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Uhren und Fußball: da gibt es eine gewisse Verbindung – von den 50ern bis heute. Der moderne Fußball wäre aber nicht der moderne Fußball, wenn die Skandale und Kontroversen (hallo WM in Katar!) nicht auch vor der Welt der Zeitmesser halt machen würde. Die Liste ist lang – hier drei Beispiele:

  • Der brasilianische Fußballverband soll während der WM 2014 teure Luxusuhren an FIFA-Funktionäre verschenkt haben. Kurios: Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger behauptete später, die Uhr der Marke Parmigiani Fleurier im Wert von 20.000€ gar nicht in seiner Geschenktüte gesehen zu haben.
  • Der ehemalige DFB-Präsident Grindel trat 2019 nach einer Reihe von Verfehlungen von seinem Amt zurück. Zuletzt stolperte er über die Annahme einer Luxusuhr als Geschenk eines russischen Oligarchen, mit dem er Vorurteile von Korruption und Käuflichkeit gegenüber haupt- und ehrenamtliche Tätigen im Fußball bestätigte.
  • Das Amtsgericht Landshut hat 2013 gegen Karl-Heinz Rummenigge Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung erlassen: Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München hat bei der Rückkehr aus Katar zwei Rolex-Uhren im Wert von knapp 100.000 Euro mitgebracht und nicht die fällige Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von 19 Prozent entrichtet.

Es geht aber auch anders: Kaum bekannt ist, dass auch die Weltmeister von 1954 damals eine Uhr als Geschenk erhielten – völlig frei von Skandalen, ziemlich bodenständig und im starken Kontrast zur heutigen Luxusuhrenflut im Profi-Fußball…

Doxa für die Weltmeister von 1954

Da hat Schäfer nach innen geflankt. Kopfball. Abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen … Rahn schießt … Tooor! Tooor! Tooor! Tooor!

Die deutsche Mannschaft galt bei der WM 1954 als krasser Außenseiter. Niemand glaubte an einen Sieg der Deutschen. Auch nicht die Kommentatoren: Keiner hatte damals Lust, über das Finale zu berichten.

Und zunächst lief es für die deutsche Mannschaft auch eher solala: Das erste Spiel gegen die Türkei gewinnt sie, verliert dann aber gegen den WM-Favoriten Ungarn mit einer heftigen Packung (3:8) – allerdings mit einer B-Elf, da Sepp Herberger kaum Chancen auf einen Sieg sah – was ihm einen (auf Neudeutsch) ordentlichen Shitstorm einbrachte.

Trotzdem zieht Deutschland in die K.-o.-Runde ein und steht nach Siegen gegen Jugoslawien und Österreich im Finale – gegen Ungarn. Viele fürchteten die nächste Klatsche. Die ungarische Nationalmannschaft galt damals als die beste der Welt und quasi unbesiegbar. Ungarn selbst zeigte sich schon siegesgewiss, hatte die Siegesfeier durchgeplant und Weltmeister-Briefmarken gedruckt.

Fussball WM 1954
ETH Library, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
WM 1954 Finale Ungarn Deutschland
ETH Library, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
WM 1954 Finale Ungarn Deutschland 2
Im Hintergrund gut zu erkennen: Die Stadionuhr des Stadion Wankdorf. Nach dem Abriss des Stadions wurde die Uhr restauriert und 2007 an gleicher Stelle vor dem neu gebauten Stadion Wankdorf (bis 2020 Stade de Suisse) aufgestellt. ETH Library, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der weitere Verlauf der Fußballgeschichte ist bekannt: Nach einem frühen 0:2 dreht die deutsche Mannschaft noch das Spiel und siegt 3:2. „Das Wunder von Bern“ wurde Wirklichkeit. Am Ende wird der Live-Kommentar von Herbert Zimmermann zu einem Dokument der Zeitgeschichte, vor allem die immer wieder gespielte Passage vom Siegtor.

Kürzlich erreichte mich die Email eines CHRONONAUTIX-Lesers, der sich für die Uhr der Weltmeister von 1954 interessiert. Und tatsächlich erhielten die Weltmeister offenbar eine Uhr der Marke Doxa als Geschenk. Doxa ist das griechische Wort für Ruhm, was kaum passender sein könnte. Die Ursprünge des Uhrenherstellers Doxa gehen bis ins Jahr 1889 und die Gründung der Firma Georges Ducommun Fabriques DOXA im Schweizer Le Locle, zurück – rund eine Autostunde vom Austragungsort des 54er Finales in Bern entfernt.

In einer kurzen Reportage des SWR über den Nachlass des Weltmeister-Abwehrspielers Werner Liebrich, der ins Museum des 1. FC Kaiserslautern überführt werden soll, ist die Doxa-Uhr gut zu erkennen (danke an CHRONONAUTIX-Leser Hans!).

Werner Liebrich 1954
Werner Liebrich, Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_M03-0108-005-0011 / CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es handelt sich um eine schlichte Dreizeigeruhr im Goldgehäuse mit einem Zifferblatt mit applizierten Stunden-Indizes, spitz zulaufenden Dauphine-Zeigern und Handaufzugkaliber – eine Uhr, wie sie typischer kaum sein konnte für die 50er und 60er Jahre und heute für vergleichsweise wenig Geld erwerbbar ist.

Laut der Witwe von Liebrich, habe ihr Mann die Doxa ständig getragen – entsprechend ist auch der Zustand „runtergerockt“.

Die Doxa-Uhr wurde im Jahre 2004, zum 50-jährigen Jubiläum, neu aufgelegt: In einer Pressemittelung des DFB aus dem Jahre 2004 heißt es, dass der damalige DFB-Vizepräsident Karl Schmidt im Vorfeld des Jubiläumsländerspiels Deutschland gegen Ungarn den Weltmeistern von 1954 Horst Eckel, Alfred Pfaff, Ulrich Biesinger und Ottmar Walter und weiteren Damen und Herren im Dunstkreis des WM-Sieges als Erinnerungsgeschenk jeweils eine brandneue Doxa-Uhr überreichte.

Laut dem DFB handelte es sich dabei um ein „originalgetreues Replik“ der goldenen Uhr, den die deutsche Nationalmannschaft 1954 als Geschenk erhielt. Allerdings ist die Neuauflage eher aus der Kategorie „verschlimmbessert“ und hat einige Schnörkel erhalten, die meiner Meinung nach so hätten nicht sein müssen (DFB-Logo, Gravuren auf „12“ und „6 Uhr“). Ein Replik ist das jedenfalls ganz sicher nicht (der DFB spricht in seiner Pressemittelung aber auch fälschlicherweise von einem Chronographen, es handelt sich aber um eine schlichte Dreizeigeruhr).

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Bild: luxustown / ebay.at

Übrigens: Im SWR-Beitrag ist noch eine Uhr zu sehen: Eine Tischuhr, die Sepp Herberger seinen Weltmeistern als Geschenk machte…

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