fast allen Preisentwicklungs-Graphiken, welche von Online-Grauhändlern gebastelt werden, um die Argumentation pro Uhren als Wertanlage zu stützen, werden nur die UVP bzw. Listenpreise dargestellt. Das kann in vielen Fällen das Bild der Realität stark verzerren: Zwar waren Grauhändler auch schon vor über 10 Jahren aktiv im Internet unterwegs, in den letzten Jahren wuchs aber die Akzeptanz dieser aber deutlich (nicht zuletzt wegen dem allgemeinen Erfolg von E-Commerce-Plattformen). Darüber hinaus sind viele neue Online-Grauhändler wie z.B. Chronext in den Markt eingetreten.

Alles in allem haben die Entwicklungen im Online-Markt für Uhren dafür gesorgt, dass die Rabatte bei bestimmten Marken deutlich gestiegen sind (was sicherlich auch an einem gewissen Preiskampf zwischen den Grauhändlern liegt). Das wiederum bewirkt, dass die herstellerseitigen UVP-Erhöhungen ggf. effektiv stark relativiert werden. Als Daumenregel kann man sagen, dass Rabatte zwischen 20 und 40% keine Seltenheit sind – auch bei grundsätzlich beliebten Marken wie Omega, Breitling oder IWC.

Hierzu ein konkretes Beispiel: Die äußerst beliebte Omega Seamaster Planet Ocean Big Size hat vor einigen Jahren, im April 2013, einen UVP von 4600€ gehabt und wurde beim Grauhändler Uhrinstinkt für 3864€ (16% Rabatt) angeboten (Quelle: Archive.org):

Omega Seamaster Planet Ocean 2013

Der UVP des Modells wurde im Zeitraum 2013 bis 2018 allerdings nur moderat erhöht (ca. 10%), während die Grauhändler-Rabatte für die meisten Omega-Modelle mittlerweile deutlich attraktiver sind: So hat man die Omega Seamaster Planet Ocean Big Size zum Stand März 2018 mit fast 30% Rabatt, für ca. 3600€ bekommen können. 

Kurz gesagt: Eine Omega Seamaster Planet Ocean Big Size war aufgrund des nur geringfügig angestiegenen UVP und der gleichzeitig stark gestiegenen Rabatte 2018 günstiger zu bekommen als noch 2013! Hat man sich dieses Modell als Wertanlage angeschafft, hätte man auch genauso gut Geld aus dem Fenster werfen können. 

Omega Geldanlage sinnvoll

Mittlerweile gibt es von der Omega Seamaster Planet Ocean ein neues Modell (z.B. die Basis-Variante mit der Referenz 215.30.44.21.01.001). Der UVP beträgt nun deutlich höhere und ziemlich knackige 6100€. Rabatte von bis zu 30% sind bei diesem Modell nach wie vor durchaus drin (effektiver Kaufpreis ca. 4400€).

Nun braucht man allerdings nicht gleich die Flasche Schampus aus dem Keller zu holen, falls man sich eine alte Planet Ocean (zum alten Listenpreis inklusive Rabatt) als Wertanlage gekauft hat – denn der Teufel steckt im Detail: Mit dem Co-Axial-Kaliber 8900 ist ein deutlich moderneres Werk in die aktuelle Omega Seamaster Planet Ocean eingezogen. Eine Vergleichbarkeit mit vorherigen Modellen ist entsprechend kaum möglich…

Variante der aktuellen Omega Seamaster Planet Ocean, Bild: Omega

Breitling als Wertanlage: Verzinsung einer Navitimer

Ziehen wir noch ein Beispiel heran – in Form der beliebten „Pre-Kern“-Breitling Navitimer World (A24322) am Stahlband: Im Juni 2010, also vor ca. 10 Jahren, betrug der UVP des Modells 5410€. Der Rabatt war schon damals mit knapp 30% attraktiv (Kaufpreis 3841€).

Im Jahre 2018 betrug der UVP der Breitling Navitimer World knapp über 7000€ (+30%) und man hat die Breitling Navitimer World am Stahlband für effektiv rund 5300€ bekommen (möglicher Rabatt unverändert ca. 30%). Die Werststeigerung im Zeitraum 2010 bis 2018 beträgt also immerhin fast 1500€. Ziemlich gut! Oder?

Nun muss man aber natürlich noch bedenken, dass man wohl kaum seine jahrelang im Tresor gebunkerte Breitling zum selben Preis los wird wie diese im Neuzustand online angeboten wird. Insbesondere die längst abgelaufene Hersteller-Garantie ist ein Aspekt, den man berücksichtigen muss: So musste man bei einem eventuellem Wiederverkauf der Breitling Navitimer World im Jahre 2018 den Preis effektiv auf geschätzte 4800€ reduzieren, damit der eine oder andere private Käufer das Geschäft als potentiell lohnenswert erachtet (Zustand „wie neu“ hin oder her).

Breitling Garantie Karte 2 Jahre
Abgelaufen: Die 2-jährige Garantie, vermerkt auf der elektronischen Garantiekarte von Breitling

Die effektive Wertsteigerung gegenüber dem damaligen Kaufpreis von 3841€ beträgt also „nur“ noch rund 1000€. Das entspricht einer jährlichen Verzinsung von ca. 3%. Keine allzu schlechte Rendite, gegenüber vergleichsweise weniger risikobehafteten Investitionsmöglichkeiten wie ETF-Indexfonds aber auch nicht überragend.

Rolex als Wertanlage: „da kann man nichts falsch machen“ – oder doch?

In den letzten Jahren hat sich die Verfügbarkeit von Rolex-Modellen dramatisch verschlechtert – insbesondere die Stahl-Sport-Modelle wie Submariner, GMT Master oder Daytona sind nur mit ewig langen Wartezeiten verfügbar, wenn überhaupt. Mehr noch: Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass ein Juwelier in schallendes Gelächter ausbricht, wenn ihr auf die Warteliste eines dieser beliebten Modelle gesetzt werden wollt – ohne jahrelangen Stammkunden-Status (und eine Menge Knete, die ihr über die Jahre zum Juwelier gekarrt habt) keine Chance!

Irre: Ich habe schon öfters aus erster Hand gehört, dass der eine oder andere Rolex-Konzessionär (auch im Ausland) sich etwas freigiebiger mit einer Wartelistenplatzierung zeigt, wenn man neben einem beliebten Rolex-Modell auch noch eines oder mehrere unbeliebte Rolex-Modelle mit dazu erwirbt – zum Beispiel eine Bling-Bling Lady Datejust oder eine Pearlmaster. Wenn man ohnehin tatsächlich eines dieser unbeliebteren Modelle haben möchte (zum Beispiel für die Gattin), kann ein solches Geschäft durchaus attraktiv sein – finanziell aber nicht zwangsläufig: Denn man sollte sich keine großen Hoffnungen machen, dass man beispielsweise eine Steinchen-besetzte Lady-Datejust wieder gut „los bekommt“. 😉

Rolex Submariner 114060 vs. 14060M Wertanlage
Rolex Submariner mit neuer Referenznummer 114060 (mit Keramiklünette und Glidelock)

Der Hund liegt aber woanders begraben: Viele Grauhändler werben mit Rolex als quasi narrensichere Wertanlage und sofortige Verfügbarkeit – und bieten dann in ihrem eigenen Shop die beliebten Modelle wie Daytona & Co. mit horrenden Listenpreis-Aufschlägen von teilweise jenseits der 100% an. Sehr häufig werden Finanzierungsangebote für Uhren gleich mit beworben (häufig zu miserablen Konditionen). Bei solchen „Angeboten“ braucht man gar nicht erst den Rechenschieber aus dem Keller zu holen, um nachzurechnen, ob sich eine „Investition“ lohnt – Finger weg! Mehr dazu:

Zusammengefasst: Solltet ihr gute Kontakte zu einem Rolex-Konzessionär haben und es schaffen auf die Warteliste eines beliebten Modells zu kommen, so kann man eigentlich nur Glückwunsch! sagen. Zum aktuellen Stand ist der Wertanlagen-Charakter dann absolut vorhanden. Vor den Angeboten vieler Online-Grauhändler kann man im Sinne einer Wertanlage allerdings nur dringend warnen.

Fazit und Diskussion: Das Märchen der Uhr als Wertanlage – Schluss mit Bullshit-Bingo!

Die oben kalkulierten Beispiele von Omega und Breitling zeigen, dass eine gewisse Rendite mit verfügbaren (!!!), aktuellen Modellen mittelfristig durchaus möglich ist. Sehr hohe Renditen jenseits der 10% sind aber nur mit einem sehr glücklichen Händchen erreichbar. Das Risiko ist in vielen Fällen sehr hoch (z.B. Folgekosten für Revisionen, Rabatt- und Listenpreis-Entwicklung, Modell-Upgrades)! Wenn ihr also nicht grade zufällig eine Glaskugel zuhause rumliegen habt, empfehle ich eher den Blick auf andere Anlageformen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Ausnahmen können (!) unter Umständen Limited Editions bilden, die sich als sehr beliebt entpuppen wie z.B. die Omega Speedmaster „Snoopy“. Aber Obacht: Viele Hersteller wie zum Beispiel TAG Heuer oder auch Omega sind Meister darin mit limitierten Auflagen oder „Special Editions“ den Markt zu fluten – nur die allerwenigsten davon entpuppen sich später als beliebte Sammlerobjekte. Ganz im Gegenteil: Modelle wie beispielsweise die TAG Heuer Aquaracer Premier League Special Edition dürften nur sehr schwierig einen neuen Käufer finden, unabhängig vom Zustand der Uhr. Kurz gesagt: Der Fakt, dass es sich um eine Limited Edition-Uhr handelt, bedeutet keineswegs automatisch, dass die Uhr eine gute Wertanlage ist – häufig ist sogar das komplette Gegenteil der Fall!

TAG Heuer Premier League Special Limited Edition
Nur mit viel Wertverlust wieder verkaufbar: TAG Heuer Premier League Special Limited Edition

Wie bereits ausführlich dargelegt kommt Rolex eine Sonderrolle zu, wenn es um Uhren als Wertanlage geht. Hierzu noch eine kleine Anekdote: Ein beliebtes, häufig zitiertes Positiv-Beispiel aus der Vintage-Ecke ist insbesondere die Rolex Cosmograph Daytona mit „Paul Newman“-Ziffernblatt (Referenz 6239), welche man in den 1960ern für schlappe 1500 DM kaufen und heute für eine irre Summe von bis zu 400.000€ verkaufen kann. Aber wer hätte das damals ahnen können?

Rolex Cosmograph_Daytona_Paul_Newman_Dial
Wer in den 60ern eine gekauft hat, darf sich glücklich schätzen: Rolex Cosmograph Daytona mit „Paul Newman“-Ziffernblatt (Referenz 6239)

Lässt man die Ausnahmen außer Acht, so kann man aber dennoch zusammenfassen, dass sich kaum vorhersagen lässt, welche Modelle oder Limited Editions sich als beliebte Sammlerobjekte entpuppen und hohe Renditen abwerfen – eine Wertanlage ist häufig ein kaum kalkulierbares Risiko und erfordert eine Menge Wissen über den Uhrenmarkt. Aktien sind dagegen fast schon eine risikofreie Anlagemöglichkeit 😉

Man muss allerdings zugeben, dass die Preissteigerungen vieler Hersteller in den letzten Jahren eher moderat ausgefallen sind (siehe auch das Beispiel der Omega Seamaster Planet Ocean). Man könnte natürlich nun argumentieren, dass die nächste Preissteigerungswelle wieder anrollt. Das macht die Anschaffung einer Uhr als Wertanlage theoretisch etwas interessanter, letztendlich bewegt man sich aber immer noch im Reich der Spekulationen. Ich behaupte: Die Preisbereitschaft für Luxusuhren stößt bei „Otto-Normal-Kunden“ langsam an Grenzen – die Preise können von den Herstellern schlicht nicht mehr nach Belieben nach oben angepasst werden (mit Ausnahme von Rolex natürlich 😉 ).

Vintage-Uhren als Wertanlage?

Grundsätzlich empfehlenswert als Wertanlage können ggf. Vintage-Uhren sein. Hier kommt es aber ganz maßgeblich darauf an zu welchen Konditionen man einkauft und ob das vermeintliche Flohmarkt-Schnäppchen sich im Nachhinein nicht doch als Überraschungsei bzw. Baustelle entpuppt, in das man noch mächtig Geld pumpen muss (z.B. wegen Werks-Defekten). Auch Betrüger, die nicht-originale Ersatzteile in Vintage-Uhren verbauen, sind keine Seltenheit und können beim späteren Verkauf einer Wertanlage für große Probleme sorgen.

Auch hier gilt: Man muss eine ordentliche Portion Wissen und Erfahrung mitbringen, wenn man sich eine Vintage-Uhr als Wertanlage anschaffen möchte. Wer dafür keine Zeit oder keine Lust hat: Finger weg!

Schön, aber keine Wertanlage: Eine Junghans Vintage-Uhr

Zu guter letzt meine persönliche Meinung: Uhren sind zum Tragen da und nicht, um sie irgendwo im Tresor einzulagern, um auf Wertsteigerung zu hoffen! Die beste Rendite ist immer noch die Freude daran, eine tolle Uhr am Handgelenk zu tragen. Punkt! 🙂

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