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Montag, 8.30 Uhr – die Drehkreuze im Eingang West der Messe München öffnen sich für die Presse. Wirklich viel los war aber nicht – das hatten Leon und ich grundsätzlich aber auch erwartet, da viele Uhrenmarken, mit denen wir Termine ausgemacht hatten, schon im Vorfeld signalisiert haben, dass der Montag als letzter von vier Messetagen wohl ziemlich ruhig werden dürfte.

Gleichzeitig muss man auch noch mal festhalten, dass die Inhorgenta exklusiv auf Fachbesucher wie Händler, Graveure, Uhrmacher, Zulieferbetriebe, PR-Agenturen und dergleichen ausgerichtet ist – im Prinzip also ähnlich wie die mittlerweile begrabene Baselworld. “Otto Normal”-Endkunden haben keinen Zutritt, weshalb die Besucherzahlen natürlich per se beschränkt sind. Und genau das schreckt auch die eine oder andere Uhrenmarke ab, mit der ich im Vorfeld geredet habe und die in der WatchTime Düsseldorf das bessere Format sieht, das einfach “nahbarer” und ein echter Publikumsmagnet für “ganz normale” Uhrenfreunde ist.

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Trotz (oder wegen?) der Fachbesucher-Exklusivität hält sich die Inhorgenta sehr wacker – die Münchner Uhren- und Schmuckmesse feierte in diesem Jahr sogar ihren 50. Geburtstag, trotz der schwierigen Pandemiejahre – Respekt!

Mit 870 Ausstellern aus 37 Ländern wuchs die Inhorgenta 2024 im Vergleich zum Vorjahr um immerhin 9 Prozent. Rund die Hälfte der Aussteller kamen aus dem Ausland. Zudem kamen mit 25.000 Besuchern aus 90 Ländern gut 5 Prozent mehr Gäste als im Vorjahr. 

Die Corona-Krise mit den zahlreichen Messe-Absagen hat gezeigt: Man lernt etwas erst richtig schätzen, wenn es plötzlich nicht mehr da ist. In Zeiten des anonymen Internets ist der persönliche Kontakt wichtig wie nie.

Tipp: Die Inhorgenta-Neuheiten waren auch das Thema im ChronoBros-Livestream:

Besuch der Halle A1 Timepieces auf der Inhorgenta 2024

Uhren machen nur einen Bruchteil der Inhorgenta aus: Wie der Blick auf den Plan unten verrät, ist für Zeitmesser “nur” eine von acht Hallen reserviert. Diese eine Halle, die Halle A1, ist aber im Vergleich zu den Rheinterrassen, wo die WatchTime Düsseldorf stattfindet, allerdings um circa den Faktor drei größer (Radschlägersaal Rheinterrasse = 1090m² vs. Halle 1 mit 2955m²).

Die Markenauswahl war 2024 aus meiner Sicht durchaus spannend – in der Halle A1 tummelten sich vor allem unabhängige und/oder kleinere Marken bzw. Hersteller wie Zeppelin, Mühle-Glashütte, Squale, Doxa, Citizen, Erwin Sattler, Vostok Europe oder Sternglas.

Gleichzeitig habe ich aber auch einige Marken vermisst, darunter beispielsweise Circula, Sinn, Laco, Fortis, Titoni oder VANDAAG – alles Marken, die sich 2024 wohl eher wieder auf der WatchTime in Düsseldorf versammeln dürften. Größere Schweizer Marken suchte man leider vergebens. Dafür waren die Japaner ziemlich präsent (Casio, Orient/Orient Star, Citizen, allerdings leider nicht Seiko).

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Vom Kern-Messegeschehen rund um die Stände gab es natürlich auch die “obligatorischen” Panel-Diskussionen (u.a. „Nachwuchs im Uhrenhandwerk“, „Unabhängige Schweizer Uhrenmarken und ihre Chancen“). Die Messeleitung wollte offenbar außerdem einen Hauch jugendhafter Spritzigkeit und Coolness von TikTok und Instagram auf das (vermeintlich angestaubte) Format Messe übertragen: Mit dem Street Dance “Tutting” (Fingertanzen), einem Tanzstil, den es zumindest seit den 90er Jahren gibt und der angeblich durch eckige Fingerbewegungen die eckigen Posen auf altägyptischen Reliefs nachahmen soll – auf TikTok & Co. findet man dazu (wer denn unbedingt mag) etliche Videos. Als Special Guest war u.a. Model und TV-Moderatorin Rebecca Mir zu Gast (groß geworden mit GNTM).

Watch Talk Inhorgenta

Keine Messe ohne Awards – natürlich war auch die Verleihung diverser Preise Bestandteil der Inhorgenta: Beim Award „Watch Design of the Year“ heißt der Preisträger 2024 Porsche Design mit der „Chronograph 1 Utility – Limited Edition“. Das Design des Chronographen lehnt sich stark an die Military Chronographen von Porsche Design aus den 1970ern an. Bekannt ist das Modell auch vom Handgelenk des Schauspielers Tom Cruise in den Filmen „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ und „Top Gun: Maverick“.

Ich persönlich bin ja ein großer Fan dieses historisch spannenden Designs (siehe auch: Vintage-Leitfaden: Orfina Porsche Design Bundeswehr Chronograph mit Lemania 5100). Da der Award aber (Zitat) “ein innovatives Konzept sowie eigenständiges Design mit hohem Wiedererkennungswert” auszeichnen soll, hätte ich anno 2024 wohl eher einen anderen Gewinner auserkoren.

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Erstmals zeichnet die Kategorie „Luxury Watch of the Year“ mechanische Uhren ab einem Verkaufspreis von 5.000 Euro aus, die (Zitat) “durch hochwertige Verarbeitung und exzellentes Design überzeugen”. Preisträger 2024 ist Lang & Heyne aus Dresden mit dem auf nur 5 Stück limitierten Tourbillon-Modell Anton Manufaktur Edition.

Das charakteristischste Merkmal des Modells ist sicherlich das Zifferblatt aus tiefschwarzer Keramik und dunkelgrauer “givre-finierter” Grundplatte. Ein weiteres Merkmal dieser Kollektion ist der schwarze Onyxstein mit Cabochonschliff in der Zwiebelkrone. Ein weiterer Blickfang ist natürlich auch das Tourbillon.

Das Modell ist tatsächlich ziemlich beeindruckend und hat den Preis sicherlich verdient, gleichzeitig gab es in der Preiskategorie jenseits der 5000€ nicht irre viel Konkurrenz, da insbesondere günstiger positionierte Marken auf der Inhorgenta vertreten waren.

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Schauen wir nun mal auf eine konkrete Modelle und insbesondere Neuheiten, die auf der Inhorgenta 2024 vorgestellt wurden (man verzeihe mir die Bildqualität, aber das extrem direkte Licht in der Messehalle ist nicht grade förderlich für gute Bilder gewesen. Wie es besser geht, kann man hier nachlesen: Uhren fotografieren und bearbeiten: Praxisleitfaden, Tipps & Tricks).

Meine Highlights der Inhorgenta 2024

BA111OD

Auf der Inhorgenta 2024 lernte ich erstmalig Thomas Baillod kennen, Kopf hinter der der vor vier Jahren gegründeten Marke BA111OD. Eine meiner ersten Fragen war naheliegend: Wie soll man den Markennamen denn bitteschön aussprechen? Tatsächlich zeigte man sich tiefentspannt: “Just as you like”, wurde mir entgegnet. Ich hielt mich im Folgenden dann aber an der Aussprache des Familiennamens von Markeninitator Thomas, also “bai-jo”.

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Thomas Baillod (links)

Als ich das erste BA111OD-Modell in die Hand nahm, ist es mir direkt mal fast aus der Hand auf den Tisch gekracht – allerdings nicht, weil mir das Modell nicht gefallen hat, sondern, weil ich zuvor auf dem einen oder anderen Messestand wohl etwas zu viel Kaffee getankt hatte.

Nun, besonders beeindruckt hat mich in jedem Fall das Modell CHPTR_Δ, das eine Zeitanzeige mitbringt, die ich in der Form noch nie gesehen habe: Aus dem Zentrum erstreckt sich ein klassischer, fetter Minutenzeiger. Zunächst dachte ich an eine Einzeigeruhr, aber tatsächlich bewegt sich bei dem Modell innerhalb des markanten Deltas in der Mitte ein Punkt im Sinne eines Stundenzeigers (beim Modell unten in Rot), der seine Bahnen zieht und in den jeweiligen drei Ecken für 30 Minuten verweilt, um das nächste Drittel des Deltas anzusteuern.

Besonders stolz ist Thomas Baillod dabei auch auf die Detailqualität des Modells – auf der Inhorgenta überreichte er mir eine Uhrmacherlupe mit eingebauten LEDs und nickt mir zu. Und was soll ich sagen? Auch unter der Lupe ist das Modell ziemlich beeindruckend.

Der Effekt wird in diesem Video deutlich:

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Mit Blick auf die geniale Komplikation, die vom Schweizer Uhrmacher Olivier Mory stammt, erscheint der Preis von 3250€ fast zu schön, um wahr zu sein (und das schreibe ich wahrlich nicht oft). Die Werksbasis stammt übrigens von der Soprod SA aus der Schweiz. Seit 2007 ist Soprod in der Hand der spanischen Festina Group. Soprod-Werke sind aber nach wie vor Swiss Made: die Produktion findet in Les Reussilles im Berner Jura statt.

Ansonsten hat BA111OD auch noch eine einige weitere Modelle in petto, darunter eine “Genta-Stil”-Stahl-Sportuhr für 725€, einen Chrono mit ETA 7750 für 1640€ und eine Tourbillon-Modellreihe (ab 6195€).

Die Uhren selbst sind nicht die einzige Besonderheit am Konzept von BA111OD: Als registriertes Mitglied der Community kann man sich auf einer interaktiven Landkarte in der BA111OD-App anzeigen lassen, wo der nächste sogenannte “Afluendor” wohnt, und mit ihm Kontakt aufnehmen. Es handelt sich dabei um ein Netzwerk von Otto-Normal-Uhrenfreunden, die selbst schon mindestens eine BA111OD-Uhr besitzen und mit denen man sich über die App auf einen Kaffee treffen kann, um über die Erfahrungen mit der Marke zu sprechen. Möchte man dann selbst eine Uhr erwerben, so erfolgt die Lieferung direkt aus der Schweiz.

Der Afluendor bekommt dann für die Weiterempfehlung Punkte, die wiederum für Uhren und andere Prämien wie Lederwaren oder weitere Uhren verwendet werden können.

BA111OD betont dabei, dass man sich von Multi-Level-Marketing-Methoden wie beispielsweise Fitline abgrenzen will, die stark in der Kritik stehen und bei denen es nur wenige Prozent der Verkäufer schaffen sowas wie nachhaltigen Erfolg zu generieren. BA111OD setzt auf “stressfreies” Single-Level-Marketing, d.h. es gibt keine Belohnungskette über mehrere Ebenen. Diese Form von Social Selling bzw. User generated Commerce ist an sich nichts Neues, im Uhrenbusiness aber durchaus neu.

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Verbreitung der Afluendors

Alles in allem erinnert mich BA111OD im Kern ein wenig an CODE41: Hochmodernes Design mit allerlei technischen und optischen Besonderheiten, gepaart mit ziemlich attraktiven Preisen und ein wenig “Rebellenhaftigkeit”. Ich bin jedenfalls extrem gespannt, wo die Reise von BA111OD hingeht.

Sternglas

Auch, wenn diese kurze Textpassage es vielleicht nicht widerspiegelt: Eines meiner persönlichen Highlights der Inhorgenta 2024 war das persönliche Kennenlernen des extrem sympatischen und motivierten, jungen Teams der norddeutschen Marke Sternglas – vom Auftreten der Hamburger kann sich so manch anderer Aussteller auf der Inhorgenta eine ganz dicke Scheibe abschneiden (dazu gleich mehr).

Neuheiten bzw. die Prototypen, die ich begutachten durfte, darf ich an dieser Stelle leider nicht “spoilern” – ich kann aber schon mal verraten, dass (auch dank eines neuen Designers im Team) eine Menge spannender Sternglas-Neuheiten in 2024 kommen werden (ja, auch mechanische).

Chrononautix Sternglas Inhorgenta
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Vostok Europe

Die Vitrinen des litauischen Herstellers Vostok Europe gehört zu den wenigen auf der Inhorgenta, bei denen man gar nicht drum herum kam mit den Augen dran hängen zu bleiben. Das lag nicht nur an der Dekoration, sondern vor allem an den extrem präsenten Modellen, darunter der neue Vostok Europe Systema Periodicum Bullhead-Chronograph, der unter der Federführung des neuen Vostok Europe-Designers entstanden ist (Hinweis am Rande: Ihr könnt euch schon mal auf ein Interview von ihm freuen). Die Handschrift des Designers spiegelt sich auch in den Neuerscheinungen wider, die uns 2024 erwarten – hier einige Spoiler-Bilder:

Bersonders herausgestochen ist eine neue Variante der Expedition North Pole mit “Rainbow”-PVD-beschichtetem Edelstahlgehäuse und Stahlband (ob das Stahlband allerdings kommt, ist noch offen) sowie farblich ziemlich spektakulärem Zifferblatt:

POINTtec: Zeppelin und bauhaus aviation

Bei POINTtec, der Firma hinter den Marken ruhla und Zeppelin, gab es vor allem die neue Zeppelin Friedrichshafen-Modellreihe zu sehen, die in irre vielen Varianten und mit insgesamt neun verschiedenen Werken angeboten wird (Mechanik und Quarz). Wie man es von Zeppelin schon kennt, werden dabei auch eher exotischere Werke von Sellita und Miyota genutzt, um dem Design der neuen Friedrichshafen gewisse Besonderheiten wie eine Regulator-Komplikation zu spendieren (Stichwort: Form Follows Function). Charakteristisch sind auch die plastischen Zifferblatt-Prägungen. Die Produktion findet wie gehabt in Ruhla statt. Die Friedrichshafen soll im Spätsommer bzw. Herbst im Handel landen.

Unter der POINTtec-Marke bauhaus aviation erscheint im Laufe des Jahres 2024 außerdem eine Tornado-Sonderedition. Unter der Marke Zeppelin hat POINTtec schon seit längerem einen Eurofighter Typhoon-Chrono im Angebot. Die Connections zu den Behörden hat POINTtec nun offenbar auch nutzen können, um eine Tornado-Edition vor dem Hintergrund des Umstiegs der Bundeswehr auf den F-35 Kampfjet herauszubringen – mit offiziellem Tornado-Logo auf “6 Uhr”.

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Milus

Auch Milus war für mich eine der Überraschungen der Messe. Die Marke fliegt in Deutschland völlig unter dem Radar, hat aber eine über 100-jährige Markengeschichte. Die Blütezeit der Marke war in den 40ern, 2003 übernahm eine chinesische Schmuckfirma die Schweizer Marke und richtete Milus etwas gewöhnungsbedürftig aus. Die Trendwende kam 2016: Luc Tissot, der letzte Direktor der gleichnamigen Marke, bevor Swatch in den 70er-Jahren die Firma übernahm, hat Milus übernommen und setzt seitdem auf bewährte Designs der Firmengeschichte – darunter das Modell Archimèdes als Nachfolger des Milus Super Compressor der 70er Jahre (unten dazu auch ein direkter Vergleich von Neuauflage und Vintage-Original).

Kleine Anekdote am Rande: Mein Gespräch bei Milus zog sich ein paar Minuten bis nach 17.30 Uhr, dem offiziellen Ende der Inhorgenta. Und grade als ich die ersten Fotos machen wollte, gingen auch schon die Lichter der Halle teilweise aus – zum Glück hatte ein benachbarter Stand genug eigene Beleuchtung, sodass ich rüberlaufen und ein paar Schnappschüsse machen konnte.

Spannend: Für die US Navy produzierte Milus während des Zweiten Weltkriegs eine Überlebensset, bestehend aus einer Uhr und Goldschmuck. Die Idee: Für den Fall, dass die Navy-Soldaten irgendwo im feindlichen Gebiet abstürzen oder dergleichen, hätten sie mit dem wertvollen Set etwas in der Hand, um vielleicht irgendwie nach Hause zu kommen. Auf der Inhorgenta präsentierte Milus mir dieses original Set aus den 40er Jahren (siehe unten). Das aktuelle Milus-Modell Snow Star aus 904L-Edelstahl basiert auf der Milus-Uhr, die ebenfalls Bestandteil des Sets war.

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Übrigens: Im Jahre 2024 erwartet uns von Milus eine Neuauflage der Milus Archimedes Weltzeit – wenn die ähnlich gut wird wie die Supercompressor, darf man auf jeden Fall gespannt sein. Hier ein Bild vom Vintage-Original:

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Alexander Shorokhoff

Der Uhrenhersteller Alexander Shorokhoff bleibt seiner Linie absolut treu – mit avantgardistischen Zifferblattmotiven und irre aufwändigen Gravuren (nichts anderes hätte ich aber auch erwartet). Begutachten konnte ich unter anderem das Modell Four Seasons (der Name erklärt sich von selbst) sowie das Modell Home, das in Zusammenarbeit mit dem YouTuber flomp89 entstanden ist.

Mein Favorit war das neue Modell Cadamomo mit Vollkalender-Komplikation, also Datum, Wochentag, Monat und Mondanzeige. Vor allem die Mondanzeige auf “6 Uhr” unterscheidet sich optisch auf erfrischende Art und Weise von ansonsten gängigen Mondphasen. Im Inneren der Cadamomo tickt das Automatik-Kaliber DD9000 von Dubois Depraz mit im Hause Shorokhoff handgravierter Schwungmasse.

Lassen wir die Bilder sprechen…

Shorokhoff Inhorgenta

Aristo Vollmer

Auf der Inhorgenta 2024 lernte ich Hansjörg Vollmer kennen, Kopf hinter der Uhrenmarke Aristo. Dazu eine kurze historische Einordnung: Vorgänger der Beobachtungsuhren waren die sogenannten RLM-Uhren von Aristo Pforzheim, damals noch in der Hand der Familie Epple. Seit 1998 gehört die Marke Aristo dem Uhrenmacher Hansjörg Vollmer. Dieser ist ein Enkel des Gründers der bekannten Metallband-Manufaktur Vollmer, die 1922 gegründet wurde.

Hansjörg Vollmer setzt mit Aristo vor allem (aber nicht nur) auf klassische Fliegeruhren – so wie ein eigenständiges Modell im Beobachtungsuhren-Dunstkreis, das ihm den German Design Award 2024 eingebracht hat (Modell Aristo Flieger Cockpit 43):

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Ich habe Hansjörg Vollmer im Gespräch als hochmotivierten Uhrmacher und “Tüftler” mit Leib und Seele kennengelernt – immer auf der Suche nach technisch spannenden Besonderheiten. So kommen verschiedene Modelle von Aristo mit “Aristomatic Plus”-Schwungmasse aus Wolfram. Da beim Rotor ein hohes Gewicht sinnvoll ist, um den Automatikaufzug möglichst effizient zu gestalten, bietet sich Wolfram mit einem Gewicht von 19 g/cm³ natürlich an. Zum Vergleich: Edelstahl kommt auf ein Gewicht von ca. 7,9 g/cm³. Die Aussparung im Rotor dient dabei zur Entlastung des Kugellagers und zur Verlagerung der Unwucht nach außen.

Ergänzend liefert Hansjörg Vollmer den folgenden Input:

Wir haben bereits 2010 mit der Entwicklung des großen Schwermetallrotors begonnen. Es war ein 2-jähriges Forschungsprojekt des damaligen Wirtschafts- und Forschungsministeriums. Bei unserer Studie wurden entscheidende Vorteile bei Vollaufzug nachgewiesen:

A – die Gangreserve erhöht sich auf 48 Stunden

B – die Gangwerte verbessern sich auf 5 Sekunden +/Tag

Was ich vor Aristo Vollmer außerdem noch nie irgendwo sonst gesehen habe, sind Gehäuse aus brüniertem Edelstahl. Das Verfahren, das Hansjörg Vollmer im eigenen Hause in Pforzheim umsetzt, stammt eigentlich aus dem Werkzeugbau. Dabei wird ein Hitzeverfahren angewendet, d.h. das Gehäuse wird zunächst auf 800 Grad erhitzt und anschließend in Öl abgeschreckt.

  1. Durch das Erhitzen des Edelstahls auf 800 Grad Celsius wird eine Oxidschicht auf der Oberfläche des Metalls erzeugt. Diese Oxidschicht bildet sich aufgrund der Reaktion des Stahls mit Sauerstoff in der Luft.
  2. Das schnelle Abschrecken des erhitzten Edelstahls in Öl hat mehrere Effekte: Es hilft, die Oxidschicht zu stabilisieren und kann auch die Eigenschaften des Metalls verändern, wie Härte und Festigkeit.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine dunkel gefärbte Oberfläche, die als Brünierung bezeichnet wird. Diese Schicht bietet einen gewissen Schutz vor Korrosion und verleiht dem Edelstahl ein dunkles, mattes Aussehen.

Das Modell Aristo Flieger 43 brüniert Beo Automatic (595€) kommt beispielsweise mit einem solchen brünierten Gehäuse.

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Das ist aber noch nicht alles: Verschiedene Modelle der Marke Messerschmitt, die auch von Hansjörg Vollmer produziert werden, kommen mit Zifferblättern, die beispielsweise aus original Flugzeugblech des Jagdflugzeugs Messerschmitt ME109 gefertigt sind – eine coole Idee, die dem Modell Leben einhaucht:

Hansjörg Volmer setzt bei einigen Modelle außerdem auf NOS-Kaliber (New Old Stock), also neue Werke aus alten Lagerbeständen – so wie bei dem unten gezeigten Modell auf ein Kaliber des Herstellers Record. 1961 wurde Record durch einen Ankauf der Aktien von der Firma Longines aufgekauft. Record als Markenname bestand weiter und ist auf einigen Uhren als Longines-Record zu finden. 1991 wurde die Fertigung eingestellt und Record geschlossen.

Eher etwas für die Vitrine ist dieses “zartbesaitete” Messerschmitt-Ührchen mit 65mm – und damit sogar 10mm mehr als die klassischen Beobachtungsuhren. Sogar für Schwarzenegger dürfte dieses Modell einen Tick zu groß sein:

Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Familie Vollmer auch seit Jahrzehnten aktiv in der Herstellung von Uhrenbändern, darunter insbesondere Milanaise-Bänder, aber auch spezielle Bänder wie Bänder aus Carbon und Edelstahl:

Mühle-Glashütte

Die 2002 vorgestellte Teutonia gehört zu den bekanntesten Modellen des unabhängigen und mittlerweile schon in sechster Generation familiengeführten Uhrenherstellers Mühle-Glashütte. Ihr jüngstes Mitglied ist die Teutonia II GMT mit grünem Zifferblatt, die dank GMT-Komplikation im Geiste der (nicht mehr hergestellten) Mühle-Glashütte Teutonia II Weltzeit steht. Ende April 2024 soll das Modell im Handel landen.

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1869 wurde Mühle bereits von Robert Mühle gegründet. Ein echter Stolperstein in der Geschichte des Familienunternehmens war insbesondere, dass der Familienbetrieb – wie viele andere Glashütter Unternehmen – nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet und demontiert wurde. Die Familie rappelte sich aber wieder auf. Nach dem Mauerfall wird Hans-Jürgen Mühle einer von vier Geschäftsführern der Glashütter Uhrenbetriebe GmbH, ließ aber wenige Jahre später den Familienbetrieb in Form der „Mühle-Glashütte GmbH nautische Instrumente und Feinmechanik” wieder aufleben. Am 1. April 1994 begann die Produktion – vor 30 Jahren.

Im Jubiläumsjahr 2024 feiert Mühle daher das 30-jährige Bestehen des Familien-Unternehmens in seiner heutigen Form – mit einer Limited Edition pro Quartal. Den Anfang macht eine Variante der 29er BIG mit Gehäuse aus Aluminium-Bronze für 2300€. Das Modell ist limitiert auf 155 Stück (das ursprüngliche Gründungsdatum von Mühle) und bringt ein paar Easter Eggs mit wie das rote Datum 30, die rote Ziffer 30 in der Minuterie oder der beschriftete Minutenindex “155” statt “55”.

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Apropos 29er: Ende Februar 2024 kommen auch eine kleinere neue 29er in Pastellfarben:

Besonders gespannt war ich auf die gänzlich neue Modellreihe Sportivo, die erst im Juli 2024 in den Handel kommen soll (Prototypen hatte Mühle aber dabei). Mein Favorit war die GMT mit Dégradée-Innenbereich, dicht gefolgt vom blauen Chronographen mit seinem tollen Struktureffekt, der an die raue See erinnert. Übrigens: Dieser Struktureffekt wirkt prototypenbedingt bei der Dreizeiger-Kompassvariante deutlich intensiver – dieser soll aber etwas dezenter werden, so wie beim Chronographen. Alles in allem unterscheidet sich die Sportivo optisch deutlich von den sonstigen Mühle-Modellreihen.

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Nicht neu, aber dennoch spannend für mich war auch der direkte Vergleich vom klassischen SAR Rescue Timer gegenüber dem neuen Mission Timer:

Citizen und Bulova

Wenig überraschend baut der japanische Hersteller Citizen auf dem immensen Erfolg der Citizen NJ0150 “Tsuyosa” auf – mit einem neuen, schick geprägten Zifferblatt und kleiner Sekunde dank Kaliber 8322.

Mit The Citizen bieten die Japaner außerdem analog zum Wettbewerber Seiko/Grand Seiko einen Luxus-Ableger im Hochpreis-Segment mit einer Menge Handarbeit und ziemlich beeindruckenden Zifferblättern nun auch in Europa an (in Japan existiert die Sub-Marke bereits seit 1995). Die Werke sind in Zusammenarbeit mit der Schweizer La Joux-Perret S.A. entstanden, die seit einiger Zeit zum Citizen-Konzern gehört.

Die Messepräsenz von Citizen und Bulova ging nahtlos ineinander über – kein Wunder, denn im Jahr 2008 hat die Citizen Watch Co., Ltd. die Bulova Corporation übernommen. Eines der berühmtesten Bulova-Modelle entstand in den 60er Jahren: Die Bulova Accutron Spaceview, die erste voll-elektronische Uhr der Welt und damit die Vorstufe zu den wenige Jahre später erscheinenden Quarz-Uhren. Der Clou: Die Accutron wurde von einer Stimmgabel angetrieben und besaß keinerlei übliche mechanische Komponenten – damals revolutionär.

Mit der damaligen Bulova Accutron hat die 2020 lancierte Neuauflage technisch nicht mehr wirklich viel zu tun – das Werk ist nunmehr elektrostatisch mit 2 Jahren Gangreserve und einer Ganggenauigkeit von +/- 5 Sek./Monat. Das elektrostatische Werk sorgt auch dafür, dass es extrem viel zu entdecken gibt: die großen elektrostatischen Turbinengeneratoren springen schon bei der kleinsten Bewegung des Handgelenks hin und her. Prädikat: Ziemlich beeindruckend.

Mehr: Born in the USA – was ist noch übrig von der amerikanischen Uhren-Industrie?

Lowlights der Inhorgenta 2024

Ich wollte nicht meinen kompletten Messetag hart durchtakten und etwas Luft für spontane Gespräche lassen – wie erwartet war an vielen Ständen am Montag sowieso auch wenig bis gar nichts los. Bei meinen allermeisten Spontanbesuchen wie bei Mühle-Glashütte wurden mir so überaus freundlich, kompetent und engagiert die Neuheiten gezeigt – auch ohne Termin.

Ausnahmen bestätigen die Regel: An einem Stand wurde ich beispielsweise zunächst einfach nur von Vitrine zu Vitrine geführt (danke, aber ans Händchen muss mich niemand nehmen). Immerhin wurden mir dann auf Nachfrage (gnädigerweise!) ein paar Modelle gezeigt. An einem anderen Stand habe ich müde an ihren Handys rumtippende Mitarbeiter offenbar “gestört” – denn diese haben mir relativ lustlos und wortkarg einfach die Uhrenbox hingeklatscht, ohne sonstige Erläuterungen. An einem weiteren Messestand konnte man mit Bloggern wie mir offenbar herzlich wenig anfangen: “Aha, ein Blogger” *Stirnrunzeln und musternder Blick* (willkommen im Jahre 2024!). Bitte nicht falsch verstehen: Ich verstehe ja, dass nach vier Messetagen der Tank leer ist und man einfach nur nach Hause will, aber ein Mindestmaß an Höflichkeit und Kompetenz erwarte ich schon – auch, wenn man sich noch nicht kennt.

Nicht so toll aus meiner Sicht war auch, dass schon ab ca. 15 Uhr die ersten Marken stark damit beschäftigt waren zusammen zu räumen. Einerseits ist das natürlich völlig verständlich (siehe oben). Andererseits fand ich es natürlich schon schade, da es natürlich für mich nicht grade einladend wirkte, wenn alle Standmitarbeiter Kartons packen, Vitrinen ausräumen und dergleichen. Vielleicht würde der Inhorgenta eine Reduzierung auf drei Messetage (Fr – So) gut tun.

Alles in allem zeigten sich aber fast alle Hersteller bzw. Marken, mit denen ich auf der Inhorgenta ins Gespräch kam äußerst zufrieden mit der Messe, insbesondere am Samstag war wohl ziemlich viel los. Auch ich ziehe in der Summe ein durchaus positives Fazit und freue mich auf die Inhorgenta 2025.

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Tobias R.
1 Monat zurück

Klasse Artikel mit tollen Einblicken und richtig interessanten Marken. Das Notfallset mit Uhr und Goldschmuck ist ja wohl ein Kracher. Vielleicht war ja auch noch Schweizer Schokolade dabei.

Frank T. aus MZ
1 Monat zurück

Vielen Dank fürs virtuelle Mitnehmen auf die Messe, lieber Mario! Die geschilderten unprofessionellen “Low Lights” gibt es auf jeder Messe und entstehen durch unzureichend ausgebildetes Verkaufspersonal. Schönen Gruß, Frank