• Beitrags-Kategorie:Tests
  • Beitrags-Kommentare:5 Kommentare
  • Lesedauer:8 min Lesezeit

Eine neue Microbrand. Aus Singapur. Mit dem Automatikkaliber Seiko NH35. Was erst mal viele Uhrenfreunde wahrscheinlich nur bedingt hinter dem Ofen hervorlocken dürfte ist aber – so viel vorab – definitiv mehr als einen Blick wert: Die vom erfahrenen BOLDR-Mitgründer Travis Tan initiierte Marke RZE Watches ist zwar in vielerlei Hinsicht eine klassische Microbrand, will sich aber beispielsweise durch die Spezialisierung auf kantig-markante, oberflächengehärtete Titan-Gehäuse und Titan-Bänder im Meer der Microbrands abgrenzen…

Eckdaten RZE Resolute:

  • Durchmesser 40,5 mm, Höhe 11,5 mm, Horn-zu-Horn 46 mm
  • Gewicht: 97 Gramm (am Titanband)
  • Wasserdichtigkeit 10 bar / 100 Meter
  • Gehäuse aus Titan Grade 2, gehärtet mit UltraHex-Beschichtung
  • Canvas-Band 20-18 mit Leder-Unterseite, Titan-Schließe
  • Bandanstoß 20 mm
  • Krone und Gehäuseboden verschraubt
  • Japanisches Automatikwerk Seiko SII NH35A 
  • Super-Luminova C3 und BGW9
  • Saphirglas, entspiegelt
  • Titanband (ebenfalls mit UltraHex-Beschichtung) optional erhältlich
  • Preis: 399€, beim deutschen Distributor watchbandit.de oder direkt bei RZE Watches Europa
  • 30€ Gutschein-Code „chrononautix30“ ist einlösbar auf eu.rzewatches.com

Über RZE Watches

RZE Watches kann man durchaus als „klassische“ Microbrand bezeichnen: Im Jahre 2020 hat sich RZE Microbrand-typisch über eine Kickstarter-Crowdfunding-Kampagne die erste Finanzierungsspritze geholt – damals allerdings noch unter dem deutschen Namen „REISE“ (dass es deutsche Wörter in das Vokabular anderer Sprachen schaffen, ist nicht unüblich). Ansässig ist RZE allerdings in der „Lion City“ Singapur, dem Microbrand-Hotspot überhaupt mit gestandenen Marken wie beispielsweise Gruppo Gamma / Venturo, Audric, BOLDR oder Zelos.

Eine Finanzierung über Crowdfunding – was so einfach klingt ist wegen des Überangebots an Microbrands heute gar keine Selbstverständlichkeit mehr: Viele junge Uhrenmarken scheitern an der Kickstarter-Hürde – aus verschiedenen Gründen, aber meistens, weil die Initiatoren es einfach nicht schaffen herauszustechen. Bei RZE Watches hingegen kamen umgerechnet 112.000€ von rund 400 Unterstützern („Backer“) zusammen, was mehr als ordentlich ist.

Der Erfolg verwundert nicht, denn der Kopf hinter RZE ist kein Unerfahrener: Der studierte Ingenieur Travis Tan war im Jahre 2014 Mitgründer und Produktentwickler der etablierten und auch heute noch tätigen Microbrand BOLDR. Hauptberuflich ist Travis übrigens Pilot: Seit 2012 ist er für Singapore Airlines als Senior First Officer in einer Airbus A350 unterwegs. Und nein: Das Modell RZE Resolute ist keine Fliegeruhr, sondern eine Field Watch

RZE Watches Resolute im Test

Mit Blick auf die oben erwähnte, erzielte Kickstarter-Summe und die Anzahl Unterstützer braucht man keinen Rechenschieber, um festzustellen, dass sich RZE auch in Microbrand-typischen Preisgefilden von wenigen Hundert Euro tummelt. Während viele Microbrands sich aber von Crowdfunding-Kampagne zu Crowdfunding-Kampagne arbeiten und Modelle grundsätzlich nur in limitierten Auflagen anbieten, ist das Einstandsmodell Resolute auch heute noch verfügbar – nicht zum günstigen Preis der Kickstarter-Kampagne, aber in einem fairen Rahmen (dazu mehr im Fazit).

Der Modellname „Resolute“ (Englisch für entschlossen, bestimmt) deutet schon den Modell-Typ an: Es handelt sich um eine Field Watch im eher klassisch-unaufgeregten Design. Der Gähn-Faktor ist in der Summe dennoch sehr gering, denn im Detail unterscheidet sich die RZE Resolute merkbar von ähnlichen Uhren in dieser Preisklasse. Zum einen hat sich RZE auf Leichtbau-Gehäuse und -Bänder spezialisiert: Als Material kommt ausschließlich Titan Grade 2 zum Einsatz, das deutlich leichter als Edelstahl ist: Während Edelstahl ca. 8g/cm³ wiegt, kommt Titan auf vergleichsweise fluffige 5g/cm³. Das ist ein durchaus beachtlicher Unterschied von rund 60%. Das Gewicht der RZE Resolute wird dadurch auf überaus leichte 97 Gramm gedrückt (am massiven Titanband wohlgemerkt), was überaus positiv auf den Tragekomfort einzahlt. Zum Vergleich: Eine ähnlich dimensionierte mechanische Stahluhr am Stahlband wiegt schnell mal deutlich über 150 Gramm – ein Unterschied, den man im Alltag definitiv merkt.

Habt ihr Interesse an der RZE Resolute, so empfehle ich unbedingt das separat erhältliche Titanband zu erwerben – nicht nur wegen der tollen Optik, sondern auch wegen der hochwertigen Haptik und der tadellosen Verarbeitung: so sind die Glieder quietschfrei aufeinander abgestimmt und verschraubt, was in dieser Preisklasse alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Auch die Schließe ist ordentlich massiv und rastet sehr sauber – nur eine werkzeugfreie Schnelljustierung hätte gerne noch an Bord sein dürfen.

Die Oberfläche des Gehäuses ist komplett sandgestrahlt und dadurch absolut reflexionsfrei, was den schnörkellosen Toolwatch-Charakter des Modells unterstreicht. Das Gehäuse wirkt durch seine (materialbedingte) gräuliche Oberfläche und die kantige Verarbeitung extrem toolig (ich musste spontan an einen Stealth Bomber oder die Transformers denken).

Konkret handelt es sich übrigens um Titan Grade 2, einem sogenannten Alpha-Reintitan, welches mit einer Vickers-Härte von über 200 HV in etwa auf einem Niveau mit 316L-Edelstahl ist. Das ebenfalls häufig in der Uhrenproduktion verwendete Titan Grade 5 ist mit ca. 350 HV zwar deutlich unempfindlicher gegenüber Kratzer, Titan Grade 2 hat allerdings Vorteile hinsichtlich Korrosionsbeständigkeit. So wird Titan Grade 2 typischerweise in industriellen Bereichen eingesetzt, in denen es darauf ankommt, dass das Material eine Passivschicht (Oxidschicht) ausbildet und dadurch Korrosion verhindert wird (zum Beispiel in der Luft- und Raumfahrt).

RZE begegnet der geringeren Härte von Titan Grade 2 gegenüber Grade 5 mit einer transparenten Hartstoffbeschichtung mit dem hauseigenen Namen UltraHex. Solche Hartstoffbeschichtungen scheinen langsam im Kommen zu sein – schon bei der Direnzo DRZ04 Mondial kam eine solche zum Einsatz (allerdings auf Edelstahl, nicht auf Titan). Die UltraHex-Beschichtung, die bei allen RZE-Uhren zum Einsatz kommt, soll nach Angaben von RZE für eine Härte von rund 1200 HV (Härte nach Vickers) sorgen.

Ich habe die Beschichtung testweise auf die Probe gestellt und mit der Spitze einer Nagelfeile aus Edelstahl an einem Bandglied des UltraHex-Titanbandes rumgedoktert. Praktisch habe ich durchaus einen Unterschied bemerkt: die Kratzempfindlichkeit ist dank der Beschichtung merkbar reduziert. Mit einer tegimentierten (kolsterisierten) Sinn U1, bei der die Härtung nicht über eine Beschichtung, sondern über das Aushärten des Materials selbst erreicht wird, kann UltraHex aber definitiv nicht mithalten.

Auch der (verschraubte und mit Viton-Dichtungen ausgestattete) Gehäuseboden ist aus nickelfreiem Titan, was Uhren-Freunde freuen dürfte, die Probleme mit Allergien haben. Die Präsentation des Gehäusebodens zeigt sich allerdings ziemlich nüchtern, fast schon etwas bieder: Außer ein paar Text-Gravuren ist dort nix zu finden, was ich als Fan schöner Gravuren (am liebsten reliefartig) natürlich schade finde.

Das Saphirglas kommt mit zehn- bis zwölffacher Entspiegelung, weshalb es tatsächlich fast so wirkt, als sei gar kein Uhrglas verbaut. Dadurch kommen die vielen Details des Zifferblatt wunderbar zur Geltung – so wie der dezente Farbverlauf von Dunkel (am Rand) hin zu Hell sowie die „körnige“ Texturierung. Man beachte auch das Datumsfenster, das die kantige Form des Gehäuses aufgreift.

Erwähnenswert sind auch die applizierten und plastisch wirkenden Stundenindizes, die (wenn man genau hinschaut) mit zweifarbiger Super-Luminova kommen (Farben C3 und BGW9) – das ist ein sehr schönes Detail, das man in der Form höchstselten sieht.

Okay, da ist er doch ein wenig, der Gähn-Faktor: In der RZE Resolute tickt das japanische Kaliber Seiko NH35A – ein zuverlässiges und robustes Werk in dieser Preisklasse, mit dem ich persönlich schon ausführliche, sehr gute Langzeiterfahrungen gemacht habe. Das NH35A wird aber eben auch gefühlt von quasi jeder Microbrand eingesetzt – und das ist auch naturgemäß nicht weniger geworden, seitdem grade Jungmarken mit vergleichsweise geringen Volumina kaum noch an ETA-Kaliber und auch nur schwierig an Sellita-Kaliber kommen (zumindest zu halbwegs akzeptablen Preisen). Mit -7 Sekunden pro Tag läuft das NH35A in der mir vorliegenden RZE Resolute locker im standardmäßig von Seiko vorgegebenem Rahmen (ab Werk -20 bis +40 Sekunden pro Tag), ein leichter Vorgang wäre mir allerdings deutlich lieber gewesen.

Fazit zur RZE Watches Resolute

Alles in allem macht RZE Watches nicht viel anders als andere Microbrands – eigentlich. Ein NH35 in Verbindung mit einem klassischen Design für Pi mal Daumen 500€ habe ich gefühlt schon drölfmillionen mal gesehen. Dennoch verwundert mich der Erfolg von RZE keineswegs (siehe Kickstarter-Kampagne und es gibt auch schon zwei weitere Modelle): Man sieht die langjährige Erfahrung von Travis Tan im Uhrenbusiness in allen Details der RZE Resolute. Alles wirkt von Anfang bis Ende durchdacht, das Gesamtpaket ist überaus rund. Dabei erfindet RZE die Uhr nicht neu, aber hey, es funktioniert – vor allem wegen der überdurchschnittlichen Qualität sowie (zwar nicht spektakulärer, aber durchaus eigenständiger) Produkteigenschaften wie der zweifarbigen Super-Luminova und dem toll verarbeiteten gehärteten Gehäuse aus leichtem Titan.

Nur beim Uhrwerk hätte ich mir tatsächlich gerne etwas anderes gewünscht, zum Beispiel das Miyota 9015, das es problemlos mit den Schweizer Pendants ETA 2824 und Sellita SW200 aufnehmen kann. Ich verstehe nicht wirklich, warum das Werk nach wie vor so selten von Microbrands verbaut wird. Ich lehne mich jetzt einfach mal aus dem Fenster und behaupte, dass ein Miyota 9015 anstelle des fast schon ubiquitär eingesetzten NH35 vielen Uhrenfreunden auch einen gewissen Aufpreis wert gewesen wäre…

30€ Gutschein-Code „chrononautix30“ ist einlösbar auf eu.rzewatches.com

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei FacebookInstagramYouTubePinterest oder Twitter. Ooooooder

Auch über Kommentare freue ich mich immer sehr (Kommentare werden einzeln, in der Regel innerhalb kurzer Zeit, geprüft und freigeschaltet). Vielen Dank!

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Oliver L.

    Wieder mal ein super Beitrag der mich in’s Grübeln bringt!
    Soll ich mir die Uhr zulegen oder nicht?
    Ich bin fast bei JA.
    Gruß
    olliwetty

  2. Rolf N.

    Die Prozentbetrachtung (z.B.: Gewichtsunterschied zwischen Titan und Edelstahl) hängt immer davon ab, ob man die Sache von „oben“ oder von „unten“ betrachtet.
    Edelstahl (8) ist ca. 60 % schwerer als Titan (5) (5+5×60%= 8, aber Titan(5) ist ca 37,5% leichter als Edelstahl (8) (8-8×37.5%=5). Aber das klingt eben weniger spektakulär…

  3. Thomas

    Klasse Beitrag wieder. Ich wollte mir die Endeavor in gelb holen. War leider zu langsam. Schon ausverkauft…wieso gibt es nicht mehr bezahlbare gelbe Uhren…

    Grüße aus Niederbayern

      1. Anonymous

        Ja die haben jetzt nochmal ein paar im Angebot. Datumsfenster ist auch neu. Lieferung allerdings erst im November/Dezember.

Schreibe einen Kommentar