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London war für lange Zeit, vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, Dreh- und Angelpunkt der globalen Uhrmacherei. So kamen auch viele Innovationen von den Britischen Inseln – man denke nur mal an Robert Hooke, welcher die Unruhspiralfeder, bis heute das zentrale regulierende Element einer jeden mechanischen Uhr, erfand. Diese Erfindung ermöglichte es einige Jahre später dem Briten John Harrison (1693-1762) das Längengrad-Problem mit einer (für damalige Verhältnisse) supergenau laufenden Uhr, dem See-Chronometer, zu lösen. Die daraufhin deutlich verbesserte Navigation auf hoher See, rettete vielen Seefahrern das Leben.

Nicht zu vergessen ist auch John Harwood, der Erfinder der ersten Automatikuhr überhaupt: Der britische Uhrmacher und Tüftler hatte in den 1920er Jahren die Idee zu einer Uhr mit automatischem Aufzug als er Kinder auf einer Wippe spielen sah – daraufhin begab er sich in seine Werkstatt und baute auf Basis einer ausrangierten Taschenuhr den Prototypen einer Armbanduhr mit Automatikaufzug. Die „Harwood Self-Winding Watch“ wurde daraufhin auch patentiert. Fortis-Gründer Walter Vogt erkannte das Potential der Erfindung und brachte Harwoods Idee in Serienfertigung. Das erste Modell wurde bereits auf der Baselworld 1926 präsentiert – die Reklame unten sagt stolz: „Wearing winds it!“ und „The Wonder-Watch of the Age„:

Englische Uhren-Marken und Brexit: Wie steht’s um Steuern und Zoll?

Erst ab dem 19. Jahrhundert, mit dem Aufkeimen der Schweizer Uhrenindustrie, wurde es allmählich still um Uhren aus England. Heute ist nicht mehr viel übrig vom Glanz der britischen Uhrmacherei. Der Brexit drohte sogar die in den letzten Jahren aufkeimenden Bestrebungen diverser neuer Microbrands und alteingesessener britischer Uhren-Hersteller (dazu gleich mehr) im Keim zu ersticken.

Nach den zähen Brexit-Verhandlungen wurde Ende 2020 doch noch ein Deal zwischen der EU und den Briten erzielt. Good News!? Für Endkunden eher nicht. Das Problem ist nämlich: Der deutsche Zoll weist darauf hin, dass auch bei Anwendung dieses Freihandelsabkommens Waren zollrechtlich abgefertigt werden müssen. Darüber hinaus ist die Einfuhrumsatzsteuer von dem Abkommen nicht umfasst und somit zu erheben.

Das bedeutet konkret, dass auf Uhren, die man als Privatperson (mit Wohnsitz in Deutschland bzw. der EU) bei einem Händler oder Uhrenhersteller in Großbritannien bestellt, zusätzlich Einfuhrumsatzsteuer (19%) und Zollgebühren (80 Cent) fällig sind. Das ist insbesondere eine ziemlich schlechte Nachricht für Uhrenmarken, die kein ausgeprägtes (europäisches) Vertriebsnetz haben und vor allem auf den Direktvertrieb über einen eigenen Online-Shop setzen – so wie CWC oder Farer. Eine Uhr mit einem Preis von 500€ kostet dann immerhin fast 100€ mehr.

UPDATE: Nach Informationen im Uhrforum ist auf Christopher Ward-Uhren keine Einfuhrumsatzsteuer zu zahlen – Zitat:

From January 1st, 2021 the United Kingdom (UK) is no longer part of European Union (EU), but as a Christopher Ward customer there will be no impact on the price you pay or customer service you experience. As we operate a standardised European pricing structure any variation in VAT applicable between member states is allowed for within the price you pay. The Free Trade arrangement between the UK and EU means no additional duties will be payable by our customers. This means you will not be charged any additonal fees when the watch arrives in your country.

Dennoch lohnt sich der Blick auf auf die wenigen, heute noch existierenden Uhrenhersteller, welche die britische Uhrmachertradition am Leben erhalten wollen…

Britische / Englische Uhren-Hersteller und -Marken heute: Die Historischen

Dent London – Erschaffer des Big Ben-Uhrwerkes

Im Jahre 1814 durch Edward John Dent gegründet, feierte der britische Uhrenhersteller mit einem echten Prestige-Projekt den Durchbruch: den Bau des Uhrwerkes für die Great Westminster Clock, besser bekannt als Big Ben.

Fun Fact am Rande: Der Durchmesser der Big Ben-Zifferblätter beträgt je 7 Meter, die Minutenzeiger haben eine Länge von über 4 Metern, die Stundenzeiger messen fast 3 Meter. Charakteristisch für die Big Ben-Zifferblätter sind die römischen Ziffern I bis XII (die auch von den aktuellen Dent-Armbanduhren aufgegriffen werden) sowie die lateinische Inschrift „Domine salvam fac reginam nostram Victoriam primam“ („Gott schütze unsere Königin Victoria die Erste“). Auch die Uhr im Royal Observatory in Greenwich geht auf das Konto von Dent.

Aber nicht nur Großuhren kamen von Dent – so trug beispielsweise König Edward VII eine Taschenuhr des Londoner Herstellers. Irre: Beim Auktionshause Sotheby’s kam eine Dent-Taschenuhr für satte 800.000 Schweizer Franken unter den Hammer.

Im Jahre 1966 verschwand die E. Dent & Co Ltd. von der Bildfläche – mit Blick auf das britische Handelsregister erfolgte aber Ende 2006 offenbar ein Neustart unter demselben Namen und unter der Führung des Millionärs und Immobilien-Tycoons Iain Catleugh Hutchinson, der vor ein paar Jahren in der britischen Boulevard-Presse für Schlagzeilen sorgte, weil er einen Rentner verprügelte. Damit kamen die Londoner aber wenigstens mal in die Schlagzeilen, denn man hört – trotz Wiederbelebung der Marke – nicht wirklich viel von Dent…

CWC (Cabot Watch Company) – Militäruhren für die British Army

CWC (Cabot Watch Company, benannt nach dem Entdecker John Cabot) wurde im Jahre 1972 vom ehemaligen Hamilton-CEO Ray Mellor gegründet. CWC ist heute einer der wenigen britischen Uhrensteller, die durchgängig tätig sind und eine jahrzehntelange Historie mitbringen.

Mit der Field Watch CWC W10 und mit dem Nachfolger, der CWC G10, konnte der erfahrene Weltkriegsveteran Mellor einen beachtlichen Erfolg feiern: Nur wenige Jahre nach der Gründung, im Jahre 1980, ersetzte er mit CWC den Lieferanten Hamilton. Da werden die alten Kollegen sicherlich alles andere als „amused“ gewesen sein 😉 . Bis 2008, also für fast 30 Jahre, wurden insgesamt über 200.000 Stück des Modells CWC G10 an die British Army ausgeliefert. Allein im Golfkrieg wurden 20.000 Stück ausgeliefert.

Seit 1990 ist die CWC G10 auch für Zivilisten käuflich erwerbbar – damals wie heute kommt die Field Watch mit einem Quarzwerk (ETA 955.102), einem matten, eher kleinen Gehäuse (36,5 mm Durchmesser), 5 atm Wasserdichtigkeit und einem Deckglas aus Acryl. Anstelle Tritium kommt allerdings Super-Luminova zum Einsatz. Der Gehäuseboden enthält u.a. den originalgetreuen „Broad Arrow“ der British Army und die offizielle NATO-Lagernummer (NATO Stock Number, NSN). Preispunkt: Faire 219 Britische Pfund, direkt auf cwcwatch.com.

Britische / Englische Uhren-Hersteller und -Marken heute: Die Microbrands

Christopher Ward – „Steinhart von England“?

Christopher Ward ging „erst“ im Jahre 2004 in einem umgebauten Hühnerstall in Maidenhead, Berkshire an den Start und hat mittlerweile eine durchaus beachtliche Fangemeinde aufgebaut. Christopher Ward-Uhren werden allerdings nicht in England, sondern in der Schweiz produziert und tragen somit das „Swiss Made„-Label. Der Ansatz ähnelt sehr der deutschen Uhren-Marke Steinhart, welche ebenfalls auf die Produktion durch Private Label-Uhrenhersteller setzt und sich auf Vertrieb und Kundendienst konzentriert – allerdings nur auf den ersten Blick.

Denn es gibt zwei große Aufnahmen. Erstens: Mit dem Kaliber SH21 mit satten 120 Stunden Gangreserve hat Christopher Ward sogar ein eigenes „Quasi“-Manufakturkaliber mit Chronometer-Zertifikat, welches bei Synergies Horlogères in Biel, heute Teil von Christopher Ward, gebaut wird. Christopher Ward verbaut aber auch Standard-Kaliber wie das bewährte Sellita SW200-1.

Zweitens: Die Designs von Christopher Ward sind durchaus eigenständig und fernab des Hommage-Einheitsbreis. Sehr lobenswert! Nennenswert ist beispielsweise das Modell Christopher Ward C60 mit einem Zifferblatt aus Saphirglas (!). Mit Preisen ab rund 800€ für die mechanischen Modelle ist Christopher Ward recht erschwinglich unterwegs.

Bremont – Hoffnungsträger des British Watchmaking

Bremont – das klingt irgendwie nach alteingesessener, traditionsreicher Uhrenmarke. Tatsächlich startete der in Henley-on-Thames, South Oxfordshire, gegründete Uhrenhersteller erst im Jahre 2007 so richtig durch. Das Besondere an Bremont ist, dass die Gründer, die Brüder Nick und Giles English (passender Name, oder? 😉 ), einen durchaus nennenswerten Teil der Wertschöpfung unter dem eigenen Dach haben, darunter eine eigene Gehäusehärtung und Werkzeugmaschinen zur Fertigung von Komponenten. Bremont unterscheidet sich damit in gewissem Maße von typischen Microbrands, die oftmals Ein-Personen-Unternehmen sind und außer Design und Vertrieb keinerlei In-House-Kompetenz haben.

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Die Designs von Bremont bewegen sich im Bereich klassischer Flieger- und Militär-Uhren, bringen aber gleichzeitig ein paar erfrischend andere Designelemente mit. Seit 2019 darf Bremont auf Grundlage einer Zusammenarbeit mit dem britischen Verteidigungsministerium (Ministry of Defense, MoD) auch die Abzeichen der Royal Navy, British Army und Royal Air Force auf den Zifferblättern verewigen. Tatsächlich, im großen Stile an das britische Militär ausgelieferte „Military issued“-Modelle, sind mir allerdings nicht bekannt (was mit Blick auf die Preise auch ziemlich ungewöhnlich wäre).

Die Preise für Bremont-Uhren starten bei rund 3000 Pfund und gehen bis hin zu über 20.000 Pfund für die Spitzenmodelle mit Platingehäuse. Auch das zeigt: Bremont zeigt sich selbstbewusst und will bei „den Großen“ mitspielen.

Pinion und Farer Watches – die Newcomer

Farer wurde 2015 durch den Briten Paul Sweetenham gegründet und ist daher noch relativ neu im Uhrengeschäft. Wie für eine Microbrand typisch, fertigt Farer nicht selbst, sondern beim Schweizer Private Label-Uhrenhersteller Roventa-Henex, wie die Briten offen zugeben. Farer setzt auf eher klassisch-unaufgeregte Designs, bringt aber gleichzeitig eine gute Portion Eigenständigkeit mit. Preislich liegt die britische Uhrenmarke bei ca. 1000€ aufwärts.

Der britische Uhrenhersteller Pinion wurde 2013 in South Oxfordshire durch den Designer Piers Berry gegründet und darf damit schon als Microbrand-Urgestein bezeichnet werden. Pinion bzw. deren Uhrmacher Ian Walsh stellen zwar keine Komponenten selbst her, die Oberflächenbearbeitung der Gehäuse und die Montage befindet sich aber in Lancashire.

Pinion setzt auf klassische Designs mit eigenständigen Designelementen. Als Antrieb kommen ausschließlich Schweizer ETA-Kaliber zum Einsatz. Die Preise starten bei knapp über 800 Pfund.

Englische Uhren-Hersteller und -Marken heute: Die Haute Horologerie

Roger W Smith – Haute Horologerie von der Isle of Man

Die britische Uhrmachertradition wird von wohl kaum einen anderen Hersteller so konserviert wie von Roger W Smith – obwohl es die Manufaktur erst seit 2001 gibt. Marken-Kopf Roger W Smith war dabei der Schützling von niemand geringerem als George Daniels, dem Erfinder der Co-Axial-Hemmung, die seit 1999 von Omega in Serie produziert wird (zum Beispiel Kaliber 8800).

Grade mal rund 10 Uhren pro Jahr (nein, da fehlen keine Nullen) verlassen die Uhrenmanufaktur in Ramsey auf der Isle of Man, einer Insel zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich. Die Preise sind mit mehreren Hunderttausend Pfund nur etwas für sehr gut betuchte Uhrenfreunde.

Robert Loomes – Restaurationen und Armbanduhren „Made in England“

Robert Loomes verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Roger W Smith: Qualität statt Quanität. Die Familiengeschichte von Loomes reicht zurück bis in die 1650er Jahre mit einem von Thomas Loomes geführten Handel für Uhren aller Art. Auch heute noch ist die Familie Loomes federführend, der Firmensitz befindet sich in Lincolnshire. Neben der Manufaktur von Armbanduhren verdient Loomes dabei auch seine Brötchen mit der Restauration und Reparatur historischer Uhren:

(Bilder: Loomes)

Spannend: Seit 2016 hat Loomes auch ein eigenes Kaliber in petto, welches zwar nicht In-House, aber zu 100% auf englischem Boden mit Hilfe von 20 Partnern produziert wird. Die Montage erfolgt im Hause Loomes. Die Konstruktion basiert auf dem Vintage-Kaliber Smiths 12.15, die Loomes früher auch als „New Old Stock“ verbaut hatte. All das hat auch seinen Preis: Die Modelle mit 100% Made in England-Kaliber kosten mehrere Zehntausend Pfund.

Passt in keine Schublade: Mr Jones Watches – Uhren-Design mit Augenzwinkern

Mr Jones Watches setzt mit einem Team von 15 Mitarbeitern, ansässig im Londoner Oxo Tower Wharf und in Camberwell (Süd-London), vor allem auf verrückte Designs gepaart mit einer Menge Portion Humor. Mr Jones Watches hält dabei offensichtlich rein gar nix von Hommage-Uhren – Zitat: „We work really hard to produce original and interesting designs – our interest is not, nor will it ever be in producing something that looks like a Rolex (Rolex already do that job rather well in our opinion!)“.

Tatsächlich bricht Mr Jones Watches mit so ziemlich allen Uhren-Konventionen – bezeichnend ist beispielsweise das Modell „A perfectly useless afternoon„, bei dem das Zifferblatt einen Swimming Pool aus der Vogelperspktive zeigt. Das Bein einer im Pool relaxenden Person ist der Stundenzeiger, eine kleine Badeente der Sekundenzeiger. Auch genial: Das mechanische Modell „Number Cruncher„, bei dem eine Art Godzilla die Zahl, welche die Stunden im Himmel anzeigt, verspeist. Eine Minutenscheibe bewegt sich durch den Magen des Comicmonsters. Keine wirklich alltagstauglichen Uhren, aber irgendwie saucool 😉 .

Die Preise für Mr Jones Watches starten bei unter 200 Pfund, was unter Berücksichtigung der Wertschöpfung in England („Made in England“ bzw. „Made in London“) und der eigenständigen Designs mehr als fair ist. Es kommen vorrangig Quarzwerke, aber auch chinesische mechanische Kaliber von Seagull zum Einsatz.

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Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Daniel

    Als Käufer mit Sitz in der EU dürfte der Kauf Steuerfrei fakturiert werden sprich abzüglich 20% UK VAT (netto). Zum netto kommt dann die 19% DE MWST welche beim Import erhoben wird. Zumindest ist das mit der Schweiz so.
    So gesehen dürfte der Endpreis für EU-Käufer -1% vom ausgeschilderten Preis betragen (ohne Berücksichtigung von Währungskursschwankungen)
    Korrigiert mich einer, wenn ich falsch liege.
    Gruß
    Daniel

  2. Federweich

    Christopher Ward als „Steinhart von England“ zu betiteln ist jawohl maximal daneben.

    Steinhart lässt Designfälschungen mit Baukasten-Bauteilen einschalen,
    Christopher Ward lässt eigenständige Designs mit eigenständigen Bauteilen einschalen.

    Für mich gehört Steinhart und ähnliche Anbieter in keinen seriösen Uhrenblog, sondern bei Aliexpress gelistet.

    1. Mario

      Ich glaube ich habe die Unterschiede zu Steinhart ausführlich genug dargelegt – vor allem im verlinkten Detail-Artikel zu Christopher Ward 😉

  3. Thorsten S.

    …Nur weil die Engländer die „Eier“hatten,aus Dieser unnützen EU-Sch…auszutreten,heisst das ja nicht das „Sie“deswegen schlechte Uhren machen!?!
    …Oder wie soll man den Titel verstehen??? :-/
    Gruß
    Thotsten S.

    1. Mario

      Wie kommst du darauf, dass ich eine Verbindung zwischen der Qualität englischer Uhren und dem Brexit herstelle?
      Kurz mal Off-Topic: „unnützen EU-Sch…“? Seltsam, dass Schottland so schnell wie nur irgend möglich wieder zurück in die EU will und ein großer Teil der Engländer nichts vom Brexit hält 😉
      Off-Topic Ende.

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