Vintro Le Mans 1952: „Made in Germany“ Retro-Chronograph auf dem Prüfstand

Neue Uhrenmarken über Kickstarter – davon gibt’s zweifellos unzählbar viele. Der Markt ist kaum noch überschaubar. Die meisten Kampagnen bewegen sich allerdings gefühlt zu 99% im Dunstkreis des drölfmillionsten Bauhaus-Abklatsches im Daniel Wellington-Stil für 179€ plus/minus 20€ oder im Bereich Taucheruhren. Retro-Chronographen gibt es hingegen eher selten – und noch seltener welche mit einem Sea-Gull ST19 Schaltradkaliber, welches auf dem Schweizer Venus 175 basiert und eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Die junge deutsche Micro-Brand Vintro besetzt nun genau diese Nische mit dem Modell Le Mans 1952, einem mechanischen Rennsport-Chrono im klassischen Retro-Design. Was das Ührchen in „Made in Germany“-Qualität so kann, zeige ich euch in diesem umfangreichen Test…

Eckdaten des Vintro Le Mans 1952 Retro-Chrongraphen:

  • Made in Germany (produziert in Pforzheim)
  • Gehäuse aus Edelstahl, wahlweise beschichtet (gelbgold bzw. roségold)
  • Gewölbtes Saphirglas mit Entspiegelungsschicht an der Unterseite
  • Sea-Gull ST1940 Automatikwerk oder Seiko VK64A Meca-Quarzwerk
  • Saphirglas-Boden, verschraubt
  • Bicompax-Zifferblatt mit Tachymeterskala und Telemeterskala
  • Gehäusedurchmesser 40 mm, Höhe 15 mm (Automatik) bzw. 13 mm (Meca-Quarz), Horn-zu-Horn 48 mm
  • Bandanstoß 20 mm, der Automatik-Variante liegt ein kostenloses Stahlband bei
  • Gewicht: 75 Gramm (Automatik) bzw. 58 Gramm (Meca-Quarz)
  • Wasserdichtigkeit 10 bar / 100 Meter (zum Schwimmen geeignet)
  • UVP 599€ (Automatik) bzw. 269€ (Meca-Quarz), direkt bei vintro-watches.de
  • Vorbesteller-Rabatt 20% / Auslieferung im September 2019: 479€ für die Automatik-Variante und 199€ für die Meca-Quarz-Variante

Kooperation

Vintro Le Mans 1952 Chronograph im Vintage-Stil mit SeaGull ST1940 im Test

Der Kopf hinter Vintro ist Uli Baka, den man getrost als Archetypen eines Vintage-Uhrensammlers bezeichnen kann: In über 20 Jahren hat er mehr als 1000 (!) Vintage-Armbanduhren erworben. Das soll erst mal einer nachmachen 😉 Startschuss für seine Sammelleidenschaft war eine mechanische Taucheruhr, das Modell Skin Diver 115 mit verchromtem Gehäuse und Handaufzugswerk von Bifora aus Schwäbisch Gmünd (Nice-to-know: Bifora ist auch heute noch aktiv und verbaut ausschließlich NOS-Werke, also original Bifora-Kaliber aus alten Lagerbeständen aus den 60er, 70er und 80er Jahren).

Von links: Ulis Schwester Susanne, Uli Baka und Susannes Lebensgefährte Udo

Vor diesem Hintergrund verwundert die Ausrichtung von Vintro (eine Namenskreation aus „Vintage“ und „Retro“) keineswegs: Uli legt den Schwerpunkt der ersten Kollektion, die erfolgreich über Kickstarter finanziert wurde, klar auf Chronographen im Rennsport-Retro-Design. Unterstützung erfährt Gründer Uli von seiner Schwester Susanne, die sich für das Vintro-Design verantwortlich zeichnet, sowie deren Lebensgefährte Udo.

Schauen wir uns den Vintro Le Mans 1952 Chronographen also nun mal genauer an…

Atypisch: Die Telemeterskala

Auffälligstes Design-Merkmal des Vintro Le Mans 1952 Chronographen ist sicherlich die mittige, rote Telemetre-Skala, welche die klassische Tachymeter-Skala (am Rand in blau) ergänzt. Eine Tachymeter-Skala (auch: Tachymetre-Skala oder Tachometer-Skala) ist das Standard-Merkmal eines jeden Chronographen und erspart das Kopfrechnen: Mit einer solchen Skala kann die Messung von Einheiten pro Stunde (Units per Hour) durchgeführt werden, indem der zeitliche Abstand zwischen zwei Einheiten betrachtet wird. Klingt zu kompliziert? Hierzu ein einfaches Beispiel: Eine klassische Anwendung ist die Messung der Durchschnittsgeschwindigkeit auf einem definierten Streckenabschnitt, zum Beispiel bei einem Autorennen zwischen zwei Kurven. In diesem Video wird die Tachymeter-Skala sehr schön anhand einiger Beispiele erklärt:

Eher untypisch und höchstselten anzufinden ist hingegen die Telemeter-Skala. Bei der Telemeter-Skala spielt der Schall eine entscheidende Rolle: Jedes Kind kennt den „Trick“ die Sekunden zwischen Blitz und Donner zu zählen, um darauf zu schließen, wie weit ein Gewitter entfernt ist (denn ein Donnergrollen ist ja immer verzögert, da sich das Geräusch in Schallgeschwindigkeit vom Blitz her ausbreitet). Mit einer Telemeter-Skala lässt sich genau dieser Anwendungsfall ganz einfach lösen: Startet man den Chronographen bei einem Blitz und stoppt diesen beim Donner, so kann man auf der Telemeter-Skala die Entfernung des Blitzes in Kilometern ablesen. Abstrakt gesprochen kann man mit der Skala die Distanz zwischen einem sichtbaren und dem dazugehörigen hörbaren Ereignis messen. Hier dazu ein kleines Erklär-Video:

Ursprünglich wurde die Telemeterskala aber natürlich nicht für Meteorologen entwickelt 😉 Die Skala entstand aufgrund historische Anforderung des Militärs im Ersten Weltkrieg: Beim Aufleuchten des gegnerischen Artillerie-Mündungsfeuer wurde die Messung mit Hilfe von Chronographen gestartet, beim Ertönen des Kanonenschlags wurde der Chronograph gestoppt. So konnten die Offiziere auf Basis der Geschwindigkeit des Schalls die Distanz zum Feind ziemlich präzise messen und selbst zum Beispiel mit Artilleriefeuer antworten.

Die Telemeter-Skala beim Vintro Le Mans 1952 Chronographen ist auf jeden Fall eine nette Spielerei und sorgt insbesondere optisch dafür, dass die Retro-Optik unterstrichen wird…

Neben der Telemeter-Skala laden auch die applizierten bzw. erhabenen Indexe und Ziffern zum entdecken ein. Ich bin großer Fan von solch plastischen Elementen, da die Optik einfach höherwertiger ist als bei „platten“, d.h. ausschließlich bedruckten, Zifferblättern. Besonders schick anzusehen sind die polierten Indexe bei entsprechendem Lichteinfall. Die Farbe des Bicompax-Zifferblattes wirkt (je nach Winkel) teilweise creméfarben bis matt-silber. Toll! Aber seht selbst…

Was mir direkt positiv an der Vintro Le Mans 1952 aufgefallen ist, ist die massive Haptik des Gehäuses – es ist deutlich massiver als beispielsweise das Gehäuse des beliebten Seagull 1963 Fliegerchronographen, der ebenfalls mit dem Kaliber ST19 kommt (hierzu später mehr). Man hat wirklich das Gefühl einen schön sauber verarbeiteten Klotz Stahl in der Hand zu haben. Dadurch, dass das Gehäuse durchgängig poliert ist, wirkt die ganze Uhr recht edel und weniger „toolig“. Gut: Das Gehäuse ist bis 10 bar wasserdicht, sodass einem Sprung ins kühle Nass nichts im Wege steht – das ist keine Selbstverständlichkeit für einen Chronographen, häufig ist dieser Uhrentyp nur spritzwassergeschützt.

Mit einem Durchmesser von 40 mm ist das Gehäuse – wie für Retro-Uhren typisch – auch für schmalere Handgelenke geeignet. Normalerweise kommt mit persönlich (18,5 cm Handgelenkumfang) eigentlich keine Uhr ans Handgelenk, die kleiner ist als 42 mm. Der Vintro Le Mans 1952 Chrono wirkt aber durchaus etwas größer, was (naturgemäß) an den Chrono-Drückern liegt, die die Fläche der Uhr einen Tick vergrößern. Gut: Die eckigen Chrono-Drücker stehen nicht allzu weit raus, was dem Tragekomfort zu Gute kommt…

Auch das weiche und flexible, sehr natürlich nach Leder riechende Band im Vintage-Stil trägt zum sehr guten Tragekomfort bei. Praktisch sind auch die Schnellwechselfederstege, die ein werkzeug- und damit kratzerfreies Wechseln des Bandes ermöglichen.

Kleiner Wermutstropfen: Das Band ist relativ kurz – beim Testtragen an warmen, schweißtreibenden Tagen, bei denen sich der Handgelenkumfang schnell vergrößert, war ich mit der Dornschließe im vorletzten, teilweise sogar im letzten Bandloch. Diesbezüglich habe ich bei Vintro nachgefragt und mir wurde bestätigt, dass längere bzw. kürzere Bänder ab Herbst zur Verfügung stehen werden.

Dem Vintro Le Mans 1952 Chrono liegt standardmäßig noch ein kostenloses Nato-Band (inklusive zusätzlicher Federstege) bei. Da sag‘ ich als Wahl-Schwabe natürlich nicht nein ;-). Allerdings will der Funke im Vergleich mit dem tollen Lederband nicht so wirklich überspringen – an eine Retro-Uhr wie den Vintro Chronographen muss einfach ein Lederband ran.

An Auswahl mangelt es jedenfalls nicht: Vintro bietet eine Vielzahl an Band-Varianten an, darunter ein cognac-farbenes Lederband oder ein beiges Nylon-Band mit Leder-Unterseite (hier im Bild / das Stahlband ist eine kostenlose Beigabe der Automatik-Variante, hierzu später mehr):

Das Innenleben: Langzeiterfahrungen mit dem Sea-Gull ST19, dem Basiskaliber des ST1940

Das ST19 von Seagull ist fast schon als Exot zu bezeichnen – (leider) setzen nur wenige Hersteller auf das Werk. Prominentestes Beispiel ist sicherlich der Seagull 1963 Fliegerchronograph, der bei Uhrenkennern extrem beliebt ist. Die Beliebtheit kommt nicht von ungefähr, wie ich in einem Review im Jahre 2016 festgehalten habe.

Kommen wir zunächst zur spannenden Geschichte hinter dem ST19: Hergestellt wird das Werk (in allen Varianten wie das ST1901 mit Handaufzug oder das ST1940 mit Automatikaufzug) von der Tianjin Seagull Watch Group. Tianjin wer? Nun, die Firma ist alles andere als eine kleine chinesische Bastelbude: Die Tianjin Seagull Watch Group gehört neben ETA, Seiko und Miyota zu den größten Herstellern von mechanischen Uhrwerken überhaupt. Über 3000 Mitarbeiter und 3,7 Millionen produzierte mechanische Uhrwerke pro Jahr (Stand 2010) sind jedenfalls eine echte Ansage. Zum Vergleich: Miyota (Citizen-Gruppe) baut ca. 1,8 Millionen mechanische Uhrwerke pro Jahr, ETA (Swatch-Gruppe) kommt auf ca. 5 Millionen mechanische Uhrwerke pro Jahr (Stand 2011). Viel Erfahrung hat der chinesische Hersteller also allemal.

Das Besondere an der Kaliber-Reihe Seagull ST19 sind aber dessen Schweizer Gene. Das kam wie folgt: Die 1924 im Schweizer Jura gegründete Fabrique d’Ebauches Vénus S.A. suchte Anfang der 1960er Jahre Käufer für die Maschinen und Anlagen, die zur Produktion des Schaltradchronographenkalibers Venus 175 eingesetzt wurden. Dadurch wollte das taumelnde Unternehmen Kapital für Weiterentwicklungen ranschaffen. Und die Käufer fand man *Trommelwirbel* in China. Denn: die chinesische Regierung beschloss praktischerweise in demselben Zeitraum sich mit einer eigenen Uhrenindustrie unabhängig von sowjetischen und Schweizer Uhrenimporten zu machen. Das damals als Tianjin Watch Factory gegründete Unternehmen (und heute als Tianjin Seagull Watch firmierende Gruppe) nahm damals die Kaufgelegenheit wahr und baute die Maschinen von Venus in der eigenen Produktion auf. Die Konstruktionszeichnungen des Venus 175 gab’s natürlich auch mit dazu.

Die Chinesen führten noch ein paar Verbesserungen am Venus 175 durch und starteten zeitnah mit der Produktion der ersten Prototypen, welche Einzug in einen Flieger-Chronographen für die Volksbefreiungsarmee fanden. Bis 1969 wurden die Chronos mit dem Venus 175 in Serie gebaut. Dann wurde es einige Jahrzehnte ruhig um das Chronographen-Kaliber. Im Jahre 2003 belebte Tianjin Seagull das Venus 175 allerdings wieder – unter dem Namen Seagull ST19 wird es unter anderem in der sehr beliebten, hauseigenen Retro-Neuauflage Seagull 1963 verbaut.

Seagull 1963 Flieger-Chronograph

Damals wie heute kommt das Werk dabei mit einem Schaltradmechanismus, der deutlich aufwendiger in der Konstruktion ist als heute gängige Chronographenkaliber mit Kulissensteuerung. Schaltradkaliber sind bei Retro-Uhren-Fans beliebt, da es dabei vor Jahrzehnten um die gängige Bauweise von Chronographenwerken handelte und heute kaum noch aufzufinden sind. Insbesondere das Seagull ST19 hat in den letzten Jahren eine ordentliche Fangemeinde aufgebaut, was insbesondere am Seagull 1963 Fliegerchrono liegt.

Seagul 1963 chinesischer Flieger-Chronograph
Das ST19 in der Handaufzugsvariante in der Seagull 1963

Kurz zusammengefasst könnte man das Seagull ST19 als lebendes Relikt bezeichnen, welches auf Basis einer zuverlässigen Schweizer Konstruktion auch heute noch von einem der größten Uhrwerkehersteller der Welt gebaut wird.

So viel zur Historie des Kalibers. Mit dem Sea-Gull ST1940 im Vintro-Chronographen konnte ich logischerweise noch keine Langzeiterfahrungen machen, sehr wohl aber mit dem ST19 im Seagull 1963 Chrono, den ich ein paar Jahre getragen habe (bevor ich ihn meinem Vater vermacht habe, da ich Platz in der Uhrenbox gebraucht habe ;-)). Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass die Zuverlässigkeit und die Stabilität der Gangwerte beim ST19 über Jahre hinweg wirklich exzellent waren.

Mittlerweile gibt es vom ST19 verschiedene Varianten – in der Vintro Le Mans 1952 kommt das Sea-Gull ST1940 zum Einsatz, welches – anders als das ursprüngliche Venus 175 – nicht per Handaufzug aufgezogen wird, sondern über einen Automatikaufzug, sprich einen Rotor.

Die Ganggenauigkeit des ST1940 beträgt laut Sea-Gull +/- 30 Sekunden pro Tag. Durch Feinjustierung zielt Vintro nach eigenen Aussagen auf mindestens +/- 20 Sekunden pro Tag ab. Ganggenauigkeitsfetischisten locken solche Werte nicht hinter dem Ofen vor. Man bedenke aber, dass bei vielen beliebten Kalibern ab Werk recht großzügige Gangwerte angegeben werden (wie beispielsweise auch das japanische Miyota 9015 mit -10 bis +30 Sekunden pro Tag). De facto laufen die Werke in der Regel unter „Normalbedingungen“ aber deutlich besser. So auch der mir vorliegende Vintro Le Mans 1952 Chronograph, der mit +7 Sekunden pro Tag eine gute Ganggenauigkeit auf die Zeitwaage bringt.

Das Sea-Gull ST1940 ist obendrein auch noch eine echte Augenweide und kann durch den Saphirglas-Boden bei der Arbeit begutachtet werden – die gebläuten Schrauben, der Perlschliff auf dem Rotor, die goldfarbenen Zahnräder … all das macht eine Menge her:

Nanu? Wer genau hinschaut entdeckt auf dem Rotor eine „designed in Germany“-Gravur…

… auf dem Zifferblatt hingegen heißt es „Made in Germany“. Ja was denn nun?

Diese Beschriftung ist eher unüblich: Normalerweise versuchen Uhrenhersteller zu verwischen, dass es nicht für die 50%-Made in Germany-Wertschöpfungshürde gereicht hat, indem sie „Designed in Germany“ auf der Uhr verewigen. Auf den Vintro Le Mans 1952 Chronographen trifft aber de facto beides zu: Die Uhr wurde in Deutschland entworfen und produziert. Genauer: Das Design entstand im schwäbischen Aalen, die Produktion wiederum ist im Uhrencluster Pforzheim, wo gestandene deutsche Hersteller wie Stowa, Laco, Aristo und Archimede ihren Hauptsitz haben.

Ausgeliefert wird der Vintro Le Mans 1952 Chronograph in einer schicken Kunstlederbox. Die Box der Automatikvariante ist dabei deutlich größer als die der Meca-Quarz-Variante – ein richtiger Brecher 😉

Praktisch: Das Innenleben der Box lässt sich einfach entfernen, sodass man die Box zum Beispiel gut zur Aufbewahrung von Bändern verwenden kann.

Die Automatik-Variante kommt – neben Nato- und Nylon- bzw. Lederband – außerdem mit einem kostenlosen Edelstahlband samt Bandwechselwerkzeug. Auch da sage ich als Wahl-Schwabe natürlich nicht nein – die Qualität des Stahlbandes reißt zwar keine Bäume aus, ist für diese Preisklasse aber angemessen. Gut: Die Bandglieder sind verschraubt, wodurch das Kürzen des Bandes auch ungeschickten Uhrenfreunden gelingen sollte 😉

Fazit zum Vintro Le Mans 1952 Retro-Chronographen

Der Einsatz des chinesischen Seagull ST1940 Automatikwerkes ist ein ziemlich gewagter Schachzug für eine frisch gestartete Micro-Brand. Es ist aber auch ein Schachzug, den man als Käufer nicht bereuen wird: Die Schweizer Basis-Konstruktion gepaart mit der Erfahrung eines der größten Werkehersteller der Welt – da darf man ruhig die Scheu vor „Made in China“-Werken ablegen.

Vintro umgeht mit dem Einsatz des Seagull ST1940 geschickt das Dilemma, dass es im günstigen Micro-Brand-Spektrum ansonsten kein nennenswertes mechanisches Werk mit Chronographen-Komplikation gibt: Viele Micro-Brands setzen daher entweder auf Seiko Meca-Quarz-Werke (hierzu gleich mehr) oder doch gleich auf das allgegenwärtige ETA Valjoux 7750 – dann aber auch mit entsprechenden Preisen von über 1000€ (z.B. Straton Watch Co. oder FORMEX). Ich würde es jedenfalls durchaus begrüßen, wenn mehr Micro-Brands das Seagull ST19 (in welcher Variante auch immer) verbauen – vorausgesetzt, ein unkomplizierter Service und die Ersatzteilversorgung sind sichergestellt.

Denn das ist ein Pluspunkt von Vintro: Der After-Sales-Service wird in Deutschland abgewickelt, wie mir Uli bestätigt hat. Der Uhrmacher in Pforzheim hat alle notwendigen Ersatzteile für das ST1940 vorrätig und es wird natürlich auch später die Möglichkeit geben Revisionen über Vintro in Pforzheim durchführen zu lassen. Das hebt Vintro auf jeden Fall positiv von der Masse der Micro-Brands ab, die häufig aus dem asiatischen Raum operieren und bei denen Service-Leistungen oftmals mit internationaler Hin- und Hersenderei und Zoll-Diskussionen verbunden sind (so geschehen bei einem Arbeitskollegen mit seiner FORMEX Essence).

Mit einem UVP vom 599€ ist der Vintro Le Mans 1952 Chronograph auf den ersten Blick kein Hammer-Schnäppchen – der Seagull 1963 Retro-Chronograph, der eine sehr große Fangemeinde hat, kommt mit demselben ST19-Basiskaliber und versprüht ebenfalls eine Menge Retro-Charme – Preispunkt: rund 300€. Dennoch muss ich ganz klar sagen, dass die Qualität des Vintro-Chronos in vielerlei Hinsicht einfach besser ist als beim Seagull 1963 Chrono (insbesondere das massive Gehäuse, Saphirglas anstelle Mineralglas/Plexiglas, die Zeiger, die Bänder bzw. der Lieferumfang). Leser meines Blogs wissen, dass ich asiatischen Marken gegenüber mehr als aufgeschlossen bin, aber hier ist ein Qualitätsunterschied einfach spürbar.

Dennoch sei noch ein Blick auf weitere Micro-Brand-Wettbewerbsprodukte mit dem Kaliber ST19 erlaubt:

  • EMG DL63 Panda Chronograph: Umgerechnet rund 430€ inklusive Zoll/Einfuhrumsatzsteuer (Versand aus Hong Kong)
  • Mercer Lexington Chronograph: Umgerechnet knapp 570€ inklusive Zoll/Einfuhrumsatzsteuer (Versand aus den USA)
  • Baltic Bicompax Chronograph: 649€ (Versand aus Frankreich)
  • Vertigo Pilot One: 450€ (Versand aus Italien)

Reduziert man die oben genannten Chronographen alle auf ihr Innenleben, so muss man festhalten, dass Vintro eher im oberen Preisbereich rangiert. Man beachte aber, dass bei EMG und Mercer der After-Sales-Service (Reparaturen, Revision) eher kompliziert werden dürfte (Versand aus Hong Kong bzw. USA). Alles in allem erscheint mir der Preis des Vintro Le Mans 1952 Chronographen mit Blick auf die Wettbewerber-Preise, den Lieferumfang (Stahlband, Nato-Band, Lederband, Bandwechselwerkzeug, Federstege, XXL-Box) und die rundum gelungene Pforzheimer Verarbeitungsqualität angemessen. In der aktuellen Vorbesteller-Phase ist der Preis mit 479€ tendentiell sogar vergleichsweise günstig.

(Günstigere) Chrono-Alternativen mit Telemeter-Skala

Es gibt eine Reihe von Chronographen mit dem Design-Merkmal einer Tachymeter-Skala am Markt, allerdings kommen diese in aller Regel von bekannten Größen für 2000€ aufwärts wie beispielsweise…

Hanhart Pioneer TachyTele

An dieser Stelle möchte ich mich daher auf eher günstigere Alternativen konzentrieren, die eine optische Ähnlichkeit mit dem Vintro Le Mans 1952 Chrono haben. Zunächst sei an dieser Stelle auf die Meca-Quartz-Variante der Vintro Le Mans 1952 hingewiesen: Da die sonstigen Produktmerkmale identisch zur Automatik-Variante sind (das toll verarbeitete Gehäuse, das aufwendige Zifferblatt, Saphirglas), ist der von Vintro aufgerufene UVP von 269€ mit Blick auf vergleichbare Wettbewerber-Modelle (siehe unten) als fair zu bezeichnen. Die im Vorverkauf aufgerufenen 199€ lassen mich sogar das Wort „Schnäppchen“ über die Lippen huschen.

Und das Meca-Quarz-Werk versprüht immerhin einen Hauch Mechanik-Flair: Die Standardfunktion der Uhr (Drehen des Minuten- und Stundenzeigers) werden mit Quarz-Technologie angetrieben, während die Chronographenfunktionen mit einem mechanischen Modul ausgelöst werden. Dadurch kommt man in den Genuss einen schleichenden, zentralen Sekundenzählers und einer sofortigen Nullstellung des Zeigers – beide Funktionen bekommt man natürlich nicht mit einem reinen Quarz-Werk.

Man beachte, dass die Meca-Quarz-Variante der Vintro Le Mans 1952 mit einer deutlich kleineren Box und standardmäßig ohne Edelstahlband kommt – letzteres kann aber zusätzlich gekauft werden.

Bei der Meca-Quarz-Variante der Vintro Le Mans 1952 kommt anstelle des Glasbodens ein Stahlboden mit Gravur zum Einsatz

Schauen wir noch auf Alternativen von UNDONE und Dan Henry – vorweg sei aber gesagt, dass man bei beiden Marken gewisse Abstriche bei den Eckdaten machen muss. Eine mittlerweile recht bekannte Micro-Brand ist zum Beispiel der in Hong Kong ansässige Hersteller UNDONE, der mit dem Urban Vintage Chrongraphen ebenfalls hochwertige Qualität bietet. Allerdings ist das verbaute Glas leider nur (gewölbtes) Mineralglas (Vintro = Saphirglas). Außerdem ist das Zifferblatt längst nicht so aufwendig verarbeitet wie bei der Vintro Le Mans 1952 (keine applizierten Indizes). Auf der anderen Seite ist UNDONEs Steckenpferd aber auch die vielzähligen Invidualisierungsmöglichkeiten im Uhren-Konfigurator.

UNDONE Killy Vintage-Chrono

Der UNDONE Urban Vintage Chrono ist ab rund 280 Euro zu haben (inklusive Zoll / Einfuhrumsatzsteuer). Man muss sich allerdings auf eine etwas längere Lieferzeit und einem Gang zum Zoll anfreunden, da der Versand aus Hong Kong erfolgt. Mehr über UNDONE:

Bei Uhrenfans ist auch die Marke Dan Henry beliebt: Der optisch ähnliche Dan Henry 1939 Military Chronograph kommt für schlanke 220 US-Dollar (effektiver Endpreis umgerechnet ca. 200€, Versand erfolgt von einem europäischen Lager). Allerdings sind auch hier die Eckdaten nicht so attraktiv wie bei Vintro – die Alternative von Dan Henry kommt nur mit Mineralglas und einem Miyota-Quarz-Werk…

Dan Henry-Portfolio, Bild: Dan Henry [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

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