Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende? Weko lässt die Swatch Group / ETA (vorläufig) von der kurzen Leine

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„Weko eröffnet Untersuchung gegen ETA Manufacture Horlogère Suisse SA“. Mit dieser Ankündigung der Schweizerische Wettbewerbskomission (Weko) im Jahre 2009 startete eine (scheinbar) Never Ending Story um die „Entmachtung“ des Schweizer Uhrwerke-Monopolisten ETA, die nun, im Juli 2020, anscheinend doch noch ein Ende findet – vorläufig jedenfalls.

Blicken wir daher noch mal auf die wichtigsten Meilensteine im Hickhack zwischen der Weko und der Swatch Group, dem Konzern hinter ETA, sowie die Auswirkungen auf den Uhrenmarkt (insbesondere Microbrands)…

Weko vs. Swatch / ETA – Round 1!

Im Jahre 2011 hatte sich die Swatch Group an die Weko gewendet, weil sie nicht länger per behördlicher Anordnung gezwungen werden wollte den Wettbewerb mit mechanischen Uhrwerken zu beliefern. Das überrascht nicht: Welches Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft will schon gezwungen werden dieses oder jenes zu tun (oder eben nicht zu tun)?

Ganz so einfach war die Lage aber natürlich nicht, schließlich hatte die Swatch Group mit Töchterchen ETA zum damaligen Zeitpunkt eine marktbeherrschende Stellung im Bereich mechanischer Uhrwerke inne (vor allem aus historischen Gründen). Mechanische Uhrwerke aus der Schweiz? Da gab es lange Zeit kaum Alternativen (aber auch heute noch ist die Lage nicht völlig entspannt, dazu gleich mehr). Solch eine monopolistische Marktmacht wird in der Schweiz nicht geduldet – geregelt ist das im Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen.

Die Swatch Group und die Weko erarbeiteten daraufhin gemeinsam einen Masterplan, der dafür sorgen sollte, die Monopolstellung der ETA im Bereich mechanischer Kaliber über einen gewissen Zeitraum abzubauen – damit der Schweizer Uhrenkonzern wieder „frei“ sein konnte in seinen unternehmerischen Entscheidungen. So weit, so gut…

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ETA-Kaliber in einer traser Tritium-Uhr

Viel hörte man allerdings nicht über die Jahre. Gefühlt köchelte das Thema so vor sich hin – auf Sparflamme. Im Hintergrund dürfte es allerdings mächtig rumort haben: Der Uhrenkonzern und die Wettbewerbshüter stritten jahrelang darüber, in welchem Ausmaß Swatch bzw. ETA mechanische Uhrwerke an andere Uhrenhersteller abgeben muss. Denn der Casus Knacksus ist: viele Uhrenhersteller sind auf die Belieferung durch ETA angewiesen. Das gilt vor allem für kleine Uhrenhersteller, die sich keine eigene Fertigung leisten können (oder wollen). Würden diese kleineren Hersteller von heute auf morgen nicht mehr (oder in deutlich geringerem Maße) von ETA beliefert werden, könnten sie quasi direkt die Tore schließen.

Aber auch Großkonzerne wie Richemont (IWC, Panerai etc.) oder LVMH (TAG Heuer, Zenith etc.) gehörten zu den Kunden von ETA. Denn insbesondere bei günstigeren Einsteigermodellen verbauen Hersteller wie TAG Heuer gerne ETA-Kaliber, während hauseigene Manufakturkaliber nur in deutlich höherpreisigeren Modellen zum Einsatz kommen.

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ETA-Kunde Breitling: Das Modell „Pre-Kern“ Colt mit ETA-Kaliber

2013 kam etwas Entspannung in den Konflikt: Die Swatch Group und die Weko einigten sich auf eine stufenweise Reduzierung der Lieferverpflichtung. Aufgrund der einvernehmlichen Regelung wurden die Produktionsmengen und -kapazitäten Jahr für Jahr sukzessive gesenkt. Nach 6 Jahren, anno 2019, sollte dann die Situation neu bewertet werden: Ist die ETA noch marktbeherrschend oder nicht? …

Es rappelt im Karton: Weko vs. Swatch / ETA – Round 2!

Besondere Würze kam aber in die Geschichte als der ETA Ende 2019 ein Lieferverbot (O-Ton Swatch) für mechanische Uhrwerke auferlegt worden war: Die Behörde verfügte, dass ETA bei der Lieferung mechanischer Uhrwerke an Dritte zwar (vorläufig) keinem Lieferzwang mehr unterstellt ist, gleichzeitig aber auch keine neuen Geschäftsbeziehungen mehr eingehen darf (ausgenommen waren lediglich kleine oder mittelgroße Uhrenhersteller, die weiterhin beliefert werden durften).

Zurückzuführen war das Lieferverbot (bzw. Quasi-Lieferverbot)auf die Einigung zwischen Swatch und der Weko aus dem Jahre 2013 (siehe oben). Die Begründung der Weko Ende 2019, also kurz vor Fristende: Es gebe Anhaltspunkte, dass sich die Marktverhältnisse nicht so entwickelt hätten wie gewünscht. Sprich: ETA hatte Ende 2019 mutmaßlich nach wie vor eine (zu) marktbeherrschende Stellung inne. Gleichzeitig sah man bei der Weko offenbar keine Eile sich zu entscheiden, ob ETA nun noch ein Monopolist ist oder nicht – man wolle sich ganz gemütlich bis Sommer 2020 Zeit lassen. Offensichtlich ticken die Uhren in den Büros der Schweizer Behörden genau so langsam wie in den deutschen 😉

Das konnte sich die Swatch Group natürlich nicht gefallen lassen und schoss aus sämtlichen Rohren: Mitte Januar haben einige Uhrenfirmen von der ETA ein Schreiben erhalten mit der Info, dass Bestellungen mechanischer Uhrwerke von bisherigen Kunden für das Jahr 2020 oder auch 2021 aufgrund des ausstehenden Schlussentscheids der Wettbewerbskommission nicht bestätigt werden könnten. Auch neue Geschäftsbeziehungen für 2020 und 2021 könne die ETA derzeit nicht aufnehmen. Die Uhrenhersteller, die zwingend auf die ETA-Lieferungen angewiesen waren, übten nun zunehmend Druck auf die Weko aus.

Die Swatch Group titelte außerdem in einem Brandbrief: „Das Diktat der Weko schadet der Schweizer Uhrenindustrie„. Irgendwo verständlich, denn: Die Weko hat die Swatch Group bisher dazu verpflichtet, ETA-Kaliber an Wettbewerber zu liefern – und plötzlich war das genaue Gegenteil der Fall. Ja was denn nun? Die Weko wiederum versteht die Welt nicht mehr und sieht sich als Sündenbock.

Ein Liebesbrief von der Swatch Group an die Weko war das eher nicht Ende 2019

Weko gibt im Juli 2020 endlich Klarheit – ein Ende mit Schrecken?

Der Zickenkrieg zwischen der Weko und der Swatch Group hat sich tatsächlich bis Sommer 2020 gezogen – die Weko hat aber offensichtlich keine großartige Lust mehr auf kräftezehrende Diskussionen mit dem Uhrengiganten und lässt die Swatch Group von der (kurzen) Leine: Seit Juli 2020 ist klar, dass ETA keine neuen Lieferverpflichtungen bzw. Lieferbeschränkungen bei der Belieferung Dritter mit mechanischen Uhrwerken aufgebrummt bekommt – obwohl die Weko zugibt, dass das ursprüngliche Ziel, nämlich an der marktbeherrschenden Stellung von ETA zu rütteln, gar nicht erfüllt wurde: Die Wettbewerbshüter weisen beispielsweise darauf hin, dass eine Koppelung des Bezugs von mechanischen ETA-Uhrwerken an den Bezug anderer Produkte der Swatch Group (z.B. Quarzwerke oder Assortiments der Tochter Nivarox) unzulässig ist.

Die Swatch Group sieht das naturgemäß alles ganz anders und schreibt nüchtern mit Verweis auf das deutlich höhere Produktionsvolumen bei Sellita: „Die ETA nimmt in diesem Bereich keine marktführende Position mehr ein.“

So oder so: Es ist scheinbar ein (vorläufiges) Ende mit Schrecken – was ja bekanntlich immer noch besser ist als ein Schrecken ohne Ende 😉

Quo Vadis, ETA? Quo Vadis, Microbrands?

Und wie geht’s nun weiter? Nun, Nick Hayek, Chef der Swatch Group, hat ja schon vor über einem Jahr mehr als deutlich gemacht, dass er nicht besonders scharf darauf ist, Konkurrenten wie Richemont (IWC, Panerai etc.) oder LVMH (TAG Heuer etc.) mit ETA-Werken zu beliefern. Mit der Ankündigung der Weko im Juli 2020, dass die Swatch Group nun quasi „frei“ ist, dürfte der Markt für ETA-Kaliber zunehmend austrocknen – zumindest bei Uhrenmarken, die nicht aus der Swatch Group kommen, wird man in Zukunft voraussichtlich merkbar seltener ETA-Kaliber vorfinden.

Das ist ja auch irgendwo logisch: ETA-Kaliber genießen einen über Jahrzehnte aufgebauten, ausgezeichneten Ruf. Mechanische Werke aus dem Schweizer Hause ETA sind ein echter Wettbewerbsvorteil, der nicht nur von großen Herstellern wie Breitling oder TAG Heuer, sondern auch von Microbrands und anderen kleinen Herstellern lange Zeit dankend genutzt wurde. Warum sollte die Swatch Group diesen Trumpf freiwillig aus der Hand geben und Wettbewerber stärken?

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ETA-Kaliber in einer Steinhart Ocean One

Die Swatch Group dürfte in Anbetracht des Ausgangs des sich ewig hinziehenden Hickhacks mit der Weko sicherlich die eine oder andere Flasche Schampus geköpft haben. Allen Uhrenfreunden wird allerdings über kurz oder lang das Herzle bluten: wie mir bereits mehrere Microbrands berichtet haben, sind die Preise für ETA-Kaliber merkbar gestiegen. Auch die ETA-Alternative Nummer Eins, die mechanischen Kaliber von der Schweizer Sellita SA (wie beispielsweise das SW200), haben preislich deutlich angezogen – obwohl Sellita die Produktionskapazitäten über die Jahre deutlich ausgebaut hat (wohl wissend, dass ETA nicht mehr so viel liefern kann und will), ist die Nachfrage offenbar höher als das Angebot. Und das sorgt für höhere Preise – einfaches betriebswirtschaftliches Einmaleins.

Die Coronakrise 2020 könnte hier ggf. kurzfristig für etwas Entspannung sorgen – die Swatch Group hat (wie fast alle Unternehmen) einen ordentlichen Umsatzknick hinnehmen müssen. Also ist es natürlich gut möglich, dass Swatch ein wenig an der Preisschraube nach unten dreht, um den Umsatz anzukurbeln. Das dürfte aber höchstens kurzfristig für Entspannung sorgen…

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ETA-Kaliber in einer Marc & Sons-Uhr

Daher gilt: Durch die Preisentwicklung sind Schweizer ETA- und Sellita-Kaliber für viele Microbrands, die Modelle in der Preisregion 500€ anbieten wollen, einfach deutlich unattraktiver geworden. Bei kleineren Abnahmemengen kostet beispielsweise ein ETA 2824 derzeit alleine schon deutlich über 100€ im Einkauf.

Uns werden also in Zukunft aller Voraussicht nach verstärkt mechanische Werke von noch eher unbekannten Schweizer Alternativen wie Swiss Technology Production (STP, siehe beispielsweise das Kaliber STP1-11), SWISSTECH oder Soprod begegnen. Oder natürlich japanische Kaliber – das Seiko NH35 bzw. NH35A beispielsweise ist mittlerweile (gefühlt) zum Liebling fast aller Microbrands avanciert. Und da wären natürlich noch die Kaliber-Baureihen 8200 und 9100 aus dem japanischen Hause Citizen-Miyota…

Schweizer Soprod-Kaliber

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2 Gedanken zu “Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende? Weko lässt die Swatch Group / ETA (vorläufig) von der kurzen Leine”