• Beitrags-Kategorie:Tests
  • Beitrags-Kommentare:4 Kommentare
  • Beitrags-Autor:
  • Lesedauer:17 Min. Lesezeit

Blancpain tauchte mit der Bundeswehr, Tudor mit der französischen Marine. Hamilton Field Watches begleiteten Soldaten durch den Zweiten Weltkrieg, IWC flog mit den Luftwaffen Deutschlands und Großbritanniens – Namen, die selbst Menschen kennen, die ihre Zeit sonst am Smartphone ablesen.

Doch nur ein Uhrenhersteller ist seit fast seiner gesamten Existenz offizieller Lieferant der Streitkräfte dieser Welt – und von diesem Unternehmen hören viele Uhrenliebhaber vielleicht zum ersten Mal: ​​die Marathon Watch Company. 

Marathon-Uhren kamen erstmalig 1941 an den Handgelenken kanadischer Soldaten zum Einsatz, die im Zweiten Weltkrieg in Italien kämpften. Seit vielen Jahrzehnten ist Marathon außerdem schwerpunktmäßig für die US Army aktiv – unter anderem mit offiziellen Uhren wie der Marathon Navigator bzw. der Steel Navigator, die auch für Zivilisten erhältlich ist und in diesem Artikel auf dem Prüfstand steht.

Eckdaten Marathon Navigator:

Über die Marathon Watch Co.

Marathon ist keine Marke, die mit Heritage-Geschichten hausieren geht, sich in nostalgischen Reissues verliert oder um Influencer-Hype bemüht ist. Das Unternehmen macht seit fast seiner gesamten Existenz eigentlich fast nur eine Sache, aber dafür sehr konsequent: Professionell Zeit messen, zuverlässig, ohne Allüren. Und genau aus dieser Haltung heraus sind auch die Navigator-Modelle entstanden – Fliegeruhren, die schlicht funktionieren sollen.

Zunächst aber noch ein paar Worte über Marathon: Der heute in Ontario ansässige Uhrenhersteller fliegt wie gesagt ziemlich unter dem Radar. Und dafür gibt es auch einen Grund: Marathon unternimmt traditionell erstaunlich wenig Anstrengungen, die in Richtung klassische Marketingkommunikation, Pressearbeit oder dergleichen gehen. Man könnte fast meinen, die Kanadier behandeln ihre Uhren wie ein gut behütetes Geheimnis.

Die Markenbekanntheit ist bei Otto-Normal-Verbrauchern entsprechend eher gering ausgeprägt, am ehesten noch unter Angehörigen des Militärs, Veteranen und dergleichen – und auch das ist kein Zufall: Die Eigentümerfamilie Wein hat seit jeher fast ausschließlich mit wenigen, zahlungskräftigen Kunden zusammengearbeitet: Regierungsstellen und Verteidigungsministerien, darunter natürlich die von Kanada und anderen verbündeten Ländern.

Die Marathon Watch Company, eine der wenigen unabhängigen, familiengeführten Uhrenmarken weltweit, blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bis ins Jahr 1904 reicht. Ihr Vorgängerunternehmen, die Weinstrum Watch Company, wurde von der Familie Wein gegründet, die sich als Einwanderer ursprünglich in New York City niedergelassen hatten. 1939 führte Familienspross Morris Wein das Familienunternehmen mit der Gründung von Marathon fort. Der Firmensitz befand sich aber nicht in New York, sondern in Montreal, Kanada, wohin die Familie in den 1920er-Jahren gezogen war – damals alles andere als ein Zentrum der Uhrmacherei, aber dennoch offenbar ein funktionierender Ausgangspunkt für die Mission, die das Unternehmen 1941 begann: die Versorgung der alliierten Truppen im Zweiten Weltkrieg mit zuverlässigen und funktionalen Armbanduhren und anderen Zeitmessgeräten.

Die erste Bestellung von Marathon-Uhren kam ganz konkret anno 1941 von der Royal Canadian Air Force (RCAF). Zahlreiche weitere Militäreinheiten weltweit folgten diesem Beispiel, darunter ab den 1970er-Jahren nahezu alle Teilstreitkräfte der US-Streitkräfte.

Bis heute verkauft die vierte Generation der Familie Wein die allermeisten Uhren über Regierungsverträge – sowohl für das Militär (dazu gleich mehr) als auch für zivile Einrichtungen. So kamen Marathon-Uhren beispielsweise auch in provisorisch errichteten US-Krankenhäusern im Rahmen der Bekämpfung der COVID-19-Pandemie zum Einsatz. Die restlichen 10% werden über Marathons eigenen Webshop und einige wenige Distributoren wie Chronofactum (Deutschland) verkauft.

Marathon montierte seine Uhren ursprünglich am Hauptsitz in Kanada, auf der Grundlage von Komponenten aus der Schweiz. Anfang der 1990er-Jahre verlagerte sich die Produktion in das firmeneigene Werk in La Chaux-de-Fonds, einem der traditionsreichsten Zentren der Schweizer Uhrmacherkunst, wo auch heute noch alle Marathon-Uhren gefertigt werden. Lediglich der Designprozess findet weiterhin in Kanada statt.

image 3 12

Regierungsaufträge

Wenn eine Regierung eine Uhr bestellen will, geht es nicht um Stilfragen. Es geht um Liefertermine, Stückzahlen – und darum, ob ein Hersteller liefern kann, wenn es wirklich darauf ankommt. Genau hier entscheidet sich, wer im Spiel bleibt – und wer rausfliegt. Marathon klärt dann insbesondere mit der Produktionsstätte in der Schweiz die Machbarkeit des Auftrages – denn bei einem Regierungsauftrag können schnell mal Mengen im Bereich mehrerer Tausend Stück zusammen kommen. Und Uhrmacher fallen ja bekanntermaßen auch nicht grade vom Himmel.

Laut eines Marathon-Sprechers geben die Regierungsverträge die empfangende Einheit übrigens nicht an, weshalb sich in der Regel nicht genau feststellen lässt, welche Militär-Einheiten welche Uhren verwenden – in den Bestellungen ist meistens lediglich „Verteidigungsministerium“ vermerkt.

Fun Fact am Rande: Der allererste Auftrag für Marathon von der US-Regierung im Jahre 1970 wurde mit einer ziemlich dünnen, fünfprozentigen Marge kalkuliert – und entwickelte sich zum Verlustgeschäft, da Marathon damals wie heute in einer eigenen Fertigungsstätte in La Chaux-de-Fonds, Schweiz, produziert und Währungseffekte einen großen Einfluss auf die Gewinnspanne hatten. Auf lange Sicht war der Auftrag dennoch mehr als lohnenswert – denn es folgten viele weitere.

Marathon Watch Co.: Navigator und die Mil-W-46374 der US Army

Maßgeblich für die Marathon Navigator ist die militärische Spezifikation Mil-PRF-46374 für „General Purpose Wrist Watches“ der US Army, die bereits 1964 mit Beginn des amerikanischen Engagements im Vietnamkrieg eingeführt wurde und seitdem laufend aktualisiert wurde (aktuelle Revision = G). Dieser Standard ersetzte damals die vorherige Spezifikation MIL-W-3818B, von der er die charakteristischen, gut lesbaren Ziffern auf dem Zifferblatt übernahm. Diversen Quellen zufolge spielte bei der Entwicklung der allerersten Marathon Navigator auch anno 1986 eine Zusammenarbeit mit der Kelly Air Force Base in San Antonio, Texas, eine Rolle.

Exkurs: Marathon trifft trigalight

Besonders spannend: Anno 1988 kam es zu einer Änderung der Mil-Spec, bei der klassisch aufgepinselte Tritium-Leuchtfarbe durch eine sicherere Lösung ersetzt werden sollte. Der Stein des Anstoßes dafür geht aus einem Dokument der US-amerikanischen Behörde Nuclear Regulatory Commission (NRC) hervor: Im Jahre 1988 staunte der diensthabende Sicherheitsoffizier in einem Army Depot nicht schlecht als er mit seinem Geigerzähler durch die Lagerhallen schlenderte und dort eine stark erhöhte Radioaktivität feststellte. Die Ursache: Armbanduhren mit Tritium-Leuchtfarbe gemäß der Mil-PRF-46374, damals geliefert vom Hersteller Stocker & Yale.

Die Abteilung Standardization and Specifications der US-Army hat Stocker & Yale daraufhin als Lieferanten erst mal geschasst, da von den Uhren eine gewisse Gesundheitsgefahr ausging. Parallel arbeitete man aber an einer Lösung: Stocker & Yale belieferte die Army nicht nur mit Uhren, sondern auch mit Kompassen – und diese kamen damals schon mit selbstleuchtenden Tritium-Röhrchen von der Schweizer mb-microtec aus Niederwangen anstelle „aufgepinselter“ Tritium-Leuchtfarbe. Die Schweizer Technologie wurde als sicher bewertet, woraufhin die Mil-W-46374 und die entsprechenden Uhren angepasst wurden.

Später trat ein Konkurrent für Stocker & Yale auf den Plan, und zwar – na klar – Marathon: Als im Januar 1991 der Erste Golfkrieg ausbrach, brauchte die US-Armee nicht irgendwann Uhren – sondern sofort. Zwei Hersteller standen bereit. Nur einer konnte schneller liefern: Marathon überquerte als Erster die Ziellinie und erhielt den ersten Auftrag über satte 60.000 Uhren, die gemäß Spezifikation gefertigt wurden. Ein entscheidender Faktor: Marathon bot eine frühere Lieferung als sein amerikanischer Wettbewerber an. Die ersten Marathon 348 Mil-W-46374E Typ 2 kosteten die Armee jeweils rund 50 US-Dollar. An Bord: trigalight-Elemente von der mb-microtec – dazu gleich mehr.

Im Oktober 1991 wurde die Fertigungsspezifikation für Militärarmbanduhren von den Behörden aktualisiert (Mil-W-46374F). Wichtig dabei zu wissen ist, dass moderne Mil-Specs wie die 46374 heute nicht mehr jeden Mikrometer des Uhren-Designs vorgeben. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf die Formulierung von Anforderungen an Robustheit und so mussten die Armbanduhren des Typs 6 zusätzliche Anforderungen in Bezug auf Höhenbeständigkeit, Schutz vor Magnetfeldern sowie Widerstandsfähigkeit gegen Salznebel und Schweiß erfüllen. Außerdem musste die Uhr einem Luftdruck in 35.000 Fuß Höhe mindestens 60 Minuten lang standhalten, ohne Schaden zu nehmen. Die magnetische Schutzklasse wurde von 15,5 auf 125 ± 1 Gauß erhöht – das bedeutet, dass die antimagnetische Uhr keine Minen zur Detonation bringen kann.

Marathon Watch brachte in diesem Zusammenhang die Marathon 211 Navigator mit Kunststoffgehäuse auf die Liste für genehmigte Produkte der US-Armee. Aber auch Stocker & Yale qualifizierte sich mit der SandY P 650 Typ 6 Navigator, einer Quarzuhr mit schwarzem Kunststoffgehäuse und drehbarer GMT-Lünette.

Hier die wesentlichen Anforderungen für Uhren des Typs III, Class 1 in der Mil-PRF-46374, die in der aktuellen Revision „G“ hier im Original abgerufen werden kann:

  • Lünette, um Zeitmessungen vornehmen zu können („elapsed time ring“)
  • Ein schwarzes Band, das einer Zugkraft von 67 ± 2 N (15 ± 1/2 pounds) standhält
  • Erschütterungen bei einem Sturz der Uhr aus 50 cm Höhe
  • Lagerung der Uhr bei -45 °C ± 1,1 °C für 24 Stunden
  • Lagerung der Uhr bei 15,5 °C bis 32,2 °C für 24 Stunden
  • Lagerung der Uhr bei 60 °C ± 1,1 °C und >50% relativer Luftfeuchtigkeit für 24 Stunden
  • Magnetische Resistenz gegenüber 125 ± 1 Gauss für 10 Minuten
  • Funktionsfähigkeit bei 10.700 Metern Höhe für 1 Stunde
  • Resistenz gegenüber Schweiß
  • Ablesbarkeit nach 8 Stunden völliger Dunkelheit
  • etc.

Die Marathon Navigator erfüllt natürlich auch heute noch all die Anforderungen der genannten Mil-Spec und wird daher als offizieller Ausrüstungsgegenstände mit einer Versorgungsnummer (auch NSN = NATO Stock Number genannt) versehen und gelistet, damit diese von der US Army oder eben NATO-Partnern bezogen werden können (konkret: NSN 6645-01-364-4042) – Ausnahmen wie die „Arctic“- oder die „Blue Yonder“-Variante bestätigen die Regel (dazu gleich mehr).

Aber auch als Otto Normalo kann man Marathon Uhren erwerben – und zwar nicht etwa eine „abgewandelte“ zivile Variante, wie das beispielsweise bei der Sinn UX S EZM 2B der Fall ist, die von GSG 9 und KSM in einer speziellen Variante genutzt wird – die Marathon Navigator, die im zivilen Online-Verkauf ist, ist auch exakt die Uhr, die vom Militär genutzt wird.

Dass eine Firma wie Marathon diese military-issued Uhren überhaupt an private Endkunden verkauft, ist alles andere als üblich – in aller Regel muss man sich als Uhrenfreund damit begnügen auf die Pirsch nach ausgemusterten Uhren zu gehen – so wie beispielsweise die Tutima Boccia 728 (C3027), der Einsatzuhr für das KSK und die ISAF-Truppen in Afghanistan, die man nur hin und wieder im freien Verkauf findet (siehe Artikel über Bundeswehr-Uhren von damals bis heute).

Die Marathon Navigator im Detail

Alle Navigator-Varianten kommen in der handgelenkfreundlichen Größe von 41 mm. Charakteristisch ist insbesondere die Gehäuseform: die asymmetrische, leicht „aufgeblähte“ rechte Seite ragt dabei nach außen, um den Kronenschutz zu formen. Die Marathon Navigator kommt in der günstigsten Variante mit einem Gehäuse aus einem schlagfesten Kunststoff-Verbundwerkstoff, hier gezeigt in der Farbe Sage Green (Salbeigrün).

Weitere charakteristische Merkmale sind ferner die Zifferblätter im Militärstil mit 12/24-Stunden-Anzeige (dazu gleich mehr) und die beidseitig drehbare 12-Stunden-Lünette, mit der eine zweite Zeitzone angezeigt werden kann.

Für eine Uhr mit Quarz-Werk ist das Gehäuse mit knapp 11 mm recht hoch, was aber einfach damit zusammenhängt, dass die Lünette gut bedienbar sein muss (was umso schwieriger wird, je flacher die Uhr und je näher die Lünette am Arm ist).

Marathon Steel Navigator Test 1200653

Der Boden der Marathon Navigator ist in allen Varianten aus Edelstahl und trägt einige nüchterne Gravuren wie die ausführlich beschriebene Mil-Spec, die NSN (sofern vorhanden) und dergleichen. Augenscheinlich ist auch, dass sich das Batteriefach direkt, zum Beispiel mit Hilfe einer Münze, öffnen und sich die Batterie somit einfach tauschen lässt (ganz im Sinne eines schnellen, unkomplizierten Service). Auch wegen dieses Mechanismus ist die Wasserdichtigkeit mit 6 bar bei den Kunststoff-Varianten der Navigator nicht überragend – für eine designierte Fliegeruhr aber in Ordnung (laut Marathon Spec Sheet zum Schwimmen geeignet).

image 4

Die Marathon Navigator kommt mit dem ETA F06 Quarzwerk, konkret dem ETA F06.115 HeavyDrive. Wenn man nun den hoffnungslos romantischen Gedanken, dass mechanische Uhrwerke das Nonplusultra sind, einfach mal ablegt, so kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass ein Quarzwerk (nüchtern betrachtet) bei einer Einsatzuhr natürlich die goldrichtige Wahl ist. Denn am Ende des Tages hat ein Quarzwerk natürlich nur Vorteile – darunter eine Top-Präzision (beim F06 -0,3/+0,5 pro Tag) und eine deutlich geringere Anfälligkeit gegenüber Stößen, Magnetismus etc. (mehr über Uhren und Magnetismus). Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass es von der Marathon Steel Navigator auch eine Automatik-Variante mit Sellita SW200-1 gibt.

Aber zurück zum Quarzwerk: Das ETA F06 hat nämlich außerdem einen End of Life (EOL)-Indikator an Bord, der praktischerweise einen anstehenden Batteriewechsel ankündigt, indem der Sekundenzeiger nicht mehr im Sekundentakt seinen Bahnen zieht, sondern alle 4 Sekunden springt. Die Batterielaufzeit beträgt sehr gute 68 Monate mit einer 40 mAh-Batterie, also fast 6 Jahre. Mit einer 55 mAh-Batterie sind es sogar 94 Monate (ca. 8 Jahre).

image 5 4

Marathon Steel Navigator (SSNAV, SSNAV-D)

Die Edelstahl-Navigator-Modelle mit ETA-Quarzwerken sind spürbar hochpreisiger (ca. das Doppelte). Die Besonderheit: Die Gehäuse sind mattiert und parkerisiert. Parkerisieren wurde von der Parker Brothers Metal Finishing Company entwickelt und ist ein Umwandlungsverfahren zur Metallbehandlung, ähnlich dem Brünieren. Parkerisieren wurde erstmals im Zweiten Weltkrieg bei Schusswaffen und anderen Waffen wie Messern angewendet. Der Vorteil: Parkerisieren sorgt für einen höheren Schutz vor Rost und Korrosion.

Darüber hinaus ist die Krone der Steel Navigator verschraubt (bei der Kunststoff-Navigator ist sie nicht verschraubt) und die Wasserdichtigkeit ist mit 10 bar (gegenüber 6 bar) etwas höher. So gut gemacht ich die Kunststoff-Navigator auch finde: Die Edelstahl-Navigator macht haptisch einen merkbar hochwertigeren Eindruck – ob man dies als ausreichend empfindet mit Blick auf den deutlich höheren Preis, muss aber natürlich jeder für sich selbst entscheiden.

Aber auch das Werk bekommt ein Upgrade: Die verbauten thermokompensierten „HeavyDrive-PreciDrive“-Quarzwerke von ETA, hier konkret das ETA F06.412 zeichnen sich durch eine Ganggenauigkeit von +/- 10 Sekunden aus – pro Jahr wohlgemerkt. Das schaffen viele Automatikwerke nicht mal pro Tag. Man hat hierbei übrigens die Wahl zwischen Date und NoDate-Variante (SSNAV-D vs. SSNAV), wobei die mittlere Kronenposition für die Datumsschnellverstellung bei beiden Varianten vorhanden ist („Ghost Position“).

Das Zifferblatt ist bei den meisten Varianten – so wie es die Mil-Spec fordert – mattschwarz. Ausnahmen bestätigen die Regel: Aus dem Rahmen fallen die weiße „Arctic“-Variante oder die tief-dunkelblaue „Blue Yonder“. Letztere weicht außerdem durch ein deutlich schlichteres Zifferblattdesign, das an klassische Diver erinnert, von den Standard-Navigator-Modellen ab. Sowohl die Arctic als auch die Blue Yonder tragen entsprechend auch nicht die oben bereits genannte NSN auf dem Gehäuseboden.

Die Gemeinsamkeit aller Varianten (bis auf die Blue Yonder, wie gesagt): Rundum laufende Stundenziffern, die durch einen Innenring mit den Ziffern 13 bis 24 ergänzt werden. Zitat aus der Mil-Spec 46374G:

„The dial background shall be black; the numbers and graduations shall be white. Arabic numerals 1 through 12 shall be adjacent to and inside the hour marks and arranged in a clockwise direction. Concentric with and adjacent to the numerals 1
through 12, in a smaller font, shall be the Arabic numerals 13 through 24. The 13 shall be adjacent to the 1 o’clock; the 14 shall be adjacent to the 2 o’clock; and continuing until the 24 is adjacent to the 12 o’clock. Manufacturer symbols or identification shall not appear on the dial.“

Aber welcher Mensch braucht eine „Übersetzung“ von beispielsweise 3 Uhr auf 15 Uhr? Nun, das sind global betrachtet eine ganze Menge: Anders als in Deutschland sind es beispielsweise Menschen in den USA gewohnt einfach nur von „3 Uhr“ zu reden, egal ob es Nachts oder Nachmittags ist (3 AM vs. 3 PM). Beim US-amerikanischen Militär ist allerdings traditionell die Rede von 1500 (Fifteen Hundred). Der Innenring soll entsprechend den Soldaten als Hilfestellung dienen, um die Zeit richtig zu „übersetzen“.

Wie von der Mil-Spec ebenfalls gefordert, wird bei vielen (aber nicht allen) Navigator-Varianten auf ein Marathon-Branding (z.B. Schriftlogo) oder sonstigen Schnickschnack verzichtet. Ins Auge sticht stattdessen insbesondere das Warnzeichen für Radioaktivität auf „3 Uhr“ (☢), das da natürlich nicht nur ist, um cool auszusehen – es handelt sich dabei um einen (gesetzlich in den USA vorgeschriebenen) Hinweis auf die mit radioaktivem Tritiumgas (H3) gefüllten Glasröhrchen für die Stundenindizes und den Zeigersatz.

Bei dieser bereits kurz erwähnten hochmodernen, sogenannten GTLS-Technologie (Gaseous Tritium Light Source, Markenname trigalight) ist die Innenseite von Borosilikatglas-Röhrchen mit der am besten ablesbaren Leuchtstoff-Farbe grün (bzw. orange in zentraler Position auf „12 Uhr“ zwecks Orientierung im Dunkeln) beschichtet. Während des radioaktiven Zerfalls des Tritiumgases aktiviert die Beta-Strahlung diesen Leuchtstofff (Phosphor). Mit Tritiumgas gefüllte Röhrchen benötigen keinerlei externe Energiequelle, um sich aufzuladen und Licht abzugeben – anders als bei der gängigen Leuchtmasse Super-Luminova.

Tritium-Röhrchen leuchten außerdem mit Blick auf die Halbwertszeit konstant bzw. durchgängig für rund 10 Jahre (mehr über Tritium-Uhren hier). Marathon war eine der ersten Uhrenhersteller, welcher auf die GTLS-Technologie gesetzt hat. Besonders beeindruckend ist das Mini-Tritium-Röhrchen auf der zentralen Position der Lünette (siehe Bilder). Die GTLS-Röhrchen lassen sich übrigens gegen eine Servicegebühr auch wechseln, wenn diese an Leuchtkraft verlieren.

Neben dem Warnzeichen für Radioaktivität auf dem Zifferblatt, weist auch eine Gravur auf dem Gehäuseboden auf den Einsatz radioaktiven Materials hin: „26 MILLICURIES“, wobei Millicuries die Einheit für die Aktivität eines radioaktiven Stoffes ist. Darüber hinaus befindet sich auf dem Boden der Code „NRC ID: 54-28526-01E.“, der von der United States Nuclear Regulatory Commission vergeben wird und Hersteller identifiziert bzw. ausweist, welche die Lizenz haben, um radioaktive Materialien zu verarbeiten.

Wie es sich für eine Militäruhr gehört, kommt die Marathon Navigator in der Kunststoffvariante an einem klassischen, schwarzen, reißfesten Nylonband im „Single Pass Nato Strap„-Stil – allerdings anstelle von Stahl-Hardware mit einem breiten, feststehenden Keeper aus Nylon. Spannend: sogar das Band folgt einer eigenen Mil-Spec, konkret der MIL-S-46383B, Type III (hier im Original abrufbar).

image 5
Auszug aus der MIL-S-46383B

Gleichzeitig lädt die Navigator auch zu Bandexperimenten ein – die Uhr ist eine wahre „Strap Queen“, wie man so schön sagt. Man beachte allerdings: Die Stege bei der Kunststoffvariante sind fix, d.h. nicht entnehmbar. Dadurch lassen sich keine zweiteiligen Bänder, also nur Durchzugsbänder bzw. NATO-Straps anbringen – und zwar nur solche, die nicht am Ende noch besonders verstärkt sind wie das beispielsweise bei manchen Bändern von RSM Straps der Fall ist (da der Platz zwischen Steg und Gehäuse einfach etwas knapp bemessen ist).

Die Steel Navigator-Modelle kommen teilweise auch am hochwertigen, geruchsfreien Kautschukband (schön: Den Kautschuk-Varianten liegt auch noch eine Bandhälfte in einer längeren Ausführung bei, wodurch die Uhr so ziemlich jedem passen dürfte). Die Steel Navigator sieht naturgemäß aber auch am Nato Strap ziemlich sexy aus: Die hier im Artikel gezeigten Camo-Bänder sind allesamt von RSM Watch Straps, gegründet 2019 in Singapur. Eine Besonderheit bei den Zulu- und den 2-Piece-Bändern: Die Hardware kommt in rustikalem Used Look („distressed“). Als Material kommt dabei eine galvanisch beschichteten Zinklegierung zum Einsatz. Die Single Pass-Bänder hingegen, wie hier gezeigt bei der Kunststoff-Navigator, kommen hingegen mit klassischer Edelstahl-Optik, wahlweise in PVD-Beschichtung. Optik in jedem Fall: Eins mit Sternchen – und perfekt passend zum militärischen Charakter der Navigator.

Fazit / Marathon Navigator in Deutschland kaufen

Viele Uhrenhersteller bemühen sich mit Kräften darum zu kommunizieren, Ausrüster dieser oder jener (militärischen) Einsatzkräfte zu sein oder zumindest eine Einsatzuhr „gemeinsam entwickelt“ zu haben. Das überrascht nicht wirklich: Tatsächlich im Einsatz getragenen Uhren wird gerne nachgesagt, dass diese besonders robust und zuverlässig sind. Oftmals sind die Hinweise der Uhrenhersteller auf die (angebliche) offizielle Belieferung von Einsatzkräften aber ohne wirkliche Substanz.

Die Marathon Navigator ist das genaue Gegenteil: Das Modell wurde mit Blick auf reine Funktionalität entwickelt, um in großen Mengen in hoher Qualität und zu einem (für Regierungen) akzeptablen Preis produziert zu werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Ähnlich wie in anderen Armeen weltweit üblich, zeigen Recherchen, dass die meisten Soldaten heutzutage ihre Uhren selbst kaufen (müssen). Benötigt die jeweilige Einheit jedoch spezielle Ausrüstung, beschafft sie entsprechend Uhren für ihr Personal. Das ist heute aber eher die Ausnahme, als die Regel. Und: Mit der zuverlässigen und erschwinglichen G-Shock mitzuhalten, ist sicherlich eine Herausforderung. Solange jedoch für bestimmte Aufgaben zweckgebundene Uhren nach staatlichen Vorgaben erforderlich sind, wird Marathon diese ziemlich sicher weiterhin zur Stelle sein.

Die Marathon Navigator ist zum Preis ab 488€ beim offiziellen deutschen Fachhändler Chronofactum erhältlich.

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei FacebookInstagram, YouTube oder

Auch über WhatsApp kannst du immer auf dem neuesten Stand bleiben – jetzt abonnieren:

DSxOAUB0raA (1)

Darüber hinaus freue ich mich über Kommentare immer sehr (Kommentare werden in der Regel innerhalb kurzer Zeit geprüft und freigeschaltet). Vielen Dank!

Abonnieren
Benachrichtige mich bei...
4 Kommentare
Neueste Kommentare
Älteste Kommentare Kommentare mit den meisten Votings
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Andreas Krause
6 Monate zurück

Gezeigt und besprochen wird die Saphir Version der Navigator. Die trägt zwar eine NSN, ich frage mich aber ob nicht lediglich die wesentlich preisgünstigere Plexiglas Version vom Militär ausgegeben wird / wurde. Wurde weil inzwischen kaum noch Uhren offiziell als Ausrüstungsgegenstände ausgegeben werden. Weshalb viele offiziellen Militäruhrhersteller wie Marathon oder CWC den privaten als Ersatz für den militärischen Markt beliefern, was früher nicht getan wurde.

P.R.
3 Jahre zurück

Wie immer ein sehr ausführlicher und sensationell bebilderter Bericht über eine meiner Meinung nach total überteuerte Uhr. EUR 130,- sind wirklich ein Schnäppchen und ein angemessener Preis. Mehr würde ich niemals dafür investieren. Derzeit auf Ebay einziges Angebot !!!!!EUR 750,-!!!!! für dieses fragwürdige Objekt. Trotz allem sind deine Berichte immer, aber wirklich immer, so fantastisch beschrieben und bebildert, dass man selbst bei dieser Uhr glaubt es sei eine Besonderheit und ihr Geld wert. Nichts für ungut, da ziehe ich allemal eine KHS Reaper MKII vor, die schon für 249,-EUR angeboten wird und bei weitem besser verarbeitet ist. Und wer es ganz preiswert möchte : Lumi Time EUR 149,- Edelstahl /100m/ Zeiger und Ziffern mit H3 Tritiumröhrchen und Datum.
Mit besten Grüßen

Uwe aus Köln
3 Jahre zurück

Das ist ein umfangreicher Bericht über die Uhr,
ich besitze ein solches Modell – klein, leicht und im Sommer sehr bequem zu tragen.
Noch drei weitere Uhren mit dieser Licht-Technik sind in meinem Besitz.
Also – die Intensität der Leuchtröhrchen ist bei den anderen Uhren etwas besser,
und hier bei Marathon ist der Sekundenzeiger nach einigen Monaten plötzlich stehen geblieben,
ich trage die Uhr nur Nachts im Bett,
die Batterie war nicht leer, sondern hatte mehr Volt-Spannung als vorgesehen,
der deutsche Händler hat die Uhr ( Uhrwerk ? ) getauscht, läuft also wieder.
ich hatte in 50 Jahren schon viele QuarzUhren, davon hat noch keine einfach so den Betrieb eingestellt.
Grüße aus Köln an alle UhrenFreunde

Frank T. aus MZ
3 Jahre zurück

Hi Mario, diese MARATHON hatte ich als Freund funktioneller Armbanduhren und der genialen Trigalight-Technik freilich auch schon beäugt. In erster Linie ist sie mir mit Drehlünette und 41mm Durchmesser zu klein. Zudem besteht sie leider aus viel Plastik. Die TRASER P66 Type 6 Mil-G und gleicher Mil-Spec halte ich für das bessere Angebot, zumindest für Menschen mit Armen ab ca. 18,5cm Umfang an der Uhr. Die P66 besitzt einen Edelstahlcontainer, der durch ein Polymerskelett geschützt ist, die Verschraubung ist Stahl in Stahl und die Drehlünette besteht ebenso aus Metall. Imo der perfekte Materialmix für eine „Einsatzuhr“, okay 1 bis 2mm kleiner und die P66 würde mehr Menschen passen. Danke für den tollen Review! Schönen Gruß, Frank