Die Grande Nation nahm nach dem zweiten Weltkrieg ordentlich Francs in die Hand, um die französische Marine (Marine Nationale) ganz hochoffiziell mit robusten Uhren auszustatten. Uhrenfreunde denken dabei vor allem an bekannte Modelle wie die Blancpain Fifty Fathoms (entwickelt für die Elite-Kampftauchereinheit Commando Hubert) oder die Tudor Submariner. Was viele nicht wissen: Auch heute eher unbekanntere, französische Hersteller wie Yema oder ZRC tüftelten in den 50er- und 60er-Jahren daran, Uhren gemäß den Anforderungen der Marine Nationale zu entwickeln.

In diesem Artikel geht es um geschichtliche Hintergründe zu Marine Nationale-Uhren und aktuell erhältliche Modelle, die 2021 in Zusammenarbeit mit der Marine Nationale entstanden sind. So hat insbesondere die Rolex-Tochter Tudor mit der Pelagos FXD am 10.11.2021 eine Neuauflage in Zusammenarbeit mit der Marine Nationale lanciert. Eine günstigere Alternative kommt dabei von Yema

Tudor Pelagos FXD

Tudor x Marine Nationale

Natürlich weisen Uhrenhersteller wie die Rolex-Tochter Tudor auch heute noch gerne in ihrer Marketingkommunikation auf die frühere Zusammenarbeit mit der Marine Nationale hin. Was gibt es für bessere Werbung als der historische Fakt, dass man mal echte französische Marine-Soldaten ausgerüstet hat?

Und genau diesen Nimbus will Tudor wieder aufleben lassen: 2021 beschloss Tudor mit der Marine Nationale zusammenzuarbeiten und somit eine Partnerschaft fortzusetzen, die bis in das Jahr 1956 zurückreicht. Damals wurden der Groupe d’Étude et de Recherches Sous-Marines (G.E.R.S.), einer wissenschaftlichen Einrichtung der französischen Marine mit Sitz in Toulon, eine Reihe von Oyster Prince Submariner Uhren zur Bewertung unter realen Bedingungen vorgelegt. Es handelte sich hierbei um Exemplare der Tudor Submariner-Referenzen 7922 und 7923, die beide bis 100 Meter Tiefe wasserdicht und jeweils mit automatischen und manuellen Uhrwerken ausgestattet waren. Der Leiter der G.E.R.S. war offenbar nicht unzufrieden mit den Tudor-Uhren, denn es folgten weitere Bestellungen bei den Schweizern, wodurch Tudor im Jahr 1961 den Status „Offizieller Lieferant der französischen Marine“ erlangte.

Tudor Submariner 7922

Die Tudor-Taucheruhren wurden kontinuierlich weiterentwickelt und die französische Marine verwendete in den folgenden Jahrzehnten viele weitere Modelle der Marke. Die wohl bekannteste Tudor-Taucheruhr, die von der französischen Marine eingesetzt wurde, ist die Tudor Submariner Referenz 9401 mit einem Zifferblatt und einer Lünette in klassischem Blau.

Tudor Submariner 9401
Vintage Vibes: Tudor Submariner

Auf der Gehäuserückseite dieser Uhren waren die Initialen „M.N.“ sowie das Ausgabejahr eingraviert. Sie waren in zwei Ausführungen erhältlich: mit „Snowflake“-Zeigern und Stundenindizes sowie später mit dreieckigen Stundenindizes. Das Modell wurde Mitte der 70er-Jahre eingeführt und bis in die 1980er-Jahre an die französische Marine geliefert. Die Uhren wurden bis ins 21. Jahrhundert verwendet, vor allem von der Tauchschule der französischen Marine und von den Kampfschwimmern. Obwohl sie vor nunmehr zwanzig Jahren offiziell aus den Beständen der französischen Marine genommen wurden, sind sie auch heute noch gelegentlich an den Handgelenken von Reservisten zu sehen.

MN-Taucher mit einer Tudor Submariner ref. 7924. Das hier zu sehende Stahlband stammt nicht von Tudor

Tudor Pelagos FXD Marine Nationale Uhr – Neuauflage 2021 (M25707B/21-0001)

Als Tudor Mitte 2021 die Zusammenarbeit mit der Marine Nationale spoilerte (zunächst ohne konkrete Infos zu neuen Modellen) dachten viele Uhrenfreunde an eine Neuauflage der Tudor Submariner, die anno 1999 nach 30 Jahren eingestellt wurde (offenbar hatte das Rolex-Mutterhaus wenig Lust auf einen gleichnamigen In-House-Konkurrenten zur Rolex Submariner).

An dem Gerücht war aber nichts dran, die neue 2021er Marine Nationale-Uhr von Tudor ist eine Variante der Pelagos, die Pelagos FXD mit der Referenz M25707B/21-0001.

Und seien wir mal ehrlich: dass es tatsächlich eine neue Tudor Submariner geben wird, war doch sowieso extrem unwahrscheinlich, da Tudor mit der überaus erfolgreichen Black Bay-Reihe (z.B. Tudor Black Bay 58) und der Tudor Pelagos bereits zwei „geistige“ Nachfolge-Modelle der Tudor Submariner im Sortiment führt.

Tudor Pelagos FXD: Countdown-Lünette

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Pelagos FXD nicht wirklich von der schon lange verfügbaren Tudor Pelagos in der Farbe Blau (M25600TB-0001).

Tudor betont, dass die neue Pelagos FXD nach militärischen Vorgaben in Zusammenarbeit mit einer Spezialeinheit der französischen Marine entwickelt wurde. Der Schwerpunkt lag dabei auf einer Unterstützung der Unterwassernavigation (dazu gleich mehr) – so ist ein besonderes Merkmal der Pelagos FXD die Countdown-Lünette mit Keramik-Inlay, 120 Kerbungen und Super-LumiNova X1-Leuchtmasse. Diese Countdown-Lünette ist (anders als klassische, unidirektionale Taucheruhren) in beide Richtungen drehbar und mit einer retrograden Skalierung von 60 bis 0 versehen. Damit erfüllt die Lünette Anforderungen der sogenannten „Unterwassernavigation“, die eine Spezialität von Kampfschwimmern ist…

Tudor Pelagos FXD und die Unterwassernavigation

Bei der Unterwassernavigation geht es darum, durch sorgfältige Planung einen bestimmten Ort auf dem Meer zu erreichen, ohne auftauchen zu müssen. Taucher führen diese Navigation paarweise durch. Dabei sind sie durch ein Band verbunden, das als „Lebensleine“ bezeichnet wird, und absolvieren eine Reihe von geraden Schwimmstrecken, geleitet von einem Magnetkompass.

Bei jeder Etappe schwimmen die Kampftaucher für einen festgelegten Zeitraum mit einer konstanten Geschwindigkeit und absolvieren so viele Etappen wie erforderlich. Dabei wird die Zeit für jede Etappe genau bestimmt. Diese Art der Navigation beinhaltet den Neustart eines Countdowns bei jeder Kursänderung. Die gegen den Uhrzeigersinn verlaufende Skalierung und die phosphoreszierende Lünette der Pelagos FXD sollen die Einstellung und Überwachung jedes Countdowns erleichtern, indem die auf der Lünette festgelegte Zeit für den jeweiligen Abschnitt mit dem Minutenzeiger in Übereinstimmung gebracht wird. Sobald der Minutenzeiger das gegenüberliegende Dreieck erreicht, ändert das Kampfschwimmer-Team seinen Kurs und der für die Zeitmessung verantwortliche Taucher startet den nächsten Countdown.

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Tudor Pelagos FXD Marine Nationale: Weitere Merkmale und Neuerungen

Die Pelagos FXD trägt (bis auf die Countdown-Lünette) wesentliche Designmerkmale von der oben genannten Tudor Oyster Prince Submariner Ref. 9401. So ist die Pelagos FXD ist in Marineblau gehalten und mit den charakteristischen quadratischen Stundenindizes und eckigen Zeigern ausgestattet, die mit Super-LumiNova X1 ausgestattet sind (Snowflake-Zeiger).

Als Gehäusematerial kommt – wie bei allen Pelagos-Modellen – vollständig satiniertes und damit reflexionsfreies Titan zum Einsatz. Der Durchmesser beträgt 42 mm, die Höhe wurde auf 12,75 mm verschlankt. Zum Vergleich: Die „alte“ Pelagos kommt auf eine Bauhöhe von rund 14 mm. Möglich macht die Schlankheitskur der Einsatz des flacheren, Chronometer-zertifizierten Manufakturkalibers MT5602 (70 Stunden Gangreserve, amagnetische Silizium-Spiralfeder), das auch in der kleineren Tudor Black Bay 58 tickt.

Eine weitere Besonderheit sind die festen Bandstege (daher auch der Name Pelagos „FXD“ für „fixed“). Die ansonsten typischerweise zum Einsatz kommenden Federstege sind grundsätzlich (bei quasi jeder Uhr) eine Schwachstelle, die bei ruppigen Manövern im schlimmsten Fall wegbrechen können, wodurch sich die Uhr auf Nimmerwiedersehen verabschieden kann. Feste Stege sind daher ein Merkmal vieler offizieller Militäruhren bzw. Field Watches, um genau diesem Problem zu adressieren. Faktisch bedeuten feste Bandstege aber auch, dass sich Bänder von Drittanbietern nicht an der Uhr montieren lassen (außer Nato Straps bzw. Durchzugsbänder). So sind feste Bandstege für Otto-Normal-Uhrenfreunde, die nicht grade Kampftaucher als Hauptberuf sind, eigentlich nur nachteilig. Gleich mehr zu den Bändern.

Um den offiziellen Charakter der Uhr zu betonen, ist die Gehäuserückseite der Pelagos FXD mit dem Logo der Marine nationale (französische Marine), einem Anker mit einer Matrosenmütze, und der historisch inspirierten Gravur „M.N.21“ versehen („Marine nationale 2021“).

Die Bänder der Tudor Pelagos FXD Marine Nationale

Die Bänder der Pelagos FXD werden in Frankreich auf Jacquardwebstühlen aus dem 19. Jahrhundert von dem 1864 gegründeten Familienunternehmen Julien Faure aus der Region Saint-Étienne gewoben.

Für das Modell Pelagos FXD haben Tudor und Julien Faure ein neues Armband entwickelt, das aus einem 22 mm breiten Band aus Polyethylengewebe in Marineblau mit einem silberfarbenen Mittelfaden besteht. Weiterhin ist eine „D“-Stiftschließe aus Titan und ein Klettverschluss-System an Bord, das an verschiedene Handgelenkgrößen anpassbar ist und so einen hohen Tragekomfort bieten soll.

Ein kleiner Exkurs sei an dieser Stelle noch erlaubt: Die Marine Nationale bekam früher ihre Dienstuhren von Tudor & Co. lange Zeit ohne Bänder geliefert (klingt ein wenig nach kuriosen Einsparungen im Bundeswehr-Stil, oder?). Die Marine-Soldaten wussten sich aber zu helfen und schnitten oftmals Fallschirm-Gurte zurecht, um diese als Bänder zu nutzen. Heutige Anbieter von Bändern im Marine Nationale Stil (vor allem Erika’s Originals) orientieren sich mit ihrem Konzept an dieser einfachen, aber genialen Idee.

Darüber hinaus wird die Pelagos FXD mit einem zusätzlichen (Durchzugs-)Kautschukband mit einem geprägten Motiv und einer Stiftschließe geliefert.

Alternative: Yema Uhren x Marine Nationale

Aber genug zu Tudor – die Marine Nationale fährt nämlich zweigleisig und hat neben der Schweizer Rolex-Tochter auch noch einen französischen Uhrenhersteller mit ins Boot geholt: Yema.

Ein kurzer historischer Abriss: In den 60er Jahren belieferte der im Jahre 1948 von Henry Louis Belmont gegründete Uhrenhersteller unter anderem die französische Luftwaffe mit der Taucheruhr Yema Superman (mit 300m Wasserdichtigkeit und speziellem Lünetten-Sicherheitslock). Die neu aufgelegte Kooperation zwischen Yema und der Marine Nationale im Jahre 2021 ist also zumindest nicht weit hergeholt.

Man beachte: Yema überlebte zwar die Quarzkrise, wurde in den letzten Jahrzehnten aber ziemlich „durchgereicht“. So wurde Yema Ende der 80er von Seiko geschluckt. Die Japaner platzierten Yema daraufhin (nicht allzu erfolgreich) als Sub-Marke in westlichen Gefilden. Ende 2004 wurde die Marke Yema an ein französisches Konsortium verkauft, mit der Geschäftsführung wurde Louis Eric Beckensteiner beauftragt. Seit 2009 ist Yema unter dem Dach der 1965 gegründeten französischen Groupe Ambre aus Morteau an der Grenze des Schweizer Jura.

Das seit 2009 amtierende Management fokussiert sich (ziemlich erfolgreich) auf die Lancierung von Klassikern aus der Yema-Unternehmensgeschichte – so entstand beispielsweise das Modell Yema Navygraf. Auf der Grundlage der frisch aus der Taufe gehobenen Kooperation zwischen Yema und der Marine Nationale sind vier neue Navygraf-Varianten entstanden:

Alle Bilder: Yema

Allerdings muss man klar sagen, dass es sich bei den neuen Yema Navygraf-Varianten nicht um „Military issued“-Uhren handelt, die offiziell an Marine-Einheiten für den Kampfeinsatz ausgegeben werden. Oder mit anderen Worten: Die neuen Yema-Modelle sind zwar nach Aussagen von Yema zusammen mit der Marine Nationale entwickelt worden, folgen aber keinem „Mil Spec“-Anforderungskatalog. Das sieht man alleine schon daran, dass das Marine Nationale-Logo ziemlich prominent auf „6 Uhr“ untergebracht ist – solche Logo-Platzierungen sind eher unüblich für „echte“ Militäruhren, denn diese beeinträchtigen nun mal naturgemäß die Ablesbarkeit (was irgendwie ungünstig bei echten militärischen Einsätzen ist). Auch eine offizielle Lagernummer, die üblicherweise für militärische Ausrüstungsgegenstände vergeben wird, hat der Yema Navygraf nicht an Bord.

Doch wie kam es zu den neuen Kooperations-Uhren? Nun, nach dem Vorbild der italienischen Marina Militare hat auch die Marine Nationale Anfang Mai 2021 eine Art „Online-Fan-Shop“ gestartet, um Marine Nationale als Marke zu etablieren. Und so finden sich auf boutique.marinenationale.gouv.fr beispielsweise Regenschirme, Taschen, Regenmäntel etc. – und natürlich das Modell Yema Navygraf, das Saphirglas, eine Saphirglas-Lünette, 39 mm Durchmesser, ein (passenderweise) mattblaues Zifferblatt und ein „quasi“-hauseigene Kaliber an Bord hat (dazu gleich mehr).

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob es wirklich eine so clevere Idee ist einen ernstzunehmenden Uhrenhersteller im Preisbereich von Pi mal Daumen 1000€ neben Merchandise wie Kissen, Notizbüchern oder gestreiften Pullovern zu platzieren. Jetzt lasse ich kurz den Wahl-Schwaben in mir raus und sage, dass sowas natürlich ein „Geschmäckle“ haben kann.

Eine Besonderheit an Yema sind die hauseigenen Kaliber: Die Franzosen haben nach eigenen Angaben über 3 Millionen Euro und 4 Jahre Entwicklungszeit investiert, um das hauseigene Automatikkaliber MBP1000 zum Leben zu erwecken. Seit 2011 hat die Nachfolge-Generation Einzug in die meisten Yema-Modell erhalten – die Kaliber YEMA2000 (Dreizeiger) und YEMA3000 (GMT).

Ein Manufakturkaliber in der Preisklasse? Das ist ziemlich ungewöhnlich – und mit Blick auf etwaige Revisionskosten auch nicht unbedingt ein Vorteil für den Endkunden (ein normales Sellita, das man typischerweise in dieser Preisklasse findet, kann quasi jeder Uhrmacher günstig revidieren). Auch die Gangreserve ist mit 42 Stunden nur unwesentlich besser als bei Standard-Kalibern wie dem ETA 2824-2 (38-40 Stunden) bzw. dem Sellita SW200-1 (38 Stunden). Mit +/- 10 Sekunden pro Tag ist das Kaliber YEMA2000 bzw. YEMA3000 ordentlich einreguliert.

Tatsächlich basieren die Yema-Kaliber diversen Berichten zufolge in weiten Teilen auf einer ETA-Basiskonstruktion. Warum machen sich die Franzosen trotzdem die Mühe inhouse zu produzieren? Nun, man kann die Investition aus betriebswirtschaftlicher Sicht durchaus als weitsichtig und sinnvoll bezeichnen: Spätestens seitdem die ETA-Auftragsbücher für Hersteller außerhalb der Swatch Group quasi zu (siehe Streit zwischen WEKO und ETA) und bei Sellita bis zum Überlaufen voll sind, dürfte klar sein, dass jeder Uhrenhersteller, der heute unabhängig von Sellita und ETA agieren kann, nur zu beglückwünschen ist.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. D.Hansen

    Hat mal wieder Spaß gemacht zu lesen:)
    Bei Tudor passt meiner Meinung nach das Preis-Leistungs Verhältnis.

  2. Markus K.

    Yema habe ich schon seit einiger Zeit auf dem Schirm, allerdings für Sportstahlmodelle an meinem dicken Handgelenk zu klein. Leider. Stark finde ich die Werbung, vor allem die links gezeigte. Während das Rennfahrer-Motiv gängige Klischees verwurstet, hat das rechte Bild so die Message „genervte Zicke trifft auf jetzt auch genervten Skipper. Der Klopper ist aber der Froschmann mit der Lady im Arm. Das ist so schräg, das ist ganz großes Kino. Und komplett grafisch einwandfrei gestaltet. In der Epoche leider nicht selbstverständlich…

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