Wer sich lange genug in Uhrenforen herumtreibt, kennt das Spiel: Ablesbarkeit ist heilig, Saphirglas alternativlos, unter 200 Meter Wasserdichtigkeit darf man eigentlich nicht mal duschen gehen. Es wird gerechnet, gemessen, verglichen, als ginge es um die Ausrüstung für eine Arktis-Expedition und nicht um ein Stück Metall am Handgelenk, das bei den meisten von uns maximal den Weg vom Schreibtisch zur Kaffeemaschine überleben muss. Dabei wird gern vergessen, dass Uhren heute – streng genommen – völlig überflüssiger Luxus sind. Die Uhrzeit haben wir permanent in der Hosentasche, auf dem Laptop-Bildschirm, am Armaturenbrett, auf dem Ofen. Und trotzdem tragen wir Uhren. Warum? Weil sie Spaß machen. Oder zumindest machen sollten.
Genau an dieser Stelle betreten Spaß-Uhren die Bühne, meist begleitet von skeptischem Räuspern aus der ersten Reihe. Denn wehe, eine Uhr nimmt sich selbst nicht ernst genug. Dann ist schnell von „albern“, „Gimmick“ die Rede. Selbst vergleichsweise dezente Dinge wie das bekannte Seiko-Zifferblattmuster mit den Rochen oder leicht verspielte Muster wie bei der Circula ProSea werden in einschlägigen Foren zerredet.



Dabei ist es doch eigentlich ziemlich logisch: Wenn etwas keinen zwingenden Nutzen mehr hat, darf es auch einfach Freude bereiten. Wenn schon keine Notwendigkeit, dann wenigstens Charme, oder?
Natürlich ist das ein Drahtseilakt. Zwischen „so schlecht, dass es weh tut“ und „so gut, dass es schon wieder genial ist“ liegt nur ein schmaler Grat – und auf dem rutschen erstaunlich viele Kandidaten aus. Aber es gibt auch Beispiele, die wunderbar funktioniert.
Snoopy ist so ein Fall. Der kleine Beagle hat es geschafft, sowohl auf einer günstigen Timex als auch auf einer Omega Speedmaster zu landen, ohne dabei lächerlich zu wirken. Im Gegenteil: Bei Omega ist Snoopy fast schon Kulturgut, inklusive Raumfahrtgeschichte und NASA-Award. Und trotzdem bleibt da dieser Comic-Hund auf dem Zifferblatt, der uns subtil zuflüstert: Nimm dich nicht so wichtig. Dass man denselben Snoopy auch für einen Bruchteil des Preises von Timex bekommen kann, macht die Sache nur sympathischer – Humor kennt eben keine Preisklasse.
(Mehr: Omega x Snoopy – was macht der Comic-Beagle auf der Speedmaster?).


Wer denkt, das sei das Ende der Fahnenstange, sollte einen Blick auf Richard Mille werfen. Die RM 88 ist der lebende Beweis dafür, dass man über eine Million Euro ausgeben kann, um eine Uhr zu tragen, die aussieht wie ein Spielzeug aus dem Überraschungsei – nur technisch auf Steroiden. Das ist beeindruckend, verwirrend und irgendwie auch mutig. Ob man das nachvollziehen muss? Nein (aber ich gehöre auch nicht zur Zielgruppe). Ob man kurz schmunzelt? Ziemlich sicher.

Wer glaubt, Spaß und hohe Uhrmacherkunst schließen sich aus, sollte sich auch den Joker von Konstantin Chaykin ansehen. Zwei Augen zeigen Stunden und Minuten, der Mund grinst als Mondphase. Technisch anspruchsvoll, optisch leicht verrückt. Oder die Corum Bubble, deren riesige Glaskuppel das Zifferblatt verzerrt, als hätte man ein Fischauge auf die Uhr geschraubt – verrückte Zifferblattmotive inklusive. Das sind eher keine Daily Rocker, sondern Charakterköpfe fürs Handgelenk – laut, eigenwillig, unübersehbar.

Beim eigentlich eher konservativ geltenden Uhrenhersteller Rolex sticht wiederum die „Celebration“-Variante der Oyster Perpetual ins Auge, die allerdings nur kurz im Sortiment der Genfer war:

Deutlich bodenständiger – zumindest finanziell – wird es bei Mr Jones Watches aus London. Hier steht Ablesbarkeit nicht wirklich im Lastenheft. Zahlen? Meistens Fehlanzeige. Klassische Zeiger? Wer braucht das schon. Stattdessen gibt es illustrierte Szenen, die man erst entschlüsseln muss. Wer es eilig hat, wird mit einer Mr Jones-Uhr nicht glücklich. Wer aber Lust hat, die Zeit kurz zu vergessen, schon.
„A Perfectly Useless Afternoon“ ist dafür das Paradebeispiel. Eine Figur treibt entspannt im Pool, eine Quietscheente zieht ihre Bahnen. Das Bein wird zum Stundenzeiger, die Ente zu den Minuten. Möglich machen das zwei transparente Scheiben anstelle klassischer Zeiger, die mit Grafiken (die Person im Schwimmreifen und die Ente) bedruckt sind.
Man schaut drauf, denkt kurz nach, schaut nochmal – und merkt plötzlich, dass man langsamer geworden ist. Diese Uhr misst Zeit ungefähr so präzise wie ein Sommertag im Freibad. Und genau das ist ihre Stärke. Während die Smartwatch nervös vibriert und fragt, ob man nicht noch 3.000 Schritte gehen will, sagt diese Uhr: Bleib liegen. Lies dein Buch. Die Welt dreht sich auch ohne dich weiter.
Mr Jones Watches arbeitet dabei übrigens häufig mit unabhängigen Künstlern zusammen: Für das Modell „A Perfectly Useless Afternoon“ beispielsweise zeichnet sich der belgische Illustrator und Kinderbuchautor Kristof Devos verantwortlich, der hauptberuflich mit Uhren eigentlich nichts (zumindest nicht direkt) am Hut hat.







Klar, die verbauten Werke sind alles andere als Stoff für romantische Uhrmacherfantasien. Aber das verzeiht man, weil die Ideen einfach genial sind und der Preis in einem vergleichsweise erschwinglichen Rahmen. Mr Jones will keine Toolwatch bauen. Mr Jones will, dass du grinst.
Dass sich Mr Jones Watches selbst nicht zu ernst nimmt, zeigt auch der Blick auf offizielles Bildmaterial auf der Mr Jones-Website wie dieses:




Einen ganz anderen, aber mindestens ebenso verspielten Ansatz verfolgt D1 Milano mit dem Modell Sketch. Auf den ersten Blick eine vertraute Sportuhr-Silhouette mit integriertem Band, irgendwo zwischen Genta-Vibes und Stahl-Sport-Uhr. Auf den zweiten Blick aber eine gezeichnete Illusion: Dicke Linien, absichtlich krumme Kanten, alles in strahlendem Weiß oder Schwarz. Die Uhr sieht aus, als hätte jemand mit einem Edding eine Royal Oak auf Papier gemalt – und sie dann plötzlich dreidimensional gemacht.
Das Gehäuse aus Polycarbonat macht die Uhr federleicht, aber auch sensibel. Ein falscher Hammerschlag beim Bandkürzen, und man lernt sehr schnell den Unterschied zwischen Stahl und Kunststoff kennen. Diese Uhr will aber auch keine Spuren des Lebens sammeln – sie will auffallen, irritieren und genau diesen kurzen Moment erzeugen, in dem jemand fragt: „Moment mal – ist das echt?“ Und dann hat sie schon gewonnen.







Weiteres Beispiel gefällig? Die Anfang 2021 gegründete britische Marke Studio Underd0g ist vor allem im angloamerikanischen Raum beliebt, erfährt aber auch hierzulande immer mehr Aufmerksamkeit. Der Studio Underd0g 01 Series Bicompax-Chronograph beispielsweise kommt in den Varianten Go0fy Panda, Mint Ch0c Chip und – die mit Abstand beliebteste – Watermel0n. Und das wundert mich nicht: Die grell-leuchtende, fast schon neonartige Farbkombination aus rot und grün in Anlehnung an die Farben einer Wassermelone (Fruchtfleisch und Schale) ist zwar extrem ungewöhnlich, aber sie funktioniert einfach ganz wunderbar. Ein sehr cooles Detail sind bei der Watermel0n außerdem die kleinen Stundenindizes, die Aussehen wie die Kerne einer Wassermelone.

Besonders besonders ist auch die Studio Underd0g Pepper0ni And Hawaiian – Bilder sagen hier mehr als tausend Worte.

Abschließend noch etwas aus der Kategorie seeeehr speziell: Die Turbine Erotic von Perrelet. Auf dem Zifferblatt verbergen sich wenig missverständliche, erotische Illustrationen, die erst durch den stroboskopischer Effekt des zifferblattseitigen Rotors sichtbar werden. Solch erotische Uhren – mit freizügigen Motiven auf dem Zifferblatt – gibt es seit mindestens 200 Jahren und sie üben nach wie vor eine große Faszination auf manche Sammler aus. Perrelets Ausflug in diese Nische konzentriert sich auf ein ganz bestimmtes Genre: Hentai, also im Prinzip Mangas für Erwachsene.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Spaß-Uhren sind für mich persönlich keine Alternative zur funktionalen Toolwatch (ich liebe mehr oder weniger klassische Diver einfach viel zu sehr), sondern eine bewusste Ergänzung. Sie wollen nicht tauchen, klettern oder Leben retten. Sie wollen ein kleines bisschen Freude in einen Alltag schmuggeln, der oft schon ernst genug ist. Und mal ehrlich: Wie oft brauchen wir wirklich perfekte Ablesbarkeit? Und wie oft wäre ein kurzer Blick aufs Handgelenk mit einem Grinsen im Gesicht eigentlich die bessere „Komplikation“?
Vielleicht sollten wir Uhren ein bisschen öfter danach beurteilen, ob sie uns persönlich ein gutes Gefühl geben – und nicht nur danach, wie schnell man mit ihnen einen Tiefseegraben durchqueren könnte. Denn Zeit messen können sie ja alle. Aber, dass man die Zeit ein bisschen mehr genießt? Das schaffen nur wenige.
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Sowohl der „genussvolle nachmittag“ als auch die „wassermelone“ sind schon geraume zeit bei mir gebookmarked, um sie vielleicht irgendwann mal zu kaufen. Wobei ich bei solch reinen spaßuhren quarz der mechanik vorziehe.
Hallo Mario, ich verfolge deinen Blog jetzt schon länger und du bist immer eine meiner ersten Anlaufstellen wenn ich was über Uhren wissen will! Ich möchte an dieser Stelle mal Danke sagen dass du dich auch immer wieder mit Uhren beschäftigst die nicht dem „Mainstream“ alá Rolex, Omega und Co. entsprechen! Bin gerade erst auf MJW aufmerksam geworden und wiedermal bei dir fündig geworden 🙂
Gleich mal mit Black Friday Rabatt bestellt, bringt sicher frischen Wind in meine Uhrensammlung!
Lg Samir
Nach den eher negativen Vorkommentaren muss ich nun doch eine Lanze für Mr. Jones Watches brechen: Ich selbst habe „A perfectly useless afternoon“ in meiner Sammlung und es ist wirklich die perfekte Sommer-Uhr!
Auch ist die Ablesbarkeit nach kurzer Eingewöhnung nicht unbedingt schlechter als bei anderen Uhren, die nicht gerade Einsatzzeitmesser-Zifferblätter haben. Jedoch bringt hier ein Blick auf das Ziffernblatt wirklich gute Laune und versetzt einen gleich in eine entspanntere Stimmung; bislang ist es auch die einzige Uhr in meiner Sammlung, auf die ich regelmäßig angesprochen werde, wenn ich sie trage – und die Reaktionen sind überwiegend positiv. Sogar meine Frau, die ansonsten absolut nichts mit (meinen) Uhren am Hut hat, fand sie so gut, dass ich ihr das Gegenstück „A perfectly useless morning“ schenkte, die sie nun auch gerne und oft trägt.
Seit über einem Jahr habe ich die Uhr in meiner Sammlung und mittlerweile eine echte Zuneigung zu dem mit Abstand billigsten Stück in meinem Uhrenkasten entwickelt, so dass ich die Krämerseelen, die sie rein als Wertanlage oder unter Wiederverkaufsgesichtspunkten betrachten, nicht mehr verstehen kann. Nun, aber auf solche Leute zielt Crispin Jones mit seinem Kunstverständnis und seinen Uhren auch nicht ab; immerhin entstand seine ganze Uhrenfirma eher zufällig aus einem Kunstprojekt. Interessant dazu ist ein Interview mit ihm hier https://www.ablogtowatch.com/superlative-creating-functional-and-wearable-art-with-crispin-jones/ (falls Links auf andere Blogs hier erlaubt und erwünscht sind).
Danke für die Ergänzung!
Das ist etwas, das kann man höchstens auf dem Flohmarkt wieder loswerden. Rausgeworfenes Geld.
Mittlerweile kostet Deine erworbene Uhr 240 bzw. über 600 Euro. Und für diesen Preis erhalte ich für mich persönlich Besseres.
Und dazu kommt noch, dass so gut wie jede Uhr ausverkauft ist
Ich bevorzuge einen zuverlässigen Zeitmesser am Armgelenk – und keine Spielzeuge.
Aber wem´s gefällt – „jedem Tierchen sein Pläsierchen“!