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Kommentar: Finden oder nicht finden, das ist hier die Frage – über das Verschleiern von Spezifikationen

Lass uns ein Spiel spielen: Erkennt ihr sofort, was hinter den folgenden kryptischen Bezeichnungen steckt?

  • Calibre 16,
  • H-10,
  • Laco 21,
  • OP I,
  • L633,
  • FC-360,
  • BR-CAL.301,
  • B17

Falls ja, dann wisst ihr wahrscheinlich schon mal deutlich mehr als der Durchschnittskonsument. Nun, bei all diesen kryptischen Bezeichnungen handelt es sich um interne Bezeichnungen von Uhrenherstellern für mechanische Werke.

Wisst ihr sofort, welcher Hersteller hinter den Bezeichnungen steckt, seid ihr sogar richtig gut. Im konkreten Fall sind das (in korrekter Reihenfolge) TAG Heuer, Hamilton, Laco (okay, das war einfach ), Panerai, Longines, Frederique Constant, Bell & Ross sowie Breitling.

Interne Bezeichnungen wie die obigen werden im Rahmen einer sehr gängigen Praxis von Uhrenherstellern vergeben: TAG Heuer, Breitling & Co. beziehen Uhrwerke bzw. Rohwerke (Ébauche) von spezialisierten Werkeproduzenten wie ETA oder Sellita und „schalen“ diese (mehr oder weniger modifiziert) in ihre Uhren ein. Insbesondere wird dies bei „günstigeren“ (Einstiegs-)Modellen praktiziert, während hochpreisige Spitzenmodelle wie z.B. die Breitling Navitimer 01 mit hauseigenen Manufakturkalibern ausgestattet sind.

Um diese zwei Welten (eingeschalte Werke vs. Manufakturkaliber) zu vereinen und dem Kunden schmackhaft zu machen, vergeben die Uhrenhersteller kurzerhand interne Werksbezeichnungen. Das Problem: Dabei wird die Info zum Basiskaliber oftmals kurzerhand „vergessen“ und ist oftmals nur über inoffizielle Websites recherchierbar.

Dieser kleine Kommentar ist sicherlich kein Investigationsjournalismus, dennoch möchte ich einfach auf diese Problematik aufmerksam machen…

Spezifikationen zu Uhrwerk, Glas & Co.: Hex, hex und weg

Vor kurzem habe ich eine SEVENFRIDAY-Uhr hier auf meinem Blog getestet. Dabei hatte ich vor allem zwei Kritikpunkte: Zum einen das Uhrwerk, ein japanisches Miyota 82S7, hätte in der Preisklasse durchaus ein höherklassiges sein dürfen (z.B. aus Miyotas 9er Baureihe). Zum anderen auch das Mineralglas, das zwar einen weitgehend reflexionsfreien Blick auf das skelettierte Ziffernblatt ermöglicht, in der Preisklasse aber eigentlich ein kratzfestes Saphirglas sein muss.

Umso erstaunter war ich darüber, wie offen die noch sehr junge Uhrenmarke (gegründet 2012) mit den Spezifikationen umgeht und diese transparent auf der eigenen Website kommuniziert:

SEVENFRIDAY SF-P1B01 Specifications
Transparente Kommunikation der Eckdaten auf sevenfriday.com

Dem Erfolg von SEVENFRIDAY hat dieser offene Umgang mit Informationen ganz offensichtlich nicht geschadet, wie ich in meinem Review ausgeführt habe.

Löblich: Wie SEVENFRIDAY is auch Laco 1925 dazu übergegabgen nicht nur die interne Werksbezeichnung in der Produktbeschreibung anzugeben, sondern auch das Basiskaliber. Beim Laco-Modell Neapel heißt es beispielsweise in den Produktspezifikationen:

Automatikwerk Laco 21
Basiswerk Miyota 821 A

[…] flaches Saphirglas

Blick auf das Automatikwerk der LACO Faro Beobachtungsuhr: Ein Werk aus Miyotas 8er Baureihe.

Im Kontrast zu SEVENFRIDAYs und Lacos offener Kommunikation steht die häufig anzufindende Vorgehensweise der Hersteller, Infos über das verbaute Glas und das Uhrwerk einfach wegzulassen. Die transparente Nennung von Produktdaten – insbesondere zum Uhrwerk – ist also leider keine Selbstverständlichkeit.

Ein Beispiel: Bei der italienischen Marke Panerai heißt es in der Beschreibung des Modells Luminor Base Logo PAM01000 beispielsweise:

Uhrwerk Mechanisches Uhrwerk mit Handaufzug, exklusives Kaliber Panerai OP I, 16 ½ Linien, 17 Steine, Glucydur®-Unruh, 21.600 Schwingungen/Stunde. Incabloc®-Stoßsicherung. 56 Stunden Gangreserve. […]

Bei einem UVP von 4600€ für die PAM01000 (Stand 06/2017) muss es sich hier doch um ein exklusives Kaliber aus italienischem Hause handeln, oder? Eine kleine Ernüchterung kommt allerdings, wenn man in Ermangelung weiterer Informationen zum Werk (gezwungenermaßen) Tante Google fragen muss und recht schnell auf der inoffiziellen Seite paneraisource.com landet.

Bei dem angepriesenen Kaliber OP I handelt es sich um das Basiskaliber ETA 6497 von der Swatch-Gruppe. Das ist für Uhrenfreaks vielleicht nichts neues und an sich auch nichts Schlechtes: Das ETA 6497 ist ein tolles, bewährtes Schweizer Handaufzugswerk, mit dem ich auch schon sehr positive Erfahrungen sammeln konnte (z.B. in der Steinhart Nav B Bronze). Dennoch: Diese Information gehört – so unsexy sie auch ist – meiner Meinung nach ganz klar auch in die Spezifikationen auf der Seite des Herstellers.

Ein weiteres Beispiel ist TAG Heuer: Wer bei den Bezeichnungen Calibre 5, 16, Drölf & Co. noch durchsteigt, muss wirklich ein ziemlich großer TAG Heuer Marken-Crack sein – auch hinter diesen Bezeichnungen stecken unterschiedliche Hersteller von Basiswerken aus der Schweiz.

So weit, so gut. Dennoch finde ich auf tagheuer.com weder auf den Modellseiten, noch auf den speziellen Uhrwerk-Seiten irgendeine Info zu den Basiskalibern. Nehmen wir als Beispiel das TAG Heuer Chronographen-Werk mit der internen Bezeichnung Calibre 16. Bei TAG Heuer heißt es:

Alle Automatikwerke von TAG Heuer werden in der Schweiz gefertigt und müssen äußerst strenge Kriterien in puncto Präzision erfüllen, bevor Sie sie am Handgelenk tragen. Ihre hohe Frequenz sorgt für eine ausgezeichnete mechanische Präzision. Etliche Automatikwerke von TAG Heuer sind von der offiziellen Schweizer Chronometerprüfstelle C.O.S.C. zertifiziert. […]

BESCHREIBUNG
TAG Heuer Calibre 16 Swiss Made. Automatikwerk.
Durchmesser: 30,4 mm (13 ¼’’’) — 25 Rubine. Schnelle Datumskorrektur.
[…]

Auch hier kommt man ohne Tante Google also nicht weiter (in diesem Fall ist das Calibre 16 übrigens das zuverlässige Schweizer Automatikwerk ETA 7750). Noch undurchsichtiger wird es, wenn sich hinter einer internen Werksbezeichnung sogar mehrere verschiedene Werke-Hersteller verstecken können, z.B. beim TAG Heuer Calibre 5 entweder ETA oder Sellita.

Aufbau eines Uhrwerkes anhand des TAG Heuer Calibre 1887, Bild: TAG Heuer

Natürlich regeln die Hersteller die zugekauften Werke von ETA, Sellita & Co. oftmals hervorragend ein und modifizieren diese (mehr oder weniger) stark – teilweise nur optisch (z.B. Rotor mit Logo), teilweise aber auch funktional. Es spricht daher natürlich nichts gegen eine Vergabe einer internen Werksbezeichnung. Dennoch finde ich es immer wieder ärgerlich, wenn man separate Internetrecherchen auf Drittseiten durchführen muss, um Basisinfos zu finden – wir reden hier schließlich nicht davon, ob ein Hersteller dazuschreiben sollte, aus welcher Kunststoffart ein Dichtungsring ist, sondern über ganz grundlegende Dinge wie das Herz einer Uhr, das Werk.

Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass eine Vielzahl der Käufer von (höherwertigeren) Uhren wahrscheinlich sowieso darauf pfeifen, was in der Uhr tickt und sich vor allem aufgrund von Design, Haptik und Marke zum Kauf bewegen lassen. Das denken, meiner Erfahrung nach, leider auch einige Juweliere: Meine Fragen zu den verbauten Werken in bestimmten Modellen wurden sogar bei offiziellen Konzessionären schon des öfteren mit einem einfachen Schulterzucken quittiert.

Info aus der „Hamilton University„: Das Automatikwerk mit der internen Bezeichnung H-10 basiert auf dem beliebten ETA 2824, Bild: Hamilton

Alles in allem würde ich mir in Zukunft eine deutlich transparentere Nennung von Eckdaten wünschen. Denn: Unter Uhrenfreaks kommen so oder so früher oder später alle Spezifikationen auf den Tisch und Diskussionen darüber auf, ob der Preis für Modell XYZ in Anbetracht der Eckdaten zu Uhrwerk oder Glas gerechtfertigt ist. Und allen anderen ist’s eh wurscht.

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