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Die Grand Seiko Snowflake ist mit Abstand das beliebteste Modell der japanischen Uhrenmanufaktur – nicht ohne Grund, wie ich in meinem ausführlichen Review bereits dargestellt habe. Tatsächlich war ich auch kurz davor mir die Snowflake zu kaufen: Trotz unbestreitbarer Defizite beim Band, war ich hin und weg von der unfassbaren Detailqualität des Zifferblattes und der tollen Verarbeitung des Titangehäuses. Den letzten „Klick“ zur Bestellung habe ich allerdings nie getätigt, da mir persönlich das Zifferblatt (so beeindruckend die namensgebende Schneeflocken-Textur auch ist) dann doch etwas zu kontrastlos und „bieder“ war (steinigt mich gerne virtuell für diese Aussage).

Ich verlor die Snowflake daraufhin wieder aus den Augen – bis ich 2019 die von Grand Seiko angekündigte „Four Seasons“-Kollektion, gestolpert bin. Es handelt sich dabei um vier Modelle, die von den vier Jahreszeiten inspiriert sind: Die Frühlings-Variante kommt mit einem zartrose-Zifferblatt, das an Sakura-Blüten erinnern soll, das Sommer-Blatt ist sattgrün, das Herbst-Blatt soll an dunkelblaue Herbstwolken erinnern.

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Der eigentliche Knaller ist aber meiner Meinung nach die Winter-Variante (大雪, „Taisetsu“) mit einem Zifferblatt in einem Grauton samt einer irre detaillierten Textur, die laut Grand Seiko an den tiefen Winterschnee auf den Bergen in Taisetsu, dem einundzwanzigsten der vierundzwanzig saisonalen Abschnitte in Japan („Sekki“), darstellen soll.

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Ich habe mich ziemlich in das Winter-Modell „verschossen“, das einige Ähnlichkeiten zur Snowflake aufweist (dazu gleich mehr), und suchte nach Kaufmöglichkeiten – die Ernüchterung kam aber schnell: „US Exclusive“, also eine lokale Beschränkung aller Four Seasons-Modelle auf den US-amerikanischen Markt, war auf der Website von Grand Seiko zu vernehmen. Und ich dachte nur so: Im Ernst?

Einige Zeit später wurde die US-Exklusivität aber aufgehoben. Die Grand Seiko SBGA415 „Taisetsu“ ist mittlerweile auch in Deutschland erhältlich und wanderte kürzlich in meine Uhrensammlung…

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Eckdaten Grand Seiko SBGA415 „Taisetsu“:

  • Durchmesser 40,5 mm
  • Horn-zu-Horn 46 mm
  • Höhe 12,8 mm
  • Gewölbtes Saphirglas
  • Wasserdichtigkeit 10 bar
  • Gehäuseboden mit Saphirglas-Sichtfenster
  • Krone verschraubt
  • Gehäuse und Band aus Titan Grade 5
  • Bandanstoß 20 mm
  • Hauseigenes Spring Drive-Kaliber 9R65 mit 72 Stunden Gangreserve
  • Listenpreis: 6700€, erhältlich u.a. bei Juwelier Altherr

Grand Seiko SBGA415 „Taisetsu“ im Test

Eine Verwandtschaft der Grand Seiko SBGA415 „Taisetsu“ zur Grand Seiko Snowflake ist unübersehbar: Prägend für das Zifferblatt ist insbesondere die links unten versetzt untergebrachte Anzeige für die Gangreserve (maximal 72 Stunden), die mittlerweile auch sowas wie das Markenzeichen bzw. Erkennungsmerkmal von Grand Seiko im Allgemeinen geworden ist (dank Spring Drive-Kaliber, dazu gleich mehr). Man beachte bei der Gangreserveanzeige die überaus liebevolle und detailreiche Umsetzung mit den applizierten Indexen für „Leer“ und „Voll“ und den feinen Texturen, u.a. eine Art Schallplattenmuster, das in die eigentliche Gangreserveanzeige überführt. Prädikat: genial (und deutlich hochwertiger wirkend als bei der gedruckten Gangreserveanzeige der Grand Seiko Sport GMT Spring Drive SBGE253, SBGE255 und SBGE257)

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Ohnehin ist ja die „mikroskopisch perfekte“ Umsetzung der Grand Seiko’schen Zifferblätter ein wesentlicher Grund dafür, dass sich die Japaner in den letzten Jahren bzw. seit der Einführung auf hiesigen Märkten, einen guten Ruf im Luxusuhrenbereich erarbeitet haben – trotz beachtlicher Konkurrenz aus der Schweiz und Glashütte. Und das ist auch bei der SBGA415 nicht anders: Man schaue beispielsweise auf die messerscharfe Verarbeitung der Zeiger, die wie bei der früheren Grand Seiko 62GS Dauphine-förmig sind, sowie die applizierten Indizes, die an der Oberseite kanneliert sind – etwas, das man mit bloßem Auge kaum sieht. Insbesondere Minuten- und Stundenzeiger vermitteln den Eindruck als könne man diese problemlos als XXS-Samurai-Schwerter missbrauchen.

Die Zeiger und Indizes kommen außerdem mit abgeschrägten und auf Hochglanz polierten Kanten, wodurch sich ein facettenreiches Spiel von Licht und Schatten ergibt – auch das ist ein typisches Merkmal von Grand Seiko. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten spielt in der japanischen Ästhetik eine große Rolle: Nicht zufällig schrieb schon der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō (谷崎 潤一郎) in seinem Essay Lob des Schattens: «Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.»

Das Gehäuse der SBGA415 unterscheidet sich recht deutlich von der Grand Seiko Snowflake: Die stromlinienförmigen Flanken mit abwechselnd satinierten und polierten Flächen sind sehr dominant und lassen das Zifferblatt etwas kleiner wirken. Die Gehäuseform geht dabei zurück auf das Modell 62GS, das anno 1967 das allererste Automatikwerk von Grand Seiko beherbergt hatte.

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62GS: Die Krone wurde damals vertieft und auf der 4-Uhr-Position platziert, um zu unterstreichen, dass kein Handaufzug erforderlich war.

Grand Seiko-typisch kommt auch das Gehäuse mit ansehnlich abwechselnd satinierten und polierten Akzenten mit perfektem Spiegelungsverhalten. Die knackscharfen Konturen verdankt die Grand Seiko SBGA 415 dabei der Zaratsu-Politur, die nur von langjährigen Seiko-Mitarbeitern mit ruhiger Hand und mit Hilfe einer rotierenden Scheibe durchgeführt wird, um eine gleichmäßig spiegelnde, verzerrungsfreie Oberfläche zu erzeugen.

Das Gehäuse besteht aus leichtem Titan Grade 5, das eine sehr hohe Festigkeit aufweist und daher wenig anfällig für Dellen ist – zum Vergleich: Edelstahl und Titan Grade 2 haben eine Härte von ca. 200 HV, während Titan Grade 5 auf 330-390 HV kommt (HV = Härte nach Vickers).

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Das Saphirglas ist stark hochgewölbt

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Titanband der SBGA415 ist – genau wie bei der Snowflake – einer meiner größten Kritikpunkte. Haptisch sind die Bandglieder zwar sauber aufeinander abgestimmt, die Integration in das Gehäuse ist aber (gelinde gesagt) dürftig. Ehrlich gesagt habe ich schon Microbrands im Bereich unter 1000€ gesehen, die den Bandanstoß besser hinbekommen haben. Hmmm!

Auch die Schließe lässt mich nicht grade frohlocken: Sie ist zwar angenehm flach (fast so flach wie die Bandglieder und damit sehr „Schreibtisch-freundlich“). Und auch das gravierte Grand Seiko-„GS“ ist ein nettes Detail. Die Schließe bringt allerdings keinerlei Möglichkeit zur Feinjustierung mit, wodurch man eine ganze Menge Geduld braucht bis man die richtige Bandlänge herausgefunden hat. Das Kürzen des Bandes in Eigenregie funktioniert in diesem Zusammenhang zum Glück recht einfach, allerdings sind die Glieder nur gestiftet, was für eine Uhr in dieser Preisklasse eigentlich unüblich und nicht mehr zeitgemäß ist.

Leider macht es Grand Seiko Uhrenfreunden auch nicht leicht das Band zu wechseln: Die Bandanstoßbreite beträgt eher unübliche 21 mm, was die Auswahl an Bändern bei Drittanbietern deutlich erschwert.

Grand Seiko SBGA415 und das Spring Drive-Kaliber 9R65

Das Seikosha-Werk Suwa in der Präfektur Nagano in Zentraljapan (heute Seiko Epson), war nach dem Zweiten Weltkrieg treibende Kraft bei der Entwicklung hochpräziser Kaliber und der Spring Drive-Technologie. Dort entstanden auch die ersten High End-Modelle unter dem Markennamen Grand Seiko. Einer der wesentlichen Schwerpunkte der Entwicklungsarbeit für die Marke Grand Seiko: Eine hohe Ganggenauigkeit. Und so kam es, dass Grand Seiko schon 1978 erstmalig ein Patent für die Spring Drive-Technologie anmeldete. Die Japaner tüftelten aber noch viele weitere Jahre an der Technologie bis dann 1998 letztendlich die Vorstellung auf der Baselworld erfolgte und 1999 das erste Modell mit Spring Drive lanciert wurde. Zunächst war die Technologie aber der Muttermarke Seiko und der Marke Credor vorbehalten. Erst 2004 zog das Spring Drive-Kaliber mit Automatik-Aufzug in die Grand Seiko-Kollektion ein.

Heute sind die fast vollständig im eigenen Hause produzierten, Spring Drive-Kaliber eine wesentliche Stütze der Grand Seiko-Kollektion. Die Produktion der Kaliber findet im Shinshu-Uhrenstudio in der Präfektur Nagano, einer waschechte Manufaktur mit einer Fertigungstiefe von fast 100%, statt.

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Ein Aufzugsrotor, feinmechanische Komponenten & Co: Ein erster Blick durch das Saphirglasfenster auf das mit Genfer Streifen und anglierten Kanten recht hübsch dekorierte Spring Drive-Kaliber 9R65 zeigt erst mal nichts spektakulär Ungewöhnliches. Das ist auch kein Wunder, denn die Spring Drive-Technologie nutzt den Aufzug über einen Rotor, um eine Feder als Antriebsquelle und Energiespeicher aufzuziehen (sogenannte Hauptfeder). Daher braucht natürlich auch ein Spring Drive-Kaliber keine Batterie. So weit, so „normal“.

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Die Hauptfeder

Der entscheidende Unterschied zu einer klassischen mechanischen Uhr liegt in der Baugruppe, welche die Geschwindigkeit, mit der die Kraft von der Aufzugsfeder abgegeben wird, reguliert bzw. hemmt: Anstelle einer Kombination aus Unruh und Unruhspiralfeder findet man bei der Spring Drive-Technologie eine elektronische Baugruppe als Gangregler, der einen integrierten Schaltkreis, eine elektronische Bremse und einen Quarzoszillator kontrolliert. Wie bei einem Fahrraddynamo hat die Aufzugsfeder dabei die Funktion die elektrische Energie zu erzeugen.

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Der Rotor des Spring Drive-Kalibers 9R65

Diese geschickte Kombination aus Mechanik und Elektronik sorgt – gegenüber klassischen Automatikkalibern – für verschiedene handfeste Vorteile, darunter insbesondere (getreu dem Grand Seiko-Kredo seit je her) eine weit überdurchschnittlich gute Ganggenauigkeit von ±15 Sekunden – pro Monat wohlgemerkt (ein Wert, den viele Automatikkaliber grade mal so pro Tag schaffen). Spring Drive-Kaliber sind außerdem resistent gegenüber Temperaturschwankungen und Stößen, da eine wesentliche Schwachstelle von klassischen Automatikuhren, die Unruh, ja wie beschrieben durch elektronische Komponenten ersetzt wird.

Ein toller „Nebeneffekt“ der Spring Drive-Technologie ist außerdem, dass der Sekundenzeiger perfekt schleicht, wie in diesem kleinen Video gut zu erkennen ist:

Fazit zur Grand Seiko SBGA415 Taisetsu

Die Grand Seiko SBGA 415 Taisetsu ist meiner Meinung nach die bessere Snowflake: Das Zifferblatt ist noch mal eine Spur beeindruckender, das 62GS-Gehäuse markanter. Qualitativ, haptisch und technisch (dank der innovativen Spring Drive-Technologie) kann es Grand Seiko locker mit ähnlichen Modellen in dieser Preisklasse wie beispielsweise der Rolex Datejust 126300-0012 aufnehmen – mit Ausnahme des Bandes, bei dem man sich einfach nur wünscht, dass Grand Seiko endlich mal in die Puschen kommt. Denn eine ansonsten quasi perfekte Uhr wie die SBGA415 Taisetsu hat definitiv auch ein gutes Band verdient.

Die Grand Seiko SBGA415 ist u.a. beim offiziellen Grand Seiko-Konzessionär Juwelier Altherr erhältlich Anzeige

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Martin
7. August 2022 11:18

Hallo Mario,

gleich vorweg ein Riesenkompliment für diesen Artikel und deine Internetseite generell. Es macht immer sehr viel Spaß, deine Einträge zu lesen. Fachlich fundiert aber auch spannend und witzig geschrieben.

Ich bin seit einigen Wochen stolzer Besitzer der SBGH273.

Bei der Internetrecherche hatte ich dieses Modell überhaupt nicht auf dem Schirm.

Aber einmal beim Fachhändler in den Händen gehalten, war ich sofort verliebt. Die Größe ist für mein Handgelenk (circa 16 cm Umfang) ideal.
Das Blau des Ziffernblattes finde ich einmalig. Die Lichtreflexe der Indizes geben der Uhr den ganz besonderen Touch.
Die Zaratsu Politur des Edelstahlgehäuses sucht ihresgleichen.

Ich hatte eigentlich immer mit einer Rolex geliebäugelt. Aufgrund der völlig überzogenen Preise bin ich dann bei Grand Seiko gelandet und im Nachhinein sehr froh. Ich möchte meine GS nicht mehr gegen eine Rolex tauschen. Und ja, erklärt mich für verrückt, nicht einmal wenn ich nichts draufzahlen müsste.

Die snowflake habe ich mir beim Händler auch angesehen. Und ich bin deiner Meinung, ich konnte mich mit dem Titanarmband nicht anfreunden. Es war mir schlichtweg zu leicht. Das Edelstahlarmband hingegen finde ich super. Ich mag die Haptik, das Gewicht und auch die Schließe. Alles liegt bei mir perfekt am Arm. Der Tragekomfort ist überragend.

Hast du das Edelstahlarmband auch mal in der Hand gehabt? Mich würde deine Meinung hierzu interessieren.

Ich wünsche uns allen viel Spaß mit unseren schönen Grand Seikos.

Ich bin überzeugt, dass die Uhrenliebhaber diesen Hersteller nach und nach immer mehr zu schätzen werden wissen.

Beste Grüße Martin

Crealto
10. Juli 2022 13:05

Hey Mario, danke für den Bericht über die Grand Seiko und die tollen Fotos!!!

Deine Kritik am Band kann ich nachvollziehen. Ich habe die SBGA285, die SBGR321 und die SBGP005. Bei allen Bändern hab ich das Problem mit der exakten Bandlänge. Die Bänder und die Schließen sind m.E zwar von sehr guter Qualität, aber aufgrund der fehlenden Feineinstellung ist Einstellung schwierig. Das macht sich besonders beim Wechsel zwischen Sommer und Winter bemerkbar. Hab jetzt bei einer Uhr auf Leder umgestellt.

Übrigens: Meine Spring Drive SBGA285 hat nach zwei Jahren eine monatliche Gangabweichung von 4 Sekunden. Das ist für eine ‚Automatikuhr‘ herausragend!

Ich wünsche dir viel Freude mit deiner hübschen Japanerin ☺