Wer eine dieser historischen, riesigen, 55 Millimeter großen Beobachtungsuhren das erste Mal in die Hand nimmt, versteht schnell, warum die Dinger in den 40ern meist über der Fliegerjacke getragen wurden. Aber auch die alltagstauglicheren Replikas wie die Aristo Vintage 47 Beobachter Big Crown Automatic sind heute schon ein Statement – ein Aristo-typisch sogar sehr erschwingliches Statement.
Eckdaten Aristo Vintage 47 Beobachter Big Crown:
- Ref. 3H265 (A-Muster) bzw. 3H266 (B-Muster)
- Sandgestrahltes Edelstahlgehäuse, „FL 23883“-Gravur
- Durchmesser 47 mm
- Höhe 11 mm
- Horn-zu-Horn 55 mm
- Zifferblatt und -Zeiger mit Super-LumiNova in creme belegt
- Mineralglas gewölbt (Standard) oder Saphirglas flach (auf Kundenwunsch)
- Wasserdichtigkeit 5 bar
- Griffige 10 mm Zwiebelkrone
- Schweizer Automatic-Werk Sellita SW 200-1
- Lederband mit Doppelnieten
- Gewicht: 116 Gramm (am Leder)
- Preis: 690€, direkt über Aristo




Aristo Vintage 47 Beobachter Big Crown im Test
Die Aristo Vintage 47 Beobachter Big Crown folgt in weiten Teilen dem klassischen Pflichtenheft, das das Reichsluftfahrtministerium im Zweiten Weltkrieg unter der etwas holprigen Nummer FL 23883 herausgegeben hat. Diese Nummer ist bei dem Aristo-Modell serienmäßig in das Edelstahlgehäuse eingraviert, genau wie bei den historischen Originalen – man könnte fast meinen, es wäre ein kleiner Geschichtsunterricht, der unauffällig mit der Uhr am Arm mitgeliefert wird. Das schnörkellos-sandgestrahlte Gehäuse wirkt erfreulich matt und unaufgeregt. Kein Bling-Bling, kein Schmuckstück-Effekt, eher Werkzeugästhetik mit „Im Dienst“-Charme.
Wer es individueller mag, kann das Gehäuse optional auch in brünierter Ausführung bestellen. Beim Brünieren wird keine Farbe aufgetragen, sondern der Edelstahl selbst veredelt. Der Begriff stammt vom französischen brunir („bräunen“) und beschreibt ein Verfahren, bei dem eine schützende Oxidschicht direkt auf der Metalloberfläche entsteht. Bei Aristo geschieht das komplett inhouse: Das Gehäuse wird auf rund 800 Grad Celsius erhitzt und anschließend schlagartig in Öl abgeschreckt. Dieses thermische Wechselbad hat gleich mehrere Effekte. Insbesondere stabilisiert es die entstehende Oxidschicht und verbessert damit die Korrosionsbeständigkeit. Kein Wunder, denn das Verfahren stammt ursprünglich aus dem Werkzeugbau – also aus einem Umfeld, in dem es auf maximale Haltbarkeit ankommt. Bei Aristo wird diese Technik von Hajo Vollmer persönlich am Pforzheimer Firmensitz umgesetzt. Doch die Brünierung überzeugt nicht nur technisch, sondern auch optisch: Das Gehäuse erhält ein mattes, leicht unregelmäßig dunkles Finish mit dezentem Antik-Charakter – irgendwo zwischen Werkzeugästhetik und Vintage-Charme. Hier im Artikel sieht man diesen optischen Effekt sehr gut: Brünierte Schönheit: Aristo Vintage 42 Beobachter mit NOS-Kaliber von Record/Longines. Ich bin auf jeden Fall ein großer Fan dieser noch recht dezenten, aber charakteristischen Besonderheit und lege diese jedem Uhrenfreund wärmstens ans Herz.

Die beiden Replikas von Aristo kommen in den beiden Varianten A-Muster und B-Muster: Das Modell A – eher der Minimalist – zeigt die Stunden mit einem großen Dreieck und zwei Punkten bei „12 Uhr“, einer historischen Orientierungshilfe, damit man mit einem Blick die obere Zifferblattseite erkennt. Beim Modell B wird’s mathematischer: Minuten außen, Stunden innen – eine Art Zwiebelprinzip auf dem Zifferblatt, das eine präzisere Ablesung erlauben sollte. All das in der Farbe „Old Radium“, also auf Grundlage der natürlich völlig ungefährlichen Leuchtfarbe Super-Luminova, welche die Brauntöne von Vintage-Radium-Uhren imitieren soll, um hier passenderweise eine Retro-Optik zu erzeugen.
Mehr: So gefährlich ist Radium in Vintage-Uhren wirklich



Über das Zifferblatt wölbt sich ein Mineralglas das – je nach Lichteinfall – für einen leichten Lupeneffekt sorgt. Auf Nachfrage bei Aristo gibt es die Uhren aber auch mit flachem, für Kratzer unempfänglicherem Saphirglas – zwar leider ohne den durchaus schicken Lupeneffekt des Mineralglases, dennoch wäre das Saphirglas meine pragmatische Empfehlung.
Mehr: Experiment: Saphirglas vs. K1 Mineralglas/Hardlex vs. Hesalitglas im Bruch- und Kratz-Test






Was man heute gern vergisst: Die historischen Beobachtungsuhren mussten unglaublich genau laufen, denn aus winzigen Zeitabweichungen wurden schnell große Navigationsfehler. Vor dem Start wurde deshalb die Uhr am Bodenchronometer eingestellt – ein Präzisionsgerät, das die Zeit vorgab. „Ein bisschen falsch gehen“ war damals keine Lappalie, sondern potenziell ein Problem für die ganze Crew.
Und heute? In der Aristo tickt ein Schweizer Automatikwerk Sellita SW200-1 – präzise, zuverlässig, robust und bewährt, so wie man es kennt. Der Glasboden ist dabei, wie hier gezeigt, im Verhältnis recht klein – logisch, denn das Sellita-Kaliber hat nur einen Durchmesser von 26 mm und kann daher nicht mal annähernd das üppige Gehäuse ausfüllen.


Alternativ steht dennoch, neben einem geschlossenen Boden, auch ein Glasboden mit deutlich größerem Sichtfenster zur Auswahl – so richtig passend finde ich dies allerdings nicht, da man letztendlich nur einen erweiterten Blick auf den Stahl-Haltering hat.

Während moderne Uhren gern mit Kronenschutz und sonstigen Raffinessen um die Ecke biegen, macht die Aristo-Beobachtungsuhr es wie in den 40ern: eine kaum zu übersehende, satte 10 mm messende Zwiebelkrone dockt an das Gehäuse an. Man kann sie problemlos mit dicken Handschuhen bedienen – im Flugzeug damals lebenswichtig, heute eher praktisch, wenn man morgens halb schlafend versucht, die Uhr zu stellen, ohne den Kaffee über den Tisch zu verteilen. In jedem Fall aber lenkt die Krone ihre Blicke auf sich.



Spannend bleibt, dass diese Uhren aus historischer Sicht entgegen vieler Mythen nicht von den Piloten getragen wurden: Die hatten genug zu tun mit Steuerhorn, Kurskorrekturen und dem Kampf gegen den eisigen Wind. Die Navigatoren hingegen, die nutzten die Uhr zusammen mit einem Libellenoktanten, einer Art Winkelmesser, mit dem man anhand von Sonne und Sternen den eigenen Standort bestimmte. Eigentlich wahnsinnig beeindruckend, wenn man bedenkt, wie abhängig wir heute von GPS sind. Die Jungs damals haben im fliegenden Blechkasten mit Stift, Papier und Zeitmessung gearbeitet, während draußen vielleicht gerade ein Schneesturm tobte.

Am Arm wirken die 47 mm der Aristo Vintage 47 Beobachter Big Crown massiv, aber das Modell ist auch an meinem 18 cm-Handgelenk noch gut tragbar. Das liegt auch am passenderweise richtig schön fetten Lederband mit den typischen Doppelnieten im Vintage-Stil. Diese Nieten wurden früher nicht etwa als Modegag angebracht, sondern um zu verhindern, dass die Uhr sich löst, während man mit kalten Fingern in einem vibrierenden Flugzeug hockt. Heute sorgt es vor allem dafür, dass die Uhr optisch näher am Original ist.


Ehrlicherweise muss man sagen: Eine 47 mm-Uhr (Horn-zu-Horn 55 mm!) ist für viele Uhrenfreunde wohl eher nichts für jeden Tag. Sie verlangt Platz, Aufmerksamkeit und ein bisschen Mut zur Größe. Aber die Größe passt natürlich perfekt zu Beobachtungsuhren, die beim Tragen eine kleine Geschichte erzählen – über Zeitmessung, über Technik, über Improvisation in einer Ära, in der „Navigation“ noch etwas mit Hirn und Himmelskörpern zu tun hatte. Und vielleicht genau deshalb fasziniert sie: Obwohl es heute GPS & Co. gibt, fühlt es sich gut an, wenn man einmal selbst wieder ein bisschen „Old School“-Zeitgefühl am Handgelenk hat. Man stellt sie, trägt sie, schaut drauf – und ertappt sich dabei, wie man kurz darüber nachdenkt, wie viele Menschen solche Uhren bereits genutzt haben, als sie noch Werkzeug für die Navigation statt Accessoire waren.




Aristo Flieger 47 Gold PVD 0H33-L Automatic
Interessant wird es dort, wo Aristo das historische Regelwerk einmal bewusst etwas lockert: Es gibt nämlich auch eine Variante mit Gold-PVD-beschichtetem Gehäuse – und die wirkt naturgemäß signifikant anders. Das große Dreieck bei 12 Uhr, die arabischen Ziffern und die klare Minuterie bleiben im Sinne des A-Musters erhalten, aber das warme Goldfinish und der rote Sekundenzeiger als Farbakzent verändern den Charakter der Uhr spürbar.

Das matte Gold nimmt der Größe ein wenig die Brutalität, ohne sie zu kaschieren. Die Krone wurde ebenfalls passenderweise deutlich „eingedampft“. Statt Werkzeugästhetik bekommt man hier eher den Eindruck eines historischen Offiziersstücks – so, als hätte jemand die Uhr nach dem Einsatz nicht in die Werkzeugkiste gelegt, sondern ihr einen Abend frei gegeben, um mal schick auszugehen.
Gerade das A-Muster profitiert davon, weil es ohnehin die ruhigere, ausgewogenere Gestaltung mitbringt. Kein verschachteltes Zifferblatt, keine zweite Stundenebene – nur Zeit, Richtung und Ordnung. In Gold-PVD wirkt das fast schon klassisch, ohne geschniegelt zu sein. Es bleibt eine große Uhr, keine Frage, aber eine, die überraschend gut auch unter eine Hemdmanschette passt (zumindest theoretisch, denn praktisch muss man dafür natürlich ein sehr tolerantes Hemd besitzen).
Die Variante in Form der Aristo Flieger 47 Gold PVD 0H33-L Automatic zeigt auf jeden Fall schön, dass das Beobachtungsuhren-Konzept nicht zwangsläufig an reinen Tool-Charakter gebunden ist.




Eckdaten:
- Ref. 0H33-L
- Sandgestrahltes Edelstahlgehäuse, FL 23883-Gravur
- Durchmesser 47 mm
- Höhe 11 mm
- Horn-zu-Horn 55 mm
- Zifferblatt und -Zeiger mit Super-LumiNova in creme belegt, Lupenglas,
- Wasserdichtigkeit 5 bar
- Griffige 10 mm Zwiebelkrone
- Schweizer Automatic-Werk Sellita SW 200-1
- Lederband mit Doppelnieten
- Gewicht: 95 Gramm (am Leder)
- Preis: 790€, direkt über Aristo
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Danke für die ausführliche Vorstellung (mit Infos zur Fliegeruhrenhistorie) dieser sehr schönen Uhren zum fairen Preis.