Rundes Gehäuse, drei Zeiger, Datum oder vielleicht noch eine kleine Komplikation wie ein Chronograph – echte (Design-)Neuheiten findet man in der Uhrenwelt eher selten. Und dann kommt eine Uhr wie die SpaceOne Worldtimer um die Ecke und reißt einen aus dieser horologischen Komfortzone: Keine Zeiger, kein klassisches Zifferblatt, dafür rotierende Scheiben, kuppelartige Fenster, verschiedene Ebenen – alles verpackt in einem Gehäuse, das mehr nach Raumschiff als nach Armbanduhr aussieht.
Wenn man die bisherige Entwicklung der Marke verfolgt hat, überrascht die neue Worldtimer allerdings auch nicht wirklich: Das Einstandsmodell Jumping Hour (2023) war schon alles andere als konservativ gestaltet, genauso auch das zweite Modell aus Paris, die Tellurium (alle übrigens limitiert und restlos ausverkauft).
Mit der neuen Worldtimer kehrt SpaceOne nun quasi wieder zur Erde zurück – mit einer Weltzeit-Komplikation samt irdischem Städtering, wobei SpaceOne das Modell nicht als klassisches Reisewerkzeug für Vielflieger interpretiert, sondern vor allem als visuelles Erlebnis.



Eckdaten SpaceOne Worldtimer:
- Gehäuse: 41,9 mm x 52,7 mm x 15,88 mm
- Gehäuse aus Titan Grad 5
- Zifferblatt mit Drehscheibenanzeige
- Wasserdichtigkeit: 30 m (3 bar)
- Kaliberbasis Soprod P024, Automatik, hauseigenes Weltzeitmodul, Frequenz: 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (4 Hz), Gangreserve: 38 Stunden, Funktionen: Stunden, Minuten, Sekunden, Weltzeit
- Armband: Textil/Leder
- Preis: 3200€ über den Fachhändler chronofactum.com
SpaceOne Worldtimer im Hands-On
SpaceOne ist eine noch recht junge Marke, hinter der aber ein bekanntes Gesicht steht: Der Uhrenunternehmer Guillaume Laidet, den ich im Rahmen der Inhorgenta 2025 persönlich kennenlernen durfte, und den Uhrenfreunde insbesondere vom Comeback der Marke Nivada Grenchen kennen. Auch Vulcain drückt Guillaume seinen Stempel auf.
An Bord als Mitgründer ist auch der junge, unabhängige Uhrmacher Théo Auffret (hier übrigens im Detail portraitiert bei A Collected Man): Sein Name taucht im Zusammenhang mit der SpaceOne WorldTimer gerne zwar mal „nur“ als Entwickler des Moduls auf, dabei bringt er einen bemerkenswerten Werdegang mit, den man auch in der Uhr spürt. Auffret ist ausgebildeter Uhrmacher, der sein Handwerk unter anderem an Uhrmacherschule in Morteau gelernt hat. Früh machte er unter anderem durch den Gewinn des F.P.-Journe-Young Talent-Wettbewerbs anno 2018 mit einem selbst entwickelten Tourbillon auf sich aufmerksam. Seine erste Eigenkreation, der Tourbillon à Paris (Preis: 114.000 CHF), war dabei für den GPHG-Award nominiert.
Nach Tätigkeit in der Schweiz kehrte Auffret nach Paris zurück. Während der COVID-19-Pandemie wagte er schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute betreibt er sein eigenes Atelier in der Nähe von Paris und baut dort Uhren im Ultraluxusbereich.


Das Duo Laidet/Auffret setzt seinen Kurs auf stringente Weise mit der Einführung ihres dritten Modells fort: der SpaceOne WorldTimer. Nach der Jumping Hour (2023) und der Tellurium (2024) erweitert die SpaceOne WorldTimer die Design- und Techniksprache der Marke und bietet eine futuristische, scheibenbasierte Neuinterpretation der klassischen Weltzeitkomplikation. Erneut mit im Boot: Designer Olivier Gamiette, seines Zeichens hauptberuflich Lead Exterior Designer bei Peugeot.



Der erste Blick auf die SpaceOne Worldtimer ist, um ehrlich zu sein, etwas überfordernd. Links, rechts, unten – überall passiert etwas. Dort, wo man sonst Zeiger erwarten würde, drehen sich Scheiben. Rechts laufen Minuten und Sekunden, unten sitzt eine separate 12-Stunden-Scheibe.
Und links liegt das Herzstück: zwei übereinanderliegende Scheiben mit den Namen der 24 der wichtigsten Städte der Welt, die jeweils eine Zeitzone repräsentieren, und eine dazugehörige 24-Stunden-Einteilung, über die sich die Weltzeit ablesen lässt. Am Ende des Tages handelt es sich gewissermaßen um eine Interpretation einer Regulatoranzeige, nur eben im futuristischen Stil. Gleichzeitig erinnert die Darstellung auch ein bisschen an die „digitale“ Ruhla Scheibenuhr.
Klingt kompliziert? Ist es am Anfang auch ein bisschen. Aber nach relativ kurzer Zeit ist man an die unorthodoxe Zeitdarstellung gewöhnt. Sobald man verstanden hat, welche Anzeige was macht, liest sich die Uhr durchaus intuitiv. Nicht unbedingt schneller als bei einer Weltzeituhr mit klassischen Zeigern, aber bewusster. Man schaut hin, denkt kurz nach – und genau das ist sicherlich gewollt.
Das länglich geformte Gehäuse trägt seinen Teil zu diesem Eindruck bei: Es vereint mit seiner asymmetrischen Gestaltung Science-Fiction- und Raumschiff-Einflüsse mit Anklängen an Automobildesign.




Das zum Einsatz kommende Titan Grad 5 mit polierten, gebürsteten und sandgestrahlten Oberflächen passt dabei perfekt zum Modell, denn Titan kommt insbesondere in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz. Ein entscheidender Vorteil von Titan ist seine hohe spezifische Festigkeit – das heißt, es bietet eine hohe Belastbarkeit bei gleichzeitig niedrigem Gewicht. Dies ist besonders wichtig in der Luft- und Raumfahrt, da eine Reduzierung des Gewichtes zu Kraftstoffeinsparungen führt und die Effizienz steigert. Gleichzeitig sorgt die Festigkeit von Titan dafür, dass kritische Bauteile wie Tragflächen, Fahrwerke und Fahrwerkshalterungen sicher und langlebig sind.
Dazu ein konkretes Beispiel: Das japanische Unternehmen ispace hat Ende 2022 den Mondlander „Hakuto-R“ mit einer Rakete vom Typ Falcon 9 des US-Raumfahrtunternehmens SpaceX auf den Weg geschickt – und dessen Beine sind aus Titan gefertigt. Leichte und gleichzeitig belastbare Materialien wie Titan waren dabei erforderlich, damit die Landebeine dem Aufprall einer Mondlandung standhalten.






Was gut für einen Mondlander ist, kann auch für eine Uhr nicht so verkehrt sein, oder? Dass Uhren mit Gehäusen aus Titan Grad 5 nicht nur etwas härter und damit kratzfester als Edelstahl, sondern auch deutlich leichter sind (4,5 g/cm³ vs. 8,0 g/cm³), hat sich längst rumgesprochen – und letzteres zahlt natürlich auch auf den Tragekomfort ein, vor allem mit Blick auf die Abmessungen der SpaceOne Worldtimer, die auf knapp 50 Millimeter in der Breite (ohne Krone) kommt – auf dem Papier ist das zugegebenermaßen eher abschreckend.
Am Handgelenk relativiert sich das Ganze jedoch signifikant. Dank Titan bleibt das Gewicht angenehm niedrig (unter 90 Gramm), und das Maß von knapp 42 mm über die Hörner sorgt dafür, dass die Uhr beim durchschnittlichen Herrenhandgelenk nicht über das Handgelenk hinausragt. Die in den Spezifikationen der Uhr angegebene Höhe von 13,8 mm bezieht außerdem das stark hochgewölbte, kuppelartige Saphirglas der Stunden-Anzeige (unten) mit ein – das eigentliche Titangehäuse ist deutlich flacher.

Die Uhr ist zweifellos groß, besitzt aber eine gewisse Ergonomie, die man einfach selbst erleben muss, um zu entscheiden, ob die Proportionen zum eigenen Handgelenk passen. Es gibt kaum eine Uhr auf dem Markt mit einem vergleichbaren Tragegefühl. Grundsätzlich kann man aber meiner Meinung nach ruhigen Gewissens sagen: Wenn man normalerweise Uhren mit Pi mal Daumen 42 mm Durchmesser tragen kann, kann man auch die SpaceOne Worldtimer problemlos tragen. Zum Vergleich: Mein Handgelenkumfang beträgt in etwa 18 cm und da passt die Uhr ganz wunderbar.



Basiskaliber + Manufakturmodul
Im Inneren arbeitet mit dem Soprod P024 ein solides, bekanntes Automatikwerk auf der Basis des aus dem Patentschutz gelaufenen ETA 2824-2. Soprod sitzt im Jura, gut zwei Stunden von Genf entfernt, also mitten in einer der Schweizer Uhrmacherhochburgen. Gegründet wurde das Unternehmen anno 1966 und nachdem der spanische Geschäftsmann Rodriguez anno 2004 bereits die Marke Perrelet übernommen hatte, investierte er 2008 weiter im Bereich mechanischer Uhren, indem er die SFT Holding S.A. übernahm, zu der eben unter anderem der Werkehersteller Soprod gehörte. Soprod heißt heute offiziell Festina Soprod Suisse S. A. und produziert an fünf Standorten in der Schweiz: Les Reussilles, Le Sentier, Muriaux, Saignelégier und Sion. Darüber hinaus unterhält Soprod eine weitere Fertigungsstätte im französischen Juraort Maîche.
Statt das Rad neu zu erfinden, nutzt man bei SpaceOne also eine bewährte technische Basis und baut darauf etwas Eigenständiges auf: Die eigentliche Magie passiert nämlich durch das hauseigene Modul, das dem Schweizer Basiskaliber die prominent platzierte Weltzeit-Komplikation ermöglicht – entworfen von (na klar) Théo Auffret, montiert in Paris. Für eine junge Marke wie SpaceOne ist – und das sei einfach hier betont – eine solche (Teil-)Manufakturkonstruktion keine Selbstverständlichkeit und einer der spannendsten Aspekte der SpaceOne Worldtimer.
Das Einstellen der Uhrzeit bzw. der Weltzeit erfolgt dabei über die Krone mit drei Positionen – aufziehen, Städtering verstellen, Zeit setzen (Scheiben für Minuten rechts und Stunden unten, auch der Weltzeit-Zeitring läuft gleichzeitig mit). Auch hier wieder: Das ist ungewohnt, aber logisch umgesetzt. Nach ein, zwei Durchläufen funktioniert das ohne großes Grübeln.



Abschließende Gedanken
Die WorldTimer wirkt mit ihrer Science-Fiction-DNA konstruktiv absolut durchdacht, das Layout ist einzigartig und bietet ein kleines mechanisches Schauspiel – Zeit wird hier nicht nur angezeigt, sondern zelebriert.
Natürlich ist nicht alles „eitel Sonnenschein“: 30 Meter Wasserdichtigkeit sind eher symbolisch, unter ein knackig sitzendes Hemd passt die Uhr nur mit gutem Willen, und das Design polarisiert. Wer klassische Weltzeituhren liebt, wird hier vermutlich nur kopfschüttelnd weiterziehen. Und: 3.200 Euro sind kein Schnäppchen. Aber gemessen an dem, was man bekommt – Titan Grad 5, ein Manufakturmodul, ein durchdachtes und hochgradig eigenständiges Gesamtkonzept – wirkt der absolut Preis nachvollziehbar. Wenn man eine vergleichsweise erschwingliche Alternative zu Ultraluxusmarken wie MB&F oder De Bethune sucht, ist SpaceOne definitiv einen Blick wert. Als Alternative fällt mir spontan auch noch die BA111OD CHPTR_Δ mit Deltoid-Anzeige ein.
Denn am Ende ist die SpaceOne WorldTimer der Gegenentwurf einer Alltagsuhr. Sie will nicht jedem gefallen, sie ist groß und ein bisschen nerdig. Aber genau darin liegt ihr Reiz. Für Uhrenfreunde, die genug von „und täglich grüßt das Murmeltier“ haben und Lust auf etwas wirklich Anderes verspüren, könnte das Modell genau der richtige „Störfaktor“ im Uhrenalltag sein. Und manchmal ist genau das ja das, was man sucht.





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Interessant, wie stark diese Uhr polarisiert.
Um zu entscheiden, ob ich sie mir kaufen würde, müsste ich sie in natura und am Handgelenk gehabt haben.
Aber auf jeden Fall ist es meiner Meinung nach eine hoch interessante Uhr und wenn man nur ein Gerät zur einfachen und genauen Zeitanzeige haben will, reicht heute das Smartphone aus.
Insofern vielen Dank für die ausführliche Besprechung.
Dazwischen liegt noch die Möglichkeit einer schönen Uhr, eines geschmackvollen Zeitmessers, der die Möglichkeit bietet, die Zeit abzulesen ohne Turnübungen zu machen.
Irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in vielerlei Hinsicht, nicht nur politisch, die Zeit der Bekloppten und Durchgeknallten gekommen ist.
Galt vor Jahrzehnten noch vielerorts der Grundsatz „Form follows function“, eigentlich ein unverzichtbarer Grundsatz für gutes Design, scheint die Zeit mittlerweile einen Sprung gemacht zu haben. Einen Sprung hin zu teurem und sehr teurem Blödsinn, ein untrügliches Zeichen für eine übersatte dekadente Gesellschaft, die ihres Überflusses überdrüssig geworden ist und statt einer gerechteren Verteilung ihr Heil und ihre Befriedigung im Unsinn sucht.
Gerade im Uhrenbereich ist das mehr als deutlich zu erkennen. Hier noch in der relativ harmlosen Variante, ziemlich daneben zwar, aber noch zu einem verhältnismäßig überschaubaren Preis, am anderen Ende der Spirale diese potthässlichen und völlig durchgedrehten Elaborate eines Richard Mille im sechsstelligen (!) Bereich. Oder noch mehr.
Auch wenn es zwischen der hier vorgestellten Uhr (?) und diesem RM-Grauen eine große Spanne gibt, sind sie doch zwei Seiten derselben Medaille.
Gesellschaften, die in einem derart dekadenten Überfluss gelebt haben, waren in der Vergangenheit stets dem Untergang geweiht. Aber angeblich wiederholt sich Geschichte nicht (😆) und außerdem sind das hier nur die unnützen Gedanken eines alten Meckerfritzen. Aber natürlich ist jeder Jeck anders und jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Nun ja, könnte man wahlweise in die Scheiben Scherblätter einsetzen und dem Teil einen entsprechenden Antrieb verpassen – Uhr und Rasierapparat in einem 🙂
Spass muss sein …..
Peter
Nicht geschenkt will ich so ein Teil
Und ich finde den Preis für das Gebotene mehr als korrekt. Vor allem im Vergleich zu den üblichen Luxusmarken, bei denen mindestens 75% des Preises auf den Markennamen zurück gehen.
Mindestens 75%. Wenn nicht sogar 80 oder 90%. Am Ende bekommt man für sein gutes Geld nur eine Uhr aus guter Schweizer Schokolade. Man muss schon sehr aufpassen.
Für ein mechanisches Spielzeug, bei dem es umständlich möglich ist, die Zeit abzulesen – einfach nur überteuert.
Jeder wie er will und kann.
Ich finde dieses Teil überflüssig wie ein Kropf.
Dito!