Mido-Caliber-80-Silicium

Powermatic 80 – Vorteile, Nachteile und Test-Ergebnisse zur Ganggenauigkeit

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Auf dem Papier liest’s sich ziemlich gut: Das Schweizer Automatik-Kaliber Powermatic 80, welches von den Swatch Group-Uhrenmarken Mido, Certina, Hamilton und Tissot in Modellen ab rund 500€ verwendet wird, kommt mit einer Gangreserve von imposanten und weit überdurchschnittlichen 80 Stunden. Das schaffen nicht mal moderne Manufakturkaliber wie die 3200er-Kaliberreihe von Rolex (siehe Rolex-Neuheiten 2020). Die Qualität eines Uhrwerkes nur anhand der Gangreserve festzumachen, wäre allerdings zu kurz gedacht – denn auch das Powermatic 80 hat so seine Ecken und Kanten bzw. konkrete Nachteile (z.B. hinsichtlich Ganggenauigkeit), die ich in diesem Artikel gerne anhand meiner Erfahrungen mit Modellen von Mido und Certina aufzeigen und diskutieren möchte…

Mido Multifort Powermatic 80 mit Gangreserveanzeige (ETA
C07.671)
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Powermatic 80: Wie steht’s um die Ganggenauigkeit?

Technisch basiert das Powermatic 80 auf dem bewährten Schweizer Automatikkaliber ETA 2824, welches seit nunmehr fast 40 Jahren (!!!) produziert wird – wurde also längst Zeit für eine Weiterentwicklung, oder? 😉 Die ETA-Techniker haben das ETA 2824 in vielerlei Hinsicht geändert, um die Gangreserve auf imposante 80 Stunden zu erhöhen (was immerhin doppelt so viel wie beim ETA 2824 mit rund 40 Stunden ist).

„Powermatic 80“ ist dabei ursprünglich die Kaliber-Bezeichnung der Swatch-Uhrenmarke Tissot, die das Powermatic 80 im Jahre 2012 erstmalig eingeführt hat. Heute ist das Kaliber fester Bestandteil der Tissot-Kollektion – das Powermatic 80 tickt beispielsweise in den Modellreihen Tissot Le Locle und Tissot Seastar 1000 (letztere sogar als Silicium-Variante „Si“, dazu gleich mehr).

Das Powermatic 80 mit Silizium-Spiralfeder („Silicon Balance“), Bild: Tissot

Technisch wurde der Gangreserve-Boost des Powermatic 80 durch ein neu konzeptioniertes Federhaus und eine neue rückerlose Hemmung erreicht. Ein wesentlicher Baustein im Konzept des Powermatic 80 ist außerdem die Reduzierung der Unruhfrequenz auf 21.600 bph (anstelle 28.800 bph beim ETA 2824).

Sehenswert: Im folgenden Video wird das Funktionsprinzip eines Automatikwerkes anhand des Powermatic 80 COSC Si erläutert:

Durch die auf 21600 bph reduzierte Unruhfrequenz ergeben sich allerdings zwei Nachteile. Der erste ist optischer Natur: Die reduzierte Unruhfrequenz hat zur Folge hat, dass der Sekundenzeiger nicht ganz so schön schleicht wie bei einem Werk mit 28800 bph (z.B. ETA 2824-2), da der Zeiger nur sechs Schritte pro Sekunde macht (anstatt acht Schritten pro Sekunde). Ob man diesen Nachteil in Kauf nehmen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das leicht ruckelige Drehen des Sekundenzeigers stört mich persönlich zwar durchaus ein wenig, allerdings würde mich dieser Nachteil nicht vom Kauf einer Uhr mit Powermatic 80 abhalten (z.B. Mido Ocean Star GMT).

Mido Ocean Star GMT mit Caliber 80 – der Sekundenzeiger schleicht aufgrund der 21600 bph leider nicht so schön

Der zweite Nachteil betrifft die Ganggenauigkeit – kramen wir hierzu kurz im Einmaleins der Uhrmacherei: nachdem man eine Uhr bis zur maximalen Federspannung aufgezogen hat, lässt die Spannung naturgemäß mit der Zeit nach – das wiederum bewirkt, dass eine Uhr mit zunehmend aufgebrauchter Gangreserve auch deutlich ungenauer läuft. Die technische Herausforderung für die ETA-Ingenieure war es also, das Gangverhalten über die gesamte Gangreserve einigermaßen stabil zu halten.

An dieser stelle möchte ich ein paar Zahlen sprechen lassen: Ich habe mit einer Zeitwaage die Ganggenauigkeit von zwei Modellen mit Powermatic 80 zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemessen und grafisch festgehalten. Hier zunächst die Ergebnisse des Powermatic 80 (C07.111) in der der Certina DS PH200M:

Die Ergebnisse des Powermatic 80 mit GMT-Komplikation (C07.661) in der Mido Ocean Star GMT lauten wie folgt:

Wie man in der Tabelle ablesen kann, hat die Genauigkeit des Powermatic 80 sowohl bei der Mido als auch bei der Certina deutlich über den Gangreservezeitraum abgenommen. Dennoch: In der Summe haben die ETA-Ingenieure meiner Meinung nach einen ziemlich guten Job gemacht – auch gegen Ende der Gangreserve bewegt sich die Ganggenauigkeit noch in einem guten Rahmen. Außerdem bedenke man, dass natürlich auch ein ETA 2824 kurz vor Ende der Gangreserve nicht mehr dieselbe Ganggenauigkeit auf die Zeitwaage bringt wie bei Vollaufzug (bei einer kleinen Testmessung brachte eine Uhr mit ETA 2824 bei Vollaufzug fast perfekte -0,3 Sekunden auf die Zeitwaage, nach 15 Stunden waren es +1,6 Sekunden, nach 24 Stunden schon +3,7 Sekunden).

Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob die genannten Nachteile (leicht ruckelnder Zeiger, Ganggenauigkeit) akzeptabel sind oder nicht. Dazu ein Beispiel: Hat man recht viele Uhren, die man im Wechsel trägt und trägt man dabei ein bestimmtes Modell vielleicht nur alle 2 Wochen, so haben die 80 Stunden Gangreserve logischerweise keinerlei praktischen Nutzen (und das ETA 2824 wäre die bessere Wahl). Wechselt man hingegen gerne alle paar Tage durch, so hat man den Vorteil, dass man sich auch nach über 3 Tagen „Liegezeit“ das erneute Einstellen der der Uhr sparen kann. Am Ende des Tages kommt es also maßgeblich auf das persönliche Trageverhalten an.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist beispielsweise das Longines-Kaliber L888.4 mit 64 Stunden Gangreserve und 25.200 Halbschwingungen pro Stunde der bessere Kompromiss zwischen der „alten“ ETA-Welt und der neuen Kaliber-Generation mit höherer Gangreserve (siehe z.B. Longines Spirit Automatik Fliegeruhr). Aber wie gesagt – es kommt immer auf die persönlichen Präferenzen an.

Longines Spirit mit Kaliber L888.4 (ETA A31.L11 mit Silizium-Spiralfeder, COSC-zertifiziert)
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Powermatic 80 und das Silicium-Upgrade

Die Spiralfeder bildet zusammen mit der Unruh das Herz einer mechanischen Uhr. Nivarox (Eisen, Nickel und Chrom; entwickelt im Jahre 1931) und Anachron sind dabei die Legierungen, die klassischerweise zum Einsatz kommen, um die weniger als ein Haar dicke Spiralfeder zu formen.

Unruh samt Spiralfeder

Die Entwicklung der Spiralfeder aus Silizium (manchmal auch: Silicium, oder kurz „Si“) geht auf das Jahr 2002 zurück als der Mathematiker Ludwig Oechslin erste Prototypen für den Uhrenhersteller Ulysee Nardin entwickelte. Allerdings reagierte das Silizium, welches damals vom Centre suisse d’électronique et de microtechnique (CSEM) in Neuenburg bereitgestellt wurde, noch zu stark auf Temperaturschwankungen, was wiederum zu einer schlechten Ganggenauigkeit führte.

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Patek Philippe, Rolex, der Swatch Group und dem CSEM wurde aber weiter an der Silizium-Spiralfeder getüftelt. Denn die Vorteile gegenüber klassischen Unruhspiralen aus Legierungen wie Nivarox sind durchaus beachtlich:

  • ein gleichmäßigeres Schwing-Verhalten,
  • eine flachere Bauweise,
  • Korrosionsfestigkeit,
  • Stoßfestigkeit und 
  • eine Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern.

Diese Eigenschaften sorgen in der Summe für eine deutlich höhere Ganggenauigkeit mechanischer Uhrwerke.

Mido Chronometer-Caliber 80 Si

Früher kamen Silizium-Spiralfedern nur in hochpreisigen Uhren zum Einsatz, da die Produktion recht aufwendig und damit teuer ist (z.B. bei Omega-Modellen wie der Seamaster 300m mit dem sogenannten Co-Axial-Kaliber). Die Swatch-Gruppe setzt die Silizium-Spiralfedern mittlerweile aber auch in deutlich günstigeren Modellen ein, die vom Powermatic 80 angetrieben werden (ab ca. 700€).

Mido Caliber 80 Si

Die aufwendige Herstellung wird in diesem Video schnell deutlich – die Produktionsschritte haben nicht zufällig Ähnlichkeit mit der Herstellung von Microchips:

Die höhere Ganggenauigkeit, die mit dem Einbau einer Silizium-Spiralfeder einhergeht, ermöglicht es den Uhrenmarken der Swatch Group, das begehrte COSC-Zertifikat abzustauben: Die Contrôle officiel suisse des chronomètres (COSC) vergibt die Chronometer-Auszeichnung auf der Basis der internationalen Norm ISO 3159. Die Prüfung einer mechanischen Uhr bei der COSC dauert satte 15 Tage. Das COSC prüft dabei die Ganggenauigkeit jeder einzelnen Uhr in verschiedenen Lagen und bei verschiedenen Temperaturen.

Mido mit Chronometer-Caliber 80 Si

Gut zu wissen: Da Silizium-Spiralfedern recht teuer sind, sucht die Swatch Group bereits nach Alternativen, die ebenfalls Eigenschaften wie Unempfindlichkeit gegenüber Magnetfeldern, Temperaturschwankungen und Stößen mitbringen. Gefunden hat die Swatch Group die Lösung zusammen mit dem Luxusuhrenhersteller Audemars Piguet in der Nivachron-Spiralfeder, einer speziellen Titan-Legierung. Die Nivachron-Spiralfeder kam erstmalig 2019 in der günstigen Swatch Flymagic zum Einsatz.

Certina DS Super PH500M mit Powermatic 80 samt Nivachron-Spiralfeder

Powermatic 80 – welche Uhren-Marken setzen es ein?

Zum Einsatz kommt das Powermatic 80 bei verschiedenen, eher günstigeren „Einsteiger“-Marken der Swatch-Gruppe: Hamilton, Tissot, Mido und Certina. Das Powermatic 80 gibt es dabei in verschiedenen Qualitätsstufen. Tissot (Modell Ballade) und Mido (Modell Baroncelli) beispielsweise erwähnen beispielsweise gerne, dass sie in verschiedenen Modellen die beste (COSC-zertifizierte) Chronometer-Variante des Powermatic 80 verbauen, welches eine Spiralfeder aus Silizium (Si) in sich trägt (siehe oben).

Anders als beim ETA 2824 behält sich die Swatch Group das Powermatic 80 nur für Modelle der hauseigenen Marken vor – andere Hersteller außerhalb der Swatch Group werden nicht mit dem Kaliber beliefert. Das ist ja auch irgendwo logisch, da die Swatch Group die hohe Gangreserve des Powermatic 80 als Wettbewerbsvorteil sieht – so etwas gibt man natürlich nicht freiwillig „einfach so“ an die Konkurrenz ab.

Man beachte, dass Mido und Hamilton den Begriff Powermatic 80 nicht verwenden und stattdessen hinter den Begriffen Caliber 80 (Mido) und Caliber H-10 bzw. H-30 (Hamilton) verstecken:

  • Tissot: Powermatic 80
  • Mido: Caliber 80
  • Hamilton: Caliber H-10, H-30 etc.
  • Certina: Powermatic 80
Schnörkellos: Das Powermatic 80 in der Certina DS PH200M, Bild: Vintagecertinas.ch

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