Die Grande Nation nahm nach dem zweiten Weltkrieg ordentlich Francs in die Hand, um die französische Marine (Marine Nationale) ganz hochoffiziell mit robusten Uhren auszustatten. Uhrenfreunde denken dabei vor allem an bekannte Modelle wie die Blancpain Fifty Fathoms (entwickelt für die Elite-Kampftauchereinheit Commando Hubert) oder die Tudor Submariner. Was viele nicht wissen: Auch heute eher unbekanntere, französische Hersteller wie Yema oder ZRC tüftelten in den 50er- und 60er-Jahren daran, Uhren gemäß den Anforderungen der Marine Nationale zu entwickeln…

Tudor Submariner

Tudor x Marine Nationale – Wiederbelebung 2021?

Natürlich weisen Uhrenhersteller wie die Rolex-Tochter Tudor auch heute noch gerne in ihrer Marketingkommunikation auf die frühere Zusammenarbeit mit der Marine Nationale hin. Was gibt es für bessere Werbung als der historische Fakt, dass man mal echte französische Marine-Soldaten ausgerüstet hat? Zitat Tudor: „Durch die hohe Wertschätzung der TUDOR Submariner innerhalb bedeutsamer militärischer Organisationen, darunter die Marine nationale française (MN) und die US Navy (USN), gelten TUDOR Taucheruhren heute als Inbegriff von Qualität und Robustheit. Die TUDOR Taucheruhren, die in diesen Organisationen zum Einsatz kamen, waren jedoch nicht etwa Sondermodelle oder Spezial­entwicklungen. Die Modelle waren im Verkaufskatalog zu finden, aus dem die Organisationen ihre Uhren auswählten. Ihr einziger Unterschied bestand in aller Regel in einer Gravur auf dem verschraubten Gehäuseboden. Die von der Marine nationale française verwendeten TUDOR Submariner tragen z. B. die Initialen M.N., gefolgt von den letzten beiden Ziffern der Jahresangabe ihrer Auslieferung.

Und genau diesen Nimbus will Tudor offenbar wieder aufleben lassen: Anfang Mai 2021 sorgte die Rolex-Tochter mit einer Instagram-Story für Aufsehen, welche die Erneuerung der Zusammenarbeit mit der Marine Nationale ankündigt.

Passiert ist seitdem – nix. Tudor hält sich noch bedeckt (angeblich sogar bis Ende 2021), was insbesondere die Gerüchteküche in Richtung einer Neuauflage der Tudor Submariner befeuert. Denn: Die Tudor Submariner, die damals offiziell an die Marine Nationale ausgeliefert wurde, wurde nach 30 Jahren (anno 1999) eingestellt – offenbar hatte das Rolex-Mutterhaus wenig Lust auf einen gleichnamigen In-House-Konkurrenten zur Rolex Submariner. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass es tatsächlich eine neue Tudor Submariner geben wird, da Tudor mit der überaus erfolgreichen Black Bay-Reihe (z.B. Tudor Black Bay 58) und der Tudor Pelagos bereits zwei „geistige“ Nachfolge-Modelle im Sortiment führt.

Ein kleiner Exkurs sei an dieser Stelle noch erlaubt: Die Marine Nationale bekam ihre Dienstuhren von Tudor & Co. lange Zeit ohne Bänder geliefert (klingt ein wenig nach kuriosen Einsparungen im Bundeswehr-Stil, oder?). Die Marine-Soldaten wussten sich aber zu helfen und schnitten oftmals Fallschirm-Gurte zurecht, um diese als Bänder zu nutzen. Heutige Bänder-Anbieter wie (allen voran) Erika’s Originals orientieren sich mit ihrem Konzept an dieser einfachen, aber genialen Idee.

Yema Uhren x Marine Nationale

Aber genug zu Tudor – die Marine Nationale fährt nämlich zweigleisig und hat neben der Schweizer Rolex-Tochter auch noch einen französischen Uhrenhersteller mit ins Boot geholt: Yema.

Ein kurzer historischer Abriss: In den 60er Jahren belieferte der im Jahre 1948 von Henry Louis Belmont gegründete Uhrenhersteller unter anderem die französische Luftwaffe mit der Taucheruhr Yema Superman (mit 300m Wasserdichtigkeit und speziellem Lünetten-Sicherheitslock). Die neu aufgelegte Kooperation zwischen Yema und der Marine Nationale im Jahre 2021 ist also zumindest nicht weit hergeholt.

Man beachte: Yema überlebte zwar die Quarzkrise, wurde in den letzten Jahrzehnten aber ziemlich „durchgereicht“. So wurde Yema Ende der 80er von Seiko geschluckt. Die Japaner platzierten Yema daraufhin (nicht allzu erfolgreich) als Sub-Marke in westlichen Gefilden. Ende 2004 wurde die Marke Yema an ein französisches Konsortium verkauft, mit der Geschäftsführung wurde Louis Eric Beckensteiner beauftragt. Seit 2009 ist Yema unter dem Dach der 1965 gegründeten französischen Groupe Ambre aus Morteau an der Grenze des Schweizer Jura.

Das seit 2009 amtierende Management fokussiert sich (ziemlich erfolgreich) auf die Lancierung von Klassikern aus der Yema-Unternehmensgeschichte – so entstand beispielsweise das Modell Yema Navygraf. Auf der Grundlage der frisch aus der Taufe gehobenen Kooperation zwischen Yema und der Marine Nationale sind vier neue Navygraf-Varianten entstanden:

Alle Bilder: Yema

Allerdings muss man klar sagen, dass es sich bei den neuen Yema Navygraf-Varianten nicht um „Military issued“-Uhren handelt, die offiziell an Marine-Einheiten für den Kampfeinsatz ausgegeben werden. Oder mit anderen Worten: Die neuen Yema-Modelle sind zwar nach Aussagen von Yema zusammen mit der Marine Nationale entwickelt worden, folgen aber keinem „Mil Spec“-Anforderungskatalog. Das sieht man alleine schon daran, dass das Marine Nationale-Logo ziemlich prominent auf „6 Uhr“ untergebracht ist – solche Logo-Platzierungen sind eher unüblich für „echte“ Militäruhren, denn diese beeinträchtigen nun mal naturgemäß die Ablesbarkeit (was irgendwie ungünstig bei echten militärischen Einsätzen ist). Auch eine offizielle Lagernummer, die üblicherweise für militärische Ausrüstungsgegenstände vergeben wird, hat der Yema Navygraf nicht an Bord.

Doch wie kam es zu den neuen Kooperations-Uhren? Nun, nach dem Vorbild der italienischen Marina Militare hat auch die Marine Nationale Anfang Mai 2021 eine Art „Online-Fan-Shop“ gestartet, um Marine Nationale als Marke zu etablieren. Und so finden sich auf boutique.marinenationale.gouv.fr beispielsweise Regenschirme, Taschen, Regenmäntel etc. – und natürlich das Modell Yema Navygraf, das Saphirglas, eine Saphirglas-Lünette, 39 mm Durchmesser, ein (passenderweise) mattblaues Zifferblatt und ein „quasi“-hauseigene Kaliber an Bord hat (dazu gleich mehr).

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob es wirklich eine so clevere Idee ist einen ernstzunehmenden Uhrenhersteller im Preisbereich von Pi mal Daumen 1000€ neben Merchandise wie Kissen, Notizbüchern oder gestreiften Pullovern zu platzieren. Jetzt lasse ich kurz den Wahl-Schwaben in mir raus und sage, dass sowas natürlich ein „Geschmäckle“ haben kann.

Eine Besonderheit an Yema sind die hauseigenen Kaliber: Die Franzosen haben nach eigenen Angaben über 3 Millionen Euro und 4 Jahre Entwicklungszeit investiert, um das hauseigene Automatikkaliber MBP1000 zum Leben zu erwecken. Seit 2011 hat die Nachfolge-Generation Einzug in die meisten Yema-Modell erhalten – die Kaliber YEMA2000 (Dreizeiger) und YEMA3000 (GMT).

Ein Manufakturkaliber in der Preisklasse? Das ist ziemlich ungewöhnlich – und mit Blick auf etwaige Revisionskosten auch nicht unbedingt ein Vorteil für den Endkunden (ein normales Sellita, das man typischerweise in dieser Preisklasse findet, kann quasi jeder Uhrmacher günstig revidieren). Auch die Gangreserve ist mit 42 Stunden nur unwesentlich besser als bei Standard-Kalibern wie dem ETA 2824-2 (38-40 Stunden) bzw. dem Sellita SW200-1 (38 Stunden). Mit +/- 10 Sekunden pro Tag ist das Kaliber YEMA2000 bzw. YEMA3000 ordentlich einreguliert.

Tatsächlich basieren die Yema-Kaliber diversen Berichten zufolge in weiten Teilen auf einer ETA-Basiskonstruktion. Warum machen sich die Franzosen trotzdem die Mühe inhouse zu produzieren? Nun, man kann die Investition aus betriebswirtschaftlicher Sicht durchaus als weitsichtig und sinnvoll bezeichnen: Spätestens seitdem die ETA-Auftragsbücher für Hersteller außerhalb der Swatch Group quasi zu (siehe Streit zwischen WEKO und ETA) und bei Sellita bis zum Überlaufen voll sind, dürfte klar sein, dass jeder Uhrenhersteller, der heute unabhängig von Sellita und ETA agieren kann, nur zu beglückwünschen ist.

Gleichzeitig sei angemerkt, dass Yema mit Blick auf die Preisklasse kaum darum herum kommen wird, Werkskomponenten aus Fernost zu beziehen – ein qualitativer Nachteil muss das nicht zwangsläufig sein und dennoch kann ich Uhrenfreunde verstehen, denen das Yema-Kaliber etwas zu großen Überraschungsei-Charakter hat…

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