Es gibt Taucheruhren, die versuchen zaghaft einen Hauch maritimen Designs einzubringen, zum Beispiel durch dezente Wellen auf dem Zifferblatt, verschiedene Blautöne, thematisch passende Muster (wie bei der Circula ProSea) oder dergleichen. Und dann gibt es die Alexander Shorokhoff Flensi – eine Uhr, die das Thema Unterwasserwelt mit der Subtilität eines Hafenspaziergangs angeht: bunt, lebendig, erfrischend.
Die Flensi ist benannt nach Flensburg, einer der nördlichsten Städte Deutschlands. Ihre Entstehung beruht nicht auf einem Designmeeting, sondern auf einer Dienstreise nach Flensburg, bei der Herr Shorokhov durch die Hafengegend schlenderte und eine Meeresbrise genoss. Die Flensi ist – das sieht man sofort – Shorokhoff durch und durch: Die Manufaktur aus dem unterfränkischen Alzenau betreibt Uhrendesign ohnehin nicht als Pflichtdisziplin, sondern als kreative Spielfläche, wobei die Flensi hier sogar nochmal innerhalb des Shorokhoff-Sortiments deutlich heraussticht…



Eckdaten Alexander Shorokhoff Flensi:
| Referenznummer | AS.DD06-TG |
|---|---|
| Kaliber | ETA 2824 (oder SW200) Automatik, mit einer handgravierten und veredelten Schwungmasse, gebläuten Schrauben, 25 (26) Steine |
| Gangreserve | ca. 38 Stunden |
| Funktionen | Stunden, Minuten, Zentralsekunde, Datum |
| Gehäuse | Edelstahl mit geprägtem Massiv-Stahlboden und dekorativen Stahlschrauben, farbige Außenlünette aus Titan |
| Lünette | Drehbare Innenlünette, einstellbar über Krone auf 2h |
| Durchmesser | 45 mm |
| Höhe | 13,75 mm |
| Glas | Saphirglas entspiegelt |
| Wasserdichtigkeit | 10 atm |
| Zifferblatt | Ausgelegt mit echtem Perlmutt in Verschiedenen Farben, mit verschiedenfarbigen Fischen und Meereselementen als Applikationen im 3D-Effekt, Stundenmarkierungen mit orangener Leuchtmasse |
| Zeiger | Schwarz mit Gelb-orangefarbener Leuchtmasse |
| Bandanstöße | 22 mm |
| Band | Kautschuckband in Grün mit Faltschließe |
| Limitierung | 60 Stück je Farbvariante |
| Listenpreis | 2700€ |
Alexander Shorokhoff Flensi: Ein Zifferblatt wie ein Mini-Aquarium
Die Flensi ist wieder mal ein Paradebeispiel dafür, wie konsequent hier die „Art on the Wrist“-Philosophie verfolgt wird. Wer schon einmal eine Shorokhoff-Uhr am Arm hatte, weiß: Das sind nicht einfach Uhren. Sie sind – überspitzt formuliert – eher kleine Gemälde, die zufällig auch die Zeit anzeigen. Und im Fall der Flensi ist dieses Gemälde besonders farbsatt: Das Modell auf Basis der Deep Ding-Modellreihe trägt vier Schichten echtes Perlmutt: hell oben, grün und bläulich in der Mitte, bräunlich unten – in Anlehnung an die verschiedenen Meerestiefen und den Meeresboden, dezent getrennt durch metallische „Stege“. Die Flensi gibt es in drei Varianten: Rot, Grün und Blau, wobei die blaue Variante auf Perlmutt-Segmente in anderen Farbtönen mit Schwerpunkt Blau setzt. Auf dem Blatt tummeln sich insbesondere viele kleine, unterschiedlich gemusterte Fische und Meereselemente wie eine Flaschenpost. Die meisten Elemente sind dabei nicht etwa gedruckt, sondern schön plastisch erhaben. Insbesondere der lila-metallische Rochen sticht hervor.
Das Blatt bietet so unglaublich viel zu entdecken und ich habe mich wirklich noch nie so oft wie bei der Flensi dabei erwischt wie ich einfach nur auf die Uhr geschaut habe, um weitere Details zu entdecken – bei „8 Uhr“ beispielsweise schwimmt eine Flaschenpost zwischen Algen herum, bei „1 Uhr“ spickelt ein kleiner alter Anker ins Bild, links neben „6 Uhr“ zeigt sich ein Seestern – und irgendwo zwischen den verschiedenartigen, bunten Fischen taucht auch in der Nähe des Zentrums die Limitierungsnummer auf. So integriert, dass sie nicht einmal stört.


Trotz der Tatsache, dass so unglaublich viel auf dem Blatt los ist, ist die Ablesbarkeit sehr ordentlich – dank kontrastreich oranger Zeiger und Leuchtpunkte. Wobei die Diskussion um Ablesbarkeit eigentlich ohnehin Quatsch ist: Es geht hier – so viel sollte glasklar sein – nicht um eine funktionale, perfekt ablesbare Toolwatch oder um ein nautisches Instrument (dafür wäre wohl auch die Wasserdichtigkeit von 10 bar etwas zu gering, wenngleich diese natürlich absolut alltagstauglich ist und locker für Schwimmaktivitäten ausreicht). Es geht darum eine Stimmung einzufangen. Eine freundliche, leicht verträumte Unterwasseridylle, die aus dem Uhrenkosmos, der sich oft genug schon allzu ernst nimmt, heraussticht wie kaum ein anderes Design.




Shorokhoff war nie eine Marke der Zurückhaltung. Dass das Gehäuse der Flensi üppige 45 mm auf 13,75 mm Höhe misst, überrascht daher auch nicht wirklich. Sie trägt sich auch am Handgelenk groß, ja, aber nicht zu groß. Ein Grund dafür ist das noch recht zurückhaltende Horn-zu-Horn-Maße von 50 mm. Eine gewisse Gehäusegröße ist dabei sicherlich auch notwendig, um dem Zifferblatt im Sinne einer Leinwand „Luft zum Atmen“ zu geben.
Trotzdem ist die Flensi natürlich keine Uhr, die so leicht unter dem Hemd verschwinden kann – aber das will sie sicherlich auch nicht mit ihrer extrovertierten Machart. Apropos: Dass die Titanlünette durch Eloxierung farbig abgestimmt schimmert, vor allem im direkten Licht, verstärkt den irisierenden Effekt des Blattes nochmal: Die Lichtreflexionen auf dem Perlmuttzifferblatt können dabei in verschiedenen Farbnuancen erscheinen, je nach Lichteinfall und Betrachtungswinkel – von silbrig-weiß bis zu sanften Grün- und Blautönen. Dies unterstreicht die ohnehin schon tiefe, dreidimensionale Optik (Fische etc.). Auch die 12 kleinen, kontrastreichen Schrauben auf der Lünette (optisch wie bei einem Bullauge) ziehen den Blick auf sich – es handelt sich dabei übrigens nicht um „Deko-Schrauben“, sondern um Schrauben, die auch an der Gehäuseseite erkennbar sind und bis zum Boden „durchstoßen“.
Das Kautschukband ist ebenfalls farblich auf die jeweilige Modellvariante (grün, rot, blau) abgestimmt und trägt eine Faltschließe. Das Kautschuk ist flexibel, bringt aber gleichzeitig noch eine gewisse Steifigkeit mit, was ich insbesondere im Sommer befürworte, um die Uhr lockerer tragen zu können. Nicht so schön ist, dass man zum einmaligen Kürzen des Bandes eine Schere oder ein Cuttermesser ansetzen muss – ich empfehle hier dringend lieber etwas zu wenig abzuschneiden als zu viel, denn naturgemäß kann man einmal abgeschnittene Teile nicht einfach wieder drankleben. Gut aber ist auf jeden Fall, dass die Faltschließe auch noch über zwei Löcher je Seite feinjustierbar ist – allerdings nicht werkzeugfrei (eine Büroklammer tut es aber im Zweifel).

Bei „4 Uhr“ sitzt die Krone für (ganz klassisch) die Einstellung von Uhrzeit und Datum. Bei „2 Uhr“ finden wir eine weitere Krone, die den innenliegenden Drehring ansteuert. Dass Shorokhoff bei der Gestaltung der Uhr nicht wirklich Berufstaucher oder die DIN/ISO für Taucheruhren im Sinne hatte, wird nicht nur mit Blick auf das Zifferblattdesign und die Wasserdichtigkeit klar, sondern auch mit Blick auf die Tatsache, dass der Drehring gänzlich ohne Leuchtmasse auskommt: Super-LumiNova finden wir nur bei den Zeigern sowie den drei applizierten Leuchtindexen auf 3-6-9 Uhr (auf der „12“ befindet sich eine übergroße „60“, ein Shorokhoff-typisches Merkmal). Zum Timen alltäglicher Dinge wie das 6-Minuten-Ei ist der Drehring aber natürlich auch in der Form absolut zweckdienlich.




Hinter dem farbenfrohen Spektakel arbeitet ein ETA 2824-2 bzw. das Sellita SW200-1 – solide, im Wesentlichen baugleiche, zuverlässige Schweizer Dreizeiger-Automatikwerke, reguliert von einem Uhrmacher im Hause Shorokhoff in fünf Lagen, wie auch das beiliegende Garantieheftchen belegt.
Anders als bei den meisten Modellen der Alzenauer, zeigt sich das Kaliber mit den Shorokhoff-typischen Dekorationen allerdings leider nicht durch einen Glasboden. Das ist durchaus schade, denn ich bin ein großer Fan der händisch im Hause Shorokhoff durchgeführten Gravuren (siehe zum Beispiel: Dreierlei: Alexander Shorokhoff-Neuheiten 2024 Cadamomo und Regulator Automatic im Test). Der Stahlboden ist aber dennoch hübsch anzusehen und tröstet darüber ein Stück weit hinweg – er zeigt ein tief graviertes, reliefartiges Schildkrötenpärchen.



Die überaus hochwertige Box führt das Thema der Flensi passend weiter und ist ein kleines Erlebnis für sich. Oben gibt es ein „Guckloch“ mit Stahlrahmen, das an ein Bullauge erinnert und durch das man die Uhr auch geschlossen betrachten kann. Innen ist alles wellenförmig ausgelegt, in hellen, strahlenden Blautönen.


Fazit – eine Uhr wie ein Kurzurlaub
Ich möchte diesen Beitrag mit einem Zitat abschließen: Kunst hat nichts mit Geschmack zu tun. Kunst ist nicht da, damit man sie schmecke (Max Ernst, ein bedeutender Maler, Grafiker und Bildhauer deutscher Herkunft).
Ich bin wahrlich kein Kunstkenner, aber der Kunstbegriff dehnte sich über die Jahrzehnte bekanntermaßen ständig weiter aus (Impressionismus; neue Materialien, Technologien und Medien; die Idee als Kunst selbst wie die „Comedian“ (2019), eine an die Wand geklebte Banane, von Maurizio Cattelan etc.) – und vielleicht hat die Kunst mittlerweile doch viel mehr mit Geschmack zu tun, als Max Ernst das seinerzeit zu denken vermochte.
So würden wahrscheinlich auch die meisten Uhrenfreunde seinen Worten widersprechen, denn was Shorokhoff hier an Kreativität an das Handgelenk bringt, hat eindeutig etwas mit Geschmack zu tun: Die Gesamtkomposition ist sicherlich nichts für jedermann. Manche werden sagen: genial. Andere: (zu) verspielt. Die Flensi ist eine Uhr für Menschen, die sich nicht zwischen Kunstwerk und Zeitmesser entscheiden wollen. Ob dies Unterwasser-Szenerie zwingend in Form eines 45-mm-Perlmutt-Aquariums am Arm getragen werden muss, ist eine individuelle Entscheidung. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt für 2700€ viel Charakter, viel Handwerk und garantiert viele Blicke.



Tipp: Einblicke in die Manufaktur gibt auch Inga Duffy-Shorokhova in unserem Livestream:
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Eine wirklich außergewöhnlich schöne Uhr! Mit einem Durchmesser von 45 mm leider nur für entsprechend große Handgelenke geeignet. Schade.
Ab in die Mucki-Bude! 😊
Ich möchte nur sagen, eine lustige Uhr, aber leider mit eine Kaliber ausgestattet, dass man hätte auch mit der höheren Gangreserve wählen können – müssen.
Der Rest ist Geschmacksache…
Was wären wir Deutschen, wenn wir nicht IMMER irgendwie irgendwo ein Haar in der Suppe finden würden.
Wäre die eigentlich völlig ausreichende Gangreserve in Ordnung, dann wären es die vielen Schrauben auf der Lünette oder der nicht vorhandene Glasboden oder weiß der Geier was.
Einfach mal freuen an dem, was ist und was es gibt und sonst Ruhe im Kuhstall. Ist das denn so schwer?
Eigentlich hatte ich die Absicht, diesen Unsinn am Armband so richtig zu verreißen. Doch bei näherer Betrachtung dieses Zeitmessers trat sehr schnell eine wundersame Wendung, eigentlich eher eine Wandlung ein.
Ich weiß auch nicht, wie mir geschah, aber diese Uhr löste in mir sehr angenehme Gefühle aus, eine Art Wohlbefinden, ähnlich dem, wenn ich mir im Museum hochwertige Kunst wie Malerei oder Skulpturen anschaue. Die Überraschung war geglückt. Und immer noch im Rausch, kann ich wahrheitsgemäß sagen, daß ich schon lange keine Uhr mehr gesehen habe, die mir so gut gefallen hat. Schockverliebt trifft es vielleicht ganz gut.
Das Zifferblatt ist so unglaublich liebevoll gestaltet, die ganze Uhr empfinde ich in Farben und Proportionen unglaublich stimmig. Dazu ein tadelloses Uhrwerk in einem geschmackvollen Gehäuse und schon ist die kleine Kunst am Handgelenk fertig. Und das zu einem sehr überschaubaren Preis. Ich bin schwer begeistert und werde stante pede die Webseite dieser großartigen Künstlers aufsuchen und mir auch die anderen Modelle resp. Farbkombinationen ansehen. Mal sehen, was da noch passiert….
Danke Mario, für diesen hellen Lichtstrahl im immer größer und unübersichtlicheren Meer der 08/15-Uhren ohne besondere Eigenschaften oder Ausstrahlung. Diese Shorokhoff-Uhr ist ein echter Jackpot.
I’m so amused, wie wir Lateiner sagen. 🤭
Nachtrag zu meiner Eloge:
Wie erwähnt, habe ich die Webseite von Shorokhoff besucht und ich habe wieder festgestellt, daß seine Uhren in vielen Fällen nicht mein Ding sind. ABER DIE FLENSI!
Es gibt sie ja, wie von Mario erwähnt, in den drei Farbgebungen rot, grün und blau. Die rote Variante sieht verboten aus, das kräftige Rot erschlägt die liebevollen Feinheiten und es ist einfach ein roter Klotz. Meine Lieblingsfarbe Blau teile ich mit Zig-Millionen Menschen, die das genau so sehen. Und deshalb ist die blaue Ausführung nur noch auf Anfrage und mit Wartezeit (vielleicht) zu bekommen. Was auch verständlich ist, denn auch in Blau (wie das Wasser im Meer) sieht die Flensi hinreißend aus und hat mich sehr begeistert. Genau wie diese wunderschöne grüne Ausführung, von der es noch 44 Exemplare zu erwerben gibt. Wenn mehr Menschen mit künstlerischem Geschmack Mario’s Artikel gelesen haben, könnte diese Zahl spürbar sinken.
Abschließendes Fazit: Hätte ich Geld wie guten Geschmack (🤭), würde ich die grüne Flensi sofort bestellen, auf eine vielleicht noch mögliche blaue inständig hoffen und die rote vergessen.
Dann wäre die Uhrenfrage bis auf weiteres geklärt.