Moser Cie Nature Watch

Nachhaltige Uhren: Der Tropfen auf dem heißen Stein

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Ökologisches Handeln und Nachhaltigkeit sind spätestens seit der stets grimmig dreinschauenden Umweltaktivistin Greta Thunberg verstärkt in das Bewusstsein der Menschen gelangt. Zwar sind insbesondere hochwertige mechanische Uhren per se vergleichsweise nachhaltig (jedenfalls deutlich nachhaltiger als Smartwatches, die nach wenigen Jahren reif für den Elektroschrott sind) – dennoch entdecken viele Uhren-Hesteller verstärkt das Thema nachhaltige Uhren für sich.

Allerdings: Es ist nicht alles so nachhaltig und ökologisch, wie es die Uhrenhersteller den Kunden weismachen wollen. In diesem Artikel werfen wir daher einen kritischen Blick auf die Nachhaltigkeit von Holzuhren und Golduhren. Außerdem beleuchten wir kritisch die Bemühungen diverser Schweizer Uhrenhersteller um Klimaneutralität und den Einsatz von recycelten Materialien in der Uhren-Produktion…

Nachhaltige Uhren: Der (Un)sinn von Holzuhren

Holzuhren und Nachhaltigkeit – das müsste doch eigentlich ziemlich gut zusammenpassen, oder? Holz ist schließlich ein nachwachsender Rohstoff! Nun, diesen Nachhaltigkeits-Gedanken versuchen zumindest die allermeisten Holzuhren-Marken, die in den letzten Jahren wie Unkraut aus dem Boden geschossen sind und ein Stück vom (Baum-)Kuchen abhaben wollen, ihren Kunden zu verkaufen:

  • Aufforstungs-Versprechen (x Bäume für jede verkaufte Uhr),
  • Aussagen über Spenden an gemeinnützige Organisationen (teilweise Wischiwaschi oder einfach nur verschwindend gering wie im Falle von Holzkern: „[…] für jede verkaufte Uhr 1€ für Aufforstungsprojekte in Nicaragua […]„) und
  • Bilder von wunderschönen naturbelassenen Wäldern

… sind scheinbar das absolute Pflichtprogramm in der Marketingkommunikation einer jeden Holzuhrenmarke. Wer da wohl bei wem abkupfert? Man weiß es nicht 😉

Ihr habt es sicherlich schon bemerkt: Ich bin absolut kein Fan von Uhren mit einem Gehäuse komplett aus Holz – im Wesentlichen aus drei Gründen:

Erstens ist Holz naturgemäß vergleichsweise weich und anfällig für Wasser – was bringt es mir, auch im Sinne der Nachhaltigkeit, wenn eine Holzuhr nach ein paar Jahren Tragezeit für die Tonne ist? Natürlich ist die Stahlindustrie auch nicht grade bekannt für Klimaneutralität (immerhin gibt es auch schon Initiativen für „Grünen Stahl„), ein Edelstahlgehäuse ist aber quasi unkaputtbar und für die Ewigkeit.

Zweitens werden Holzuhren in vielen Fällen von battriebetriebenen Quarz-Werken angetrieben. Das ist – mit Blick auf die Nachhaltigkeitsversprechen der Holzuhren-Hersteller – einfach nur paradox und entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik (demgegenüber lässt sich ein hochwertiges mechanisches Werk über Jahrzehnte problemlos reparieren).

Drittens kommen Holzuhren primär aus Fernost. Holzuhren haben also in aller Regel Tausende von Kilometern Transportweg hinter sich, bevor sie an die Handgelenke zahlungswilliger Kunden kommen. Oder anders gesagt: Man braucht sich als Kunde nicht der Illusion hinzugeben, dass man heimische Birken, die von der Schwarzwälder Holzmanufaktur um die Ecke zurechtgesägt wurden, am Handgelenk spazieren trägt.

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Immerhin: die Marke Kerbholz geht offen mit der Herkunft aus dem Uhrenproduktionscluster schlechthin, dem chinesischen Shenzhen, um.

Mehr Schein als Sein? Die Nachhaltigkeit von Gold-Uhren und der RJC

Golduhren sind heutzutage (im Vergleich zu Stahl) eher ein Nischenprodukt – und dennoch setzen insbesondere Luxusuhrenhersteller wie Breitling, Omega, IWC & Co. nach wie vor auf Gold für Gehäuse und andere Komponenten (z.B. vergoldete Teile des Uhrwerkes, vergoldete Zeiger etc.).

Das Problem: Nachrichten über Umweltschäden im Zusammenhang mit Goldminen bzw. dem Abbau von Gold wie beispielsweise mit Schwermetallen verseuchtes Trinkwasser in Kolumbien oder hunderttausende gefällte Bäume in der Türkei drücken natürlich auf die Stimmung beim Golduhrenkauf.

Einige Uhren-Hersteller wollen daher kommunikativ gegensteuern – IWC schreibt beispielsweise: „IWC und all unsere Gold-, Diamanten- und Platinmetall-Lieferanten sind im Besitz der Code of Practices Zertifizierung des Responsible Jewellery Council (RJC).“

Klingt doch toll, oder? Schauen wir mal genauer hin: Das RJC wurde 2005 mit dem Ziel gegründet „verantwortungsvolle ethische, menschenrechtliche, soziale und umweltschonende Arbeitsweisen auf transparente und nachvollziehbare Art zu stärken“ – was auch immer dieser schwammige Satz im Detail bedeuten mag, denn allzu viele konkrete (!) Ansatzpunkte zur Umsetzung findet man nicht in den Standards des RJC.

In einem kritischen Artikel ging die englische Zeitung The Guardian vor ein paar Jahren auf das RJC ein: So habe eine internationale Koalition von Gewerkschaften und Umwelt-NGOs (darunter Earthworks, Mining Watch Canada und United Steelworkers) eine umfassende Überarbeitung der RJC-Standards gefordert: In einem 124-seitigen Bericht mit dem Titel „Mehr Schein als Sein“ behauptet die Gruppe, dass es offensichtliche Versäumnisse gebe wie beispielsweise…

  • keine konkreten Grenzwerte für die Luft- oder Wasserverschmutzung,
  • kein konkret formuliertes Verbot für Aktivitäten in Krisengebieten,
  • keine Verpflichtung der RJC-Mitglieder, die vorherige Zustimmung indigener Völker einzuholen,
  • keinerlei Abstimmung mit gemeinnützigen Organisationen,
  • ein Vorstand, der sich ausschließlich aus Angehörigen der Industrie zusammensetzt und zivile Stimmen damit ausschließt.

Die Uhrenhersteller scheint das nicht zu stören: Neben IWC wurden viele weitere Unternehmen in den letzten Jahren durch das RJC zertifiziert, darunter Moser & Cie, Citizen, Hublot oder Omega. Es ist ja schließlich auch bequemer, wenn es keine lästigen verbindlichen Regeln gibt, die bei einer RJC-Zertifizierung erfüllt sein müssen…

Nachhaltigkeit und Klimaneutralität in der Uhren-Produktion

Klickt man sich durch einschlägige Medienportale, so stolpert man verstärkt über das Stichwort CO2-neutrale Produktion (Carbon-free Production) oder auch klimaneutrale Produktion. Es geht dabei schlicht und ergreifend um die Reduzierung des CO2-Fußabdruckes, den jede Firma bei ihrer unternehmerischen Tätigkeit hinterlässt – zum Beispiel durch Dienstreisen, Veranstaltungen oder die Produktion an sich (Rolex beispielsweise produziert seinen Stahl selbst).

Die Faustregel bei der Klimaneutralität lautet, dass ein Unternehmen innerhalb seiner Wertschöpfungskette und seines Energiebezugs keine Treibhausgase verursachen darf. Sollten sich bei bestimmten Prozessen klimaschädliche Emissionen nicht vermeiden lassen, so müssen sie vollständig ausgeglichen werden. Das schließt alle menschlichen Aktivitäten (z.B. Geschäftsreisen) und das Verwenden von Brennstoff mit ein.

Ihr könnt es euch schon denken: Ein paar E-Autos in den Firmen-Fuhrpark nehmen – damit ist es meistens nicht getan 😉 Schauen wir uns also mal ein paar Beispiele an.

Das 2018 eröffnete neue Manufakturzentrum des Schweizer Uhrenherstellers IWC beispielsweise wird komplett mit erneuerbarer Energie betrieben. Sonnenblenden und die Wärmerückgewinnung aus den Produktionsprozessen sollen ebenfalls zum Umweltschutz beitragen. IWC sagt weiter: „Wir sind bestrebt, Abfall zu reduzieren, und haben kleinere, qualitativ hochwertige Verpackungen eingeführt, die aus 90 % weniger Kunststoff bestehen als unsere vorherigen Uhrenboxen. Als Vorreiter in unserer Branche haben wir die globale Verpflichtung der Ellen MacArthur Stiftung für New Plastics Economy unterzeichnet.“

Ein weiteres Beispiel: Nach fast fünf Jahren Bauzeit weihte die Swatch-Gruppe (Omega, Tissot, Certina etc.) ihren neuen Hauptsitz in Biel ein – eine der weltweit grössten Holzkonstruktionen aus der Feder des japanischen Star-Architekten Shigeru Ban. Swatch hat Holz als primären Baustoff nach eigenen Aussagen „aufgrund seiner ökologischen und nachhaltigen Eigenschaften“ gewählt. Gut: Das Holz für den Bau stammt nach Aussagen der Swatch-Gruppe ausschließlich aus Schweizer Wäldern und hat damit nur wenige Kilometer Transportweg hinter sich.

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Weitere Maßnahmen wie…

  • Solarstrom aus einer Photovoltaikanlage,
  • eine Geothermie-Anlage (Grundwassernutzung zur Beheizung und Kühlung des Gebäudes),
  • E-Bikes und Ladestationen,
  • intelligente Verdunkelungen und Verglasungen und
  • ein papierloses Büro

…sollen die CO2-Bilanz der Swatch-Gruppe im laufenden Betrieb verbessern.

Auch Moser & Cie. hat 2019 angekündigt, CO2-neutral arbeiten zu wollen. Moser & Cie.-typisch wurde zu diesem Zweck aber nicht einfach nur eine nüchterne Pressemitteilung herausgegeben: Die Schweizer haben mit der Nature Watch im Jahre 2019 eine mit Moos und einheimischen Pflanzen bewachsene Uhr der Presse präsentiert. Diese verrückte Uhr reiht sich nahtlos in die ironische und teilweise bissige Marketingkommunikation ein, für die Moser & Cie. bekannt ist. Leider handelt es sich um ein Einzelstück 😉

Nachhaltige Uhren-Materialien: Plastikmüll aus den Ozeanen

Alpina Seastrong Diver Gyre Automatic mit einem Gehäuse aus recycelten Fischernetzen

Der Schweizer Uhrenhersteller Alpina hat Mitte 2020 im Rahmen der Seastrong-Modellreihe eine neue, auf 1883 Exemplare limitierte Taucheruhr mit Schweizer Sellita SW-200 Automatikwerk (Kaliber AL-525) lanciert. Das Besondere: Das Gehäuse besteht zu 70% aus einem Polymer-Komposit, welches aus recycelten Fischernetzen aus dem Indischen Ozean stammt. Um das Gehäuse robuster zu machen, sind die restlichen 30% aus glasfaserverstärktem Kunststoff, kurz GFK. Das NATO-Band ist passenderweise aus recycelten Flaschen.

Die 44mm bzw. 36 mm großen Taucheruhr ist zusammen mit dem niederländischen Uhrenjournalisten Bernard Werk und dessen Startup Gyre (abgeleitet vom ozeanographischen Begriff Gyrus = ein großes System zirkulierender Meeresströmungen) entstanden. Bernard Werk beschäftigt sich schon seit einigen Jahren damit, wie man aus dem Plastikmüll der Ozeane Uhrengehäuse produzieren kann.

Um an den Rohstoff zu kommen, setzen Alpina und Bernard Werk auf ein simples intrinsisches Konzept: Fischer im Indischen Ozean werden schlicht und ergreifend dafür bezahlt die „Geister“-Fischernetze aus dem Meer zu fischen und abzuliefern.

Nachhaltige Uhren-Bänder von Carl F. Bucherer / Breitling x Outerknown

Ende 2019 hat der im Schweizer Grenchen ansässige Uhrenhersteller Breitling die Zusammenarbeit mit Outerknown bekannt gegeben – einer Marke für nachhaltige Bekleidung, initiiert von Surfer-Star Kelly Slater.

Neben einer neuen Outerknown-SuperOcean Taucheruhr hat Breitling auch eine Outerknown-NATO-Armbandkollektion aus ECONYL-Garn vorgestellt. ECONYL-­Garn besteht aus recycelten Nylonabfällen, die zum Beispiel von alten Fischernetzen aus den Ozeanen stammen.

Der Schweizer Luxusuhrenhersteller Carl F. Bucherer fährt mit der Patravi ScubaTec Black Manta Special Edition einen ähnlichen Ansatz: Das Kautschukband kommt, passend zum Modell, mit einer Textileinlage aus recyceltem Ozeanmüll (PET). Pro Armband werden 30 (!) PET-Flaschen verarbeitet.

Nachhaltige Uhren-Materialien: Alles nur Greenwashing?

Natürlich sollte man kritisch hinterfragen, inwiefern man nun die Welt rettet, wenn man eine Uhr mit einem recycelten Gehäuse oder recycelten Nato-Armband kauft, welches ein paar mickrige Gramm auf die Waage bringt. Zum Vergleich: Die Kunststoffproduktion im Jahre 2018 lag bei rund 19 Millionen Tonnenwohlgemerkt nur in Deutschland.

Die Recycling-Bänder von Breitling, Alpina und Bucherer erinnern mich ehrlich gesagt außerdem an die Modekette H&M, die Bekleidung aus ausrangierten Fischernetzen und Nylonabfällen verkauft – und das natürlich auch werbewirksam in die Welt posaunt. Tatsächlich macht der Anteil an Recycling-Fasern im H&M-Sortiment aber grade mal mickrige 1,4% aus.

Auch bei Breitling, Bucherer und Alpina dürfte sich der Anteil an Uhren mit recycelten Komponenten irgendwo im unteren einstelligen Prozentbereich bewegen. Sind die Bemühungen der Hersteller also nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein? Ja und nein!

Einerseits verfolgen die Hersteller natürlich das Ziel, dass sich der Kunde besser fühlt – wenn ich diese Uhr kaufe, tue ich was Gutes! Und wenn sich Kunden wohl fühlen, ist das bekanntermaßen gut für’s Geschäft. Begleitende Marketingkommunikations-Maßnahmen wie beispielsweise Wir retten die Welt-Bilder (am besten mit Promis!) sind da aus Sicht der Hersteller obligatorischer Bestandteil der Marketing-Kommunikation.

Breitling-Ocean-Conservancy-Cleanup
Breitling-Markenbotschafter bei einer Strand-Säuberung

Ein kritischer und treffender Begriff in diesem Zusammenhang ist Greenwashing, d.h. der Versuch von Firmen sich durch ökologisch und nachhaltig orientierte PR-Maßnahmen ein Öko-Image zu verpassen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt. Das Beste an Greenwashing aus Sicht der Hersteller ist: Wer es schafft, seinem Produkt einen grünen Anstrich zu verpassen, kann Kunden das gute Gewissen gleich mit verkaufen – meist zu einem höheren Preis.

Auf der anderen Seite: Ein Nebeneffekt von Aktionen wie solche von Breitling und Alpina ist, dass dem Kunden gewisse ökologische Sachverhalte bewusster werden – und damit wird zumindest mal ein Stück weit die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Otto-Normal-Kunde sein eigenes Verhalten ändert und (hoffentlich!) auch in anderen Lebensbereichen nachhaltiger agiert (Flugreisen, Mülltrennung etc.)…

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