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Hallo liebe Uhrenfreunde! Heute möchte ich euch ein paar Standardwerkzeuge eines Uhrmachers vorstellen. Wie ihr euch sicher denken könnt, wird dieser Beitrag etwas weniger Text, aber dafür umso mehr Bilder enthalten. Da es wirklich sehr viele Werkzeuge gibt, werde ich versuchen das Ganze auf die wichtigsten Werkzeuge direkt am Arbeitsplatz zu beschränken. Oft ist es auch so, dass es für jeden „Pups“ ein extra Werkzeug gibt, obwohl man mit wenig Aufwand auch mit Standardwerkzeug arbeiten kann. Für mich war immer wichtig, dass ich einmal hochwertiges Werkzeug kaufe, um mich dann am Ende nicht mit der Qualität der Pinzette oder ähnlichem rumschlagen muss. Denn: „Wer Billig kauft, kauft zweimal!“

Tipp: Uhrmacherwerkzeug wurde auch im ChronoBros-Livestream ausführlich behandelt:

[Beitrag von Leon Zihang,
Uhrmacher und Kopf hinter ChronoRestore.com]
Leon Zihang Uhrmacher ChronoRestore

Uhrmacherwerkzeug erklärt: Das nutzt der Profi

Ich glaube, dass gewisse Grundlagen wie ein Uhrmachertisch, ein ordentlicher Stuhl und vor allem eine gute Lampe Grundvoraussetzung für einen Uhrmacher sind, die jeder kennt.

Des Weiteren rate ich jedem zu einer ordentlichen, weichen und grünen Arbeitsunterlage. Warum Grün? Weil man auf grünem Untergrund sehr gut silberne und auch rote Teile, wie Federn oder Decksteine der Stoßsicherungen findet. Außerdem empfinden unsere Augen die Farbe Grün als entspannend und somit schont die grüne Unterlage die Augen. Insbesondere wenn man einen kompletten Tag so intensiv mit dem Auge und der Lupe arbeitet, ist eine grüne Unterlage empfehlenswert.

Eine weitere Grundausstattung ist die Staubschutzglocke mit Kleinteile-Teller und einer Werkzeugunterlage, auf der man die ganzen Kornzangen (Pinzetten) und andere Kleinwerkzeuge sortiert ablegen kann (Abbildung 1).

1. Schraubendreherset Werkzeugunterlagen Schraubendreherauto
Abb. 1

Um das Gehäuse zu öffnen, ist zudem, je nach Boden, ein Schraubendrehersatz oder ein größerer Gehäuseöffner (Abbildung 2) nötig. Es gibt auch diese kleinen Handöffner, aber ich bin ein großer Freund von dem Bergeon Gehäuseöffner, weil man hiermit deutlich kontrollierter arbeiten kann. Somit vermeidet man die klassischen Öffnungsspuren, die entstehen, wenn ein Uhrmacher mit dem Handöffner beim Drehen abrutscht und mit den Einsätzen über den Gehäuseboden kratzt. Gerade die Gummistempel sind „gold wert“ und damit bekommt man fast jedes Gehäuse ohne Kratzer auf.

Mit den normalen Gehäuseöffnereinsätzen können mit dem größeren Handrad natürlich auch Kratzer passieren, aber mir gefällt es deutlich besser, weil die Führung der Drehung kontrollierter abläuft. Beim Schraubendrehersatz habe ich immer noch den, den wir am ersten Tag der Ausbildung erhalten haben. Wenn man mit dem Werkzeug ordentlich umgeht hält es auch wirklich lange. Die Klingen der Schraubendreher habe ich aber schon gefühlt eintausend mal angeschliffen. Hier brauche ich demnächst wahrscheinlich mal wieder neue, weil sie langsam etwas kurz werden. Zum Schraubendreher-Anschleifen braucht man wiederum ein „Schraubendreherauto“ (wie es wirklich heißt, kann ich leider nicht sagen. Wir haben es immer „Schraubendreherauto“ genannt 😉; Abbildung 1). Hier steckt man den Schraubendreher durch das Loch in der Mitte, richtet die Klinge aus und fährt dann mit dem Auto über ein Schleifpapier oder Schleifstein. Das macht man so lange bis die Schraubendreherklinge so in den Schraubenschlitz passt, dass er nicht im Grund des Schlitzes kratzt, sondern ganz leicht im Schlitz schwebt. Somit können wir beim Schrauben keine Kratzer am Boden des Schlitzes machen und der Schraubendreher rutscht nicht so leicht aus dem Schlitz heraus. Für verpresste Gehäuseböden oder Lünetten verwendet man entweder ein Gehäusemesser (Abbildung 2) oder ein Multitool zum Abhebeln.

2. Gehaeuseoeffner Gehaeusemesser und Multitool
Abb. 2

Als nächstes haben wir ein sogenanntes Einschalkissen (Abbildung 3). Das nutze ich einfach immer, wenn ich mit dem Gehäuse arbeite – ob mit oder ohne Werk darin. Auf dem Einschalkissen ist das Gehäuse immer gut aufgehoben und kann auch gut gehandhabt werden, da es damit etwas höher als die Arbeitsplatte selbst liegt.

Natürlich braucht ein Uhrmacher eine Lupe (Abbildung 3)! Aber nicht nur eine. Ich habe genau drei unterschiedliche Lupen: Jeweils eine mit 3facher, 5facher und 10facher Vergrößerung.

Die 3er Lupe ist die „Alltags-Arbeitslupe“. Die 5er nimmt man für sehr feine Einstellungen, wo man schon etwas genauer hinsehen muss. Zum Beispiel beim Legen der Spirale oder beim Einstellen des Klingenspiels oder beim Ölen der Hemmung. Manchmal sieht man diese Sachen auch mit der 5er Lupe noch nicht ausreichend gut. Dann kommt ganz selten mal die 10er Lupe zum Einsatz. Aber nur zur Kontrolle! Mit der 10er Lupe muss man nämlich so nah an die betrachtete Stelle ran gehen, dass man nicht mehr an der Uhr arbeiten kann. Da ich Brillenträger bin, habe ich meine Lupen mit einem Draht und einer Klammer versehen, um sie mir an die Brille zu klemmen und nicht ständig die Brille absetzen zu müssen.

Zum Greifen benötigen wir sogenannte Kornzangen (Abbildung 3). Das ist im Grunde genommen das gleiche wie eine Pinzette. Hier habe ich eigentlich nur 3 Stück bzw. 4, die ich wirklich ständig nutze. Dazu gehört eine 0er Messingkornzange. Das ist einfach nur eine recht feine Pinzette aus Messing. Diese nehme ich, um Räder und kleine Brücken zu greifen. Eine ältere, schon abgenutzte und deshalb schon etwas breiter zugeschliffene Kornzange nehme ich, um größere Brücken aufzunehmen oder gar von der Hauptplatine zu hebeln, damit ich mir die Spitzen der feineren Kornzange nicht verbiege. Dann haben wir noch eine 3er und eine 5er Stahl-Kornzange. Diese nehme ich für sehr feine Arbeiten an feinen Federn oder an der Spirale. Erst wenn es mal ganz filigran sein muss, kommt die ganz spitze 5er Pinzette zum Einsatz (in Abbildung 3 ganz hinten).

3. Einschalkissen Kornzangen Pinzetten Lupen
Abb. 3

Um das Öl zu lagern und in die Uhr zu bringen, benötigen wir noch einen Ölblock und einen Ölgeber (Abbildung 4). Mein Ölblock besitzt, zum Beispiel, vier kleine Rubin-Schalen, welche man mit dem Öl oder Fett befüllen kann. Darüber befindet sich eine kleine Abdeckung, damit man die Öle jederzeit von Staub und kleinen Partikeln in der Luft schützen kann. Der Ölgeber sieht aus wie eine kleine Nadel, hat ganz vorne an der Spitze allerdings zwei polierte flache Stellen, welche wie eine Art kleiner Löffel fungieren. Mit diesem Ölgeber hole ich tröpfchenweise das Öl aus dem Ölblock und setze es an die Stellen in der Uhr, wo es benötigt wird.

Mehr: Einfluss der Uhren-Öle auf Serviceintervalle – und was man als Kunde sonst beim Service beachten sollte

4. Oelblock mit Rubineinsaetzen und Oelgeber
Abb. 4

Für die Reglage des Werkes benötigen wir eine Zeitwaage (Abbildung 5) und wenn es dann wieder in Richtung des Einschalens geht, brauchen wir eine kleine Flachzange, Stiftenklöbchen und Feile (Abbildung 6), um die Aufzugwelle zu kürzen und an das Gehäuse anzupassen. Natürlich darf auch Schraubensicherung nicht fehlen, um die Krone an der Aufzugwelle zu sichern.

Zum Zeigersetzen benötigt man passende Zeigersetzstempel und eventuell Zeigerabheber (Abbildung 7). Ein Staubbläser und ein Mikrofasertuch dürfen natürlich auch nicht fehlen, um das Werk auch sauber einzuschalen.

Mehr: Reglage: Ganggenauigkeit einer Automatikuhr einstellen – der Uhrmacher als Herzchirurg

Dies wären so ziemlich alle Werkzeuge, mit denen man eine Uhr komplett zerlegen und wieder montieren kann. Viel wird eigentlich nicht benötigt. Allerdings kommt noch einiges dazu, wenn man Uhren unterschiedlicher Marken revidieren möchte oder auch mal andere Arbeiten, wie einen Glaswechsel, durchführen möchte. Dazu gehören zum Beispiel ein Gläserpressstock, Wasserdichteprüfgerät, Kompressor für Druckluft, unterschiedliche Werkhalter zum Zeigersetzen, Lünettenabheber, Steinpressapparat (zum Höhenspiele einstellen), Triebnietmaschine …

Da sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Aber wie gesagt, gibt es auch sehr viel unnötiges Werkzeug, welches man sich mit der richtigen Herangehensweise auch sparen kann. Aber wie überall erleichtert es natürlich die Arbeit, wenn man für jede Kleinigkeit ein Spezialwerkzeug zur Verfügung hat. 😊

Ich habe hier nun einfach mal einen Strich gezogen, weil ich euch nicht langweilen möchte und es einfach zu viele Werkzeuge gibt, um auf jedes einzelne einzugehen. Wenn ihr aber Fragen dazu habt, dann immer gerne in die Kommentare oder an info@chronorestore.com oder direkt an Mario. Wenn genug Fragen zusammen kommen, dann kann ich in einem extra Bericht nochmal gezielt auf eure Fragen zu bestimmten Werkzeugen eingehen. 😊

Ich vermute, dass ich viele Fragen bekommen werde, wo man das vorgestellte Werkzeug erwerben kann – leider kann ich nicht allzu viel dazu sagen, denn man kann bei den meisten Werkzeug- und Ersatzteillieferanten nur als Gewerbekunde mit Gewerbeschein bestellen. Wenn dort allerdings mal das von mir gewünschte Werkzeug oder Ersatzteil nicht lieferbar war, dann habe ich auch einfach mal Google verwendet und da ist mir des Öfteren folgende Seite aufgefallen, die recht gutes Uhrmacherwerkzeug auch an Privatkunden verkauft: https://www.uhrmacherwerkzeuge.com/

Meine Hauptlieferanten sind aber leider nur für Gewerbekunden: Flume und Boley.

Ich hoffe, euch hat dieser Bericht zu den alltäglichen Werkzeugen eines Uhrmachers gefallen. Ich freue mich natürlich jederzeit über eure Fragen und Themenvorschläge, wenn euch etwas zur Uhrentechnik unter den Nägeln brennt. 🙂

Bis Bald!

Euer Leon von ChronoRestore

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Michael
3 Monate zurück

Vielen Dank für diesen sehr informativen Praxiseinblick. Solche Basics zu erfahren macht mir beim Uhrenhobby immer noch am meisten Spaß.