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Weit und breit nur Digitaluhren: Mühle-Glashütte Seebataillon GMT und S.A.R. Flieger-Chronograph, die laut Mühle zusammen mit der Deutschen Marine entstanden sind, habe ich auch nach intensiven Recherchen in Bildarchiven und Videos nicht an den Handgelenken von Marine-Soldaten ausmachen können (mit einer Ausnahme, dazu später mehr). Werden die beiden Modelle also gar nicht wirklich im Einsatz bei der Marine getragen?

Nun, nachdem ich mich vor kurzem intensiv mit der Sinn UX S als offizielle Dienstuhr von GSG 9 und Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM) beschäftigt habe, haben viele CHRONONAUTIX-Leser großes Interesse an weiteren tatsächlich von Bundeswehr und Polizei im Einsatz getragenen Uhren gezeigt. Einer meiner Leser hakte daher hinsichtlich der tatsächlichen Nutzung der beiden oben genannten Mühle-Uhren nach – und zwar direkt bei der Bundeswehr.

Der Leser hat mir freundlicherweise die ungekürzten Antworten bzw. die Stellungnahmen der Deutschen Marine, konkret des Seebataillons (SeeBtl) und des Marinefliegergeschwaders Kommodore MFG 5 von Januar 2022, übersendet, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte…

Mühle-Glashütte S.A.R. Flieger-Chronograph und der Such- und Rettungsdienst der Marine

Zunächst ein paar Worte über die Rettungsflieger der Deutschen Marine, mit denen Mühle-Glashütte den S.A.R. Flieger-Chronographen ausgetüftelt hat.

Zur Hauptaufgabe der Crews der Rettungsflieger der Marine (Search and Rescue, kurz SAR oder S.A.R.) zählt die Suche nach vermissten oder abgestürzten Luftfahrzeugen sowie die Rettung von Besatzung und Passagieren.

Die Marine-Rettungsflieger setzen seit Mitte der 70er vor allem auf den Sea King MK 41: Der Mehrzweckhubschrauber hat eine große Reichweite von über 1.500 Kilometern, besitzt Radar und Infrarotkamera, ist sehr robust und kann auch bei schlechtesten Wetterverhältnissen fliegen. Spannend ist auch die amphibische Bauweise des Sea King: Rumpfform und Ausleger machen es möglich, dass er in ruhiger See landen kann.

Mühle-Glashütte S.A.R. Flieger-Chronograph (M1-41-33-KB)

Ich hatte den Mühle-Glashütte S.A.R. Flieger-Chronograph selbst vor ein paar Jahren bei einer Presseveranstaltung von Mühle-Glashütte am Handgelenk und war sofort beeindruckt von der perfekten Ablesbarkeit und der überaus massiven Haptik. Eine Uhr, die ohne Frage mit jeder Komponente Einsatzuhr! schreit.

Muehle SAR Flieger Chrono

Mit einem Durchmesser von 45 mm und einer Höhe von 16,2 mm ist der S.A.R. Flieger-Chronograph großzügig dimensioniert. Die Anordnung von Krone und Chrono-Drückern an der linken Seite sorgt aber dafür, dass sich diese nicht in den Handrücken drücken können. Das zahlt erfahrungsgemäß stark auf den Tragekomfort ein.

Beim verbauten Automatik-Uhrwerk MU 9413 handelt es sich um ein modifiziertes Kaliber Sellita SW500, dessen Komponenten zu großen Teilen von Mühle-Glashütte selbst fabriziert werden.

Der S.A.R. Flieger-Chronograph markierte im Jahre 2010 den Beginn der Zusammenarbeit von Mühle-Glashütte mit der Marine. Mühle-Glashütte schreibt dazu:

Der S.A.R. Flieger-Chronograph entstand im Jahr 2010 in Zusammenarbeit mit den Rettungsfliegern der Deutschen Marine. Diese suchten einen robusten, gut ablesbaren Chronographen, mit dem u.a. Fluggeschwindigkeiten berechnet werden können. Diesen Anforderungen wird unsere Mühle-Einsatzuhr dank ihrer höchst zuverlässigen Feinregulierung und speziell gestalteter Chronographen-Funktionen mit hervorgehobener 10-Sekunden-Skala gerecht. Die Idee, eine solche Uhr zu entwickeln, stammt von den Sea King-Besatzungen selbst. Denn auch wenn ihre Hubschrauber mit robuster Technik ausgestattet sind: die Uhrzeit am Handgelenk bildet für sie immer noch die Grundlage für Zeitmessungen, die zur Navigation nötig sind.

Website von Mühle-Glashütte

Aber kommt das Modell regelmäßig an die Handgelenke der Marine-Soldaten? Nun, ich musste eine Weile suchen, konnte dann aber doch irgendwann den S.A.R. Flieger-Chronographen in einer Dokumentation der Bundeswehr über den Sea King-Hubschrauber aus dem Jahre 2012 am Handgelenk eines Piloten ausfindig machen:

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Das Jahr 2012 ist schon eine Weile her – was sagt die Marine über die Zusammenarbeit mit Mühle-Glashütte? Hier die ausführliche Antwort des Marinefliegergeschwaders 5 Kommodore aus Januar 2022:

Ihre Anfrage an den Bürgerdialog der Bundeswehr vom 4. Januar ist für den Anteil Ihrer Frage zum SAR-Fliegerchronographen der Firma Mühle-Glashütte an das Marinefliegergeschwader 5,
dass nach seiner Verlegung im Jahr 2012 eine neue Heimat in Nordholz bei Cuxhaven gefunden hat, weitergeleitet worden.

Gerne bringe ich ein wenig Licht in das Dunkel und hoffe, Ihnen damit weiterhelfen zu können.

Die meines Wissens bisher einmalige Zusammenarbeit der Firma mit den Rettungsfliegern der Deutschen Marine erfolgte in den Jahren 2009 oder 2010.
Seiner Zeit erfolgte eine Anfrage des Herstellers an die Fliegende Staffel des Marinefliegergeschwaders mit damaligem Standort in Kiel Holtenau.
In der Folge wurde nach wichtigen Impulsen der Einsatzbesatzungen aus dem praktischen Dienst das funktionelle Design der Uhr gestaltet, wie es heute bekannt ist.

Die Uhr ist zwar nach den Impulsen unserer Besatzungen gestaltet und bis heute haben einige von ihnen selbst noch solchen Uhren im Besitz, nutzen diese jedoch nicht im täglichen Dienst, da Sie dafür in der Regel auf die dienstlichen Uhren zurückgreifen.
Insofern ist der SAR-Fliegerchronograph auch für die Marineflieger ein wohl behütetes Sammler- und Liebhaberstück geworden, so dass ich Ihnen leider auch keine Bilder von deren Nutzung im Flugdienst zu Verfügung stellen kann.

Mit freundlichem Fliegergruß aus Nordholz

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Fregattenkapitän

Marinefliegergeschwader 5 Kommodore

Fregattenkapitän der Bundeswehr

Kurzum: Die Aussagen von Mühle-Glashütte sind korrekt bzw. decken sich mit denen der Marine (alles andere hätte mich auch gewundert, denn ich schätze Mühle-Glashütte als seriöses Unternehmen sehr). Offiziell im täglichen Rettungsflieger-Einsatz ist der S.A.R. Flieger-Chronograph aber nicht.

Mühle-Glashütte Seebataillon GMT: Über das Seebataillon der Deutschen Marine

Die Stiefel saugen sich im morastigen Boden fest. Der Atem geht stoßweise. Schultern und Rücken sind taub, die Hüften blau vom Gurt. Rund 40 Kilo wiegen die Rucksäcke, mit denen die Truppe sich durch Nordnorwegens Berge quält. „Wer damit umkippt, bleibt auf dem Rücken liegen wie ein Maikäfer“, sagt ein Kamerad. 

Diese Eindrücke von einer Übung des Seebataillons zeigen, dass die Soldaten natürlich nicht nur mit Schiffchen über die Weltmeere schippern.

Seebataillon Norwegen
seebataillon scharfschuetzen
Scharfschützen der Aufklärungskompanie des Seebataillons. Auch hier ist die Digitaluhr am Handgelenk des Soldaten gut zu erkennen, Bild: Bundeswehr

Das Seebataillon der Deutschen Marine besteht aus acht Kompanien: zwei Bordeinsatzkompanien, je einer Küsteneinsatz-, Minentaucher-, Aufklärungs- , einer Unterstützungs- sowie zwei Ausbildungskompanien.

Die Kernaufgabe des Seebataillon ist der Schutz von Schiffen und Booten, Stützpunkten und Landanlagen der Marine im In- und Ausland, auf hoher See oder an der Küste. Die weiteren Fähigkeiten des Verbands erstrecken sich von Schiffskontrollen, Kampfmittelbeseitigungen und Evakuierungen über den Schutz von Handelsschiffen und Häfen vor terroristischen Bedrohungen bis hin zu multinationalen amphibischen Operationen.

boarding soldaten im speedboot
Bild: Bundeswehr
seebataillon minentaucher
Minentaucher des Seebataillons, Bild: Bundeswehr

Mühle-Glashütte Seebataillon GMT (M1-28-62-KB)

Auch mit dem Seebataillon der Deutschen Marine hat Mühle-Glashütte zusammengearbeitet. Mühle-Glashütte schreibt über die daraus entstandene Uhr:

Die Seebataillon GMT wurde 2013 vorgestellt. Ein Jahr zuvor begannen wir mit der Entwicklung der Einsatzuhr in Abstimmung mit dem Führungsstab des Seebataillons. Die Soldaten wurden durch den S.A.R. Flieger-Chronograph auf Mühle-Glashütte aufmerksam, der bei den Marine-Rettungsfliegern mit an Bord ist. Sie hatten ebenfalls Bedarf an einer Armbanduhr, die genau auf ihre Anforderungen zugeschnitten ist. So fragten sie uns mit der Entwicklung eines Zeitmessers an, der solide und stoßsicher genug für jede Mission ist, eine exakte Zeitanzeige bei Tag und Nacht garantiert und beste Trageeigenschaften mit optimaler Funktionalität vereint.

Website von Mühle-Glashütte
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Muehle Glashuette Seebataillon GMT
Bild: Mühle-Glashütte

In der Seebataillon GMT tickt ein Schweizer Sellita SW 330-1 mit Mühle-eigener Spechthalsregulierung. Das SW330 hat eine GMT-Funktionalität, also die Anzeige einer zusätzlichen Zeitzone an Bord, die im Zusammenhang mit dem Anwendungszweck absolut Sinn ergibt: das Seebataillon ist nicht selten auch in ausländischen Gewässern, und damit auch in anderen Zeitzonen, unterwegs (nur in der Nord- oder Ostsee rumzuschippern wäre ja auch langweilig). Die Minentaucher des Seebataillons sind beispielsweise als Experten im Entschärfen von Sprengmitteln weltweit im Einsatz, darunter auch in Afghanistan. Ein weiteres Beispiel: Ende 2019 waren deutsche und niederländische Marineinfanteristen auf einem gemeinsamen Hilfseinsatz im Hurrikan-Katastrophengebiet auf den Bahamas.

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Soldaten des Seebataillons auf den Bahamas, nach der Hurrikan-Katastrophe im September 2019, Bild:
Niederländische Marine

Mit einem Durchmesser von 45 mm ist die Mühle-Glashütte Seebataillon GMT eine überdurchschnittlich große Uhr – die Größe wird aber durch das leichte Titangehäuse und die schräg auf „4 Uhr“ versetzte, handrückenschonende Krone relativiert – ähnlich wie beim S.A.R. Flieger-Chronographen.

Muehle Glashuette Seebataillon GMT 2
Bild: Mühle-Glashütte

Die Marine hat die Zusammenarbeit mit Mühle-Glashütte wie folgt näher erläutert:

Bezüglich Ihrer Anfrage zur Zusammenarbeit der Marine mit dem Uhren-Hersteller Mühle-Glashütte übersende ich Ihnen die Antwort des Seebataillon.

1 – Besagte Uhr [Seebataillon GMT] wurde 2012 in Abstimmung zw. SeeBtl und Firma Mühle-Glashütte entworfen.

2 – Diese Uhr gehört jedoch nicht zur offiziellen Ausrüstung der Seesoldatinnen und Seesoldaten.

3 – Jeder Seesoldatin und jedem Seesoldaten ist es freigestellt, sich für den privaten Kauf dieser Uhr zu entscheiden um damit ein besonderes Zeichen der Zugehörigkeit zum Verband und darüber hinaus zu senden.  

4 – Zu welchen Anlässen die Käuferinnen und Käufer diese Uhr tragen, wird seitens SeeBtl zu keiner Zeit vorgegeben. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass es kaum Seesoldatinnen und Seesoldaten geben wird, welche diesen mehr als hochwertigen Chronographen bei Übungen / in Einsätzen tragen und diesen damit der potentiellen Gefahr einer Beschädigung (bspw. Kratzern) aussetzen.

5 – Darüber hinaus liegen SeeBtl keine Bilder vor, auf denen man diesen Chronographen sehen kann.

Wir hoffen, wir konnten Ihnen ein wenig weiterhelfen.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag

XXXXXXXXX XXXXXXXXX
Oberstabsbootsmann

Marinekommando

Antwort des Marinekommandos der Bundeswehr

Fazit: Zu teuer für unsere Truppen?

Das Modell Seebataillon GMT wurde zwar, genau wie der S.A.R. Flieger-Chronograph, von Mühle-Glashütte zusammen mit der Deutschen Marine ausgetüftelt, wird aber nicht im offiziellen Einsatz verwendet (was Mühle aber auch nie behauptet hat).

Die Gründe dafür sind sicherlich vor allem auf der Kosten-/Nutzenseite zu suchen, wie die Marine in ihren Statements ja auch andeutet: Wenn ich meine Uhrennerd-Brille absetze und Pragmatismus walten lasse, tun es für die Soldaten und Rettungsflieger der Marine auch deutlich günstigere Uhren wie Casio G-Shock, Suunto Core All Black oder dergleichen, welche sich die Soldaten in aller Regel selbst privat besorgen müssen – das ist heute bei allen Streitkräften der Welt gängige Praxis, offizielle Dienstuhren für Soldaten gibt es nur selten. Ausnahmen bestätigen die Regel – siehe beispielsweise die Vostok Komandirskie „Ratnik“ für die russischen Truppen oder die Tutima Boccia 728 (C3027) für das KSK und die ISAF-Truppen in Afghanistan (siehe Artikel über Bundeswehr-Uhrenvon damals bis heute).

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Suunto Core All Black

Auch Sondereinsatzkräfte wie die eingangs erwähnte GSG 9 und die KSM werden in bestimmten Fällen mit offiziellen Dienstuhren beglückt – vor allem, wenn Anforderungen im Raum stehen, die normale, auf dem freien Markt erhältliche Uhren nicht erfüllen. Und so kam es, dass der Bund für die Maritime Einheit der GSG 9 und die KSM eine Uhr suchte, die unter Wasser perfekt aus allen Winkeln ablesbar ist – woraufhin Sinn Spezialuhren aus Frankfurt die HYDRO-Technologie austüftelte und die offizielle Ausschreibung gewann.

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Sinn UX S HYDRO-Technologie (links)

Wenn wir uns die Modelle Mühle-Glashütte Seebataillon GMT und S.A.R. Flieger-Chronograph anschauen, so muss man nüchtern betrachtet festhalten, dass diese nicht wirklich mehr können als etliche andere, frei auf dem Markt erhältliche Uhren, die in vielen Fällen auch deutlich günstiger sind.

Und auch, wenn mir der folgende Satz als großer Fan mechanischer Uhren, natürlich selbst etwas weh tut: Am Ende des Tages bietet ein Quarz-Antrieb in den allermeisten Fällen einfach den größeren Nutzen gegenüber klassischer Mechanik, weshalb eine Automatikuhr als echte Einsatzuhr heutzutage keinen wirklichen Sinn ergibt (z.B. hinsichtlich Stoßfestigkeit, Genauigkeit).

Was bleibt sind zwei meiner Meinung nach optisch überaus gelungene, toolig-robuste und hochgradig funktionale Uhren in typisch hoher Mühle-Qualität, die auf der Grundlage des Inputs der Deutschen Marine entstanden sind – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Mehr über Mühle-Glashütte und den SAR Rescue Timer.

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ulrich

    Meiner Meinung nach gehört ja auch die Kampfschwimmeruhr von Mühle dazu, oder? Die hat doch eine ähnliche Geschichte und es steht die Zusammenarbeit mit der Truppe auch auf der Rückseite der Uhr! Soweit ich informiert bin! Auch eine schöne Uhr, die aber so nie im Einsatz war.

  2. Frank T. aus MZ

    Wer auf Uhren steht, die militärisch eingesetzt werden oder wurden, dem empfehle ich nicht unbedingt etwas, was aktuell die Bundeswehr nutzt. Die Bundeswehr ist momentan eine der am miesesten ausgerüsteten Militärs weltweit. Unstrittig lieferte beispielsweise LACO Beobachtungsuhren im 2. WK an die deutsche Luftwaffe, welche sich heute noch sehr authentisch, leicht modifiziert, im Verkaufsprogramm befinden. Die aktuelle LACO Seven Seas soll zumindest zusammen mit der Bundeswehr entwickelt worden sein. Eine moderne Uhr, welche nachweislich bei einer top ausgerüsteten Armee eingesetzt wird, ist die TRASER P66 Type 6 MIL-G in den USA (stoßresistentes Quarzwerk + unverwüstliches Polymer/Stahl-Sandwichgehäuse + H3-Tritiumtechnik). Danke für diesen top recherchierten Artikel, lieber Mario!

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