• Beitrags-Kategorie:Ratgeber
  • Beitrags-Kommentare:4 Kommentare
  • Lesedauer:10 min Lesezeit

Es gibt einige sehr bekannte Namen im Uhrenmarkt – darunter Nick Hayek, Kopf der Swatch Group oder auch Jean-Claude Biver, ehemaliger Chef der LVMH-Gruppe (TAG Heuer & Co.). Der Name Rick Marei gehört sicherlich nicht dazu – noch nicht. Denn der eigentlich branchenfremde Unternehmer war mit der Wiederbelebung von Marken bzw. Uhren wie der Doxa SUB, Aquastar Deepstar, Aquadive, Tropic oder ISOfrane in den letzten Jahren überaus aktiv – und ziemlich erfolgreich. Dass Marei schon heute einen beachtlichen Fußabdruck im Uhrenmarkt hinterlassen hat, ist nicht abzustreiten – und fertig ist er ganz offensichtlich noch längst nicht: Zuletzt sorgte Marei mit der Synchron Military für einen ratz-fatz ausverkauften Online-Shop…

Synchron Military

Rick Marei: Korb von Aquastar, Anfänge mit Doxa

Schon 1999 baggerte Rick Marei, seines Zeichens eigentlich in der IT-Branche beheimatet, an einem Uhrenhersteller: Nach eigenen Aussagen kontaktierte Marei damals den Aquastar-Chef Seinet, um Ersatzteile für seine Aquastar Benthos-Taucheruhr anzufragen (die Marke Aquastar ist seit 1982 in der Hand der Familie Seinet). Als IT-Profi bot Marei Seinet eine Kooperation an, konkret: Aquastar gemeinsam effizient über Online-Kanäle zu vertreiben. Die Zusammenarbeit kam allerdings nie zustande – laut Marei winkte Seinet mit folgendem Satz ab: „I am a sailor and a boat with two captains is destined to sink.” Wer braucht schon dieses Internet? 😉

Rick Marei

Einige Monate später kam Marei mit Doxa ins Gespräch, um sein Online-Konzept vorzustellen. Zu dem Zeitpunkt war Doxa erst seit einigen Jahren in der Hand der Unternehmerfamilie Jenny…

Doxa, Jenny und Rick Marei

Kurz zum historischen Hintergrund: ab 1968 war Doxa Teil der in Neuchâtel ansässigen Dachgesellschaft Synchron SA, die in den 70er Jahren unter der Initiative der ASUAG (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG) die drei Marken Cyma, Doxa und Ernest Borel zusammenfasste. Typisch für die damaligen Uhren unter dem Schirm von Synchron waren ein neu geschaffenes Synchron-Logo und der Markenzusatz „by Synchron“.

Doxa by Synchron, Bild: catawiki

Doxa ging im Zuge der Auflösung der Synchron SA im Jahre 1978 an die Aubry Frères SA. Im Jahre 1997 erfolgte der Verkauf von Aubrey Frères an die Familie Jenny, die durch die Gründung der Jenny & Cie S.A. im Jahre 1961 und der Lancierung der Jenny Caribbean 1000 Taucheruhr kein unbeschriebenes Blatt im Bereich Uhren war.

Die Familie Jenny war von Rick Mareis Online-Konzept offenbar angetan: Nach langen und zähen Verhandlungen (das spricht dafür, dass Marei nicht einfach nur den schnellen Euro machen wollte) wurde sein Wunsch im Jahre 2001 Wirklichkeit: Mit einem kleinen Team setzt er ausschließlich auf den Online-Direktvertrieb und Online-Plattformen wie das Forum WatchUseek, um Doxa-Uhren zu vermarkten.

Mareis erstes Projekt war die Wiederbelebung der Doxa SUB 300T Conquistador aus dem Jahre 1969, die erste Taucheruhr mit Helium-Ablassventil, die mit niemand geringerem als Jacques Cousteau entwickelt wurde. Das charakteristischste optische Merkmal des Modells war das knallorange Zifferblatt, das die Ablesbarkeit unter Wasser verbessern sollte.

Marei hat bis Ende 2018 eine ganze Reihe von Doxa-Uhren wiederbelebt. Als der der exklusive Doxa-Vertriebspartner für den Online-Handel der Doxa SUB-Kollektion im nordamerikanischen Raum und in Österreich schaltete und waltete er dabei fast autonom und investierte sein eigenes Kapital. Diese Konstellation wirkt ziemlich verwirrend, da die Geschäfte aber ordentlich liefen, ließ die Eigentümerfamilie Jenny Marei weitgehend machen und konzentrierte sich ihrerseits auf osteuropäische und asiatische Märkte.

Rick Marei und der Bruch mit Doxa

Doxa kündigte Ende Dezember 2018, mit Wirkung zum 31. Juli 2019, die Zusammenarbeit mit Marei – nach 16 ziemlich erfolgreichen Jahren. Für Außenstehende war der Bruch nur schwer nachvollziehbar, die Hintergründe sind bis heute nicht im Detail klar (und das werden sie wohl auch nie sein).

Die Reaktionen auf den Bruch ließen nicht lange auf sich warten: Stöbert man in einschlägigen englischsprachigen Uhrforen, so wird nicht selten Rick Marei in den Himmel gelobt (ohne Marei wäre Doxa nicht das, was es heute ist!) und gegen die Schweizer Eigentümerfamilie Jenny gehetzt. Oder kurz: Jenny = böse, Marei = gut.

Erfahrungsgemäß entspricht solch Schwarz-Weiß-Denken meistens nicht der Realität. Bleiben wir bei den Fakten: Tatsächlich hat die Familie Jenny Umstrukturierungsmaßnahmen vorgenommen, um die Marke Doxa in ihrer Gesamtheit steuern zu können – so wurde insbesondere eine Zentralisierung der Geschäftstätigkeiten und der Geschäftsführung in der Schweiz veranlasst. Verantwortlich für die Aktivitäten von Doxa sind nunmehr Romeo F. Jenny, Eigentümer der Walca Gruppe, und Jan Edöcs, Vorstandsmitglied der Walca Gruppe und CEO von Doxa. Einerseits ist es absolut nachvollziehbar, wenn eine Marke ihren Auftritt einheitlich gestalten will (Stichwort: einheitlich globaler Auftritts) – in dem Sinne war die „lange Leine“ für Rick Marei sicherlich alles andere als optimal. Allerdings steht natürlich schon die Frage im Raum, warum Rick Marei geschasst wurde, anstatt ihn weiter einzubinden.

Doxa SUB 300 Carbon, Bild: Doxa

Ein (kleiner) Scheidungskrieg und Mareis heutige Aktivitäten

So oder so ging die Trennung nicht ohne kleinen Scheidungskrieg vonstatten – Mitte 2019 kam es zu einem Rechtsstreit zwischen Marei und Doxa: Die beiden Parteien konnten sich nicht auf einen geordneten Übergang der künftigen Nutzung der streitigen Domains doxasub.com und doxawatches.com einigen, deren Inhaber zu dem Zeitpunkt Rick Marei und seine österreichische Firma ifactory.at internet serv GmbH waren.

Trotz der Streitereien, die eine Trennung nach so vielen Jahren naturgemäß mit sich bringt, hat Marei nicht den Kopf in den Sand gesteckt: Mit der im Zuge der Quarzkrise in Konkurs gegangenen Marke Aquadive hat Rick Marei bereits im Jahre 2011, also parallel zu seinen Doxa-Aktivitäten, eine Uhrenmarke wiederbelebt. Genau wie Aquadive hat Rick Marei darüber hinaus die Bänder-Marken ISOfrane (Jahr 2010) und Tropic, die in den 70ern der absolute Standard bei vielen Taucheruhren waren, aus dem Grab gehoben. Der Aufbau eines zweiten Standbeins sollte sich mit Blick auf den Bruch mit Doxa als weitsichtiger und kluger Schachzug herausstellen.

Ende 2020, nach dem Bruch mit Doxa, folgte die Wiederbelebung der Marke Aquastar, die in den 60ern und 70ern als waschechtes Taucher-Handwerkszeugs in Läden für Tauchbedarf (und nicht beim Juwelier) erwerbbar war (z.B. SCUBAPRO in den USA, Spirotechnique in Frankreich and Nemrod in Spanien). Oder kurzum: Aquastar galt damals nicht als Marke für jedermann

Aquastar Deepstar Monocompax-Chronograph

Ich bin grundsätzlich ziemlich kritisch, wenn mal wieder eine Uhrenmarke, die vor x Jahren begraben wurde (zum Beispiel wegen Konkurs in der Quarzkrise), wiederbelebt wird – oftmals hat man das Gefühl, dass mit solchen „Zombie“-Uhrenmarken nur der schnelle Euro mit der Strahlkraft einer einst erfolgreichen Marke gemacht werden soll (siehe dazu auch mein Artikel Tradition, Geschichte, Heritage – was heißt das eigentlich im Kontext von Uhren?). Dennoch ist es durchaus beeindruckend mit wie viel Engagement und Leidenschaft Marei den Erfolg von Doxa nachhaltig geprägt hat (trotz „Außenseiter“-Status) und Modelle wie die Aquastar Deepstar mit viel Liebe zum Detail wiederbelebt.

Aquastar Deepstar

Besonders spannend ist aber natürlich, dass Rick Marei es rund 20 Jahre nach dem ersten Kontakt mit Aquastar geschafft hat, doch noch Aquastar-Uhren online zu vertreiben – und dieses mal sogar als Chef: Ende 2019 nahm Marei erneut Kontakt zu Seinet auf, schnell war aber klar, dass der weder Zeit noch Ressourcen für ein neues Online-Projekt aufbringen konnte bzw. wollte. Marei bot sich daher die Möglichkeit die Markenrechte an der 1962 gegründeten Marke zu erwerben – inklusive alter Lagerbestände, Werkzeuge, historischer Patente und Konstruktionszeichnungen. Im Jahr 2020 brachte Marei als erstes Modell den Aquastar Deepstar Chronographen auf den Markt – eine originalgetreue Neuauflage des gleichnamigen Chronographen aus dem Jahre 1965 mit charakteristischen, designtechnischen und funktionalen Merkmalen wie

  • XL-30-Minuten-Zähler bzw. Monocompax-Design,
  • XL-Indizes auf 12-6-9 Uhr und
  • einer zusätzlichen äußeren Lünette zur Berechnung von Dekompressionszeiten nach einem Tauchgang.
Die Vorlage: Aquastar Deepstar Vintage

Rick Marei auf Konfro-Kurs: Synchron Military, eine Homage der Doxa Army

Der aktuellste Wurf von Rick Marei ist die Wiederbelebung der Marke Synchron. Wir erinnern uns: Die Marke Doxa befindet sich (neben dem Private Label Uhrenhersteller Walca und der Marke Jenny) seit 1997 im Besitz der Unternehmerfamilie Jenny (und das hat sich auch trotz des Engagements von Rick Marei bei Doxa nie geändert). Den Markennamen Synchron, die Dachgesellschaft von Doxa in der Prä-Jenny-Ära bis 1978 (siehe oben), hat sich aber Rick Marei geschnappt – unter der Synchron Uhren Manufaktur GmbH in Wien fasst Marei alle totgeglaubten Uhren- und Uhrenband-Marken zusammen, die ihm gehören: Aquadive, Aquastar, Tropic, ISOfrane – und nun eben auch die gleichnamige Uhrenmarke Synchron.

Synchron Military

Rick Marei lancierte 2021 zuerst das Modell Synchron Military, eine waschechte 70er Jahre-Taucheruhr, die (natürlich nicht zufällig) eine Hommage der Doxa Army ist. Die Synchron Military war Anfang 2021 rasend schnell ausverkauft – ein klares Indiz für die große Rick Marei-Fangemeinde, die sich vor allem (aber nicht ausschließlich) in den USA befindet.

Nun kommt man natürlich bei dem Zusatz „Army“, der sich oberhalb eines Fadenkreuz-Motivs befindet, schnell auf die Idee, dass es sich doch bestimmt um eine echte militärische Taucheruhr handeln muss, oder? Jein! Zum einen sei gesagt, dass Militäruhren so gut wie nie auffällige Schriften oder dergleichen auf dem Zifferblatt beherbergen – schon gar nicht Aufschriften wie „Military“. Schließlich müssen offiziell vom Militär genutzte Militäruhren perfekt ablesbar sein – Schriften und Logos lenken da nur ab.

Tatsächlich wurde zwar, wie Blogger-Kollege Roger Rügger herausgefunden hat, eine kleine Anzahl Doxa Sub 300T-Taucheruhren mit orangem Zifferblatt ab Ende der 1960er und bis Mitte der 1970er für die Kampftaucher der Schweizer Armee angeschafft (mit entsprechender Markierung, d.h. Schweizerkreuz und Versorgungsnummer). Die 1973 auf den Markt gebrachte Doxa Army (Ref. 11891.4), die sich viele optische Merkmale mit der Doxa SUB 300T teilt, ist allerdings vielmehr als ein Nebenprodukt der Kooperation zwischen Doxa und dem Eidgenössischen Militärdepartement anzusehen, um werbewirksam auch an zivile Endkunden herantreten zu können.

Synchron Military

Nun darf man als Uhrenfreund natürlich grundsätzlich kritisch sein, was Hommagen-Uhren angeht. Rick Marei war jedenfalls nicht besonders zimperlich und hat die Doxa Army im Prinzip 1:1 in Form der Synchron Military wiederbelebt. Und einen echten historischen Bezug zur damaligen Dachgesellschaft Synchron SA hat Rick Marei mit seiner Firma natürlich auch nicht.

So oder so: Marei scheint mit der Synchron Military auf Konfro-Kurs mit Doxa gehen zu wollen – die Reaktion seines ehemaligen Partners auf die Synchron Military ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten: Doxa publizierte auf Instagram Bilder der alten Doxa Army mit dem Hinweis: „The DOXA Army is getting back. Stay tuned“. Und süffisant: „Only the original deserves your trust„.

Die Kommunikation von Doxa wirkte (gelinde gesagt) etwas hektisch und nicht besonders geschickt. Letztendlich zeigt diese aber, dass Rick Mareis Aktivitäten offenbar ein ordentliches Dorn im Auge von Doxa sind. Andererseits darf man auch fragen: Warum hat Doxa es nach wie vor nicht hinbekommen eine Neuauflage der Doxa Army zu lancieren? Hier hat Marei ganz offenbar das bessere Gespür für den Markt.

Man darf auf jeden Fall gespannt sein, was Rick Marei noch für weitere Pläne hat. Genug Potential ist auf jeden Fall da – ich würde beispielsweise darauf wetten, dass Marei schon die Aquastar Benthos für ein Reissue ins Auge gefasst hat…

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei FacebookInstagramYouTubePinterest oder Twitter. Ooooooder

Auch über Kommentare freue ich mich immer sehr (Kommentare werden einzeln, in der Regel innerhalb kurzer Zeit, geprüft und freigeschaltet). Vielen Dank!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Dlanor Lepov

    Schweizer Kampftaucher?
    Man lernt nie aus.
    Erinnert ein wenig an die Reitende Gebirgsmarine zu Fuß.

    1. Anonymous

      Nun, die Schweiz hat viele große Seen. Das mag ein Grund sein.

      1. Mario

        Absolut – und die Schweizer sind ja nun auch auf Auslandseinsätzen…

Schreibe einen Kommentar