Sternglas steht für Bauhaus. Klare Linien, reduziertes Design, funktionale Ästhetik. Doch mit dem Modell Berlin ist die Hamburger Marke stilistisch eine Nuance von den üblichen Bauhaus-Uhren entfernt – mehr 50er- und 60er-Jahre-Dresswatch als strenge Designschule. Jetzt folgt der konsequente Schritt: Die Berlin kommt 2026 als Automatik. Ob ihr das gut steht? Schauen wir’s uns an.



Eckdaten Sternglas Berlin Automatik:
- Japanisches Citizen-Miyota 8205, farblich abgestimmte Datumsscheibe
- Durchmesser 38 mm
- Höhe 12 mm
- Horn-zu-Horn 44,5 mm
- Bandanstoß 20 mm
- gewölbtes Saphirglas, doppelt entspiegelt
- Wasserdichtigkeit 5 bar
- Gewölbtes, satiniertes Zifferblatt
- Listenpreis 449€ (Einführungspreis 419€), direkt über Sternglas.de und verschiedene Fachhändler
Sternglas Berlin Automatik im Test
Die Inspiration für die Sternglas Berlin kommt vom 1857 eröffneten Berliner Bahnhof in der Sternglas-Heimatstadt Hamburg. Damals war die Eisenbahn kein alltägliches Verkehrsmittel, sondern ein technisches Versprechen: schneller, verlässlicher, moderner. Eine Reise von Hamburg nach Berlin (mit Pferd und Kutsche) dauerte plötzlich keine Tage mehr, sondern nur noch einige Stunden. Heute schmunzelt man darüber, damals war das natürlich ein krasser Fortschritt.



Die damalige – im wahrsten Sinne – Aufbruchstimmung will Sternglas nun in eine Uhr gießen und entscheidet sich dafür, das bisherige Design-Korsett etwas zu lockern: Die Sternglas Berlin ist im Stile von Uhren der 50er und 60er Jahre gehalten, was gut zur Eleganz des damaligen Berliner Bahnhofs passt.
Charakteristisch sind die weit Richtung Zifferblattzentrum gezogenen, dünnen Stundenindizes, die durch die elegant-schmalen Ziffern „12“ und „6“ ergänzt werden.
Nur die „Day-Date“-Anzeige auf „3 Uhr“ durchbricht die Symmetrie – diese sitzt recht nah am Zentrum, sodass daneben noch ein fast vollständiger Stundenindex Platz findet. Schön: Durch die farbliche Anpassung auf die jeweilige Zifferblattfarbe fügt sich die Day-Date-Anzeige stimmig ein, sodass ein „Fremdkörper“-Effekt hier definitiv ausbleibt. Ein klein wenig schade ist gleichzeitig, dass das „Tuxedo“-Element, das schwarz hinterlegte Datum bei der Quarz-Variante, nicht mehr mit an Bord der Automatik-Variante ist.




Neu sind zwei Farbvarianten bei der Automatikvariante: Ein warmes Kupferbeige und ein kühles Mitternachtsblau, während die Farbe Sepia sowohl bei Quarz als auch bei Automatik vorhanden ist. Hierbei sei erwähnt, dass der Sepia-Farbton der Quarz etwas mehr ins Champagnerfarbene geht, während das Sepia der Automatik-Berlin etwas heller und dezent kühler ist – der Unterschied fällt aber sehr gering aus bzw. ist nur bei genauem Hinsehen zu erkennen.


In jedem Fall fängt insbesondere Sepia in Verbindung mit dem PVD-goldbeschichteten Gehäuse wunderbar den Flair der 50er und 60er-Jahre-Uhren ein: Die goldenen Zeiger bringen Wärme ins Spiel und verhindern, dass die Uhr zu technisch wirkt. Es handelt sich dabei um Zeiger im sogenannten Baton-Stil, das schlichteste aller Zeiger-Designs, das lediglich aus einer Linie besteht und die grundlegendste Form darstellt, die sich um das zentrale Minutenrohr bewegt. Dennoch war er in den frühen 1940er-Jahren klarer Favorit. Zudem blieb dieser Stil bei Dresswatches während des gesamten letzten Jahrhunderts recht verbreitet. Bei der Sternglas Berlin sticht dabei der „Mittelknick“ ins Auge – eine schöne Facettierung, die für Liebe zum Detail spricht. Ein schönes weiteres Detail ist die Wölbung des satiniert ausgeführten Blattes zum Rand hin, vor allem in Verbindung mit dem zum Zentrum hin gewölbten Saphirglas.
Alles in allem erinnert die Sepia-Variante beispielsweise an Dress Watches wie die 1960er Fortis Streamline, die 1950er Longines Cal. 12.68Z, die 1960er Omega 14707 oder auch die Glashütte Spezimatic, die in Form der Glashütte Original Sixties neu aufgelegt wurde.
Dennoch: Mein Favorit ist definitiv die Kupfer-Variante – der Farbton ist einfach perfekt getroffen und entspricht passenderweise quasi 1:1 altem Papier, das man teilweise in früheren sogenannten Posteinlieferungsbüchern findet (ja, sowas gab es mal!) – wie hier unten im Hintergrund zu sehen.



Das Edelstahlgehäuse bleibt angenehm kompakt, muss sich gleichzeitig aber auch im Sinne von Form Follows Function den neuen Rahmenbedingungen beugen – denn ein Automatikwerk baut naturgemäß größer als ein Quarzwerk: Die Sternglas Berlin Automatik kommt (genau wie die Quarz-Variante) auf 38 Millimeter Durchmesser bei 45 Millimeter von Horn-zu-Horn, sie ist mit 12 mm aber durchaus merkbar höher als die Quarz (8 mm; jeweils gemessen ohne das zum Zentrum hin hochgewölbte Saphirglas). Hier wäre, ganz im Sinne einer Dresswatch, meiner Meinung nach ein Kaliber wie das Miyota 9039, das nur 3,9 mm hoch baut und flach anliegende Zeiger ermöglicht, um weitere Millimeter einzusparen, die nüchtern betrachtet bessere Wahl gewesen (im Vergleich zu 5,67 mm Höhe beim hier verbauten Miyota 8205). Allerdings hätte das auch sicherlich den Listenpreis spürbar erhöht.





So oder so: die Abmessungen der Automatik-Berlin sind so dimensioniert, dass die meisten Herren-Handgelenke gut damit klarkommen dürften, vor allem dank des kompakten Horn-zu-Horn-Maßes von 44,5 mm. Im Vergleich mit der Quarz-Berlin wirkt die Automatik aber eben etwas sportlicher. Unter der Manschette verschwindet sie ohnehin ohne Diskussion. Auch für einige Damen ist die Größe sicherlich attraktiv.
Am stimmigsten wirkt die Berlin meiner Meinung nach am Lederband. Das Mesh- bzw. Milanaise-Band funktioniert durch seinen dressigen Charakter zwar auch ganz gut, nimmt der Uhr aber ein wenig von ihrem Charakter. Das schön natürlich riechende Leder mit Kroko-Prägung sieht gut aus, fühlt sich anfangs allerdings etwas steif an bzw. braucht offensichtlich etwas Zeit zum „Eintragen“. Nichts Dramatisches, aber auch kein Ruhmesblatt.
Wasserdicht ist die Berlin übrigens bis 5 bar, sie darf also beim Duschen am Arm bleiben – beim Sprung ins kühle Nass zwecks Schwimmeinlage sollte die Uhr aber definitiv vorher abgenommen werden (am Lederband sowieso).

Ein neuer Punkt ist – wie bereits erwähnt und wenig überraschend mit Blick auf den Modellnamen Berlin Automatik – das Werk. Statt Quarz tickt in der neuen 2026er Variante der Berlin ein Miyota 8205, ein Automatikwerk vom japanischen Uhren-Riesen Citizen. Die Energie kommt hier also nicht aus einer Batterie, sondern wird mechanisch aus der Bewegung des Handgelenks gewonnen. Das Werk schlägt mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, bietet Tag- und Datumsanzeige und gilt als robustes Arbeitstier. Sicherlich kein Feinuhrmacher-Wunder, aber zuverlässig und gut bekannt. Mechanik-Einsteiger bekommen hier einen ehrlichen Einstieg ohne Allüren.


Das Werk ist bei der Berlin Automatik auch hinter einem Glasboden sichtbar. Mich als langjährigen Uhrennerd begeistert die Optik des Miyota 8205 ehrlicherweise nur sehr bedingt (zumal Sternglas leider keine nennenswerten Dekorationen spendiert) weswegen mir derselbe Stahlboden wie bei der Quarz-Berlin mit der Gravur des historischen Bahnhofs ehrlich gesagt lieber gewesen wäre. Dennoch wird der Blick durch das Saphirglasfenster sicherlich Uhrenfreunde freuen, die grade ihre Liebe zur Mechanik entdecken möchten.




Abschließende Gedanken
Unterm Strich ist die Sternglas Berlin eine Uhr, die sich mit kleinen Details bewusst ein Stück weit vom klassischen Bauhaus-Design der Marke absetzt. Insbesondere die neue Farbe Kupferbeige ist mehr als gelungen. Gerade mit dem Miyota 8205 bekommt die Berlin nun auch etwas mehr Seele als die früheren Quarzversionen eingehaucht. Wer eine schnörkellose Automatikuhr mit Vintage- bzw. Retro-Einschlag sucht, findet für 449€ Liste hier einen gewohnt sehr ordentlich verarbeiteten Begleiter – keine Revolution, aber ein neues Modell, das das Sternglas-Sortiment wunderbar abrundet und perfekt zum Markenkern passt.

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Selbst das sehr ordentlich gemachte Gehäuse mit seinen Anklängen an die 60er und der moderate Preis von 450€ lösen bei mir keinen „will haben Reflex“ aus. Der Grund dafür sind die stark zum Zentrum gerückten Fenster für Wochen- und Kalendertag, die vordergründig offenbar damit begründet werden, dass es sich um die mechanische Variante des namensgleichen und in dieser Hinsicht ähnlich misslungenen Quarz Modells handelt. Wenn man kurz nachdenkt liegt der Grund darin, dass man ein 11 1/2″“ Werk in ein mehr als 13mm größeres Gehäuse einschalt (vermutlich verdeckt auch hier der Reif des Glasbodens, wie leider so oft, einen üppig dimensionierten Werkhalterring aus Kunststoff). Auch die Verwendung des 9039 schafft diesbezüglich leider keine Abhilfe.
Darum meine Vorschläge für ein mehr eigenständiges Modell, liebes Sternglas Team: Entweder Datum komplett weglassen oder Verzicht auf den Wochentag und stattdessen zum Beispiel Verwendung eines (bitte steinigt mich dafür nicht) Hangzhou 5000A mit größerem Durchmesser, das auch nicht mehr kostet als ein Miyota 8205, zudem noch flacher baut und einen Mikrorotor in der Platinenebene hat. Nach meinen Erfahrungen ist die Qualität dieses China-Werks ordentlich und ein Glasboden hätte, auch bei einer wenig dekorierten Werksausführung seine Berechtigung.