Hallo liebe Uhrenfreunde! Heute melde ich mich mal wieder mit zwei Leserfragen, welche für den ein oder Anderen ebenfalls interessant sein könnten. Es sind tatsächlich zwei Fragen, die beide in komplett unterschiedliche Richtungen gehen. Ich möchte sie aber trotzdem in einem Bericht zusammenfassen.
Hier die Fragen unseres Lesers Michael:
„Ich geh mal davon aus, dass es mechanischen Uhren, ob Handaufzug oder Automatik, egal ist wenn man sie auslaufen lässt und dann mal wieder zum Tragen aufzieht, ohne das sie davon Schaden nehmen? Wie in euerem Blog zu lesen ist, sollen mechanische Uhren regelmäßig zur Revision zum Uhrmacher.
Da ich ja ungern etwas wegwerfe, was reparabel ist, stellt sich mir die Frage, ob das bei Uhren mit Uhrwerken von PTS, Seagull oder Miyota geht und Sinn macht (Qualität der verwendeten Materialien, Beschaffung von Ersatzteilen). Klar, neue Uhrwerke sind da bestimmt billiger als sie zu überholen, aber das ist ja nicht wirklich nachhaltig.“
| [Beitrag von Leon Zihang, Uhrmacher und Kopf hinter ChronoRestore.com] | ![]() |
Totlaufen oder totliegen? – Warum mechanische Uhren beides nicht mögen
Zum ersten Teil der Frage: Mechanische Uhren haben immer nur eine begrenzte Gangreserve. Die Gangreserve ist die Zeit, die die Uhr noch läuft, wenn sie aus dem Vollaufzug nicht mehr aufgezogen wird. Diese Zeit ist durch die Größe des Federhauses und der darin verbauten Zugfeder in Verbindung mit dem Übersetzungsverhältnis im Uhrwerk vorgegeben. Die meisten Uhren besitzen eine Gangreserve von um die 40 Stunden. Damit läuft die Uhr, nachdem sie abgelegt wurde (Bei Handaufzuguhren nachdem sie das letzte mal aufgezogen wurden), noch ca. 40 Stunden, bis sie zum Stillstand kommt. Doch ist das nun schlimm? Nein! Im Gegenteil. Es ist auch mal gut für die Uhr nicht zu laufen. Die einzige mechanische Armbanduhr, bei der es wirklich sinnvoll ist, diese immer am laufen zu halten, ist eine Uhr mit ewigem Kalender wie beispielsweise die Glashütte Original Senator Excellence Ewiger Kalender. Hier kann es beim Einstellen nämlich zu großen Problemen kommen und es ist am einfachsten, wenn man die Uhr dauerhaft durchlaufen lässt. Bei einem ewigen Kalender mit Automatikaufzug könnte man dies über einen Uhrenbeweger realisieren.


Bei allen anderen Uhren sollte man hier aber aufpassen. Ein Uhrenbeweger bedeutet für die Uhr dauerhafte Bewegung, dauerhafte Belastung und damit auch dauerhaften Verschleiß. Natürlich sollen Uhren getragen werden und gerne darf man diese auch in einen Uhrenbeweger packen, dann sollte dies aber aufgrund ästhetischer Gründe gemacht werden. Rein technisch betrachtet, stellt der Uhrenbeweger eine Belastung für die Uhr dar.

Grundsätzlich hält eine mechanische Uhr am längsten, wenn sie nur sehr selten getragen wird und ca. alle 2 Monate einmal komplett aufgezogen wird und dann komplett ablaufen kann. So ist der Verschleiß sehr gering, weil sie nur alle 2 Monate einmal läuft. Zudem werden durch das Drehen der Rädchen die Öle immer mal wieder bewegt und diese können dann nicht vertrocknen oder verharzen. Das ergibt aber natürlich wenig Sinn. Eine Uhr ist da, um getragen zu werden und wenn man sie gerne in einem Uhrenbeweger präsentiert, dann soll man sich bitte auch davon nicht abhalten lassen. In diesem Fall sollte man aber die vom Hersteller angegebenen Servicezeiten von ca. 5 Jahren einhalten, damit der Verschleiß immer wieder raus gespült wird und die einzelnen Komponenten so lange wie möglich halten. Allerdings muss man auch beachten, dass ein ewiges „Rumliegen“ der Uhr genauso schädlich wie das ständige Laufen der Uhr sein kann. Durch den Stillstand können die Öle schneller vertrocknen oder verharzen. Deshalb sollte eine mechanische Uhr alle 2 Monate einmal komplett aufgezogen werden.
Bitte lasst euch aber durch diese optimalen Bedingungen nicht davon abhalten eure Uhren zu genießen. Ihr dürft und sollt diese natürlich tragen und auch gerne mal im Uhrenbeweger präsentieren. Ihr solltet nur den größeren Verschleiß im Hinterkopf behalten und eure Uhren rechtzeitig zum Service bringen.
Ich hoffe, dass ich die Frage damit ausreichend beantworten konnte. Wenn es noch Fragen gibt, dann gerne in die Kommentare damit!
PTS, Seagull, Miyota & Co.: Wegwerfen oder reparieren
Jetzt zum Thema Nachhaltigkeit – zur Erinnerung noch mal die Frage:
Da ich ja ungern etwas wegwerfe, was reparabel ist, stellt sich mir die Frage, ob das bei Uhren mit Uhrwerken von PTS, Seagull oder Miyota geht und Sinn macht (Qualität der verwendeten Materialien, Beschaffung von Ersatzteilen). Klar, neue Uhrwerke sind da bestimmt billiger als sie zu überholen, aber das ist ja nicht wirklich nachhaltig.“
Grundsätzlich ist dein Gedanke richtig! Man sollte natürlich immer auf Nachhaltigkeit achten. Allerdings ist ein Service bei den von dir genannten Werken nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch noch schwer umzusetzen. Sowohl PTS (wie z.B. das PTS Z2031), Seagull (z.B. ST1940) als auch die meisten Miyota Werke sind absolut serviceunfreundlich. Die Werke wurden einfach nicht für die Ewigkeit gebaut. Es handelt sich hier eher um günstige Werke, die vielleicht 10 bis 20 Jahre zuverlässig arbeiten sollen und danach maximal ausgetauscht oder komplett entsorgt werden sollen. Warum das so ist und was genau der Unterschied zu den Materialien ist, kann ich dir leider auch nicht genau sagen. Ich kann nur meine Erfahrungen mit euch teilen.

Grundsätzlich sind die Werke vom Aufbau schon einmal sehr serviceunfreundlich. Das bedeutet, dass die Aufbaureihenfolge sehr komplex ist und man an gewisse Stellen des Uhrwerks gar nicht mehr ran kommt oder diese gar nicht mehr zerlegen kann. Es gibt dort teilweise verpresste Elemente, die kaputt sind, sobald man sie bei einem Service auseinander ziehen würde. Da sich darunter aber Lagerstellen befinden, die nach einer Reinigung zur fachgerechten Ölung nicht mehr erreichbar sind, ist eine Revision hier schwer durchzuführen. Nun könnte man sagen, dass man das betroffene Teil einfach neu bestellen kann und dieses dann als notwendiges Ersatzteil für eine Revision benötigt wird. Ja, das scheint in diesem Fall tatsächlich so. Allerdings bekommt man für diese Werke keine Ersatzteile. Keine Lieferanten bieten hier Werkersatzteile an. Lediglich ein paar Standardelemente wie eine neue Datumscheibe oder eine Aufzugwelle, welche bei unterschiedlichen Zifferblättern oder Gehäuse variieren können. Einzelne Räder aus dem Uhrwerk bekommt man aber schlichtweg einfach nicht ran. Das macht es natürlich auch unmöglich bei größeren Defekten eine Reparatur vorzunehmen. Den Herstellern der Werke ist also durchaus bewusst, dass die Werke zu günstig sind, um hier eine Revision vorzunehmen und bieten deshalb auch erst gar keine Ersatzteile an.
Bitte versteht mich nicht falsch! Die Werke sind teilweise echt gut! Gerade das Miyota 9015 zum Beispiel kann mit vielen teureren Werken aus der Schweiz mithalten. Das Miyota 9015 ist aber auch im Gegensatz zu anderen deutlich servicefreundlicher geworden. Ersatzteile bekommt man aber auch hier nur sehr schwer. Ein weiteres Beispiel ist das Seiko NH35. Das ist ein sehr stabil laufendes und zuverlässiges Uhrwerk. Allerdings ist es absolut nicht servicefreundlich. Auch hier bekommt man keine Einzelteile des Uhrwerks ran. Nur komplette Werke sind beschaffbar.

Ich habe schon öfter versucht solche Werke auf dringlichster Nachfrage von Kunden zu revidieren. Damit musste ich aufhören. Die Revision solcher Werke hat einfach immer mehr Probleme verursacht, als ich damit beheben konnte. Der krasseste Fall war mal ein chinesisches „Billig-Uhrwerk“ aus einer Replika-Uhr. Der Kunde hat so lange auf mich eingeredet bis ich die Revision an dem Uhrwerk auf sein eigenes Risiko durchgeführt habe. Die Räder des Uhrwerks haben sich in der Reinigungsmaschine gefühlt aufgelöst. Ja! Wirklich wie aufgelöst, wie eine Brausetablette. Von der Hälfte der Zahnräder haben einfach die Lagerzapfen gefehlt und bei anderen sind Zähne von der Radscheibe verschwunden. Ich weiß bis heute noch nicht, wo die abgefallenen Teile sind. Sie waren einfach weg. Aus diesem Grund mache ich für solche Uhren keine Reparaturen oder Services mehr. Höchstens einen Werktausch, wenn ich über seriöse Quellen an ein neues Uhrwerk rankomme. Ansonsten muss ich solche Aufträge mittlerweile ablehnen.
Ich verstehe deinen Gedanken der Nachhaltigkeit, aber gleichzeitig muss man auch noch die Wirtschaftlichkeit betrachten. Diese ist bei solchen Werken leider nicht gegeben. Dazu kommt, dass diese Werke einfach nicht servicefreundlich sind und dem bearbeitenden Uhrmacher wirklich keine Freude bereiten. Ich möchte aber nochmal betonen, dass es sich um keine schlechten Werke handelt. Sie laufen viele Jahre zuverlässig und müssen aber dann, wenn sie irgendwann einmal Probleme machen, einfach ausgetauscht werden.
Ich hoffe, dass ich auch diese Frage ausreichend beantworten konnte. Natürlich freue ich mich, wie immer, auf eure Rückmeldungen in den Kommentaren!
Bis zum nächsten Mal!
Euer Leon von ChronoRestore


Hallo,
ich mag die NH35 Uhrwerke so wie die ST19 und ST36 Uhrwerke sehr. Ich hab selbst schon mich dran geübt NH35 Uhrwerke zu zerlegen und versuch mich mit dem Hobby von Uhren bauen mehr und mehr zu beschäftigen. Es macht mir Spaß. Die ST19 Uhrwerke find ich wirklich super schön. Ich spreche hier von den ST1901, 02, 03 die hab ich zumindest im Einsatz. Bildschön meiner Meinung nach und auch nicht ganz so günstig mehr zu bekommen. Ich find es gibt nicht viel dagegen einzuwenden Uhrwerke auszutauschen, wenn sie defekt sind. Nachhaltigkeit halte ich bei Uhren wirklich für ein etwas lachhaftes Thema. Wir sprechen von einer sehr geringen Menge von Edelstahl die 10-20 Uhre ihren Dienst erwiesen hat. Wenn ich so Smartphones, Smart-TVs und so weiter der Reihe nach entsorgt werden, dann ist ein neues Uhrwerk nur ein sehr sehr sehr kleiner Tropfen auf einem heisen Stein. Wobei auch die Besitzer von Luxus Uhren nicht gerade die sind, die auf ihren Porsche, Kreuzfahrt oder ihren Flug nach Dubai verzichten würden und dann gleichzeitig von Nachhaltigkeit sprechen. Ich versuch bis heute immer noch nachzuvollziehen, weshalb Überhaupt Uhrwerke und andere Teile von Rolex und co. scheinbar so teuer sein sollen, auch wenn ich sie in den Händen halte, ist und bleibt es tatsäch eine wirklich tolle gefertigte Uhr die sich haptisch aber jetzt von einer Sugess Uhr aus China höchstens unter dem Mikroscop unterscheiden. Natürlich gibt es eine gewissen Präzison die an der Tag gelegt wird, aber wir leben nicht mehr den 60 Jahren. Heute wird so ziemlich alles von der Halbleiter Technik usw. sehr Präzise gefertigt. Und wenn man sich den Campus in der Schweiz anschaut, ja da sieht man auch das nicht wenig Geld hängen bleibt. Bitte versteht mich nicht falsch, ich find total begeistert von mechanischen Uhren und hab sehr viel Freude daran, aber ich kann bis heute nicht verstehen, wieso Uhren teurer sein können als ein Porsche 991 GT3.
‚Austauschen statt reparieren‘ hat sich auch oberhalb des Billigsegments inzwischen etabliert. Wer z. B. eine Longines zur vollständigen Wartung an Swatch Deutschland sendet, bekommt die Uhr in der Regel mit einem neuen Uhrwerk zurück. Wahrscheinlich lassen sich auch nur so zivile Wartungspreise darstellen. Ein ETA-Werk von der Stange einzubauen ist sicher preiswerter als das Werk von einer Fachkraft zerlegen, reinigen, reparieren, zusammenbauen und regulieren zu lassen. Als Kunde beschwere ich mich darüber auch nicht, sondern freue mich, dass eine 10 oder 15 Jahre alte Uhr für kleines Geld mit komplett neuem Werk ausgestattet wird.
Hallo Leon,
wie gewohnt ein ausführlicher und sehr informativer Beitrag – man merkt, dass er von einem Fachmann geschrieben wurde.
Ein wenig verwundert hat mich, dass Du die ST 19 Kaliberfamilie als serviceunfreundlich klassifizierst. Nach allem, was man liest, basiert sie auf einer konservativen Venus Konstruktion aus den 1940er Jahren. Manche behaupten sogar, dass die Werke mit den einst nach China verkauften Original-Werkzeugen gefertigt wurden. Da hatte ich eigentlich angenommen, dass man damals auch an eine notwendige Wartung gedacht hat, zumal mein Uhrmacher, der mir einmal ein durch Herunterfallen völlig versprungenes Hebelwerk meines ST 19 rasch gerichtet hat bemerkte: „Ist ganz ordentlich, jedenfalls viel besser als erwartet“.
Bezüglich der von Dir kritisierten Verfügbarkeit von Ersatzteilen, bin ich inzwischen bei den meisten technischen Produkten völlig desillusioniert: Wenn man Glück hat, bekommt man anstelle des benötigten Teils winigstens noch ein „Service-Set“, in dem sich dann auch noch 29 weitere eigentlich nicht benötige Komponenten befinden.
Beste Grüße,
Konrad
Hallo Leon, vielen dank das Du beide meiner Fragen so ausführlich beantwortet hast.
Nachdem ich 5 mechanische Uhren habe, läuft jede, der Reihe nach, 2 Wochen und dann kommt die nächste dran. So sind sie immer wieder in Bewegung und der Verschleiss hält sich in Grenzen.
Zumal ja auch schön ist wenn man Abwechslung hat.
Das mit der Revision habe ich mir schon so gedacht, dass es einfach auch vom Preis und Aufwand kein Sinn macht.
So erfreu ich mich einfach an den Uhren solange sie laufen und dann seh ich weiter.
Euch nochmals ein dickes Dankeschön und macht weiter so mit euerem Block.
Gruß Michael