Hier gibt es keine subtile oder versteckte Botschaft – das Zifferblatt des Modells Crazy Balls 2 von der Alzenauer Uhrenmanufaktur Alexander Shorokhoff hält genau, was der Name verspricht: Schimmernde, bunte Kugeln wirbeln hier über das Zifferblatt. „Kontrolliertes Chaos“ trifft es hier wohl recht gut als Beschreibung. Ein bisschen drängt sich auch der optische Vergleich mit der Rolex Celebration Dial auf – ist solch ein Vergleich aber überhaupt zielführend oder sinnvoll? Nun, dazu gleich mehr, denn zunächst schauen wir uns die Crazy Balls 2 mal im Detail an.


Eckdaten Ref. AS.CB02-1:
- Kaliber: SW200-1 Automatik, handgraviert und veredelt, 26 Steine, Gangreserve ca. 38 Stunden, Stunden, Minuten, Zentralsekunde, Datum
- Gehäuse: Edelstahl, gebürstet und poliert
- Wasserdichtigkeit: 5 ATM wasserdicht
- Durchmesser: 39 mm
- Höhe 10,6 mm
- Horn-zu-Horn: 45 mm
- Saphirglas, entspiegelt
- Zifferblatt mit Perlmutt-Elementen
- Zeiger: Grün lackiert (Stunde und Minute), silberne Sekunde
- Armband: Weißes Kalbsleder mit gravierter Edelstahl-Dornschließe
- Limitierung: 50 Stück
- Preis: 1980€, direkt über Alexander Shorokhoff oder verschiedene Fachhändler

Kontrolliertes Chaos: Crazy Balls 2 im Hands On
Die vielen unterschiedlich dimensionierten Kugeln, die auch ein bisschen an Billardkugeln erinnern, verteilen sich über das ganze Zifferblatt und kommen dabei in gestreifter bunter, plastisch-erhabener Optik. Scheinbar zufällig reiht sich hier auf der „6 Uhr“-Position das Datum mit kreisrunder Öffnung ein. Die kleinen Kugeln wiederum werden ergänzt durch drei größere, kreisrunde Bereiche aus verschiedenfarbigem Perlmutt, wobei die einzelnen Segmente durch metallische Stege getrennt sind. Perlmutt sorgt durch seine Struktur für einen natürlichen Schimmer, denn: Perlmutt ist ein hochglänzendes, „schillerndes“ Material, das aus der inneren Schicht der Schalen von Muscheln besteht. Diese Schicht wird von den Tieren aus Kalziumkarbonat gebildet, das in dünnen, schichtenartigen Platten angeordnet ist. Diese Struktur erzeugt den typischen irisierenden Effekt: Dieser verleiht der Uhr eine (noch) tiefere, dreidimensionale Optik und hebt sie visuell von klassischen Zifferblättern ab. Fun Fact am Rande: Perlmutt ist nicht nur schön anzusehen, es treibt auch Materialforscher seit Jahrzehnten zu Forschungstätigkeiten – wegen seiner außergewöhnlichen Härte: Perlmutt gilt als eines der zähesten Materialien der Welt.


Als eine Art „Hintergrundrauschen“ finden wir bei der Crazy Balls 2 ein weißes, guillochiertes Muster vor, also eine feine, eingearbeitete Struktur, die hier in sanften Wellen gehalten ist. Das sorgt für einen Gegenpol zu dem bunten Treiben darüber – klingt widersprüchlich, funktioniert aber erstaunlich gut. Es ist ein bisschen so, als hätten die Alzenauer beschlossen, Ordnung und Chaos einfach nebeneinander existieren zu lassen – und siehe da, es passt. Typisch für Shorokhoff ist auch dieses überdimensionierte „60“ auf dem Zifferblatt, die als Ankerpunkt zwecks Orientierung dient.



Interessant wird es, wenn man versucht, die gestalterischen Einflüsse zu greifen. Inoffiziell steht die Marke ja immer wieder in Verbindung mit künstlerischen Einflüssen im Dunstkreis des Avantgardismus wie Wassily Kandinsky – und sogar ich als absoluter Kunst-Laie erkenne schnell gewisse Parallelen: Diese Mischung aus scheinbar zufälligen Formen, kräftigen Farben und einem gewissen Hang zum Surrealen erinnert auf jeden Fall an genau diese Kunstrichtung (hier einige Beispiele).

Technisch bleibt die Uhr bodenständig: Im Inneren arbeitet ein automatisches SW200-1 – ein Schweizer Standardkaliber, das man kennt, das zuverlässig läuft und das sich im Alltag bewährt hat. Die Energie steckt hier sichtbar in der Optik, nicht im Versuch, Gangreserve-Rekorde aufzustellen: Der Rotor ist Shorokhoff-typisch mehr als ansehnlich – dank händisch im Hause Shorokhoff durchgeführter Gravuren.
Allerdings: Die hinter dem Rotor liegende Optik des weitgehend undekorierten und dadurch technisch-nüchtern, fast schon etwas steril wirkenden Sellita steht in ziemlich krassem Kontrast zum tollen Rotor – etwas zu viel Kontrast, für meinen Geschmack. Will sagen: auch die Ebene hinter dem Rotor hätte gerne etwas Dekoration vertragen können, zum Beispiel eine Perlage.



Mit 39 Millimetern Durchmesser bei 45 mm Horn-zu-Horn bewegt sich die „Crazy Balls 2“ in einem angenehm tragbaren Bereich. Weder zu groß noch zu klein, also ziemlich alltagstauglich und „Unisex“ – zumindest was die Maße angeht. Optisch ist „alltagstauglich“ natürlich relativ. Das ist keine Uhr, die man unauffällig unter der Hemdmanschette verschwinden lässt. Eher das Gegenteil: Wenn jemand drauf schaut, dann bleibt der Blick meistens auch hängen. Und genau da liegt vermutlich der Reiz – oder eben auch die Hürde. Diese Uhr will nicht jedem gefallen. Sie ist kein Kompromiss, kein „geht immer“. Entweder man hat Spaß an dieser Art von Design, an diesem leicht „anarchischen“ Umgang mit Formen und Farben, oder man lässt es lieber bleiben. Dazwischen gibt es wenig.




Am Ende bleibt die „Crazy Balls 2“ genau das, was ihr Name verspricht: ein bisschen verrückt, ziemlich bunt und definitiv nichts für Minimalisten. Aber genau das ist es, was sie in einer horologischen Welt voller homogener Designs so interessant macht. Manchmal darf eine Uhr eben auch einfach nur Spaß machen – selbst wenn sie dabei etwas über die Stränge schlägt.
Alternative zur Rolex Celebration?
„Über die Stränge schlagen“ und „Rolex“ – das findet man nicht oft in einem Satz. Die (mittlerweile eingestellte und dadurch auf dem Gebrauchtmarkt zu horrenden Preisen gehandelte) Rolex Oyster Perpetual Celebration Dial war da so eine Ausnahme. Der Vergleich mit der hier gezeigten Crazy Balls 2 drängt sich durchaus auf, allein schon wegen der bunten, kreisförmigen Elemente auf dem Zifferblatt. Beide Uhren spielen ganz offensichtlich mit Farbe, mit Verspieltheit und mit dem bewussten Bruch klassischer Designregeln.



Trotzdem sind die Ansätze ziemlich verschieden: Während die Oyster Perpetual Celebration Dial von Rolex auf mich fast schon durchkomponiert wirkt – die Kugeln bzw. Blasen wirken hier strenger und „gedrängter“ angeordnet – geht die Crazy Balls 2 einen anderen Weg. Hier ist eben nicht alles bis ins letzte Detail durchorchestriert, die Kugeln scheinen sich freier und „spontaner“ über das Blatt zu verteilen.
Genau darin liegt für mich der signifikante Unterschied: Die Rolex wirkt wie ein sehr teures, sehr präzise designtes Statement-Piece – immer noch ein bisschen im Rahmen dessen, was man von der Marke erwartet. Die Crazy Balls 2 hingegen traut sich ein Stück weiter zu gehen, sie ist unberechenbarer, „freigeistiger“ (siehe plastische Optik der „Balls“, Einsatz von Perlmutt etc.).
Und damit sind wir auch beim Elefanten im Raum: Der direkte Vergleich ist natürlich ziemlich unfair. Nicht wegen der Verarbeitung oder der Qualität im engeren Sinne – sondern wegen der schieren Markenwucht. Rolex spielt in einer ganz eigenen Liga was Historie, Image, Wiedererkennungswert und Marktstellung angeht. Eine Oyster Perpetual mit Celebration Dial trägt immer auch dieses enorme Markenversprechen am Handgelenk – ganz unabhängig davon, wie das Zifferblatt im Detail gestaltet ist.
Die Crazy Balls 2 von Alexander Shorokhoff hat diesen „Rückenwind“ nicht. Sie muss über ihr Design, Individualität und den Charme einer kleinen Alzenauer Manufaktur funktionieren. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie auf mich stärker wirkt: Sie kann sich nicht auf Ikonenstatus verlassen, sondern muss als Objekt für sich selbst überzeugen – und das tut sie meiner Meinung sogar besser als die Rolex Celebration Dial. Und das sage ich als großer Rolex-Fan, wohlgemerkt (wer mich virtuell steinigen möchte, darf gerne runter zum Kommentarbereich scrollen).
Nun, am Ende ist es sicher kein direkter Wettbewerb (wer unbedingt eine Rolex Celebration Dial haben will und sie sich einigermaßen realistisch leisten kann, sollte auch zu dieser greifen), aber durchaus ein interessanter Vergleich zweier Philosophien: Hier die große, etablierte Marke, die sich einen spielerischen Ausflug erlaubt – dort die kleine, kreative Manufaktur, die genau in diesem spielerischen Ausdruck ihr Zuhause gefunden hat. Und wenn man das im Hinterkopf behält, wird aus dem „unfairen Vergleich“ plötzlich ein ziemlich spannender.

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