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Im Frühjahr 2022 standen plötzlich Menschen mit Campingstühlen vor Swatch-Boutiquen, als würde das neue iPhone verschenkt. Die MoonSwatch war geboren. Danach folgte die Blancpain x Swatch Scuba Fifty Fathoms – technisch interessanter (Automatik), emotional aber deutlich weniger explosiv. Und viele dachten bereits, Swatch hätte das Pulver verschossen. Tja. Falsch gedacht. So viel vorweg: Während viele Uhrenfreunde fest mit einer simplen „MoonSwatch-Formel 3.0“ gerechnet hatten, hat Swatch zusammen mit AP und der Royal Pop diesmal um die Ecke gedacht. Ob man das Ergebnis nun mag oder nicht, steht natürlich auf einem anderen Blatt…

Alles über die Audemars Piguet x Swatch Royal Pop

Dass Swatch tatsächlich mit Audemars Piguet zusammenarbeitet ist an sich schon ein kleiner Paukenschlag, denn Audemars Piguet gehört, anders als Omega und Blancpain, eben nicht zu den eigenen Swatch-Konzernmarken. Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart am 16. Mai kursierten bereits verwackelte Bilder von Menschen, die vor Stores in beispielsweise New York City campieren. Und natürlich schossen wieder auf Instagram und TikTok die wildesten KI-Mockups ins Kraut (Nervfaktor, genau wie bei den Rolex-Spekulationen im Vorfeld der Watches & Wonders: Hoch).

Am 12. Mai wurde endlich enthüllt, worum es tatsächlich geht. Und damit hatten vermutlich die wenigsten gerechnet. Keine günstige, bunte Biokeramik-Royal Oak fürs Handgelenk. Stattdessen eine Taschenuhr, befestigt über die sogenannten Leather Lanyards.

Alternativ eignet sich die Uhr aber sicherlich auch ganz wunderbar als Tischuhr und man darf getrost davon ausgehen, dass pfiffige Drittanbieter bereits Ideen brainstormen, um die Uhr doch irgendwie mit Clips oder dergleichen ans Handgelenk zu bringen – die Abmessungen von 40 mm Durchmesser und 8,4 mm Höhe sowie das Saphirglas geben es mit Blick auf die Alltagstauglichkeit auf jeden Fall her. Die Wasserdichtigkeit fällt mit 2 bar allerdings mickrig aus.

Eine Taschenuhr klingt im ersten Moment ein bisschen absurd. Aber je länger man sich damit beschäftigt, desto logischer wirkt die Idee eigentlich. Zum einen: Unter der 1979er Referenz 5691 finden wir von Audemars Piguet eine Taschenuhr, die all die typischen Merkmale der Royal Oak mitbringt, und die Einzug in die Royal Pop erhalten haben, also insbesondere die markanter achteckiger Lünette mit den Schrauben und das das Tapisserie-Muster auf dem Zifferblatt.

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Bild: Sotheby’s

Dass ausgerechnet das Royal Oak-Design als Inspirationsquelle dient, ist natürlich kein Zufall. Die von dem legendären Uhrendesigner Gérald Genta entworfene Audemars Piguet Royal Oak gehört zu den einflussreichsten Uhren überhaupt. Als sie 1972 vorgestellt wurde, runzelten viele Menschen mit Blick auf die Idee einer luxuriösen Stahluhr mit sichtbaren Schrauben und integrierten Bandanstößen nur die Stirn. Heute ist die Royal Oak dagegen praktisch ein Symbol für modernen Luxus geworden – und leider auch ein Lieblingsspielzeug von Spekulanten.

Natürlich ist bei der Swatch-Kollaboration alles deutlich poppiger interpretiert, mit kräftigen Farben und Swatch-typischer Optik. Niemand wird diese Uhr aus Versehen mit einer echten AP verwechseln.

Vor diesem Hintergrund kann man die AP x Swatch-Kollaboration auch als eine moderne Interpretation der Swatch Pop betrachten. Die lies sich damals in den 80ern allerdings – anders als die Royal Pop – von Armband- auf Taschenuhr „umrüsten“, wie auch diese alten Anzeigen verdeutlichen. Praktisch, verspielt und ziemlich typisch für diese Ära, in der Design manchmal einfach Spaß machen durfte.

Die Gestaltung der Royal Pop schwankt angenehm zwischen Hommage und Selbstironie. Manche Modelle wirken fast zurückhaltend, andere sehen ein bisschen aus wie auf LSD. Besonders die weiße Rainbow-Version mit zufällig angeordneten bunten Schrauben dürfte die einschlägigen Communities zuverlässig in zwei Lager teilen.

Swatch und AP umgehen in jedem Fall elegant das Problem, einfach nur eine „billige Royal Oak“ zu bauen, was für AP vermutlich auch nicht so ganz im Sinne des Erfinders gewesen wäre. Gleichzeitig bleibt genug DNA erhalten, damit man die Inspiration sofort erkennt.

Dass Swatch gleich acht Biokeramik-Farbvarianten bringt, versteht sich fast von selbst – schließlich hat die Royal Oak acht Schrauben auf der Lünette, und irgendwo musste das Marketing ja noch einen symbolischen Aufhänger finden:

Otto Rosso (Rot und Rosa), 
Huit Blanc (Weiß und Regenbogen), 
Green Eight  (Grün und Hellgrün), 
Blue Eight (Limonengrün und Hellblau), 
Orenji Hachi (Marineblau und Orange), 
Lan Ba ​​(Hellblau und Mittelblau), 
Ocho Negro (Schwarz und Weiß), 
Otg Roz (Rosa, Gelb und Türkis).

Sistem51 an Bord

Im Inneren arbeitet eine handaufgezogene Variante des Sistem51-Werks. Das Sistem51 war damals ein kleines technisches Ausrufezeichen, weil das Werk quasi vollständig automatisiert gefertigt wird und aus gerade einmal 51 Komponenten besteht. Irre: Es findet keine traditionelle Feinregulierung statt, dafür industrielle Effizienz in Reinform – die Reglage erfolgt mittels eines Lasers. Die Ganggenauigkeit bei der Royal Pop beträgt -5/+15 Sekunden pro Tag. Bemerkenswert ist die Gangreserve von immerhin 90 Stunden und die antimagnetische Nivachron-Spirale. Dass Swatch nun aus dem Sistem51 erstmals eine Handaufzugsversion macht, passt historisch betrachtet richtig gut zur Idee der Taschenuhr. Schließlich gehört das tägliche Aufziehen bei solchen Uhren zum Ritual dazu.

Das Werk ist durch den Glasboden sichtbar und mit einem farbenfrohen, von Pop-Art inspirierten Druck verziert. Ein originelles Detail ist das skelettierte Federhaus mit kreisrunden Öffnungen, durch die die Windungen der Zugfeder sichtbar sind. Beim Auf- und Abziehen der Uhr dienen die sich verändernde Spannung und der Abstand dieser Windungen als natürliche Gangreserveanzeige. Cool: Sind die Federhauskammern grau, geben sie den Blick auf die Windungen der Zugfeder frei – die Uhr sollte langsam mal wieder aufgezogen werden. Sind sie hingegen goldfarben, ist die Zugfeder nicht mehr durch die Federhauskammern sichtbar. Sie ist vollständig komprimiert, was anzeigt, dass die Uhr voll aufgezogen ist und mit voller Gangreserve läuft:

Abschließende Gedanken

Luxusuhren befinden sich ja seit einigen Jahren in einem Spannungsfeld: Einerseits wird ständig von Tradition, Handwerk und Exklusivität gesprochen. Andererseits lebt die Industrie mehr denn je von Aufmerksamkeit, Social Media und künstlicher Verknappung, um nicht in der Bedeutungslosigkeit der Smartwatch-Welle unterzugehen (mehr: Prinzip Knappheit: Diese Effekte animieren bei limitierten Uhren zum Kauf).

Kann eine Uhr in diesem Spannungsfeld funktionieren? Nun, wie die Erfahrung zeigt, hat die Swatch Group natürlich nicht das eigene Image der Marke Omega mit der billigen MoonSwatch zerschossen. Im Gegenteil: Die Verkäufe der „echten“ Speedmaster Moonwatch haben auf beachtliche Weise angezogen – ein Effekt, den AP mit Blick auf die Wartelisten der Royal Oak wohl kaum nötig hat, aber ein Plus auf das Markenbekanntheitskonto bei der jungen Generation schadet sicherlich nie und ist ein langfristiges Investment für einen traditionellen Luxusuhrenhersteller wie Audemars Piguet. Und natürlich wird sich auch Swatch etwas von der Strahlkraft der neuen Kollaboration erhoffen.

Bleibt natürlich noch die Frage, ob der Hype wieder völlig eskaliert, auch wenn es hier „nur“ um eine Taschenuhr geht. Die Antwort lautet: natürlich wird er das. Denn: Ein Online-Verkauf ist (wie sollte es auch anders sein) derzeit noch nicht geplant (das hat sich bei der MoonSwatch und der Scuba Fifty Fathoms auch erst nach einiger Zeit geändert). Und: die Uhren sind nur in ausgewählten Stores erhältlich. Und ja: Das nervt. Sehr sogar. Aber nun gut – die künstliche Verknappung gehört ja zum Einmaleins der Uhrenhersteller. Das Rezept: maximale Aufmerksamkeit erzeugen, soziale Medien mit Teasern fluten, Warteschlangen produzieren, Begehrlichkeit künstlich hochhalten.

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Menschen campieren inzwischen ja nicht nur für Sneaker, sondern für alles Mögliche. Darunter sind leider natürlich nicht nur Uhrennerds, sondern auch wieder die üblichen Scalper, die vermutlich schon aus der Schlange heraus unter Nennung des Warteschlangenplatzes ihre Angebote auf Kleinanzeigen & Co. posten und Fantasiepreise aufrufen werden. Man kennt das Spiel ja inzwischen.

Unabhängig von diesen nervigen Bergleiterscheinungen funktioniert die Royal Pop meiner Meinung nach ziemlich gut: Nicht als „günstige Royal Oak“, sondern als bewusst ironisches Statement. Eine Uhr, die gar nicht versucht, Luxus zu simulieren, sondern Luxus eher spielerisch kommentiert. Und vielleicht ist genau das die angenehmste Erkenntnis an der ganzen Geschichte: Die AP x Swatch Royal Pop nimmt sich selbst offenbar nicht ganz so ernst wie viele Luxusuhren heutzutage. Zwischen „Wartelisten-Masterclass“, Statussymbolen und Investment-Gerede wirkt eine knallbunte AP-Taschenuhr von Swatch ziemlich erfrischend.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Reaktionen in den einschlägigen Uhren-Communities bislang durchaus wohlwollend ausfallen.

Der 2011 verstorbene Gérald Genta hätte wohl zumindest geschmunzelt.

Der Preis für die Royal Pop liegt bei EUR 385 für die Versionen mit Stunden- und Minutenanzeige und bei EUR 400 für die Versionen mit kleiner Sekunde. Audemars Piguet unterstützt mit dem Erlös zudem eine Initiative zur Erhaltung und Weitergabe des Uhrmacherhandwerks, mit besonderem Fokus auf seltene Fertigkeiten und die nächste Generation von Uhrmachertalenten.

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