Es gibt Uhren, die wollen Werkzeug, Statussymbol und manchmal sogar auch noch Überlebensausrüstung für die nächste Mondmission oder den nächsten Marianengraben-Tauchgang sein. Und dann gibt es Modelle wie die „Berry Late Again!“ oder „Beam Me Up!“ vom 2007 gegründeten Londoner Uhrenhersteller Mr Jones Watches, die sich einfach selbst nicht allzu ernst nehmen. Und zwar mit dieser Mischung aus trockenem, britischem Humor und einer Skepsis gegenüber der Vorstellung, dass eine Uhr heute unbedingt maximal effizient sein müsse (manchmal kommt auch noch Melancholie und eine Prise Morbidität dazu).
Mehr noch: Die oftmals bunt-verspielten Designs von Mr Jones Watches driften teilweise ins Absurde ab. Ohne Zweifel: Man muss sich mit diesen Uhren beschäftigen. Nicht weil die Bedienungsanleitung kompliziert wäre, sondern weil das eigentliche Ablesen des „Zifferblattes“ eher ein kleines Ritual ist als ein schneller Kontrollblick zwischen zwei Meetings.
Die hier im Artikel im Detail vorgestellten Modelle „Berry Late Again!“ und „Beam Me Up!“ verkörpern diese etwas schräge Philosophie der Londoner durch und durch…



Eckdaten Mr Jones Watches (MJW) „Beam Me Up“ und „Berry Late Again“:
- Made in London
- Durchmesser 37 mm (Medium / unisex size)
- Höhe 10 mm
- Horn-zu-Horn 41 mm
- Bandanstoß 18 mm
- Saphirglas
- Wasserdichtigkeit 5 bar
- Gehäuse aus 316L Edelstahl
- Gewicht (am Nylon): ca. 40 Gramm
- Listenpreis ab 285€, direkt über eu.mrjoneswatches.com
Mr Jones Watches „Beam me Up!„: Diese Uhr entführt stündlich ein Schwein
Der aus der Kunst- und Designwelt stammende Markengründer Crispin Jones hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Uhren von ihrer rein funktionalen Rolle zu befreien. Ja, streng genommen stellt sein Unternehmen Uhren her: Sie bestehen aus klassischen Komponenten wie einem Gehäuse, Armband, Saphirglas und verschiedenen Uhrwerken, die die jeweiligen Effekte erzielen. Manche haben – hört, hört! – sogar Ziffern auf dem Zifferblatt (aber das ist schon eher die Ausnahme). Doch das Zifferblatt wird bei Mr Jones Watches nicht als funktionale Anzeige verstanden, sondern eher als Bühne für kleine Geschichten, absurde Ideen oder philosophische Gedanken.
Die Mr Jones Watches „Beam Me Up!“ (hier gezeigt am Khaki Nylon) verpackt das Kredo der Londoner in ein „Zifferblatt“, das ein UFO zeigt, das gerade versucht, ein Schwein von einer Farm zu entführen. Eine Kuh beobachtet die Szene mit jener stoischen Gelassenheit, die Kühe grundsätzlich bei allem an den Tag legen. Das Schwein hängt dabei einmal pro Stunde mitten im Lichtstrahl und schaut dabei ungefähr so irritiert wie vermutlich jeder Mensch, der diese Uhr zum ersten Mal sieht.



Und ja: Das alles klingt erstmal komplett bescheuert. Aber es funktioniert am Handgelenk. Sehr gut sogar. Vielleicht liegt das daran, dass die Uhr ihren eigenen Unsinn mit völliger Überzeugung durchzieht. Nichts an der Umsetzung wirkt halbherzig.
Die Farben haben eine tolle Tiefe, besonders die Blau- und Türkistöne, die für den Nachteffekt sorgen, sind „on point“ und wirken richtig schön hochwertig umgesetzt. Der blassrosafarbene Lichtstrahl, der vom UFO ausgeht, setzt einen zentralen Kontrast. Die jeweiligen Ebenen wirken durch ihren Schattenwurf richtig schön plastisch (dazu gleich mehr).
Man merkt schnell: Hier wollte niemand einfach nur „anders“ sein. Hier hatte der von Mr Jones Watches für das Design auserkorene Kinderbuchautor und Illustrator, der Franzose Xavier Broche, sichtbar Spaß bei der Arbeit. Kleiner Wermutstropfen: Das i-Tüpfelchen wäre es natürlich noch gewesen, wenn die Uhr in irgendeiner Form mit Super-LumiNova gespielt hätte, um die coole Idee auch im (Halb-)dunkeln „ins Schaufenster“ zu stellen.

Natürlich folgt irgendwann dieser obligatorische Moment, in dem man erstmal versucht herauszufinden, wie zum Teufel man darauf eigentlich die Uhrzeit abliest. Nun, am Ende des Tages ist das ganz einfach: Der UFO-Strahl übernimmt die Minutenanzeige, während das Schwein selbst die Stunden markiert. Klassische Indexe findet man nicht vor, die aber sicherlich auch das Gesamtbild der Uhr gestört hätten. Förderlich für eine schnelle Ablesbarkeit ist das aber natürlich nicht.
Anfangs schaut man etwas ratlos aufs Handgelenk, ein bisschen wie ein Tourist auf einen japanischen Fahrkartenautomaten. Nach kurzer Eingewöhnung kommt man aber durchaus klar, wenngleich man im Schnitt sicherlich länger mit dem Blick auf der Uhr hängen bleibt als bei einer klassischen Toolwatch.
Technisch ist die Umsetzung dabei so einfach wie genial: Anstatt klassischer Zeiger kommen bedruckte Scheiben zum Einsatz, also bei diesem Modell im Wesentlichen eine blaue Scheibe mit einem Ausschnitt (der Laserstrahl), der wiederum den Blick auf die darunterliegende Scheibe mit dem Schweinchen gibt. Die Produktion dieser Scheiben bzw. der Tampondruck findet übrigens im eigenen Hause in London statt, genauso wie die Montage – alles andere als eine Selbstverständlichkeit in dieser Preisklasse. Und an dieser Stelle möchte ich auch noch auf die qualitativ ganz hervorragende Umsetzung der Drucke hinweisen.


Mr Jones Watches Berry Late Again: Poppiger Nihilismus
Das Modell „Berry Late Again!“ (hier gezeigt am Blue Nylon) setzt technisch auf denselben Ansatz wie die „Beam me up!“, ist aber noch ein wenig erklärungsbedürftiger. Auf den ersten Blick wirkt die Uhr ausgesprochen fröhlich. Das Rosa des Zifferblatts und die verspielten Buchstaben, Wolken und Erdbeeren ergeben eine Uhr, die direkt auf gute Laune setzt. Hier zeigen die beiden zum Einsatz kommenden Scheiben zwischen fluffigen Wolken und viel Rosa jeweils abwechselnd einen Buchstaben aus dem Spruch „Fuck it! Time is just a social construct.“ (deutsch: „Scheiß drauf! Zeit ist nur ein soziales Konstrukt.“). Nihilismus in Reinkultur.
Beim alltäglichen Blick auf die Uhr sieht man im Prinzip meistens eine Mischung aus Buchstabensalat, Potpourri und ABC Russisch Brot. Denn nur einmal pro Stunde ist der Text für wenige Minuten sinnvoll lesbar und dabei zu jeder Stunde anders ausgerichtet – und das ist natürlich ein wesentlicher Baustein des ganzen Konzeptes, denn das passt natürlich ganz wunderbar zu der ironischen Idee und dem Spruch an sich – Zeit und Chaos stehen hier quasi in Koexistenz zueinander.



Dennoch lässt sich die Uhrzeit natürlich regulär ablesen: Über die beiden Erdbeeren, die dem Modell auch den Wortspiel-Namen „Berry Late Again!“ verleihen: Die große Erdbeere zeigt die Stunden, die kleinere bzw. angeknabberte Erdbeere zeigt die Minuten – das Prinzip ist also dasselbe wie das mit dem Laserstrahl und dem Schweinchen bei der „Beam Me Up!“. Hier unten im Beispiel ist es ungefähr 6 Uhr:



Die ebenfalls sehr coole Idee der Berry Late Again! stammt von Ana Dias, eine in London lebende Künstlerin, die hauptsächlich in den Bereichen Skulptur, Illustration und Performance tätig ist. In ihrer Arbeit nutzt sie insbesondere Text als Werkzeug, um ihre Gedanken auszudrücken. Mehr von Anas Arbeiten findet man auf Instagram (@nymphalidart) – und spätestens beim Blick auf ihren Account wird auch die Vorlieber der Künstlerin für die Farbe Rosa klar.
Die Gemeinsamkeiten: Technik und Gehäuse
Technisch bleiben sowohl die „Berry Late Again!“ als auch die „Beam Me Up!“ bodenständig: Im Inneren arbeitet ein Schweizer Ronda-Quarzwerk, konkret das Ronda powertech 513 mit 45 Monaten Batterielaufzeit (Typ 371). Keine hohe Uhrmacherkunst, das ist hier aber auch völlig egal. Diese Uhr lebt nicht vom Werk, sondern von ihrer Idee. Gleichzeitig soll nicht unerwähnt bleiben, dass Mr Jones Watches auch ein paar wenige Automatikmodelle im Sortiment hat, so wie eine Variante des Aushängeschildes der Marke, das Modell „A perfectly useless afternoon“, mit Schweizer Sellita SW200-1 an Bord (bei diesem Modell treibt eine Person entspannt im Pool, während eine kleine Badeente ihre Bahnen zieht).




Das Gehäuse ist bei beiden hier gezeigten Modellen eher kleiner dimensioniert: 37 Millimeter Durchmesser („Midsize/unisex“) lesen sich zunächst recht kompakt, tragen sich durch die eher längeren Hörner aber ein bisschen größer (aber nicht viel). Midsize ist auch sowas wie die Standardgröße bei Mr Jones Watches – deutlich größere Modelle findet man kaum, wobei auch die „Beam Me Up“ in der ebenfalls erhältlichen Automatikvariante mit Sellita SW200-1 auf 40 mm Durchmesser kommt.
Die Gehäuse-Verarbeitung ist auf jeden Fall sehr ordentlich: Polierte Flächen treffen auf ansehnlich satinierte Flanken und Lünette. Dazu kommt eine leicht kuriose „Fake-Krone“ auf der linken Gehäuseseite mit MJW-Schriftlogo: Komplett unnötig natürlich, sie dient ausschließlich der Symmetrie.
Hier sieht man auch noch mal sehr gut den Unterschied der beiden hier im Artikel vorgestellten Modelle am Herren- und Damenhandgelenk – an meinem 18 cm-Handgelenk empfinde ich die Größe als einen Tick zu klein, während die Größe bei meiner Frau meiner Meinung nach absolut passt:




Abschließende Gedanken
Während Smartwatches ständig vibrieren, Puls messen, Stresslevel analysieren und einen latent passiv-aggressiv daran erinnern, dass man sich doch bitte mehr bewegen sollte, machen die „Beam Me Up!“ und die „Berry late again!“ im Grunde das genaue Gegenteil: Sie zwingt einen fast dazu, kurz innezuhalten.
Und genau diese Philosophie zieht sich stringent und konsequent durch das gesamte Sortiment der Londoner. Und das alles gibt’s zu Preisen, die die Kaufentscheidung vergleichsweise leicht machen. Ich kenne jedenfalls keine andere Marke, die solche „Kunstuhren“ in Kleinserien und mit durchaus nennenswerter Wertschöpfung in einem westeuropäischen Land (Montage, Produktion Zifferblätter/Scheiben) zu einem solchen Preis anbietet (los geht’s bei 285€). Es verwundert mich in der Summe daher keineswegs, dass Mr Jones Watches inzwischen eine ziemlich eingeschworene Fangemeinde besitzt.

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