Paneristi-Bibel: „Vintage Panerai“ Buch-Autoren Ehlers und Wiegmann im Interview

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In Teil 1 meines Artikels über Panerai bin ich ausführlich in die Geschichte des italienischen Uhren-Herstellers eingetaucht. Um noch mehr über Panerai zu erfahren, habe ich Volker Wiegmann und Ralf Ehlers um ein Interview gebeten. Die beiden sind nicht nur passionierte Panerai-Sammler und -Fans (sogenannte Paneristi), sondern auch die Autoren von vier irre aufwendig recherchierten „Vintage Panerai“ Büchern, die man getrost als „Panerai-Bibel“ bezeichnen kann…

Ralf Ehlers (links) und Volker Wiegmann (rechts)

Bücher-Reihe „Vintage Panerai“: Interview mit den Autoren Wiegmann und Ehlers

Bevor wir in das Interview einsteigen, ein paar Worte zu den Werken der Paneristi Wiegmann und Ehlers: In den dreisprachigen Büchern Vintage Panerai – Uhren mit Geschichte (Teil 1 und Teil 2) geht es um konkrete Geschichten von Kampfschwimmern und deren Einsätzen an den Fronten des Zweiten Weltkriegs. Die Informationen für die Geschichten wurden über Jahre hinweg auf Basis von Interviews mit den Veteranen und der Sichtung von Materialien (wie zum Beispiel Tagebüchern) zusammengetragen. Dabei kommt natürlich nicht zu kurz, inwiefern die Taucher-Ausrüstung wie beispielsweise Panerai-Uhren eine Rolle im Kampftaucher-Alltag gespielt haben.

In den Büchern Vintage Panerai – Die Referenzen (1930’s-1940’s und 1950’s-1960’s) von Ehlers und Wiegmann wiederum geht es (neben Panerai-Ausrüstungsgegenständen wie zum Beispiel Kompasse oder Tiefenmessgeräte) sehr detailliert um insgesamt 70 (!) Panerai-Modelle, die vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg produziert und an die italienischen Kampftaucher der Marina Militare ausgegeben wurden.

Darunter ist zum Beispiel die frühe Panerai mit der Referenz 3646 Typ G (mit California Dial)

… oder Nachkriegsmodelle wie beispielsweise die ultraseltene Panerai 6152.

Vintage Panerai: Interview mit Ralf Ehlers und Volker Wiegmann

Kurz und knapp: Was macht für Sie den Charme von Panerai besonders aus? Es gibt schließlich auch viele andere historisch bedeutende Hersteller mit robusten, funktionalen Taucheruhren…

Das unverwechselbare Design in Verbindung mit Funktionalität und historischem Hintergrund als Toolwatch im ursprünglichen Sinne.

Welches Modell war Ihre allererste Panerai?

Panerai PAM36, eine neuzeitliche Special Edition aus dem Jahr 1998 (Volker Wiegmann)

Panerai Ref. 3646 / Type D aus Erstbesitz eines Kampfschwimmers, Baujahr 1943/44 (Ralf Ehlers)

Vintage pur: Panerai 3646 Typ D

Gab es bei den umfangreichen Recherchen für Ihre Bücher Informationen, bei denen Sie sich die Zähne besonders ausgebissen haben, d.h. die besonders schwer zu beschaffen waren?

So ziemlich alles war schwer zu beschaffen, bzw. mussten wir selbst recherchieren: Als wir 2007 mit unserem ersten Buch starteten, gab es nur sehr wenig Lektüre über historische Panerai-Uhren mit Bezug auf die Träger und deren Einsätze. Entweder es gab Literatur aus dem Bereich Marine-Geschichte, in denen die Panerai-Uhren selten oder gar nicht erwähnt wurden, oder Uhren-Bücher, in denen die Uhren von Panerai – wenn überhaupt – nur sehr oberflächlich beschrieben oder falsch datiert wurden.

Welches Panerai-Geheimnis konnten Sie noch nicht lüften, steht aber auf Ihrer persönlichen Liste ganz weit oben?

Viele Wege unserer Recherche enden bei Rolex in Genf. Eine präzise Angabe der produzierten Stückzahlen wird das Haus wohl niemals offenlegen. Darum ist jede neu entdeckte, bzw. nach vielen Jahren wieder aufgetauchte Panerai-Uhr ein weiteres Stück im großen Puzzle. Mit der Anzahl der in unserer Datenbank registrierten Uhren steigt auch der Überblick auf die Stückzahlen, bzw. die Nummernkreise der von uns typisierten Gruppen, speziell bei der Referenz 3646 aus der Zeit des 2. Weltkriegs. Jede neu registrierte Uhr ist anders. Sowohl der Erhaltungszustand als auch die Informationen über die Herkunft, ihren Erstbesitzer oder mit ihr durchgeführte Einsätze.

Panerai 3646 Typ B
Rolex-Werk in der Panerai 3646 Typ B

Interviews mit Zeitzeugen sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer Recherchearbeiten – welches Gespräch war das für Sie persönlich das prägendste und warum?

Alle Gespräche waren etwas sehr Besonderes für uns. Es war uns bei jedem Treffen klar, dass wir mit den Veteranen auch über sensible Themen sprechen würden und haben respektiert, wenn es schwer fiel, die richtigen Worte zu finden. Oft waren die Veteranen aber auch positiv überrascht, dass sich überhaupt jemand nach so vielen Jahren für ihre Erlebnisse interessiert. Wir wussten von Beginn an, dass unsere Recherche und die Befragung der Veteranen auch ein Wettlauf gegen die Zeit sein würde. In unseren beiden History-Büchern haben wir neun individuelle Geschichten verfasst, die ohne die Hilfe der Veteranen bzw. deren Angehörige nie möglich gewesen wäre. Mittlerweile sind bereits mehrere der Veteranen verstorben. Wir sind sehr froh, dass wir vor einigen Jahren die Möglichkeit hatten, sie noch bei guter Gesundheit zu treffen und von ihnen viele Antworten auf unsere Fragen zu erhalten.

Besonders in Erinnerung ist mir persönlich das Interview mit dem Kampfschwimmer-Veteran Karl-Heinz Kiefer geblieben. Es gab mehrere, umfangreiche Gespräche mit ihm (teilweise auch als Tonaufnahmen konserviert) und sein detailliertes Erinnerungsvermögen an Begebenheiten, die vor rund 70 Jahren während seiner Ausbildung in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs geschahen, waren beeindruckend und für unsere Recherche enorm hilfreich.

Welche Information, die Sie bei Ihren Buch-Recherchen und Interviews mit Zeitzeugen „ausgebuddelt“ haben, war für Sie die überraschendste?

Überraschend ist vielleicht nicht der richtige Begriff, aber ich fand es sehr interessant aus erster Hand – direkt vom Veteran – zu erfahren, wie man z.B. als Kampfschwimmer in den persönlichen Besitz einer Panerai-Uhr kam. Nach erfolgreich absolvierter Ausbildung wurde den Kampfschwimmern ihre Uhr überreicht. Karl-Heinz Kiefer beschrieb uns dies als eine Art „Ritterschlag“ mit den Worten „Wer die Panerai am Arm trug, gehörte dazu“.

Ralf Ehlers hatte die Möglichkeit, seltene Originalfotos und sogar ein Tagebuch eines Kampfschwimmers genau zu studieren. Darin fand er wichtige Informationen über den Ablauf eines Einsatzes, aber auch über die Vorbereitungen und persönlichen Eindrücke des Kampfschwimmers. Vieles davon wäre nach rund 70 Jahren wohl nicht mehr nachvollziehbar gewesen, hätten er es nicht so ausführlich notiert. In diesem Zusammenhang erwähnte der Kampfschwimmer in seinem Tagebuch die Auswertung eines Luftbildes der Aufklärung, an welcher Stelle des Flusses Oder sich Pontonbrücken des Feindes (das Ziel des bevorstehenden Einsatzes) befanden. Dieses Luftbild konnten wir tatsächlich in einem Luftbildarchiv finden – was uns im Nachhinein an „die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“ erinnert hat…

Überrascht wurden wir auch vom Sohn eines Kampfschwimmers, der uns während der Recherche einen handgeschriebenen Einsatzbericht seines Vaters zur Verfügung stellte. Wenn man sich bewusst macht, dass die meisten der heute noch existierenden Uhren ganz ohne Informationen auftauchen, sind diese persönlichen Dokumente, die viele Jahrzehnte überdauert haben und aufbewahrt wurden, schon etwas Besonderes.

Eine weitere Überraschung war, dass uns das Museum der italienischen Marine in La Spezia (Arsenale tecnico navale della Marina Militare) ermöglichte, die dort seit vielen Jahren ausgestellte Radiomir Panerai vom SLC-Veteran Ernesto Notari für unser Referenzen-Buch zugänglich machte. Wie sich nach Sichtung der zur Verfügung gestellten Bilder herausstellte, war und ist es bis heute die Uhr mit der niedrigsten Gehäusenummer der Referenz 3646 in unserer Datenbank. Daneben belegte das Bildmaterial dieser Uhr den Einfluss von UV-Strahlung auf die Sandwich-Zifferblätter über einen Zeitraum von vielen Jahren.

Nicht weniger von Bedeutung war es für uns, dass uns der Sohn des berühmtesten italienischen Kampfschwimmers Luigi Ferraro Bilder der Uhr seines Vaters zur Verfügung stellte. Auch diese Uhr kannten wir seit Jahren, jedoch nicht alle Details – vor allem die inneren, wie Uhrwerk und Gehäusenummer. Trotz der deutlichen Alterungsspuren und ihres nicht funktionsfähigen Zustandes wies die Uhr im Originalzustand völlig übereinstimmende und absolut typische Merkmale der Uhren des von uns definierten Nummernkreises 3646 / Typ B auf.

Was halten Sie von modernen Panerai-Varianten mit Tourbillon, Keramik-Gehäuse o.Ä.?

Ein Aushängeschild für die moderne Manufaktur sind natürlich die Uhren mit neuen, innovativen Materialien oder besondere Komplikationen. Als Fan der historischen Modelle, deren DNA und dem geschichtlichem Hintergrund der Marke kann man trotzdem den enormen Entwicklungsprozess anerkennen und würdigen. Die neue Produktionsstätte in Neuchatel ist sehr beeindruckend und spiegelt die Erfolgsgeschichte der Marke von 1997 bis heute wider.

Moderne Panerai mit Carbon-Gehäuse (PAM00979), Bild: Panerai

Panerai-Liebhabern wird nachgesagt einen Hang zum Durchwechseln der Lederbänder zu haben – wie oft verpassen Sie per Bandwechsel Ihren Panerai-Uhren eine neue Optik?

Bei den historischen Uhren spielt der Bandwechsel nicht so eine große Rolle. Naturgemäß legt man sich bei einer kissenförmigen Radiomir (3646) mit an die Schlaufen genähten Bändern ziemlich fest. Bei den Uhren mit massiven Bandanstößen (615Xer Referenzen) kann man eher mal auf ein historisch anmutendes Band aus aktueller Produktion switchen. Auswahl gibt es ja mehr als genug, sowohl an Farben als auch Materialien. Aber ich finde ein Originalband, vor allem die in den 50er und 60er Jahren von Brelli in der Toskana produzierten Bänder, von herausragender Qualität – was sich auch durch deren heutigen exzellenten Erhaltungszustand noch gut erkennen lässt.

Original Brelli-Bänder aus der Toskana.

Träger bestimmter Uhrenmarken werden gerne in eine Schublade gesteckt. Chrono24 beispielsweise steckt Panerai-Träger in die Schublade der „Althipster“. Gibt es tatsächlich „den“ typischen Panerai-Träger?

Das kann ich so nicht bestätigen. Ich habe Panerai-Uhren an unterschiedlichsten Typen gesehen. Vom Anzugträger bis zu T-Shirt mit Jeans. Das Spektrum ist groß – und das ist auch gut so!

Über welche Themen tauschen sich Paneristi am liebsten aus? Die Technik, geschichtliche Hintergründe oder die vielfältigen Modelle und deren Unterschiede (z.B. Sandwich-Dial vs. Sausage/Painted-Dial)? 

Ich denke, Sie haben in Ihrer Frage bereits die Antwort geliefert. Das Spektrum ist groß, Ansatzpunkte für Diskussionen und Fachsimpeleien gibt es reichlich.

Panerai-Uhren sind kein günstiges Hobby. Was denken Sie über Micro-Brands, die sich designtechnisch im Dunstkreis von Panerai bewegen?

Original bleibt Original. Teilweise kann man nur staunen, wie oft einzelne Elemente vom Panerai-Design den Weg in Modelle anderer Marken, nicht nur Micro-Brands, gefunden haben.

Gruppo Gamma Vanguard Retro AN-13 Bronze
Panerai-DNA: Taucheruhr von der Micro-Brand Gruppo Gamma

Dürfen auch anderen Marken und Modelle neben Ihren Panerai-Uhren in der Uhrenbox verweilen?

Natürlich. Panerai ist nicht alleine im Uhren-Universum. Es gibt viele schöne Klassiker anderer Marken, die auch Spaß machen am Handgelenk – wenn die Panerai mal eine Pause macht. 

Danke für das Interview!

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