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Nach der höherpreisigeren Carbon-Variante der beliebten Taucheruhr Seascoper 600 vom unabhängigen und familiengeführten Schweizer Hersteller Titoni, folgt nun Ende November 2022 die brandneue Seascoper 300 in fünf verschiedenen Farbvarianten. Wie der Name schon andeutet, wurde die Seascoper 300 gegenüber der Seascoper 600 „abgespeckt“ und gleichzeitig eine Preisetage tiefer positioniert. Ob das Preis-Leistungs-Verhältnis nach wie vor passt, zeigt dieser ausführliche Test…

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Eckdaten Titoni Seascoper 300:

  • Sellita SW200-1 in Chronometer-Qualität (COSC), 40 Stunden Gangreserve
  • Durchmesser 42 mm
  • Bauhöhe 12,5 mm
  • Horn-zu-Horn 51,5 mm
  • Gewicht: 185 Gramm (am Stahlband)
  • Saphirglas, beidseitig entspiegelt
  • Wasserdichtigkeit 300 m / 30 bar / 30 atm
  • Unidirektionale Taucher-Lünette mit kratzfestem Keramik-Inlay
  • Gehäuse aus 316L-Edelstahl
  • erhältlich in fünf Farbvarianten (grün/grün, grün/schwarz, blau/blau, blau/schwarz, schwarz/schwarz)
  • Super-Luminova (BWG9)
  • Drei Bandvarianten (Stahl mit werkzeugloser Feinjustierung, vollintegriertes Kautschukband oder #tide Ozeanmaterial).
  • ab 1500€ (am #tide-Band) / 1615€ am Stahlband; inklusive Einfuhrumsatzsteuer/Zoll und Versand, direkt auf titoni.ch oder bei verschieden Fachhändlern.
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Titoni Seascoper 300 im Test

Reißen wir direkt das Pflaster mit einem unbarmherzigen Ruck ab: Das Chronometer-zertifizierte, hauseigene Titoni-Manufakturkaliber T10 mit 72 Stunden Gangreserve ist bei der Seascoper 300 nicht an Bord. Und das tut ehrlich gesagt schon ein bisschen weh – dazu aber gleich mehr.

Davon mal abgesehen hat Titoni den Rotstift bei der Seascoper 300, die preislich fast 400€ unter der Seascoper 600 platziert ist, weitgehend in der Hosentasche gelassen: Die größten Änderungen betreffen (neben dem Kaliberwechsel) die Reduzierung der Wasserdichtigkeit (wie der Name schon sagt von 600 auf 300 Meter) und das Entfernen das Heliumventils. Und zu letzteren beiden Punkten sage ich: gut so! Denn seien wir mal ehrlich: Auch, wenn es sich schon gut anfühlen kann mit einer Taucheruhr für wirklich alles gewappnet zu sein – der Otto Normal-Taucheruhrenträger bekommt im Alltag kaum mehr Kontakt mit Wasser als in der abendlichen Wellnesssandelholzduftbadewanne nach acht Stunden Bürostuhlakrobatik. Euch sagen Begriffe wie Caisson-Krankheit, Chokes, DCS und Heliox so rein gar nichts? Nicht schlimm, denn dann bringen auch 60 bar Wasserdichtigkeit und ein Heliumventil nüchtern betrachtet keinerlei Nutzen – außer natürlich man peilt in naher Zukunft einen Minijob auf den Spuren von Jacques-Yves Cousteau an.

Am Ende des Tages bin ich persönlich eher pragmatisch veranlagt und so begrüße ich es sehr, dass die Seascoper 300 mit geringerer, aber immer noch locker zum Gerätetauchen ausreichender Wasserdichtigkeit und ohne Heliumventil kommt. Denn vor allem ist dadurch (konstruktionsbedingt) eine spürbar geringere Gehäusehöhe möglich: So kommt die Seascoper 300 auf angenehm flache 12,5 mm Bauhöhe, während die Seascoper 600 mit einer Höhe von 14,5 mm deutlich wuchtiger wirkt und nix für schmale Handgelenke ist.

Der Durchmesser liegt allerdings, wie bei der Seascoper 600, bei 42 mm – ich glaube viele Uhrenfreunde hätte es gefreut, wenn sich auch der Durchmesser etwas verkleinert hätte, zum Beispiel auf 40 mm; denn die nun flachere Höhe hätte es definitiv hergegeben, damit die Seascoper 300 nicht zu pummelig wirkt. Gleichzeitig hätten sich Seascoper 300 und 600 so auch noch besser voneinander differentiert.

Wie bereits eingangs erwähnt kommt die Seascoper 300 nicht mit dem Manufakturkaliber T10, sondern mit einem als überaus zuverlässig geltenden Schweizer Standard-Kaliber aus dem Hause Sellita, dem SW200-1, das im Wesentlichen baugleich mit dem ETA 2824-2 ist.

Der größte Unterschied zwischen SW200-1 und T10 ist eine Gangreserve von „nur“ 40 Stunden, was für Uhrenfreunde, die ihre Uhr durchgängig tragen oder beispielsweise mit mehreren Uhren eine Wochen-Rotation durchgehen, keine wirklich große Relevanz hat, aber dennoch natürlich ein nennenswerter Nachteil ist.

Bei der Ganggenauigkeit macht Titoni aber keine Kompromisse: Jedes einzelne SW200-1 in der Seascoper 300 hat die Chronometer-Zertifizierung von der Schweizer COSC (Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres) durchlaufen, die eine Gangabweichung von -4 bis +6 Sekunden pro Tag garantiert. Über zwei Wochen werden die Werke in fünf Lagen und bei drei verschiedenen Temperaturen (8 °C, 23 °C, 38 °C) von der COSC getestet, bevor sie an Titoni zurückgesandt werden.

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Erwartungsgemäß quasi-perfekte Gangwerte danke COSC

Zur Einordnung: Nur rund 6% der Schweizer Uhrenexporte kommen mit einem offiziellen COSC-Zertifikat. Eine Chronometer-Zertifizierung ist in der Preisklasse der Seascoper 300 außerdem alles andere als eine Selbstverständlichkeit – selbst Hersteller wie TAG Heuer (unter der Bezeichnung Calibre 5) schaffen es nicht mal in deutlich höheren Preisgefilden eine COSC-Zertifizierung mitzuliefern (siehe Aquaracer).

Einen Blick auf das Kaliber erhaschen kann man allerdings nicht: Bei der Seascoper 300 ist zwar wieder das Bullauge, das man von der Seascoper 600 kennt, an Bord – anstelle eines Saphirglas-„Gucklochs“ ist der Mittelteil allerdings ebenfalls aus Edelstahl und (wie eine Art Spiegel) auf Hochglanz poliert:

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Von all den hier diskutierten, technischen Aspekten mal abgesehen, spricht die Seascoper 300 eine Designsprache, die sich nicht wesentlich vom „großen Bruder“, der Seascoper 600, unterscheidet. So sind beispielsweise die auf Hochglanz polierten Minuten- und Stundenzeiger der Seascoper 300 mit ihrem „Mittelknick“ und der charakteristischen Skelettierung zum Zentrum hin identisch zur Seascoper 600.

Die Stundenindizes sind appliziert und – genau wie die Zeiger – mit Super-Luminova in der Farbe BGW9 belegt, das bei Tageslicht einen weißen und bei Dunkelheit einen hell-blauen Farbton aufweist. Die Leuchtkraft liegt bei ca. 95 Prozent im direkten Vergleich zur stärksten Super-LumiNova-Farbe C3. Die Leuchtdauer von BGW9 ist leicht über der von C3.

Neu beim Zifferblatt ist (gegenüber der Seascoper 600), dass die großen, charakteristischen Stundenziffern 12-6-9 für trapezförmige Indizes weichen mussten. Dadurch wirkt das Zifferblatt eher klassischer und rückt designtechnisch näher an das wohlbekannte Taucheruhren-Design heran, das vor allem von der Rolex Submariner geprägt wurde. Und so kann man auch durchaus argumentieren, dass die Seascoper 300 etwas an Eigenständigkeit im Vergleich mit der 600er eingebüßt hat.

Titoni Seascoper 300 vs. Rolex Submariner Alternative
Titoni Seascoper 300 vs. Rolex Submariner „NoDate“

Ins Auge sticht auch die moderner wirkende und deutlich größere Schriftart im unteren Zifferblattbereich („Seascoper“, „300m/1000ft“, „Chronometer“). Der Hinweis auf die Wasserdichtigkeit kommt außerdem in einem Orange, das auch bei der Spitze des Sekundenzeigers aufgegriffen wird.

Die Verarbeitung des Zifferblattes ist auf einem Top-Niveau, bis ins kleinste Detail (wie man auf den Makroaufnahmen unten auch problemlos erkennen kann) – und ich betone das an dieser Stelle gerne, da selbst in der Preisklasse jenseits der 1000€ eine solche Detailperfektion alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Dank genial beidseitig entspiegeltem Saphirglas kommen all die schönen Details auch wunderbar zur Geltung.

An Bord ist auch wieder eine kratzfeste Keramiklünette mit klassischer, dezent eingefräster Tauchereinteilung und zentraler Leuchtmarkierung zum Markieren des Tauchzeitpunktes – oder zum Starten sonstiger alltäglicher Zeitmessungen fernab des großen Ozeans wie zum Beispiel die Zeit, die man bereits in besagtem Wellnessbad verbracht hat (wer mag schon schrumpelige Haut nach einem Bad?).

Gegenüber der Seascoper 600 wirkt die Lünette der Seascoper 300 deutlich aufgeräumter und „ruhiger“, da Titoni auf die markanten Minutenziffern in ihrer kantigen Schriftart verzichtet hat. Die hier gezeigte Variante kommt dabei mit einer Lünetteneinlage aus grüner Keramik – der Farbton ist allerdings so zurückhaltend, dass er im Freien unter bewölktem Himmel oder in Innenräumen fast schwarz bzw. anthrazit wirkt (ich mache alle meine Fotos unter Softboxen, die einen bewölkten Himmel simulieren). Bei direktem Sonnenlicht tritt das Grün deutlich stärker zutage. Mir gefällt’s!

Das Gehäuse der Seascoper 300 ist sehr ähnlich verarbeitet wie das der Seascoper 600: Die Flanken sind auf Hochglanz poliert, die Oberseite der Hörner ist fein satiniert. Ein schönes Detail ist auch die Horn-Innenseite, die eine fein polierte Fase mitbringt. Ein dezenter Kronenschutz rahmt die Krone ein.

Aber auch beim Gehäuse gibt es Änderungen gegenüber der Seascoper 600: Das Horn-zu-Horn-Maß ist auf dem Papier etwas geringer (51,5 mm bei der 300er vs. 52 mm bei der 600er) und die Hörner der Seascoper 300 schwingen sich etwas stärker nach unten und damit „ergonomischer“ um’s Handgelenk – hier ein direkter Vergleich:

Gut: Die Seascoper 300 kommt mit demselben, haptisch und optisch hervorragendem Stahlband im „Oyster“-Stil, das auch für sicheren Halt der Seascoper 600 sorgt. Das Herzstück ist dabei die Schließe, die wie gehabt mit einer überaus praktischen, werkzeuglosen Feinjustierung über das Auslösen des kreisrunden Titoni-Logos, einer stilisierten Blume in Anlehnung an die in Südwest-China beheimatete Meihua, funktioniert. Glaubt mir, wenn ich sage: Eine solche Feinjustierung wollt ihr vor allem im Sommer nicht mehr missen.

Alternativ steht (wie bei der Titoni Seascoper 600 CarbonTech) ein sehr hochwertiges, flexibles und geruchsneutrales Band aus FKM-Kautschuk mit vollintegriertem (!) Bandanstoß oder ein Textilband aus #tide-Ozeanmaterial mit Schnellwechselfederstegen zur Auswahl. Das #tide-Band wurde vom gleichnamigen Startup Tide Ocean SA auf der Grundlage von Upcycling von Plastikflaschen aus dem Ozean hergestellt. Leider ist es per se etwas steif, der Tragekomfort beim FKM-Band ist definitiv deutlich höher.

Fans von Nato Straps müssen jetzt ganz tapfer sein: Die Löcher für die Federstege sind so nah am Gehäuse der Seascoper 300, dass sich Nato Straps nicht ohne weiteres unter graden Federstegen durchfädeln lassen. Das ist auch der Grund, warum das #tide-Band mit gebogenen Federstegen kommt.

Fazit zur Titoni Seascoper 300

Dass Titoni die überaus beliebte Seascoper-Modellreihe weiter ausbaut ist ein begrüßenswerter Schritt. Und dass Titoni nach der höherpreisigeren Carbon-Seascoper 600 nun auch wieder eine Preis-Etage tiefer angreift, ist aus Endkundensicht auf jeden Fall erfreulich. Andererseits tut es sicherlich dem einen oder anderen Uhrenfreund weh, dass das Manufakturkaliber T10 (mit einem gewissen Exklusivitäts-Charme) für ein Sellita SW200-1 weichen musste, beste Chronometer-Qualität hin oder her.

In der Summe ist die Seascoper 300 ein für diese Preisklasse überdurchschnittlich gut verarbeiteter und jetzt auch angenehm flacher Diver von einem hochsympathischen, familiengeführten Hersteller mit ganz hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis (auch mit Blick auf die Konkurrenz, dazu aber gleich mehr).

Titoni Seascoper 300 Test Erfahrungen 17 Kopie
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Alle Varianten der Seascoper 300

Auch, wenn Preisdiskussionen im höherpreisigeren Bereich bei Uhren eigentlich müßig sind, kommt man bei der Seascoper kaum drum herum: Nüchtern betrachtet muss man festhalten, dass sich die neue Seascoper 300 mit 1615€ (am Stahlband, das ich jedem dringend ans Herz lege) ziemlich nah am alten Preis der Seascoper 600 bewegt (1595€ Ende 2020; jetzt bei 1985€). Nur eben mit dem Unterschied, dass die Seascoper 600 ein COSC-zertifiziertes Manufakturkaliber mit deutlich aufgebohrter Gangreserve von 72 Stunden mitbringt (die 600er Seascoper hat auch weitere Benefits durch höhere Wasserdichtigkeit und Heliumventil – die sind aber eher theoretischer Natur wie ich bereits ausgeführt habe).

Bevor man aber nun die virtuelle Mistgabel rausholt, muss man im Hinterkopf behalten, was die letzten Monate und Jahre für marktseitige Herausforderungen mit sich gebracht haben: Alle (!) Uhrenhersteller, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe, kämpfen schon seit 2021 mit Komponentenknappheit und durch Ukraine-Krieg und Energiekrise kommen nun noch weitere deftige, inflationsbedingte Preissteigerungen in allen Bereichen dazu. Quasi kein Hersteller kommt um (oftmals mehrstufige) Preiserhöhungen herum – prominentestes Beispiel: Rolex mit gleich zwei Preiserhöhungen 2022 (siehe Preisliste). Bei quasi allen Schweizer Herstellern ergibt sich dasselbe Bild.

Hinzu kommen Wechselkurseffekte: Der Euro befindet sich gegenüber dem Schweizer Franken auf Talfahrt. Zurzeit ist ein Euro nur noch gut ein Franken wert. Für Schweizer Firmen, die in die EU exportieren (so wie Titoni) ist der Kurszerfall des Euros ziemlich bitter, denn der drückt auf die Margen: Für die exportstarke Schweizer Wirtschaft ist ein starker Franken im Allgemeinen wie Gift, weil er die angebotenen Produkte im Ausland verteuert und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigt.

Vor all diesen Hintergründen sind die Preiserhöhungen bei Titoni durchaus nachvollziehbar – und wie ich bereits ausgeführt habe, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis der Seascoper 300 trotz allem mehr als ordentlich.

Dennoch sei abschließend auch noch eine Alternative genannt – und die kommt von Formex: die REEF Automatik Taucheruhr kommt ebenfalls mit einem COSC-zertifizierten Sellita SW200-1, Bändern mit Feinjustierung und Schnellwechselsystem – und sogar die Formex-Keramik-Lünetten lassen sich mittlerweile bei der REEF standardmäßig in Eigenregie wechseln. Kostenpunkt: 1850€ (am Stahlband / ab 2085€ für die GMT-Variante der Formex REEF am Stahlband)

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U.Hohn
25. November 2022 11:52

Wieder vielen Dank für diesen brandaktuellen, tollen Bericht der neuen Seascoper, die es ja erst seit ein paar Tagen zu kaufen gibt. Über das Design kann man ja streiten, aber über die langweiligen Farben nicht. Und dann geht Titoni noch hin, und „köpft“ die Uhr, indem sie ihr Alleinstellungs-merkmal, das Manufakturkaliber, gegen ein Standardwerk austauschen. Hunderte von Taucheruhrmarken verwenden dieses Kaliber. ( auf COSC lege ich eh kein Wert ) Für mich unverständlich. Sieht alles ziemlich ratlos und vor allem sehr mutlos aus – Schade Titoni.