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Taucheruhren im Supercompressor- oder sogenanntem „Dual Crown Diver“-Design sind in den letzten Jahren fast schon inflationär von Microbrands, aber auch von großen Marken wie Longines in den Markt geschwemmt worden. Den echten Supercompressor-Mechanismus, der in den 1950er Jahren ausgetüftelt wurde und eine steigende Wasserdichtigkeit mit steigender Wassertiefe (!) ermöglicht, haben allerdings die allerwenigsten aktuellen Modelle an Bord – mit Ausnahme des neuen Modells Resolute SuperCompressor von der in Singapur ansässigen Microbrand RZE, die sich auf Titanuhren spezialisiert hat

RZE Resolute Super Compressor Dual Crown Uhr Test 17

Eckdaten RZE Resolute Supercompressor:

  • Gehäuse aus massivem Titan Grade 2, perlgestrahlt, mit UltraHex™-Beschichtung
  • Echter Supercompressor-Mechanismus
  • Saphirglas mit Antireflex-Beschichtung auf der Innenseite
  • Durchmesser 40 mm
  • Horn-zu-Horn 46 mm
  • Höhe 12 mm
  • Bandanstoß 20 mm
  • Japanisches Miyota 90S5
  • Wasserdichtigkeit 200 m (660 Fuß) / 20 bar
  • Doppelte verschraubte Krone
  • Zifferblätter mit applizierten Indizes und Sandtextur in verschiedenen Farben
  • Zeiger und Indizes mit Super-LumiNova
  • Armband: UltraHex™-Titanarmband
  • Gehäuseboden: Verschraubtes Titan mit VITON®-Dichtung
  • Preis: 769€, direkt bei RZE Europe
RZE Resolute Super Compressor Dual Crown Uhr Test 1

RZE SuperCompressor im Test

Wie es für eine Supercompressor-Uhr (historisch betrachtet) üblich ist, kommt auch die RZE Resolute SuperCompressor mit einem charakteristischen Merkmal: Neben der „normalen“ Krone für das Einstellen der Uhrzeit, hat das Modell eine zweite verschraubte Krone an Bord, die den innenliegenden Drehring ansteuert und (genau wie bei einer klassischen, außenliegenden Taucherlünette) die Möglichkeit bietet den Startzeitpunkt für einen Tauchgang zu markieren.

Dieses spezielle „Dual Crown“-Design geht auf die spezialisierte Schweizer Firma Ervin Piquerez S.A. (EPSA) zurück. EPSA tüftelte außerdem in den 1950er Jahren eine raffinierte, patentierte Technologie aus, welche die Wasserdichtigkeit von Uhren verbesserte und gleichzeitig das Dichtungsmaterial schonte: Die Idee hinter den speziell für Taucheruhren entwickelten, sogenannten Supercompressor-Gehäusen war, dass die Wasserdichtigkeit mit zunehmender Wassertiefe steigt. Das ermöglichte damals eine wellenförmigen Feder im Gehäuseboden, die auf einen O-förmigen Dichtungsring drückt. Steigt in den Tiefen des Meeres der Wasserdruck, so wird der Gehäuseboden zunehmend auf den O-Ring gedrückt, was wiederum die Wasserdichtigkeit erhöht.

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Die Innovation von EPSA wurde zum Verkaufsrenner: Dutzende Uhrenmarken von A wie Alpina bis Z wie Zenith bauten damals Modelle mit Super Compressor-Gehäuse auf der Grundlage des EPSA-Patents. Longines Supercompressor aus dem Jahre 1958, Bild: Phillips

So viel zur Theorie. Die heutige Praxis sieht allerdings so aus, dass quasi alle aktuellen bzw. derzeit erhältlichen Uhren im Dual Crown-Design auf das eben beschriebene, recht aufwendige Dichtungssystem verzichten (siehe zum Beispiel Direnzo DRZ05 Solaris).

Sehr wenige Ausnahmen bestätigen die Regel – und mit der RZE Resolute SuperCompressor kommt nun eine weitere Ausnahme von der Regel hinzu, denn RZE hat dem Titangehäuse tatsächlich einen echten Supercompressor-Mechanismus spendiert – für technikbegeisterte Uhrennerds auf jeden Fall eine feine Sache. Insgesamt liegt die Wasserdichtigkeit bei 200 Metern bzw. 20 bar, das Modell ist somit auch für Tauchausflüge mit Ausrüstung geeignet.

Auf den ersten Blick ungewöhnlich ist, dass bei der RZE SuperCompressor anstelle einer 60-Minuten-Einteilung, die bei Taucheruhren eigentlich üblich ist, eine 12-Stunden-Einteilung als Skala auf dem Drehring untergebracht ist. Das wirkt auf den ersten Blick unpassend und ehrlich gesagt habe ich eine solche Einteilung auch noch bei keiner Supercompressor-Uhr gesehen.

Am Ende des Tages ist die Skalierung aber auch nicht so irre weit hergeholt: Natürlich kann man Tauch- oder Dekompressionszeiten (also der Zeitraum, der benötigt wird, um den Taucher von einem hohen auf ein niedrigeres Druckniveau zu bringen) nicht nur in Minuten, sondern auch in Stunden messen: So hat der ägyptische Kampfschwimmer Ahmed Gamal Gabr mit einem Tauchgang in mehr als 332 Meter Tiefe im Roten Meer anno 2014 den Weltrekord im Gerätetauchen gebrochen: Gabr sank binnen zwölf Minuten exakt 332,35 Meter in die Tiefe. Es dauerte allerdings 15 Stunden, bis der 41-Jährige wieder auftauchte – wegen der Gefahr von Verletzungen durch den starken Wasserdruck auf den Körper ließ sich der Froschmann so lange Zeit (Dekompression).

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Da die (potentiellen) Besitzer einer RZE SuperCompressor-Uhr tendentiell wohl eher nicht das Knacken des Weltrekords des besagten ägyptischen Kampfschwimmers auf ihrer To Do-Liste stehen haben, ist die Stunden-Skala für den *ursprünglichen* Zweck natürlich mehr oder weniger (eher mehr) Banane.

Am Ende des Tages ist die Stundeneinteilung aber auch für alle Otto Normalos, die lieber an Land bleiben, ein nettes Alltags-Feature, um beispielsweise die Zeit einer Wanderung zu messen – einfach die zentrale Markierung des Drehrings auf den aktuellen Stand des Stundenzeigers stellen und los geht’s.

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Bleiben wir beim Gehäuse: Wie man es von RZE gewohnt ist, kommt auch die Resolute Supercompressor mit einem markanten und kantigen Gehäuse aus schnörkellos-perlgestrahltem, leichtem Volltitan. Am „H“-Link-Band (ebenfalls aus Titan) beträgt das Gewicht des Modells grade mal knapp über 100 Gramm. Ähnlich groß dimensionierte Edelstahl-Uhren am Stahlband kommen schnell mal auf über 200 Gramm – ein Unterschied, der sich im Alltag bei mehreren Stunden Tragezeit definitiv bemerkbar macht.

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Könnte etwas besserer integriert sein: Der Endlink des Titanbandes.

Das geringe Gewicht in Verbindung mit dem eher kleineren Durchmesser von 40 mm (Horn-zu-Horn 46 mm) und einer Gehäusehöhe von nur 12 mm machen aus der RZE SuperCompressor eine Uhr mit überaus hohem Tragekomfort – auch am federleichten Titanband. Punktabzug gibt’s allerdings dafür, dass keine werkzeuglose Feinjustierung an Bord der Schließe ist. Es gibt zwar eine sechsstufige Feinjustierung, die sich über das Wegdrücken eines Federsteges mit Hilfe eines Werkzeuges (oder einer Büroklammer) nutzen lässt, die praktische Anwendung gestaltet sich allerdings ziemlich bockig (auch mit dem beiliegenden, qualitativ hochwertigen Multi-Werkzeug). Hier darf RZE gerne nachlegen, denn andere Microbrands haben bei solch ungemein nützlichen Komfort-Features schon längst aufgerüstet (siehe zum Beispiel Formex REEF GMT).

Wen die störrische Feinjustierung nervt, der kann aber schnell das Band wechseln: Die Hörner des Gehäuses sind durchbohrt, wodurch sich die Federstege relativ leicht zusammendrücken und entfernen lassen.

Unten im Bild: Kautschuk Waffel-Uhrenarmband Grau | WB Original und geripptes NATO-Uhrenarmband grau | WB Original:

Reintitan trifft UltraHex-Beschichtung

Die RZE SuperCompressor ist übrigens die erste Taucheruhr mit echtem Supercompressor-Mechanismus (siehe oben) in Kombination mit einem leichten Titangehäuse. Titan hat aber nicht nur Vorteile beim Gewicht: Es reagiert schnell mit dem Sauerstoff der Luft, wodurch eine beständige Oxidschicht entsteht, die wie ein Schutzmantel vor Korrosion schützt (ähnlich wie bei Bronze-Uhren).

Um genau zu sein handelt es sich bei Gehäuse und Band der RZE SuperCompressor übrigens um Titan Grade 2, das aus fast 100 Prozent Reintitan besteht. Mit einer Vickers-Härte von über 200 HV ist Titan Grade 2 in etwa auf einem Niveau mit 316L-Edelstahl. Zusätzlich erhöht RZE die Kratzbeständigkeit mit einer transparenten „UltraHex“-Hartstoffbeschichtung. Die hält feine Kratzer, die beispielsweise beim Desk Diving entstehen können, gut fern, kann aber natürlich nicht mit einer „Tiefenhärtung“ wie der Tegimentierung/Kolsterisierung bei der Sinn U50 mithalten.

Auch der Gehäuseboden ist aus Titan – das dürfte Uhren-Freunde mit Allergien hellhörig machen, denn Titan Grade 2 bzw. Reintitan findet nicht zufällig vorwiegend in der Medizintechnik und Implantologie Verwendung (mehr über Uhren-Allergie hier).

Das gelbe vom Ei?

Das Zifferblatt der RZE SuperCompressor ist grundsätzlich erst mal unaufgeregt, schlicht und funktional. Die Stunden-Indexe sind appliziert, wodurch das Zifferblatt tiefer und hochwertiger wirkt. Zwecks besserer Unterscheidung im Dunkeln kommen die Stunden-Indexe mit einer Markierung. Der 12-Stunden-Marker ist deutlich breiter.

Bei genauem Hinsehen fällt die feine, sandartige Struktur des Zifferblattes auf – eine schöne Abwechslung zum doch ziemlich häufig anzutreffenden Sonnenschliff. Die RZE SuperCompressor kommt in den Farben Sky Blue, Glacier White, Kevlar Black und Medallion Yellow – vor allem letzterer Farbton wirkt stark gesättigt, fast schon orange, und schreit gradezu Sommeruhr. Der Startschuss für den Hype um solch knallige Farben fiel im Rahmen der Einführung der neuen Rolex Oyster Perpetual, die u.a. in den Farben Gelb, Grün und „Tiffany Blau“ lanciert wurde sowie der Patek Philippe Nautilus Tiffany Blau. Normalerweise bin ich kein riesiger Fan von solchen Zifferblattfarben, bei der RZE SuperCompressor passt das Gelb aber ganz hervorragend – auch wegen des passenden thematischen Bezugs zu oftmals gelber Taucherausrüstung (z.B. Tauchflaschen).

RZE SuperCompressor und das Miyota 90S5

Erstaunlich wenig Microbrands setzen auf ein Miyota der 9000er-Baureihe. Die meisten überlegen sich offenbar (nicht wirklich nachvollziehbarerweise) meistens nur, ob ein günstiges Seiko NH35 (siehe in der Vergangenheit auch RZE Resolute Field oder RZE Fortitude), ein Miyota 8000 oder ein Schweizer Sellita-Kaliber verbaut werden soll. Das ist ziemlich schade, denn grundsätzlich – so die einhellige Meinung – steht die Miyota 9000er-Reihe den Schweizer Standardkalibern Sellita SW200 bzw. ETA 2824 technisch in Nichts nach.

Und so sind auch die harten Fakten wie die Frequenz von 28.800 bph (die einen Einfluss auf die langfristige Ganggenauigkeit hat), eine Gangreserve in Höhe von ordentlichen 42 Stunden, Sekundenstopp und Handaufzugsmöglichkeit absolut zeitgemäß bei der 9000er-Reihe.

Miyota-typisch sei allerdings gesagt, dass das Kaliber 90S5 „ab Werk“ mit einer Ganggenauigkeit von -10~+30 Sekunden pro Tag kommt, was eher aus der Kategorie „solala“ ist. In dieser Hinsicht ist aber anzumerken, dass das entscheidende natürlich die Feinregulierung ist, die RZE tatsächlich vornimmt. Und so bringt die mir vorliegende RZE SuperCompressor mit -1 Sekunden pro Tag (Zifferblatt oben, Vollaufzug) einen fast optimalen Wert auf die Weishi 1000 Zeitwaage.

Das Miyota 90S5, das in der RZE SuperCompressor tickt, ist übrigens eine (quasi baugleiche) Variante des Miyota 9015 und eigentlich ein Kaliber, das für teil-skelettierte Uhren mit offener Unruh genutzt wird – was RZE (zum Glück) aber nicht nutzt und auch überhaupt nicht zum Modell gepasst hätte. Das 90S5 hat außerdem kein Datum, was ich persönlich gut finde, da sich das Blatt so zu 100% symmetrisch darstellt.

RZE Resolute Super Compressor Dual Crown Uhr Test 27

Fazit: Alles super?

Uhren, die den echten historischen Super Compressor-Mechanismus an Bord haben, sind extrem rar gesät. Ausnahmen wie die Circula SuperSport oder die Christopher Ward C65 bestätigen die Regel. Das liegt einfach daran, dass die Kunststoffe, aus denen O-Dichtungsringe gefertigt wurden, über die Jahre immer robuster und widerstandsfähiger geworden sind. Ein (relativ aufwendiger) Supercompressor-Mechanismus, der den O-Ring des Gehäusebodens schont, indem permanent hoher Druck auf der Dichtung vermieden wird, wurde über die Jahrzehnte zunehmend obsolet. Die heute mittlerweile gängige, „einfache“ Taucheruhren-Konstruktion, die deutlich simpler und damit günstiger in der Produktion ist, setzte sich zunehmend gegenüber SuperCompressor-Gehäusen durch.

Insofern spricht es für eine große Liebe zum Detail, dass RZE die ursprüngliche Technologie wieder zum Leben erweckt hat, anstatt einfach noch einen weiteren Dual Crown-Diver auf den Markt zu werfen. Uhrenfreunde mit Interesse an Geschichte und/oder mit Technik-Geek-Ader finden in der RZE SuperCompressor daher eine frische, optisch moderne Alternative, die in Verbindung mit dem Titangehäuse und dem Titanband sogar ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb dieser Nische mitbringt.

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Torsten
22. August 2022 18:40

Finde es interessant, wie viele Uhren mit der 70ger DNA wieder auftauchen. Tissot mit der PRX, RZE, unzählige Micros wie D1Milano, Machia und Paul Rich… Schön diese Designsprache wieder mehr auf der Bildfläche zu sehen!

Toller Bericht Mario!!

Ralf
21. August 2022 18:14

Interessanter Artikel. Eine gute Alternative zu vielen angebotenen anderen Taucheruhren.
Hätte ich nicht schon eine, wäre diese Uhr sicher eine gute Wahl.

Ulrich Dittmann
21. August 2022 11:24

Wenn, wenn ich Taucher wäre, wäre das DIE Armbanduhr für mich 🙂