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Die Citizen NJ0150 „Tsuyosa“ Automatic könnte eigentlich unspektakulärer kaum sein: Schlichtes Zifferblatt. Stahlgehäuse. Standard-Automatikwerk von der Stange. Fertig. Und an schlichten Dreizeiger-Uhren im günstigeren Preissegment mangelt es nun wahrlich nicht.

In der Hinsicht hat es mich doch etwas überrascht, dass Citizen-Händler mit der neuen NJ0150 förmlich überrannt wurden. Und sogar Citizen selbst scheint von der immensen Nachfrage überrascht und kommt nicht mehr mit der Produktion bzw. Lieferung hinterher. Entsprechend muss man, vor allem bei den beliebten Farben Blau, Gelb und Grün, mit monatelangen Wartezeiten rechnen. Doch was steckt hinter dem Hype?

Eckdaten Citizen NJ0150:

  • Japanisches Automatikkaliber Citizen-Miyota 8210
  • Gehäuse und Band aus 316L Edelstahl
  • Wasserdichtigkeit: 5 bar / 50 Meter
  • Durchmesser 40 mm
  • Höhe 11,7 mm
  • Horn-zu-Horn 45,2 mm (inklusive des ersten Bandgliedes: 49 mm)
  • Gewicht (am Stahlband): 135 Gramm
  • Saphirglas
  • Datumsanzeige mit Lupe
  • Verschiedene Farbvarianten: NJ0150-81Z (gelb), NJ0150-81X (grün), NJ0150-81E (schwarz), NJ0150-81L (dunkelblau)
  • Listenpreis: 279€
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Citizen NJ0150 im Test

Als Uhrennerd und Blogger kann ich mich den hin und wieder aufkeimenden Hypes nicht entziehen – darunter der Hype um Uhren im auffälligen Tiffany-Blau. Allgemein sind Zifferblätter in knalligen Farbtönen wie auch Gelb oder Grün ziemlich angesagt – spätestens seit der Rolex Oyster Perpetual 41, deren poppige Zifferblattfarben mittlerweile aber nur noch den kleineren Damenvarianten vorbehalten sind (siehe Rolex-Ankündigungen 2022; dass darüber viele Rolex-Fans not amused waren, muss ich nicht extra erwähnen, oder?).

Die seit einigen Wochen in Deutschland erhältliche Citizen NJ0150 greift den Hype um poppige Zifferblattfarben auf und paart diesem mit einer Prise Genta/Stahl-Sport-Uhr. Und ja das hat – wenn man es fies formulieren möchte – ein bisschen was vom bekannten Sprung auf das Trittbrett.

Der Hype um die NJ0150 startete aber schon Ende 2021: Damals war das Modell zunächst nur in Fernost erhältlich, weshalb viele deutsche Uhrenfreunde den Weg über einen Import gingen – natürlich mit knackigen Zusatzkosten (Zoll und Einfuhrumsatzsteuer). Seit Juli 2022 ist die NJ0150 auch in Deutschland offiziell erhältlich. Und Citizen wurde regelrecht überrannt: Zuerst wurden sämtliche Online-Shops leergeräumt. Mittlerweile ist die NJ0150 sogar kaum noch im stationären Einzelhandel zu bekommen.

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Laut Citizen ist die NJ0150 die Wiederbelebung von Citizen-Uhren aus den 70er Jahren. Wir erinnern uns: Die 70er waren auch die Zeit, in der Citizen der endgültige internationale Durchbruch gelang, als die Quarz-Technologie es den japanischen Uhrenherstellern ermöglichte den Weltmarkt mit günstigen, präzisen, batteriebetriebenen Uhren zu beglücken. Vor allem Seiko und Citizen konnten ihre weltweiten Marktanteile dank hochautomatisierter Massenproduktion signifikant ausbauen und die alteingesessene, traditionelle Schweizer Uhrenindustrie mächtig ärgern.

So hat Citizen beispielsweise 1975 die weltweit präziseste Uhr lanciert: Die Abweichung der Citizen Crystron Mega betrug damals unfassbare drei Sekunden pro Jahr. Und tatsächlich sind die Ähnlichkeiten der Citizen Crystron Mega mit der neuen NJ0150 unübersehbar:

Fundstücke im Citizen-Archiv hin oder her: Am Ende des Tages ist die Ähnlichkeit der NJ0150 zur Rolex Oyster Perpetual (siehe Zifferblatt) und auch der Rolex Oysterquartz aus den 70er Jahren (dazu gleich mehr) sicherlich – vor allem zum jetzigen Zeitpunkt – kein Zufall. Denn man kann getrost davon ausgehen, dass auch der japanische Traditionshersteller seine Hausaufgaben macht und den Markt bzw. aktuelle Trends analysiert. Dafür spricht auch das kratzfeste Saphirglas, das mit einer Zykloplupe versehen ist – auch das ist ein typisches Merkmal von Rolex (obschon nicht bei der aktuellen Oyster Perpetual). Ich bin kein großer Fan von solchen „Datumspickeln“ und meiner Meinung nach hätte sich Citizen diese zusätzliche, etwas zu plumpe Anleihe von Rolex durchaus sparen können.

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Das Gehäuse der NJ0150 kommt im bis heute überaus beliebten Stahl-Sport-Design der 70er Jahre, vor allem gut zu erkennen am voll in das Gehäuse integrierten Stahlband und dem Gehäuseanstoß mit seiner markanten Kante. Das Gehäuse erinnert stark an die Rolex Oysterquartz aus den 70ern oder die eine oder andere Uhren-Kreation von Gerald Genta (Uhrennerds sprechen daher auch von der Genta’schen Kante).

Auch die (deutlich teurere) Tissot PRX bediente sich ja schon bei diesem Gehäusedesign – mit dem Unterschied, dass Citizen deutlich „großzügiger“ polierte Flächen untergebracht hat (komplett polierte Flanken und polierte Lünette). Qualitativ steht das Gehäuse der NJ0150 dem der PRX jedenfalls in nichts nach.

Augenscheinlich ist auch die schräg versetzte, stark vertiefte und dadurch sehr unscheinbare Krone der NJ0150. Das Herausziehen der Krone zum Einstellen der Uhrzeit ist allerdings eine ziemliche Friemelei – man muss schon den Fingernagel ansetzen. Die Wasserdichtigkeit ist mit 5 bar (baden, duschen) für diesen Uhrentyp okay – nicht mehr und nicht weniger.

Trotz des eher kleineren Durchmessers von 40 mm (Horn-zu-Horn inkl. erstes Bandglied 49 mm) passt die NJ0150 gut an mein Handgelenk mit rund 19 cm Umfang. Auch dank der schräg versetzen und dadurch handrückenschonenden Krone ist der Tragekomfort ganz hervorragend.

Insbesondere das Armband im Rolex’schen „President“-Stil hat mich hinsichtlich Haptik, Optik und Tragekomfort positiv überrascht. Kleiner Wermutstropfen: Ich nehme die Bandglieder als leicht scharfkantig wahr, die Schließe ist außerdem aus der Kategorie „klapprig“ und nicht besonders massiv. Gut aber ist, dass drei Löcher für die Feinjustierung mit Hilfe einer Büroklammer oder eines Bandwechselwerkzeuges zur Verfügung stehen. 

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Citizen NJ0150 und das Miyota 8210

Der Gehäuseboden gibt den Blick auf das automatische Kaliber Miyota 8210 frei. Die Optik ist von unspektakulären Messingtönen geprägt und kommt ohne nennenswerte Dekorationen aus. Ehrlich gesagt hätte Citizen gut daran getan, das Kaliber hinter einem Stahlboden zu verstecken – aber das ist natürlich nur meine persönliche Uhrennerd-Meinung. Ich verstehe auch, dass Citizen das Automatikkaliber mit der Zielgruppe im Hinterkopf vermutlich offenlegen wollte, da der Blick auf die Mechanik – so einfach sie auch ist – bei angehenden Freunden von mechanischen Uhren vermutlich für kleine Aha-Effekte sorgen dürfte. So oder so: Die Messingfarbtöne sind auf jeden Fall schöner anzusehen als das „Grau in Grau“ des 4R36 bei der Seiko 5 Sports Automatik.

Bei Automatikwerken gilt Citizen als einer der größten Hersteller weltweit: Mit der Werksreihe 8200 (z.B. Kaliber 8215) von der Citizen-Tochter Miyota haben die Japaner seit 1977 ein günstiges Einsteiger-Werk im Sortiment, das als kaum kaputtbarer Traktor gilt. Mit der deutlich moderneren Weiterentwicklung, der Werksreihe Miyota 9000 (z.B. Miyota 9015), bietet Citizen auch höherwertigere mechanische Werke an, die es mit Blick auf die technischen Daten problemlos mit dem Schweizer Dauerbrenner ETA 2824 bzw. Sellita SW200 aufnehmen können.

In der NJ0150 tickt konkret das Miyota 8210, also die Variante, die gegenüber der 9000er-Reihe ein paar Nachteile hat, darunter eine geringere Frequenz (21.600 bph; und damit einen weniger schön schleichenden Zeiger) oder einen fehlenden Sekundenstopp. Die Gangreserve ist mit 40 Stunden in Ordnung. Die auf dem Papier angegebene Ganggenauigkeit von +/-20 Sekunden pro Tag reißt keine Bäume ist, ist in dieser Preisklasse aber ebenfalls okay. Im Zweifelsfall sollte es jeder Uhrmacher schaffen die NJ0150 für maximal 20€ bis 30€ feinzuregulieren, falls man beispielsweise nicht mit dem „Extrem“ von -20 Sekunden pro Tag leben kann. Erfahrungsgemäß pendeln sich die Gangwerte der Miyota 8200er Reihe aber ganz ordentlich ein.

Citizen NJ0150 – wo/wie/wann kaufen?

In der Summe ist die Citizen NJ0150 ein perfektes Beispiel dafür, dass ein „einfaches“ Rezept, also eine Mischung aus einem schlichten Design im Stahl-Sport-Dunstkreis in Verbindung mit einer Prise gehypter Blattfarben, solider Mechanik und bekannter/etablierter Marke extrem gut funktionieren kann.

Selbst, wenn man wegen der hohen Nachfrage mit keinerlei (eigentlich bei Citizen-Uhren üblichen) Rabatten rechnen kann, so ist der Preis in Höhe von 279€ für die NJ0150 mehr als fair – jedenfalls deutlich fairer als der Preis der ebenfalls hochgehypten MoonSwatch, der bei 250€ liegt. Auch, wenn der Vergleich zugegebenermaßen hinkt, so erscheint mir der Hype um die NJ0150 definitiv „logischer“ als der um die MoonSwatch.

Ehrlich gesagt kann ich auch die eine oder andere kritische Stimme in der Uhren-Community nicht nachvollziehen, die sich über das Automatikwerk der NJ0150 beschwert. Natürlich wäre mir auch ein Kaliber aus der besseren 9000er-Reihe lieber gewesen, mit Blick auf den Preis geht das Miyota 8210 aber absolut in Ordnung. Man bedenke im Vergleich, dass die optisch und qualitativ sehr ähnliche Tissot PRX in der Quarz (!)-Variante bei einem Listenpreis von 375€ liegt (Automatik ab 645€) – Swiss Made hin oder her: Da hat die NJ0150 mit dem Miyota 8210 an Bord das deutlich bessere Preis-Leistungs-Verhältnis.

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Noch ein paar abschließende Worte zur Verfügbarkeit: Verschiedene Händler berichten, dass die NJ0150 erst zwischen November 2022 und Januar 2023 wieder an Lager sein wird (je nach Farbe): Wer von Wartelisten genervt ist und nicht monatelang warten will, dem sei folgender kleiner Tipp mitgegeben: Schreibt Juweliere in eurer unmittelbaren Umgebung per Email an, die keinen (!) Online-Shop haben, und hakt freundlich nach, ob vielleicht doch noch eine NJ0150 an Lager ist – genau so bin ich auch zu meiner Blauen gekommen…

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Schopes
2. September 2022 17:40

Prima Artikel.
Habe mir daraufhin heute eine „Blaue“ gekauft.
Ohne Wartezeit.

Alf aus Mannheim
26. August 2022 19:34

Wobei wir wieder mal beim Thema „Wasserdichtigkeit“ wären. Du schreibst:
„Die Wasserdichtigkeit ist mit 5 bar (Spritzwasserschutz) für diesen Uhrentyp okay – nicht mehr und nicht weniger.“ Das stimmt so einfach nicht! Uhren, die 3 (drei!) bar haben, sind „spritzwassergechützt„. Uhren mit fünf bar sind zum „Baden und Duschen“ geeignet.

Sehr lesenswert: Der Beitrag von einem gewissen „Chrononautix“ mit dem Titel:“Wasserdicht bis 10 atm & Co. – was bedeuten diese Angaben auf einer Uhr?„, wo man lesen kann: „5 bar / 5 atm / 50 m = Uhr darf beim Duschen anbehalten werden“.

Grüßle aus Monnem vom

Alf

Peter
26. August 2022 17:06

Ich liebe kräftige Farben und habe mir daher die „Gelbe“ gekauft. Vieles aus dem Test kann ich nachvollziehen. Die Datumslupe wirft bei Licht einen (für mich) störenden Schatten auf das Zifferblatt. Die Krone ist „schief“, wahrscheinlich der Position geschuldet.
Die Kritik an der Schließe ist für mich unbegründet. Sie ist funktionell und durch die 3 Verstellmöglichkeiten „atmet“ sie mit. Ich habe bisher solche Schließen noch nicht geschrottet.
Das Preis-Leistungsverhältnis ist sehr gut und auch die Gangwerte. Meine Uhr läuft mit 5 Sekunden plus am Tag (Vergleich mit meiner Funkuhr) und erfüllt meine Erwartungen voll. meine PRX Powermatic ist da auch nicht besser.

Thomas W.
26. August 2022 16:24

Hallo Mario,

ich haatte das Glück, bald nach dem Erscheinen der NJ0150 „Tsuyosa“ in Deutschland eine gelbe zu bekommen und finde sie vor allem wegen dem schönen Zifferblatt, das im Licht gänzt und die Farbe ändert, so attraktiv.

Thomas H. hat recht, wenn er schreibt: „Für uns .. ist es ein Glücksfall, dass Citizen die Uhr in Deutschland über den Handel anbietet und somit das „Rundum-sorglos-Paket“ für den Käufer zur Verfügung steht“.
Und das zu dem Preis.

Hommagen bei Aliexpress gibt es sicher billiger, aber auch nicht mehr für 80 €, und nicht mit dieser Gehäusequalität. Und da fehlt eben diese Sorglosigkeit.

Noch eine Ergänzung: Du schreibst von Messingfarbtönen des Uhrwerks. Von Miyota gibt es die „Standard Automatic Movements“ meist in normal und „GILT“, also vergoldet. Ich denke, dass das Werk hier also teil-vergoldet ist (der Rotor evtl. nicht). Ist doch auch nett.
https://miyotamovement.com/product/?ct=7&skwd=&cts3=1

Thomas H.
26. August 2022 14:42

Hi Mario,
danke für die Vorstellung! Ich habe mich im letzen Jahr von dem Hype anstecken lassen und mir die gelbe Ausführung gegönnt. Für die damals in Europa nicht erhältliche Uhr, habe ich knapp 400.-€ bezahlt. Die Ausführung mit weißem oder schwarzen Zifferblatt waren deutlich günstiger zu bekommen. Es sollte allerdings die gelbe Ausführung sein! Den Kauf habe ich bis heute nicht bereut. Die Uhr ist absolut alltagstauglich und sieht einfach klasse aus. Für uns Uhrenliebhaber•innen ist es ein Glücksfall, dass Citizen die Uhr in Deutschland über den Handel anbietet und somit das „Rundum-sorglos-Paket“ für den Käufer zur Verfügung steht:-)

Dlanor Lepov
26. August 2022 13:12

Aua.
Diese Rolex-Homagen gibt es bei Aliexpress für 80 Euro, mit demselben Uhrwerk.
Insofern ist der Hype doppelt unverständlich.

Steve
26. August 2022 12:38

Danke für die Vorstellung! Ich bin gestern auf diese Uhr aufmerksam geworden und auch auf deinen tollen Artikel.
Der Hype ergibt sich sicherlich aus dem Preis… Erst schielte ich auf die PRX, finde aber die Farben (bzw die gelbe) etwas attraktiver. Wenngleich ich Tissot Citizen normalerweise vorziehen würde…