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Letztens, beim Netflix-Filmeabend mit meiner Frau: Schau, mal die Uhr – was ist das für eine!? Zunächst möchte ich vorausschicken, dass sich meine Frau eigentlich überhaupt nicht für Uhren interessiert. Wenn wir aber „netflixen“, werde ich regelmäßig dazu genötigt jede einzelne Uhr sofort zu identifizieren, selbst wenn man einen Zeitmesser auch nur ansatzweise erahnen kann. Als Uhrenblogger muss ich doch schließlich sofort wissen, welche Uhr von diesem oder jenem Schauspieler getragen wird!

In Adam McKays Oscar-nominiertem Film Don’t Look Up, der in einer Starbesetzung auf satirische Art und Weise den Weltuntergang skizziert, fiel mir die Identifikation aber tatsächlich nicht schwer – denn noch viel auffälliger konnte der Schauspieler Jonah Hill seinen Zeitmesser kaum in die Kamera halten: Eine Richard Mille, konkret die Richard Mille RM 052 Skull Tourbillon. Der Knackpunkt: der Zeitmesser ist gefälscht – aus gutem Grund…

Jonah Hill Uhr Dont Look Up Richard Mille
Bild: Netflix
Uhr Jonah Hill Dont Look Up

Gefälschte Uhren in Filmen: Kein Einzelfall

In Don’t Look Up versuchen zwei Wissenschaftler (gespielt von Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence) die Welt verzweifelt davon zu überzeugen, dass ein alles vernichtender Komet auf die Erde zurast – doch keiner hört zu (na, wen erinnert das an die Klimakrise?). Jonah Hill spielt in Don’t Look Up den Stabschef Jason Orlean, der gleichzeitig der Sohn der Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, Janie Orlean, ist (gespielt von Meryl Streep als eine Art weiblicher Donald Trump).

Das extrovertierte Design, für das die Ultraluxusmarke Richard Mille bekannt ist, passt ganz hervorragend zu Jonah Hills Rolle als Politiker mit narzisstischer Ader, der gerne auffällt. Die Idee eine Richard Mille zu tragen kam übrigens von Jonah selbst.

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Wenn man bedenkt, dass Jonah Hill auch privat gerne Luxusuhren trägt (z.B. Rolex „John Mayer“ Daytona, Patek Philippe Nautilus Nautilus 5711/A, Rolex “Hulk“ Submariner), so verwundert es aber schon ein bisschen, dass er sich auf eine gefälschte Uhr eingelassen hat. Zumal die Fälschung auch nicht besonders gut gemacht ist.

Der Grund dahinter ist aber so einfach, wie naheliegend: Die Don’t Look Up-Kostümdesignerin Susan Matheson musste sich etwas überlegen, denn es gab Bedenken, dass eine Uhr im Wert von mehreren Hunderttausend Euro vom Set gestohlen werden könnte. Und so griff das Filmteam zu einer Fälschung.

Die Fake-Richard Mille in Don’t Look Up ist kein Einzelfall: Ryan Gosling, der im Film Drive einen schweigsamen Fluchtwagenfahrer spielt, befestigt seine Patek Philippe regelmäßig am Lenkrad, um die Fluchtzeit zu bestimmen. Aber auch dieser Zeitmesser ist nicht echt, sondern wurde am Set in sechsfacher Ausfertigung an Gosling und einige Stuntmen verteilt – um einen möglichen Defekt oder Verlust eines Originals zu vermeiden, wie der Requisiteur Will Blount offiziell verlautbaren ließ:

„With the nature of the movie – Ryan is very active and there’s a lot of stunts, a lot of blood. You can’t use the real watch or you’re going to break it, which would just be a shame. So we used five or six replicas.“

Will Blount über die Patek in Drive
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Die Patek am Handgelenk von Ryan Gosling in Drive

Ein weiteres Beispiel: Auch die Patek Philippe, die in der Dramedy-Serie Succession (zu sehen auf Sky Atlantic) mit den süffisanten Worten “it’s incredibly accurate: Every time you look at it, it tells you exactly how rich you are” überreicht wurde, ist gefälscht. In einer anderen Episode der Serie, als eine weitere Luxusuhr als Geburtstagsgeschenk überreicht wurde, wendeten die Filmemacher einen noch knauserigen Trick an: Sie zeigten die Uhr einfach nur von der Seite (ob der Regisseur wohl Schwabe ist?).

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Patek Philippe-Fake @ Succession

Alles nur Fake in Hollywood?

Also alles nur Fake in Hollywood? Nein, mitnichten: Es gibt genügend Beispiele, in denen die Schauspieler echte Luxusuhren tragen – und die nicht von Uhrenherstellern im Tausch gegen einen prall gefüllten Bargeldkoffer gezielt platziert werden dürfen, um im Rahmen der Marketingstrategie eine reichweitenstarke Platzierung in Blockbustern zu erhaschen (sogenanntes Product Placement – James Bond und Omega lassen grüßen).

Nein, ich rede von Filmemachern, die extrem viel Sorgfalt und Energie in jedes noch so kleine Detail stecken, um die Geschichte eines Charakters glaubhaft zu erzählen.

In der jüngsten ABC-Neuauflage der Coming-of-Age-Serie Wunderbare Jahre (zu sehen auf Disney+) beispielsweise trägt Bill (Dulé Hill) eine echte Vintage-Uhr von Jaeger-LeCoultre. Auch eine echte Vintage-Cartier kann man in der Serie entdecken. Kein Zufall: Der Wunderbare Jahre-Regisseur Fred Savage ist ein langjähriger Uhrensammler, der gerne privat auf Uhrenauktionen unterwegs ist. In den 1980er Jahren spielte Savage selbst die Hauptrolle in Wunderbare Jahre und hatte daher ein großes Interesse daran, dass die Charaktere der Neuauflage Uhren tragen, die authentisch zum 60er Jahre-Setting der Serie passen.

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Wunderbare Jahre

Um die echten Uhren in der Serie platzieren zu können, wandte sich Savage an Eric Wind, einen ehemaligen Uhrenspezialisten beim bekannten Auktionshaus Christie’s, der jetzt als Uhrenhändler in Florida tätig ist. Wind verkauft in erster Linie seltene Rolex- und Patek-Philippe-Uhren an private Sammler, aber vor ein paar Jahren hat er auch eine Nische entdeckt: Wind berät Filmemacher bei der Auswahl von Uhren und entleiht diese, damit diese in Filmen und Serien von den Schauspielern getragen werden können.

Die Rolle von Eric Wind ist in Hollywood eher ungewöhnlich – knappe Filmbudgets schließen in der Regel den Kauf von sündhaft teuren Uhren aus. Selbst das Ausleihen echter Luxusuhren ist oftmals kein Thema, da hohe Versicherungspolicen abgeschlossen und sogar zusätzliches Security-Personal engagiert werden müssten – für eine Requisite, die oftmals nur wenige Sekunden und häufig auch nicht in Nahaufnahmen zu sehen ist. Daher ist es irgendwo nachvollziehbar, wenn Filmemacher auf gefälschte Uhren für wenige Hundert Euro zurückgreifen.

Neben Wunderbare Jahre hat Eric Wind übrigens auch den Buchautor Kevin Kwan dabei unterstützt eine Vintage-Rolex “Paul Newman” Daytona für die Verfilmung seines Buches Crazy Rich Asians zu finden – eine der meistgesuchten Uhren überhaupt…

Mehr: Alles nur Fake? 9 Mythen über Replika Uhren

Rolex Daytona „Paul Newman“, Bild: Rolex

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Michael M. (ja, der aus W. an der W)
14. Februar 2022 16:43

Mal davon abgesehen, daß diese Richard-Mille-Uhr der mit sehr großem Abstand scheußlichste Zeitmesser ist, dessen ich jemals angesichtig wurde (leider), sollte doch jemand, der eine Uhr für mehrere hunderttausend Euro am Arm trägt, dringlichst auf seine geistige Gesundheit überprüft werden. Wenn sich jemand als Mensch bezeichnet und auch rudimentäre menschliche Eigenschaften wie Nächstenliebe (nicht die zu Geld und Macht) und Mitgefühl in sich spürt, kann man im Angesicht so vieler hungernden Menschen, in der Hauptsache Mütter und Kinder, wie z.B. im Jemen, in Afghanistan und an vielen anderen Stellen der Welt nicht so unfassbar viel Geld (und extrem schlechten Geschmack) am Handgelenk spazieren tragen.

Diese Menschen leben in für uns reiche Mitteleuropäer unfassbar armseligen Verhältnissen und haben oft nur den sprichwörtlichen Dreck zum Essen. Nicht zu reden von den Menschen, vor allem Kindern, die an relativ einfach (bei uns) zu heilenden Krankheiten sterben, weil es keine Medikamente gibt bzw. weil dafür kein Geld da ist. Dabei könnte das Geld für eine solche Scheußlichkeit vielen Menschen das Überleben sichern. Möglicherweise stehe ich mit meiner Ansicht alleine da unter „Uhrenliebhabern“, aber man kann alles bis zum Exzess übertreiben. Wohlgemerkt, ich will niemandem sein Hobby, seine Liebelei madig machen, Aber irgendwann wird alles mal geschmacklos. Trotz alledem dank an Mario für diesen erhellenden Bericht.

Vielleicht ist dieser „Skull“, dieser stilisierte Totenschädel statt Zifferblatt, ja auch eine Hommage an all die Menschen, die, während der Kapitalismus derart kapitale Auswüchse hat, verhungert sind. Schönen Gruß, sozusagen.

P.S. Wenn in Filmen, vorzugsweise amerikanischen, die Protagonisten ihren Wein schlappen und das Weinglas am Kelch anfassen wie einen Pappbecher bei McDonalds, kriege ich wie Holger die Krise. Ungebildeter Bauer läßt grüßen. Aber das nur am Rande.

Willi H.
17. Februar 2022 10:50

Der Kapitalismus sorgt für ein Überangebot an Waren, der Sozialismus führt zur Mangelwirtschaft! Grundlegende Marktmechanismen und überall auf der Welt zu sehen. Wenn es in Ländern mit der Versorgung nicht funktioniert liegt das immer an den jeweiligen Ländern!
Wenn die Reichen das Geld nicht ausgeben wer soll es dann sonst tun?

Rumburak Klötenschneider
19. Februar 2022 20:36
Antworten...  Willi H.

Super Erklärung! So lässt sich jedes und alles rechtfertigen. Schon mal was von Moral gehört?

Tobias
14. Februar 2022 9:19

Für mich als Uhren- und Filmfan sehr interessant. „Drive“ ist sowieso einer der besten Filme der letzten 15 Jahre. Und als erfolgreicher schwäbischer Regisseur fällt mir gleich Roland Emmerich ein. Sodele.

Holger
13. Februar 2022 13:08

Lieber Mario,
obwohl ich kein Uhrenkenner bin, lese ich Ihre Artikel ausgesprochen gern. Interessant, kurzweilig und gut recherchiert. Vielen Dank. Jeder hat seinen Blickwinkel auf Filme und Ausstattungen. Da ich mich mit Umgangsformen und Kleidungskultur befasse, sehe ich immer auf Kleidung und Stil. Ein geschlossener unterster Sakkoknopf lässt mich genauso schaudern wie ein am Kelch angefasstes Weinglas (und das ist bei amerikanischen Filmen die Regel, nicht die Ausnahme).
Auf der anderen Seite ist es doch genau wie Konrad sagt: Es werden Illusionen erzeugt. Und die Qualität eines Filmes ist (meines Erachtens) nur in geringem Maße abhängig von der Qualität der verwendeten Requisiten. Lieber ein guter Schauspieler mit einer falschen Uhr, als ein schlechter Schauspieler mit einer echten…

Konrad
11. Februar 2022 18:08

Hallo Mario,
danke für den netten Artkel. Wie gewohnt sehr informativ.
Bevor die Uhren Fangemeinde sich aufregt: Warum soll eine Branche, die von der Illusion lebt, eigentlich keine nachgemachten Uhren verwenden? Besonders dann, wenn sie, wie Du richtig bemerkst, nur für Sekunden und unscharf zu sehen sind. Die deutschen Tiger Panzer in „Der Soldat James Ryan“, die immerhin eine Art Hauptrolle spielten, fuhren schließlich auch auf russischen T34 Fahrgestellen. Der Film war dadurch nicht schlechter.