Titoni-Uhren-Heritage-Test

Geheimtipp? TITONI Heritage Retro-Uhr im Test

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Dass ein Uhren-Hersteller gänzlich unabhängig von einem Investor oder den großen Konzernen (wie beispielsweise der Swatch Group) ist, ist heutzutage schon ziemlich selten. Dass ein Uhrenhersteller nach wie vor in der Hand der ursprünglichen Gründerfamilie ist, ist sogar noch viel viel seltener vorzufinden, da die Übergabe des Unternehmenserbes von einer Generation an die nächste in vielen Fällen beispielsweise durch die Quarzkrise in den 70er und 80er Jahren unterbrochen wurde. Eine große Ausnahme ist der am Fuß des Jura ansässige Uhrenhersteller TITONI aus Grenchen, der unabhängig ist und damals wie heute von der Familie Schluep geführt wird.

Das Schweizer Familienunternehmen ist in Deutschland allerdings eher unbekannt (aus nachvollziehbaren Gründen, die wir in diesem Artikel beleuchten werden). Das soll sich aber mit der klassischen Taucheruhr TITONI Seascoper 600 (mit hauseigenem Manufakturkaliber T10) sowie der Retro-Uhr TITONI Heritage ändern…

Eckdaten TITONI Heritage (Ref. 83019)

  • Schweizer Sellita SW200-1 Automatikwerk
  • Gehäuse aus Edelstahl
  • Durchmesser 39 mm
  • Höhe 11,9 mm
  • Horn-zu-Horn 48 mm
  • Gewicht 73 Gramm (am Lederband)
  • Wasserdichtigkeit 5 bar / 50 Meter (Uhr darf beim Duschen am Arm bleiben)
  • Zifferblatt im Two-Tone-Design (anthrazit/matt-schwarz)
  • Saphirglas, beidseitig gewölbt und entspiegelt
  • Armband aus Leder mit Faltschließe
  • Listenpreis: 930€ (am Lederband mit Faltschließe) bzw. 945€ (am Stahlband), direkt auf TITONI.ch (inklusive Zoll/Einfuhrumsatzsteuer, mehr dazu im Fazit)
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TITONI Uhren: Urgestein und Underdog zugleich

Der Schweizer Fritz Schluep legte den Grundstein für die heutige Firma TITONI als er ab 1919 zusammen mit grade mal drei Mitarbeitern Uhren unter dem Markennamen Felco auf den Markt brachte. Die Geschäfte liefen prächtig, sodass Herr Schluep ein Jahr später schon 15 Mitarbeiter beschäftigte. Im Jahre 1921 taufte Schluep Felco kurzerhand in Felca um, gleichzeitig suchte der Unternehmer Expansionsmöglichkeiten – darunter in Asien und insbesondere in Japan.

Der gute internationale Ruf, den Herr Schluep mit Felca in den folgenden Jahren und Jahrzehnten aufgebaut hat, hallte bis in die USA: Der Grenchner Uhrenhersteller kurbelte Anfang 1945 die Produktion dank eines Großauftrags der US-Army über 30.000 Felca Field Watches (mit dem Adolph Schild-Kaliber 1187, verchromtem Gehäuse und wasserdicht verschraubtem Edelstahlboden) ordentlich an.

Nach Kriegsende übernahm Bruno Schluep, der schon ab 1938 Erfahrungen im Familienbetrieb sammelte, die Leitung des Unternehmens in zweiter Generation. Eine von Bruno Schlueps frühen Amtshandlungen war die Einführung einer neuen Marke im Jahre 1952: TITONI als höherwertigere Alternative zu Felca war geboren. Die Marke Felca blieb (zunächst) parallel bestehen.

Das damals von Bruno Schluep verwendete TITONI-Logo, welches auch heute noch in ähnlicher Form Anwendung findet, war eine stilisierte Blume in Anlehnung an die in Südwest-China beheimatete Meihua. Dass die Wahl auf dieses Logo fiel, war kein Zufall: Bruno Schluep arbeitete sowohl das Logo als auch den neuen Markennamen zusammen mit einem in Singapur ansässigen Geschäftsmann aus, um insbesondere die asiatische Kundschaft anzusprechen.

TITONI Airmaster
Auch heute noch das TITONI-Logo: Die stilisierte Meihua

Das Engagement in Fernost wurde Ende der 50er intensiviert: Wie Bruno Schluep im Grenchner Tagblatt erzählte, weilte damals eine staatliche Handelsdelegation aus China in der Schweiz – allerdings ursprünglich nicht wegen Zeitmesser. Swiss Made-Uhren genossen aber einen so gute Ruf in China, dass die Delegation unbedingt einen traditionellen Schweizer Hersteller besuchen wollte. Was nach einer einfachen Disziplin klingt, war in der Umsetzung aber gar nicht so einfach: Es hagelte absagen, da China damals nicht unbedingt den besten Ruf im Westen genoss (Stichwort: Antikommunismus). Nur Bruno Schluep lud die Delegation ein, was sich auszahlen sollte: Offenbar waren die chinesischen Geschäftsleute so angetan von den TITONI-Uhren, dass kurz nach dem Besuch die erste Bestellung in die Grenchner Büros flatterte.

Seit 1981 lenkt Brunos Sohn Daniel Schluep die Geschicke des Uhrenherstellers. Von einer ruhigen Übergabe konnte damals nicht die Rede gewesen sein: Bruno Schluep verstarb überraschend, sodass sein damals grade mal 28 Jahre alter Sohn ins kalte Wasser geworfen werden musste. Und auch der Markt war – gelinde gesagt – turbulent. Wir erinnern uns: Anfang der 80er Jahre konnte noch nicht die Rede davon sein, dass die existenzbedrohende Quarzkrise, also die Überflutung westlicher Märkte mit japanischen Quarzuhren, ausgestanden war. Anstelle aber im Panikmodus zu versuchen mit den Billig-Quarzern der Japaner zu konkurrieren (was den allermeisten Schweizer Uhrenherstellern, die es versucht haben, ohnehin nicht viel half), setzte TITONI weiterhin auf mechanische Modelle im Mittelpreissegment. Damals wie heute machen Quarz-Modelle nur einen Bruchteil der Gesamtproduktion von TITONI aus.

Daniel Schluep ist seit nunmehr 40 Jahren Geschäftsführer von TITONI. Immerhin sechzig Mitarbeiter in den Bereichen Entwicklung, Design, Montage und Qualitätskontrolle finden derzeit in Grenchen Beschäftigung. Mit dem T10 hat TITONI im Rahmen des 100-jährigen Firmenjubiläums sogar ein eigenes, Chronometer-zertifiziertes Manufakturkaliber mit mehr als ordentlichen 72 Stunden Gangreserve präsentiert. Das T10 wird komplett händisch in Grenchen zusammengebaut, um beispielsweise der Taucheruhr TITONI Seascoper 600 Leben einzuhauchen. Die Entwicklung eines eigenen In-House-Kalibers war sicherlich keine schlechte Entscheidung mit Blick auf den Hickhack zwischen der ETA SA und der Schweizer Wettbewerbskommission (Weko) und eine sinnvolle Investition, um sich unabhängig(er) von den wenigen, großen Schweizer Werkelieferanten zu machen.

Beim Namen TITONI macht es bei den meisten Uhrenfreunden vermutlich nicht sofort klick (zumindest in hiesigen Gefilden). Auch ich hatte TITONI bis vor kurzem, als ich erstmals etwas über die Modelle Seascoper 600 und Heritage gelesen habe, überhaupt nicht auf dem Schirm.

Mit Blick auf die lange, traditionsreiche Firmenhistorie verwundert der geringe Bekanntheitsgrad in Deutschland durchaus. Tatsächlich gibt es aber einen ganz einfachen Grund dafür: Aufgrund des historischen Vertriebsschwerpunktes auf Asien werden heute rund 80 Prozent der in Grenchen hergestellten TITONI-Uhren in Asien verkauft, allein 50 Prozent in China. In Deutschland gibt es grade mal vier Händler, die Titoni-Uhren führen (u.a. in der Galeries Lafayette Berlin). Und selbst im Heimatmarkt Schweiz gibt es nur wenige Verkaufspunkte, darunter in den Touristenhotspots Zermatt oder Genf (die bekanntermaßen auch viele asiatische Touristen anziehen). Dem stehen satte 600 Verkaufsstellen in China gegenüber, darunter im Herzen Pekings. Auch auf den top Online-Plattformen JD.com und Tmall ist TITONI zu finden (Amazon spielt in China keine nennenswerte Rolle).

Zum Vergleich: Der Uhrenhersteller Breitling, der den asiatischen Markt lange Zeit sträflich vernachlässigt hat und das nun versucht unter der Ägida von Georges Kern wieder zu kitten, kommt in China grade mal auf rund 30 Verkaufspunkte.

In der Summe verwundert es nicht, dass TITONI in China deutlich bekannter ist als in Europa bzw. im Heimatmarkt Schweiz. Mit neuen Modellen wie der TITONI Heritage wollen die Schweizer aber nun auch in westlichen Gefilden angreifen.

Bevor wir nun einen genaueren Blick auf das Modell TITONI Heritage werfen, sei an dieser Stelle noch ein Blick in diesen Besuchsbericht empfohlen (Achtung: Man sollte etwas Schwyzerdütsch beherrschen 😉 ):

TITONI Heritage 83019 im Test

Die TITONI Heritage bewegt sich designtechnisch ziemlich nah an einem klassischen Modell, welches Bruno Schluep im Jahre 1948 unter dem Markennamen Felca lanciert hat. Als Antrieb diente damals das Pendelautomatik-Kaliber AS 1250 auf Basis einer Konstruktion des britischen Uhrmachers John Harwood (gebaut von der Adolph Schild S.A.).

Das charakteristischste Merkmal der TITONI Heritage ist sicherlich das Zifferblatt im sogenannten Two-Tone-Design: Dieses erinnert dank der arabischen Stunden-Ziffern in Retro-Typographie sowie der Minuten-Indizes innerhalb eines matt-schwarzen „Außenrings“ stark an das Design von Tachometern, die man in vielen Oldtimern findet. Der rote Sekundenzeiger rundet die Tacho-Optik ab.

An der Frage Datum ja oder nein? scheiden sich die Geister. Ich sage: der Verzicht auf ein Datumsfenster bei der TITONI Heritage war eine gute Entscheidung, um den schlichten Charakter des Modells nicht zu stören. Das Zifferblatt ist zum Rand hin gewölbt, was in Kombination mit dem stark gewölbten Saphirglas für tolle perspektivische Verzerrungen sorgt. Retro pur!

Schön: Der „Innenbereich“ des Zifferblattes hebt sich nicht nur durch eine dezent metallische Optik und einen etwas helleren Anthrazit-Farbton ab, sondern – bei genauerem Hinsehen und bei bestimmtem Lichteinfall – auch durch eine fein vertikal gebürstete Oberflächenbearbeitung.

Die Zeiger und die Ziffern sind mit bräunlicher Super-Luminova im „Old Radium“-Stil befüllt, um die Retro-Optik zu unterstreichen. Die Ziffern sind außerdem mit einem feinen, silberfarbenen Rand „ummantelt“, der das Licht schick reflektiert und die Optik der polierten Zeiger hervorragend ergänzt. Die Drucke sind tadellos und zeigen auch bei Nahaufnahmen keinerlei Schwächen.

Nur die Leuchtkraft der Ziffern lässt etwas zu wünschen übrig – das ist bei „Old Radium“-Leuchtfarbe im Allgemeinen aber völlig normal. Und, hey – am Ende des Tages ist die TITONI Heritage auch keine Taucheruhr, die wie verrückt leuchten muss 😉 .

Das Edelstahlgehäuse kommt mit abwechselnd gebürsteten und polierten Oberflächen. Auf den ersten Blickt wirkt es eher schlicht, auf den zweiten Blick erkennt man aber eine Menge Liebe zum Detail wie die „Aushöhlungen“ der Hörner außen und einen mehrstufigen Aufbau. Alles in allem wirkt das Gehäuse überaus hochwertig und aufwendig verarbeitet. Toll!

Wie es sich für eine Uhr im Retro-Stil gehört, ist das Gehäuse der TITONI Heritage mit einem Durchmesser von 39 mm und einer Gehäusehöhe von angenehm flachen 11,9 mm eher kleiner dimensioniert. Das Horn-zu-Horn-Maß ist mit 48 mm auf dem Papier zwar etwas ausladender, dennoch ist die TITONI Heritage perfekt für schmalere Handgelenke geeignet, da die Hörner stark nach unten gezogen sind. Durch die geschwungene Gehäuseform wirkt das Modell außerdem sehr filigran – daher könnte ich mir die TITONI Heritage in der Summe auch gut an Damenhandgelenken vorstellen.

Auch wenn der Vergleich mit einem Diver natürlich hinkt, so kann man außerdem festhalten, dass die TITONI Heritage deutlich schmaler und „dressiger“ am Handgelenk wirkt als die auf dem Papier gleich dimensionierte Tudor Black Bay 58 (auch 39 mm).

Dank eines Fliegengewichtes von 73 Gramm ist auch der Tragekomfort in der Summe exzellent.

Auf der Rückseite des Gehäuses befindet sich – passend zur Tacho-Optik des Zifferblattes – eine Gravur mit dem Profil eines Oldtimers, der verdächtig an einen Rolls-Royce erinnert. Eine tiefere, reliefartige Umsetzung (wie bei der Laco Frankfurt GMT) wäre natürlich noch etwas cooler gewesen – aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Hinter dem gravierten Gehäuseboden tickt das Standardkaliber SW200-1 von der Schweizer Sellita SA. Das Kaliber ist im Wesentlichen baugleich mit dem ETA 2824-2 und bringt solide Eckdaten wie 40 Stunden Gangreserve und eine Frequenz von 28800 bph mit. Mit +3,7 Sekunden pro Tag ist das Kaliber mehr als ordentlich von TITONI einreguliert worden. Dennoch: Meiner Meinung nach hätte das hauseigene Manufakturkaliber T10 mit 72 Stunden Gangreserve auch der TITONI Heritage gut gestanden – das wiederum hätte aber sicherlich den Preis in die Höhe getrieben, da in kleineren Mengen hergestellte Manufakturkaliber in der Regel teurer in der Produktion sind, als die Beschaffung von in großen Stückzahlen produzierten Standardkalibern (wie eben das Sellita SW200-1).

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Fazit zur TITONI Heritage: Gerne mehr davon!

Mit der TITONI Seascoper 600 und der TITONI Heritage visiert der Schweizer Hersteller westliche Märkte an. Und da darf man fragen: Warum erst jetzt? Mit Blick auf die Qualität (insbesondere das aufwendige Gehäuse und die tolle Detailverarbeitung des Zifferblattes) ist die TITONI Heritage überaus fair bepreist (930€ am Lederband, 945€ am Stahlband). Mir rutscht sogar das Wort Schnäppchen leise über die Lippen. Warum TITONI nicht schon viel früher hiesige Märkte angepeilt hat, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, denn die Schweizer können qualitativ problemlos mit der namhaften Konkurrenz mithalten, die sich in Europa tummelt. Das kommt auch langsam bei den Kunden an: Insbesondere das Modell Seascoper 600 war nun schon mehrmals online vergriffen.

Die hohe Qualität gepaart mit einer durchgängigen Unternehmenshistorie rund um die sehr sympathisch und bodenständig auftretende Familie Schluep (siehe Video oben), ist etwas, was man heutzutage im Uhrenmarkt so gut wie gar nicht mehr findet. Kurzum: Gerne mehr davon!

Auf jeden Fall darf man als Uhrenfreund auch guter Dinge sein, dass das TITONI-Familienerbe fortgeführt wird: Die Nachfolgeregelung steht fest auf der Agenda des derzeitigen Geschäftsführers Daniel Schluep, dessen Söhne Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen studiert haben.

Übrigens: Die Preise auf der Website von TITONI sind die effektiven Endpreise, d.h. man braucht sich nicht mit dem Zoll rumzuärgern und es gibt auch keine versteckten Kosten (Stichwort: Einfuhrumsatzsteuer). Das ist meiner Erfahrung nach alles andere als eine Selbstverständlichkeit und ein dicker Pluspunkt auf dem Kundenfreundlichkeitskonto.

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