TAG Heuer Carrera 01 Skelettiert

TAG Heuer Carrera von gestern bis heute: Ein historisch-kritischer Blick auf einen der bekanntesten Chronographen der Welt

Neben Breitling Navitimer, Omega Speedmaster und Rolex Daytona gehört die (TAG) Heuer Carrera auch heute noch zu den bekanntesten und beliebtesten Luxus-Chronographen der Welt. Während Omega die Mondlandung und Breitling die Luftfahrt als Aufhänger hat, ist die TAG Heuer Carrera unmissverständlich als Rennfahreruhr positioniert. Die Gründe dafür liegen in der langen und ergiebigen Geschichte des Schweizer Traditionsherstellers, zum Beispiel in der Zeitmessung bei Autorennen – leider kommt der historische Aspekt bei aktuellen Carrera-Chronographen meistens zu kurz. In diesem Artikel gehe ich zunächst auf die Geschichte der Heuer Carrera ein, um dann einen kritischen Blick auf die Carrera-Gegenwart inklusive der Automatikwerke Calibre 16, Calibre 1887, Calibre Heuer 01 und Heuer 02 zu werfen…

Die Geschichte der (TAG) Heuer Carrera: Ohne Jack Heuer undenkbar

Chronographen, Stoppuhren und Bestandteile von Instrumententafeln entwickelten sich schon früh zum Kerngeschäft des 1860 in Saint-Imier gegründeten Schweizer Uhrenherstellers. Unternehmensgründer Edouard Heuer meldete beispielsweise schon im Jahre 1888 das erste Patent für einen Stoppuhrmechanismus an. Im Jahre 1916 folgte ein Patent für den ersten Hundertstelsekunden-Chronographen.

Original Stoppuhren-Patent von Heuer aus dem Jahre 1888

Die geschichtlichen Ursprünge der Carrera liegen also schon lange zurück und gehen auch auf das Jahr 1911 zurück als Heuer mit der patentierten Time of Trip den ersten Chronographen für das Armaturenbrett von Flugzeugen und Automobilen auf den Markt brachte…

Auf der Grundlage dieses Bordchronographen und – nicht zu vergessen – diversen Stoppuhren-Modellen wurde der Weg für Partnerschaften mit Einzelfahrern und Teams aus verschiedenen Rennsportdisziplinen geebnet.

Heuer_Poster_Stoppuhr 1963
Heuer 1959 Time of Trip Armaturenbrett (2)

Der Fokus des Schweizer Uhrenherstellers auf Automobile und Rennsport war kein Zufall: Jack Heuer, Urenkel des Firmengründers Edouard Heuer und führender Kopf hinter dem Traditionshersteller von 1962 bis 1982, galt als langjähriger Fan und Teilnehmer von Rennsportveranstaltungen aller Art.

Heuer war darüber hinaus auch schon früh in der Geschichte des Unternehmens im Bereich der Zeitmessung bei Autorennen engagiert – hier ein Heuer-Zeitmessstand im Jahre 1927:

Nicht mal ein Dach über dem Kopf: Heuer-Zeitmessung Anno 1927

Im analogen Zeitalter war die Zeitmessung alles andere als einfach. Heuer-Mitarbeiter Jean Campiche sagte dazu: „Mit den neuesten technologischen Entwicklungen war es uns möglich die Zeiten mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig zu erfassen. Das war ein schwieriger Job, da man eine Menge Knöpfe (zugehörig zu den jeweiligen Fahrzeugen) in schneller Reihenfolge drücken musste – ich bekam den Spitznamen ‚Pianist‘, da sich meine Finger so schnell bewegten.“

Schneller Finger: Jean Campiche bei der komplizierten Zeitmessung in Monaco im Jahre 1979.

Auf Basis des Heuer’schen Engagements im Rennsport kamen auch Freundschaften zustande: Jack Heuer pflegte beispielsweise die Freundschaft mit dem schnellen Schweden Ronnie Peterson, der im Jahre 1978 nach einem Unfall beim Formel 1 Grand Prix von Italien (Monza) verstarb. Sechs Jahre vor Ronnie Petersons Tod schenkte Jack Heuer ihm eine 18-karat-goldene Carrera (Ref. 1158) mit persönlicher Widmung…

Jack Heuer (rechts) und Ronnie Peterson

Aber zurück ins Jahr 1963: Die Idee zum ersten Armbandchronographen kam Jack Heuer im Zusammenhang mit der Carrera Panamericana (Carrera = spanisch für Wettrennen), einem der bekanntesten (und tödlichsten) Autorennen der Welt. Die Carrera Panamericana dauerte sechs Tage und fand auf Teilen der sogenannten Panamericana (oder auch Pan-American Highway) statt, der längsten Straße der Welt, die ihren historischen Startpunkt in Texas (an der Grenze zu Mexiko) hat und erst im argentinischen Buenos Aires endet. Die Carrera Panamericana fand – kurz nach dessen Fertigstellung – auf dem mexikanischen Straßenabschnitt der Panamericana statt. Mit dem mehrtägigen Etappenrennen, der Carrera Panamericana, sollte dieser 3436 km lange Straßenabschnitt eingeweiht werden. Allerdings wurde die Carrera Panamericana nach nur wenigen Jahren wieder eingestellt – das letzte Rennen fand 1954 statt. Der Grund: Zahlreiche Crashs und Todesfälle – insgesamt 27 Menschen kamen ums Leben (Fahrer und Zuschauer). Im Jahre 1988 wurde die Veranstaltung als Oldtimer-Rallye wiederbelebt.

Killer-Route: Die Carrera Panamericana von Juarez nach Gutierrez

Jack Heuer hörte das allererste mal von der Carrera aus dem Mund des Ferrari-Piloten Pedro Rodriguez beim 12-Stunden-Rennen von Sebring, bei dem der Uhrenhersteller offizieller Zeitnehmer war. Jack Heuer sagte dazu: „Allein der Klang des Namens wirkte elegant und dynamisch, war in allen Sprachen problemlos auszusprechen und voller Emotionen. Damals wurde mir klar, dass mein neuer Chronograph eine perfekte Hommage an diese Legende werden würde.“

Junge Rennsport-Talente: Die Rodriguez-Brüder

Einige Jahr nach der letzten Carrera Panamericana, im Jahre 1963, stellte Jack Heuer dann seine neueste Kreation, die erste Heuer Carrera, der breiten Öffentlichkeit auf der Messe in Basel vor. Leider kann man heutzutage mit Blick auf das extrem umfangreiche Carrera-Produktportfolio von TAG Heuer kaum noch nachvollziehen, welches denn nun eigentlich die allererste Heuer Carrera – quasi die „Ur-Carrera“ – war. Tatsächlich hat Heuer im Jahre 1963 mehrere Varianten der Carrera auf den Markt gebracht (unter der Referenz 2447). Hier zwei Varianten (Carrera Black und Carrera 45) aus dem Jahre 1963, die allesamt

  • das 36 mm große (bzw. für heutige Verhältnisse winzige) Gehäuse,
  • ein Valjoux-Handaufzug-Chronographenwerk aus dem Hause ESA (heute ETA),
  • das schlichte, sehr gut ablesbare Zifferblatt-Design (Hersteller: Singer) und
  • einen Preis von unter 100 US-Dollar

gemeinsam hatten.

Etwas später brachte Heuer auch eine heute bei Sammlern extrem beliebte Panda-Variante (Ref. 2447 SN) raus:

Heuer Carrera_1963

Gut zu wissen: Jack Heuers erste Chronographen-Schöpfung war nicht die Heuer Carrera, sondern die Heuer Autavia, mit der er sich im Jahre 1962 an Sportwagen-Fahrer und Flugzeug-Piloten richtete (daher auch die Wortschöpfung aus “automotive” und “aviation”). Die ein Jahr später in Basel vorgestellte Carrera wiederum hatte dann nur eine Zielgruppe: Rennwagenfahrer.

Heuer Ad 1968 Autavia Carrera Camaro

Heute kann jedes Smartphone die Zeit messen – damals war ein Chronograph wie die Heuer Carrera aufgrund der Zusatzfunktion bzw. Komplikation einer Stoppuhr am Handgelenk aber durchaus etwas besonders. Dasselbe gilt für die sogenannte Tachymeter-Skala: Mit der Tachymeter-Skala (auch: Tachymetre-Skala oder Tachometer-Skala) lassen sich Einheiten pro Stunde (Units per Hour) messen, indem der zeitliche Abstand zwischen zwei Einheiten gemessen wird. Eine klassische Anwendung ist die Messung der Durchschnittsgeschwindigkeit auf einem definierten Streckenabschnitt. Das Besondere bei der Heuer Carrera war die innenliegende Tachymetre-Skala, die das klare Design des Chronographen unterstrich.

Mehr über die Funktionen eines Chronographen und die Tachymetre-Skala:

Nach der Handaufzug-Carrera ließ Heuer einige Jahre später eine Automatik-Variante folgen: Im Jahr 1969 kam das patentierte Carrera Chronomatic Calibre 11, der weltweit erste Automatik-Chronograph mit kaum erkennbarem Mikrorotor, auf den Markt. Um die Investition für diese Entwicklung stemmen zu können hat sich Heuer damals mit anderen Größen der Uhrenbranche zusammengetan: Breitling, Buren Watch S.A. and Dubois-Dépraz S.A. und später auch Hamilton waren an der Entwicklung beteiligt. Mit dem neuen Automatik-Uhrwerk wurden drei Armbandchronographen ausgestattet: die Autavia, die Carrera und die neue Monaco.

Mit der Einführung des Caliber 11 und der steigenden Beliebtheit der Formel 1 (bei der Heuer für damalige Verhältnisse extrem großen Sponsoringaufwand betrieb) wandelte sich auch die Optik der Carrera: Größer (39 mm statt 36 mm) und ein bisschen bunter lautete die Devise. Man beachte auch die linksseitige Position der Krone, was technisch bedingt war, da das Dubois-Dépraz Chronographen-Modul nur gegenüber von den Chronographendrückern implementiert werden konnte:

Apropos Formel 1: Unter den Top-Piloten, die im Verlauf des darauf folgenden Jahrzehnts eine Carrera am Handgelenk trugen, waren die Ferrari-Fahrer Jacky Ickx, Clay Regazzoni, Mario Andretti, Carlos Reutemann und Jody Scheckter. Alle Mitglieder des Ferrari-Rennstalls von 1970, mit dem Heuer einen Vertrag als offizieller Sponsor und Zeitnehmer unterzeichnet hatte, erhielten eine Carrera aus massivem Gold mit eingraviertem Namen und Blutgruppe. Der Schweizer Jo Siffert war übrigens der allererste Formel 1-Fahrer, der eine Partnerschaft mit einem Uhrenhersteller einging. Und das war – wie sollte es auch anders sein – Heuer.

Mit der Quarz-Krise (Anfang 70er bis Mitte 80er), d.h. der fast vollständigen Verdrängung von mechanischen Uhrwerken durch den damals innovativen, batteriebetriebenen Quarz-Antrieb, verschwand auch die Heuer Carrera von der Bildfläche. Jack Heuers Bemühungen die Carrera mit einer batteriebetriebenen Variante (Veröffentlichung 1978) am Leben zu erhalten scheiterten in Anbetracht der massiven Flut günstiger Uhren aus Asien, sodass Jack Heuer 1983 zähneknirschend sein Unternehmen veräußern musste. Zunächst gingen die Anteile an Piaget und den Werkehersteller Nouvelle Lémania – so entstand der Heuer Carrera 5100 Lemania Chronograph.

Nur kurze Zeit später, im Jahre 1985, erstand die TAG-Gruppe (Techniques d’Avant-Garde) 52% der Anteile von Heuer – TAG Heuer war geboren. Ein neues Logo gab es oben drauf. Unter der neuen Leitung wurde allerdings die Carrera zunächst links liegen gelassen: Mit den Billig-Modellreihen Heuer 2000 und der Formula 1 hatte man zunächst andere Zielgruppen im Auge. Offenbar keine schlechte Entscheidung, um Heuer wieder auf finanziell stabile Beine zu stellen – die Billig-Strategie ging auf: Bis Mitte der 1990er erholte sich TAG Heuer von der Quarz-Krise, woraufhin die Unternehmensgruppe den Blick wieder mehr auf die geschichtlich spannende Carrera-Modellreihe geworfen hat. Dafür sorgte seit 1999 auch der neue Eigentümer: Die LVMH-Gruppe (Moët Hennessy Louis Vuitton S. A.)…

TAG Heuer Carrera heute: Ist das noch Carrera-DNA?

Anzeige

Schaut man als Carrera-Interessierter heute auf der TAG Heuer-Seite vorbei staunt man nicht schlecht: Die Carrera-Modellreihe ist nahezu inflationär überschwemmt von allen denkbaren Varianten des historischen Chronographen: Diverse Limited Editions, skelettierte Varianten, Varianten mit Tourbillon, super-moderne Modelle wie die Red Bull Racing Carrera, Damenmodelle mit Perlmuttzifferblatt und Bling-Bling-Steinchen sowie eher klassisch angehauchte Modelle sind hier in einem großen Topf verwurschtelt. Auch Dreizeiger-Modelle (logischerweise ohne Chronographenfunktion) finden sich in der Carrera-Kollektion wieder – was das mit der ursprünglichen Idee einer Carrera zu tun hat, darf man durchaus kritisch hinterfragen.

Insbesondere scheint TAG Heuer heute aber seinen Schwerpunkt auf technisch-moderne Varianten der Carrera zu legen – am liebsten mit Bezug zur Formel 1 bzw. anderen Rennsportveranstaltungen oder Luxus-Autoherstellern wie Aston Martin. Varianten, die an die klassische Carrera der 60er Jahre angelehnt sind, findet man leider kaum. TAG Heuer pflegt offenbar lieber das klassische Erbe der Heuer Monaco und der Heuer Autavia

(Bilder – links: Carrera Ayrton Senna-Edition, rechts: Carrera Aston Martin-Edition)

Besonders skurril ist eine Carrera-Sonderedition, die mit der „klaren“ Carrera-Idee so gar nichts mehr am Hut hat: Ein quietschbunter Designunfall, der in Zusammenarbeit mit dem Graffiti-Künstler Alec Monopoly entstand und bei der mir doch etwas die Fantasie fehlt, wer so etwas eigentlich kaufen soll…

Einerseits ist TAG Heuers Strategie nachvollziehbar: Die TAG Heuer Carrera ist – neben Omega Moonwatch, Rolex Daytona und Breitling Navitimer – auch heute einer der bekanntesten Chronographen überhaupt. Und anders als früher ist ein Chronograph bzw. eine mechanische Uhr heutzutage weniger nützlicher Gegenstand als vielmehr ein (Luxus-)Schmuckstück.

TAG Heuer schickt daher alles unter der Carrera-Flagge ins Rennen, was einigermaßen zum Namen passt, damit Otto-Normal-Schreibtischtäter wie meine Wenigkeit auch genug Auswahl bei der Suche nach einer mechanischen Uhr haben, mit der man sich zumindest ein kleines bisschen wie ein Formel 1-Held fühlen kann. Dabei hilft es sicherlich auch, dass ein bekannter Sportwagenbauer einen namensgleichen Flitzer im Portfolio hat 😉 Und: Welcher Junge hat nicht positive Erinnerungen an das gleichnamige Spielzeug, die Carrera-Autorennbahn? Oder kurz gesagt: Emotionen sind heutzutage im Zusammenhang mit mechanischen (Luxus-)Uhren einfach deutlich wichtiger als der funktionale Aspekt.

Auch andere Hersteller sind in dieser Hinsicht keineswegs zurückhaltender: Man denke zum Beispiel an Omega und den drölfmillionen Limited Editions und sonstigen Abwandlungen der Speedmaster Moonwatch. Allerdings wissen einigermaßen gut informierte Uhrenkenner schnell, welches Modell historisch betrachtet die spannendste ist – die klassische Omega Speedmaster Moonwatch mit Handaufzugwerk und Hesalitglas.

Schade ist daher, dass die oben beschriebene Ur-Carrera heute in keiner originalgetreuen Neuauflage gebaut wird. Retro-Flair versprühen am ehesten noch Modelle wie die TAG Heuer Carrera Calibre 16 (Ref. CV201AP)…

Allerdings muss ich auch zugeben, dass unter den aktuellen Carreras ein paar moderne Modelle sind, die ziemlich genial aussehen – so zum Beispiel die TAG Heuer Carrera Heuer 01, an der ich persönlich nicht vorbeigekommen bin… Aber das liegt natürlich alles im Auge des Betrachters – hier ein paar Schnappschüsse von der TAG Heuer Carrera Calibre Heuer 01 (Ref. CAR201T.FC6406) 🙂


Automatic-Werke-Evolution der Carrera: Vom Standardwerk auf Basis des ETA 7750 (Calibre 16), über Seiko-Kooperationen (Calibre Heuer 01 und Calibre 1887) hin zum echten Manufakturkaliber Heuer 02

Während TAG Heuer früher insbesondere das Calibre 16 in den Carrera-Chronographen verbaute (welches dem millionenfach verbauten ETA 7750 entspricht / Dreizeigermodelle kommen in der Regel mit dem Calibre 5, welches dem ETA 2824-2 entspricht), setzten die Schweizer ab 2010 insbesondere auf das Calibre 1887 sowie das kurz danach erschienene (auf dem Calibre 1887 basierende) Calibre Heuer 01.

TAG Heuer bewirbt das Calibre 1887 und das Calibre Heuer 01 auch heute noch selbstbewusst mit „Manufaktur“. Auf der TAG Heuer-Seite heißt es: „Das Calibre 1887 setzte als TAG Heuers erstes hauseigenes Uhrwerk neue Maßstäbe und ist heute das zuverlässigste Kaliber auf dem Markt.“ Die erste Assoziation bei solchen Sätzen ist dabei natürlich, dass das Werk auch komplett selbst von TAG Heuer entwickelt wurde – dem ist allerdings nicht so.

Calibre 1887
Schick schick: Das Caliber Heuer 01

Viele Uhrenfans sprachen von einer Mogelpackung, da das Werk zwar in der Schweiz produziert wird, die Konstruktion aber im wesentlichen auf dem Seiko 6S37 Chronographenwerk (auch bekannt unter der Bezeichnung Seiko TC78) basiert. Mit anderen Worten baut TAG Heuer das 6S37 auf Basis einer von Seiko gekauften Lizenz nach und benennt es einfach anders. TAG Heuer ist (neben einigen anderen Herstellern) bekannt dafür die eigentliche Werksherkunft mit eigenen Bezeichnungen zu verschleiern, wie ich in diesem Artikel ausgeführt habe:

Die Idee zum Heuer 01 Chronographenwerk entstand schon um ca. 2000 rum, um Unabhängigkeit von der übermächtig erscheinenden Swatch-Gruppe mit ihrem allgegenwärtigen Chronographenwerk ETA 7750 zu schaffen.
Auf den ersten Blick erscheint die Kooperation von TAG Heuer mit Seiko allerdings widersprüchlich: Ein Luxusuhrenhersteller verbaut Werke eines Herstellers, der oftmals auch abschätzig als „Kaufhausuhren-Marke“ gesehen wird? Wie passt das zusammen?

Uhrenkenner wissen aber, dass das absolut zusammenpasst: Seiko hat mehr als ein mal bewiesen, dass sie zuverlässige und moderne Werke konstruieren können. Und nicht zuletzt mit der Grand Seiko zeigen die Japaner, dass sie im Bereich hochwertiger Uhren locker mit den Schweizern mithalten können.

Boom! Explosionszeichnung des Calibre Heuer 01, welches auf dem Seiko 6S37 beruht

Das Besondere am 6S37 bzw. dem Kaliber Heuer 01 ist der Schaltrad-Mechanismus (Column Wheel), der für die Chrono-Funktionen Start, Stop und Nullstellung zuständig ist. Ein Schaltrad-Kaliber ist aufwendiger in der Herstellung als gängige Chronographenkaliber mit sogenannter Kulissensteuerung, weshalb solche Werke heutzutage nur noch selten verbaut werden.

Die Vorteile des Schaltrad-Kalibers sind allerdings auch nicht allzu spektakulär: Neben der (zugegebenermaßen sehr genialen) Optik des Schaltrads ist der rein funktionale Vorteil, dass sich die Chronographendrücker leichter und gleichzeitig sehr knackig betätigen lassen. Beim Calibre Heuer 01 ist das Schaltrad sportlich-rot lackiert (beim Caliber 1887 ist es blau):

Rot lackiertes Schaltrad des Caliber Heuer 01
Das blaue Schaltrad das Calibre 1887

Auch die allgemeinen technischen Daten des Seiko 6S37 bzw. Heuer 01 sind state-of-the-art, darunter eine Gangreserve von 50 Stunden (zum Vergleich: ETA 7750 = 44 Stunden).

In der Summe ist es kein Wunder, dass das von TAG Heuer in Lizenz gebaute „High-End“-Werk Seiko 6S37 als technisch besser gilt als das ETA 7750, welches bereits seit dem Jahre 1973 (!) produziert wird.

Fairerweise muss man auch noch ergänzen, dass TAG Heuer das Heuer 01 komplett im eigenen Hause montiert und auch viele Teile selbst produziert: 270 von 320 Teilen werden in der Schweiz hergestellt – von TAG Heuer selbst, der TAG Heuer-Tochter Cortech (zum Beispiel die Platinen) sowie anderen spezialisierten Lieferanten wie Nivarox (Spiralenfedern).

Hier einige Eindrücke aus TAG Heuers moderner Produktion des Caliber 1887:

TAG Heuers Vorgehen, das Seiko 6S37 in Lizenz zu produzieren, ist in der Summe absolut keine Schande und im Nachhinein dürfte TAG Heuer diese Investition sicherlich nicht bereuen: Nick Hayek, Chef der Swatch-Gruppe (zu der auch ETA gehört), rasselte erst kürzlich wieder mit dem Säbel und kündigte an keine ETA-Werke mehr an die großen Konkurrenten liefern zu wollen – da ist etwas Unabhängigkeit von Swatch sicherlich hilfreich.

TAG Heuer belässt es allerdings nicht bei der Seiko-Kooperation und schickt auch noch ein „echtes“ Manufakturkaliber ins Rennen

Brandneuer Motor: Das Manufakturkaliber Heuer 02

Das Automatikwerk Calibre Heuer 02 ist tatsächlich eine komplette Neuentwicklung von TAG Heuer. Angestoßen wurde das Projekt im Jahre 2011 durch den damaligen Markenchef Babin. Das Projekt verzögerte sich allerdings aufgrund von „Kinderkrankheiten“ und Anforderungen an die Bauhöhe, deren Einhaltung sich zunächst schwierig gestalteten.

Das schicke Heuer 02 Manufakturwerk debütierte in der klassischen Neuauflage der TAG Heuer Autavia im Jahre 2017 – man beachte die sogenannte Tricompax-Konstruktion, d.h. die drei Totalisatoren sind nicht wie beim Calibre Heuer 01 linksseitig, sondern mittig/unten angeordnet, wodurch das TAG Heuer-Logo zentral sitzen darf. Hier im Bild die Jack Heuer-Sonderedition mit schickem Panda-Zifferblatt:

Aber auch in aktuellen Carrera-Modellen kommt das Heuer 02 mittlerweile natürlich zum Einsatz – darunter auch ein skelettierter Chronograph mit GMT-Funktion:

Ausfallquoten von weniger als drei Prozent sprechen für die Qualität dieses Uhrwerks”, verkündet Ex-TAG Heuer-Chef Biver stolz nach der Einführung. Auch auf dem Papier macht das Manufakturkaliber Heuer 02 eine Menge her:

  • satte 80 Stunden Gangreserve
  • eine vergleichsweise flache Bauhöhe von 6,9 mm, wodurch auch die Uhren selbst flacher konstruiert werden können (zum Vergleich: das ETA 7750 ist 7,90 mm hoch)
  • Schaltradmechanismus (wie das Calibre Heuer 01, siehe oben)
  • COSC-/Chronometer-Zertifizierung / Ganggenauigkeit von 0 bis +8 Sekunden pro Tag
  • Servicefreundliche Konstruktion – in der TAG Heuer Pressemitteilung heißt es: „Das Werk wurde in einem industrialisierten Produktionskontext und mit dem Ziel entwickelt, die Montage und den Kundendienst zu vereinfachen. „

Abschließend noch einige Eindrücke aus der Produktion des mit 168 Bauteilen effizient und schlank konstruierten Manufakturkalibers Heuer 02 (Schweizer Produktionsstandorte: Chevenez und La Chaux-de-Fonds) – zum Vergleich: Das ETA Valjoux 7750 besteht aus 250 Bauteilen.

Noch nicht genug? Mehr über sportliche Uhrenmarken wie TAG Heuer, Tissot, Certina & Co. gibt’s hier:

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei FacebookInstagramYouTubePinterest oder Twitter. Ooooooder

Du kannst auch im Facebook Messenger immer auf dem Laufenden über neue Beiträge auf meinem Blog chrononautix.com bleiben.

Auch über Kommentare freue ich mich immer sehr. Vielen Dank!


Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

5 Gedanken zu “TAG Heuer Carrera von gestern bis heute: Ein historisch-kritischer Blick auf einen der bekanntesten Chronographen der Welt”