• Beitrags-Kategorie:Uhren-Technik
  • Beitrags-Kommentare:6 Kommentare
  • Beitrags-Autor:
  • Lesedauer:17 min Lesezeit

Hallo liebe Uhrenfreunde! Heute möchte ich euch einen kleinen Einblick in die Welt der Zertifizierungen von Uhrmacherwerkstätten geben. Dabei möchte ich darauf eingehen, warum es solche Zertifizierungen gibt, welchen Sinn diese haben und vor welche Herausforderungen die Uhrmacher mit ihren Werkstätten gestellt werden.

Ich selbst habe mit meinem Uhrenservice ChronoRestore die ersten Zertifizierungen der Swatch Group erhalten und arbeite stetig auf weitere Zertifizierungen hin. Warum ich das tue und wie so etwas abläuft erfahrt ihr in den nächsten Zeilen. Seid gespannt!

[Beitrag von Leon Zihang,
Uhrmacher und Kopf hinter ChronoRestore.com]
Leon Zihang Uhrmacher ChronoRestore

Bevor ich anfange möchte ich noch etwas zu den Bildern in diesem Bericht sagen. Die Bilder sind von mir und stellen nur einen Bruchteil der Werkzeuge dar, die für eine Zertifizierung benötigt werden. Auf manchen Bildern sind allgemeine Werkzeuganforderungen, wie die Gehäuseöffner oder das Wasserdichteprüfgerät. Markenspezifische Werkzeuge sind zum Beispiel die markeneigenen Werkhalter von Longines. Da ich im Bericht nicht auf die Werkzeuge direkt eingehen möchte, habe ich das hier nochmal vorweggenommen und eine ausführlichere Bildbeschreibung angefügt (siehe unten). Bei Fragen könnt ihr euch natürlich wieder jederzeit in den Kommentaren bei mir melden. 🙂

Mehr: Uhrmacherwerkzeug erklärt: Das nutzt der Profi

Zertifizierte Uhrmacher: Grundlagen

Viele Uhrenträger müssen sich früher oder später mit dem Thema Service oder Reparatur der eigenen Uhren auseinandersetzen. Doch zu wem gibt man sein Lieblingsstück dann? In Foren oder andern Gruppen von Uhrenbegeisterten hört man dann immer wieder das Wort „Zertifizierte Werkstatt“ oder „Konzessionär“. Als Konzessionär bezeichnet man einen offiziellen Händler einer Uhrenmarke – wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff so viel wie „Zugeständnis“ oder „behördliche Genehmigung“. Ein Konzessionär ist also befähigt, Waren direkt vom Hersteller zu beziehen. Eine zertifizierte Werkstatt wiederum bezeichnet eine Werkstatt mit ihren Uhrmachern, welche die Anforderungen der Marke erfüllt, um alle oder einen Teil der Uhren reparieren und revidieren zu dürfen.

Nun kann man natürlich sagen, dass die Marke gar nicht verhindern kann, dass auch nicht zertifizierte Uhrmacher an den Uhren der Marke Arbeiten vornehmen. Und das ist vollkommen richtig. Es gibt kein Gesetz, dass den markenfremden Uhrmachern verbietet an den Uhren zu schrauben. Allerdings wird es diesen „freien“ Uhrmachern schwer gemacht, indem sie keine Ersatzteile von den jeweiligen Uhrenherstellern erhalten.

Dies ist als freier Uhrmacher nicht immer einfach, aber es gibt einige Möglichkeiten dieses Problem zu umgehen. Zum einen gibt es die Möglichkeit die Weiten des Internets zu nutzen und nach gebrauchten, aber gut erhaltenen Teilen aus „Ausschlachtwerken“ Ausschau zu halten. Natürlich gibt es vereinzelt auch Neuware, die ihren Weg in die große weite Welt gefunden hat und im Internet zum Verkauf angeboten wird. Das ist aber meist nur sehr wenig und die Marken versuchen dies immer stärker zu unterbinden. Eines der besten und bekanntesten Beispiele hierfür ist die Marke Rolex: Da die Ersatzteile auf dem freien Markt sehr selten sind, werden diese oft auch mit exorbitanten Preisen angeboten.

Mehr: Rolex: Revision am Beispiel des Kalibers 3131 erklärt

Rolex montiertes Basiswerk mit Einzelteilen Automatikwerk

Natürlich wurde dies auch schon als Marktlücke angesehen und es gibt mittlerweile einige Teilehersteller, die sich darauf spezialisiert haben Ersatzteile zu kopieren und einen Nachbau anzubieten. Man mag es kaum glauben, aber diese „Nachbau-Ersatzteile“ werden immer besser und sind nur noch kaum bis gar nicht vom Original zu unterscheiden. Auch die Qualität und Haltbarkeit der alternativen Ersatzteile wird immer besser. Ich selbst habe diese Möglichkeit nach transparenter Rücksprache mit den jeweiligen Kunden auch schon oft genutzt, da es den Kunden nach eigenen Aussagen nicht so wichtig war, dass originale Ersatzteile verbaut werden. Ich hatte aber auch schon Kunden, die (verständlicherweise) die Originalität ihrer Uhren beibehalten wollten und ich aufgrund des Ersatzteilemangels die Reparatur ablehnen musste. Obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass sich die Hersteller bei vielen Nachbauten selbst sehr schwer tun würden diese vom Original zu unterscheiden.

Nichtsdestotrotz arbeite ich tagtäglich daran neue Zertifizierung zu erhalten. Aber warum, wenn es doch Ausweichmöglichkeiten gibt, um an Ersatzteile ran zu kommen? Es ist leider so, dass es nicht von jedem Kaliber und jedem Ersatzteil gute Nachbauten gibt. Außerdem ist es deutlich entspannter, wenn man weiß, dass man im Notfall sicher an Ersatzteile herankommen kann. Auch wir Uhrmacher sind nur Menschen und bei der Demontage oder Montage kann auch gerne mal eine Feder verloren oder ein Teil kaputt gehen. Ich vertrete zwar auch die Meinung, dass bei den meisten Revisionen keine Werkersatzteile benötigt werden, aber wenn die Servicezeiten nicht eingehalten wurden oder andere Defekte vorliegen, kann es schon einmal zu einem erhöhten Verschleiß kommen und einige Teile müssen getauscht werden. Hier kann man als Uhrmacher einfach beruhigter leben, wenn man alle Teile problemlos bestellen kann.

Ernst-Westphal-Hamburg-Furniturist-Vintage-Ersatzteile-für-Uhren
Ersatzteil-Schränke beim Furnituristen Ernst Westphal in Hamburg

Warum haben viele Marken Zertifizierungen eingeführt und schicken keine Ersatzteile mehr an freie Uhrmacher?

Bestimmt hat jeder von euch schon einmal die Erfahrung gemacht und einen Uhrmacher erwischt, der mehr kaputt als ganz gemacht hat. Auch, wenn es erst ein paar Monate später ersichtlich war. Und genau das ist es, was die großen Marken damit verhindern möchten. Sie wollen einfach ihre, in der Firma bestehenden, Standards beibehalten.

Denn was ist das Problem, wenn man eine Rolex hat, welche nach ein paar Jahren nicht mehr funktioniert oder ihren ersten Service braucht? Nun, wenn der bearbeitende Uhrmacher keine gute Arbeit leistet und das bei vielen Uhren passiert, dann kann sich schnell herumsprechen, dass die Werke von Rolex nach dem ersten Service nichts mehr taugen. Um so etwas zu vermeiden, schicken die Marken ihre Ersatzteile nur noch an zertifizierte Werkstätten, in der Hoffnung, dass keine ahnungslosen Uhrmacher, sondern nur geschulte Uhrmacher an den Uhren arbeiten. Leider sind die Unterschiede der Uhrmacherausbildung enorm. Ich kenne ein paar Leute, die, genau wie ich, einen Gesellenbrief als Uhrmacher zuhause liegen haben, obwohl sie fast ihre gesamte Lehrzeit nur Großuhren bearbeitet haben, um den Juweliersladen am Laufen zu halten und am Ende zur Abschlussprüfung ein einfaches Taschenuhrwerk (ETA 6498) revidieren mussten. Wir mussten in unserer Ausbildung monatelang ein Kleinkaliber inklusive Manufakturkaliber von Glashütte Original bis zum Abwinken revidieren und eingebaute Fehler ausbessern.

In der WOSTEP Abschlussprüfung mussten wir in 16 Stunden einen Chrono, Automatik- und Quarzuhr vollständig reparieren und in der Abschlussprüfung der IHK ein Manufakturwerk von Glashütte Original reparieren. Dies nur als kleines Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Ausbildungen in der Uhrmacherei ausfallen können.

Mehr:

Ausbildung zum Uhrmacher: Ein Erfahrungsbericht [Teil 1]

Ausbildung zum Uhrmacher: Ein Erfahrungsbericht [Teil 2]

Ich bin, Gott sei Dank, in den Genuss einer sehr guten Ausbildung gekommen. Nichtsdestotrotz gibt es da draußen einige Uhrmacher, die noch nie ein Manufakturwerk auf ihrem Tisch hatten. Da solche Werke deutliche empfindlicher sind, kann hier viel schief gehen und der ungeübte Uhrmacher kann viel kaputt machen. Aus diesem Grund möchte Rolex die Uhrmacher, an die Ersatzteile ausgegeben werden, selbst mit Schulungen prüfen. Außerdem muss die Werkstatt und deren Ausstattung einen gewissen Standard vorweisen und verpflichtende Werkzeuge müssen vorhanden sein.

Glashuette Original SeaQ Panoramadatum Test Erfahrungen 19
Manufakturkaliber von Glashütte Original

Doch wie sehe ich diese Zertifizierungs-Kultur der gehobenen Marken?

Zum einen kann ich die Marken völlig verstehen. Ich habe auch schon viele verpfuschte Werke bekommen und die Kunden haben alle Hoffnung in mich gesetzt, da der letzte Besuch beim Uhrmacher eben nicht so gut verlaufen ist. Da habe ich mich schon oft für andere Uhrmacher fremd geschämt und mich gefragt, wie man nur so eine Arbeit in Rechnung stellen kann. Bitte versteht mich nicht falsch! Jeder macht Fehler, auch ich, und man sollte jedem eine zweite Chance geben. Aber wenn von einem Uhrwerk jede zweite Schraube so verdrückt ist, dass man sie kaum noch öffnen kann oder wichtige Ölstellen einfach vergessen wurden oder Federn verschlissen und gegen ähnliche, nicht originale Federn ausgetauscht wurden und dem Kunden davon nichts gesagt wird, obwohl diese falsche Feder für die Nicht-Funktion verantwortlich ist, dann sollte man diese Arbeiten lieber sein lassen.

Dennoch gibt es da draußen wirklich sehr viele, gute und kompetente Uhrmacher. Ich sage immer: Uhrmacher zu sein ist kein Beruf, sondern eine Leidenschaft. Und die, die es wirklich lieben, die machen auch eine gute Arbeit. Diesen guten, aber freien Uhrmachern wird das Leben durch die Zertifizierungen zu Beginn sehr schwer gemacht. Ich musste vor zwei Jahren auch erst einmal anfangen und Stück für Stück eine Werkstatt ausstatten. Auf den Rechnungen der Werkzeuge dachte ich manchmal, dass ich reines Gold, statt Werkzeug bestellt habe. Ich hatte leider nie die Möglichkeit einen Kredit aufzunehmen oder ein Startkapital von meinen Eltern zu erhalten. Ich habe meine Werkstatt und ChronoRestore von Null auf selbst aufgebaut und das geht erst einmal leider nur ohne Zertifizierungen.

Jetzt stellt sich wahrscheinlich vielen die Frage, warum die Zertifizierungen so schwer zu bekommen sind. Dafür möchte ich etwas darauf eingehen, wie es bei mir mit der Swatch Group abgelaufen ist. Denn grundlegend sind die Zertifizierungen erst einmal kostenlos. Auch die Schulungen, die von einigen Marken verlangt werden, sind komplett kostenfrei.

Selbst das Hotel wird von der Marke bezahlt. Die Schwierigkeit liegt darin die Anforderungen der Marke an die Werkstatt zu erfüllen. Zuerst einmal muss der Polier- und Schleifraum räumlich von den Uhrmachertischen getrennt sein, um die Staubbelastung bei der Bearbeitung der Uhren so gering wie möglich zu halten.

Ferner erwarten die Marken einige allgemeine Werkzeuge, die die Werkstatt besitzen muss, da diese aus deren Sicht benötigt werden, um eine ordentliche Revision durchführen zu können. Diesen Punkt sehe ich aus zwei Blickrichtungen: Zum einen kann ich bestätigen, dass die vorgegebenen Werkezeuge die Arbeit deutlich erleichtern. Wir haben bei Glashütte Original allerdings gelernt, wie man mit einfachsten Mitteln und auf sehr traditionelle Art und Weise eine Uhr reparieren kann. Dafür benötigt man nämlich nicht für jeden Handgriff ein anderes Werkzeug. Natürlich dauert es auf die traditionelle Art etwas länger, aber das Ergebnis ist das gleiche. Also auch, wenn man sich die teuren vorgegebenen Werkzeuge nicht leisten kann, kann man trotzdem im Stande sein, eine gute Revision durchzuführen.

Neben diesen allgemeinen Werkzeugen muss man sich dann noch die markenspezifischen Werkzeuge anschaffen. Dies sind zum Beispiel spezielle Werkhalter für die Kaliber der Marke oder Gehäuseöffner, die nur für eine Uhr von der Marke hergestellt wurden. Ob ihr es glaubt oder nicht, für das markenspezifische Werkzeug habe ich mehrere tausend Euro auf den Tisch gelegt. Und das alles, obwohl man eine Omega auch mit einem normalen Gehäuseöffner auf bekommt. Die Marke ist aber der Meinung, dass dies nur mit dem markenspezifischen Gehäuseöffner beschädigungsfrei und sauber funktioniert. Für jede einzelne Marke habe ich jetzt alle Stempel, Gehäuseöffner und was es sonst noch so gibt da, obwohl ich vorher auch ohne diese ganz gut zurecht gekommen bin. Das ist der Grund, warum sich viele Uhrmacher vor den Zertifizierungen sträuben.

Omega Milanaise Armband Mesh Stahl Speedmaster Moonwatch 2

Warum habe ich dann die ersten Zertifizierungen gemacht und eine recht hohe Summe für diese teilweise unnötigen Werkzeuge investiert? Warum arbeite ich noch an weiteren Zertifizierungen? Mein Bestreben liegt nicht nur darin mit ChronoRestore meinen Lebensunterhalt zu verdienen und dafür nur das nötigste zu machen. Ich möchte Chronorestore zum größten, besten und einfachsten Uhrenservice Deutschlands und später vielleicht Europas zu machen. Viele lachen mich für solche Aussagen aus, weil sie denken, dass ich übermütig geworden bin. Aber Hey! ChronoRestore war auch mal eine Idee, für die ich belächelt wurde. Die Leute haben mir oft gesagt, dass sie nicht glauben, dass das funktionieren kann. Und schaut euch ChronoRestore jetzt mal an. 😊

Ich bin gerne ein großer Träumer. Aber ich arbeite auch sehr hart dafür. Auch wenn nicht immer alles so klappt, wie ich es mir in meinem Traum vorgestellt habe, weil der Weg dorthin deutlich härter war als vermutet, habe ich durchgehalten und habe meine Träume wahr werden lassen. Mit ChronoRestore kann ich mich und meine Ideen verwirklichen. Mein größter Traum ist es, für euch den besten Uhrenservice aller Zeiten zu schaffen. ChronoRestore soll nicht nur ein stressfreier Uhrenservice, sondern auch ein Erlebnis werden. An dieser Stelle möchte ich mich bei Mario bedanken, der mir mit seinem Blog CHRONONAUTIX die Möglichkeit gibt, einen weiteren Traum zu erfüllen: Und zwar mein Wissen mit tausenden anderen Uhrenbegeisterten zu teilen und ihnen die Passion hinter dieser wunderschönen kleinen Mechanik zu vermitteln.

Ich glaube ich bin in diesem Beitrag das ein oder andere Mal etwas abgeschweift. Dafür möchte ich mich nochmal entschuldigen. Ich hoffe, dass er euch trotzdem gefallen hat und freue mich über eure Meinungen in den Kommentaren!

Vielen Dank, dass ihr so gerne meine Beiträge lest. Das hätte weder ich noch mein damaliger Deutschlehrer von mir erwartet. 😉

Bis zum nächsten Beitrag!

Euer Leon von ChronoRestore!

Abonnieren
Benachrichtige mich bei...
6 Kommentare
Neueste Kommentare
Älteste Kommentare Kommentare mit den meisten Votings
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Jörg
6 Monate zurück

Danke dafür! Diese Anforderungen an jedwede Zertifizierung gibt’s auch in anderen Berufen – oft weitgehend sinnfrei! Ich habe mir zuerst die Aufzeichnung Deines Gesprächs mit Maria angeschaut – live ist das für mich zeitlich schwierig – und dann Deinen Bericht gelesen. Das werde ich jetzt nacheinander mit allen Aufzeichnungen und Berichten machen. Lohnt sich wohl! Übrigens – wenn ich sehe was Du mit den zwei Uhren die ich Dir bisher schickte gemacht hast bist Du auf Deinem Weg zum besten Uhrenservice schon verdammt weit vorangekommen!

Hans
6 Monate zurück

Danke, großartiger Bericht!

Lars
7 Monate zurück

Danke Leon,
ich lese deine Beiträge gerne und vielleicht werde ich demnächst auch Kunde von dir.
Gruß

Kris
7 Monate zurück

Danke für den interessanten Beitrag.

Aus meiner Sicht bleibt die Masterfrage (nicht nur bei Uhrmachern):
In wie weit sollen aus Herstellersicht durch Zertifizierungen für Wartung „unliebsame Wettbewerber“ einfach draußen gehalten werden und wie sehr dient es wirklich der Qualitätsgarantie für den Kunden ?

Da hat sicher jeder seine eigenen Anekdötchen.

Diethard Plohberger
7 Monate zurück

👍👍👍

Andreas
7 Monate zurück

Hey Leon,

vielen Dank für das (zum Glück!) sehr detailreiche Insiderwissen, an dem Du uns hier teilhaben lässt. Es macht mir immer wieder große Freude, Deine aufschlussreichen und spannenden Artikel zu lesen.

Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Umsetzung Deines großen Traums!

Viele Grüße,

Andreas