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Wer sich mit mechanischen Uhren beschäftigt, stößt früher oder später auf den Namen Dubois-Dépraz. Für viele ist das aber ein Begriff aus dem Kleingedruckten – ein Modulhersteller, der im Hintergrund agiert. Doch hinter diesem Namen steckt ein echtes Schwergewicht der Schweizer Uhrentechnik, das seit über einem Jahrhundert Komplikationen für die Großen der Branche liefert.

Ich selbst bin Uhrmacher und habe meine Ausbildung bei Glashütte Original absolviert. Damals arbeiteten wir mit einem Chronographen, der auf dem Kaliber 39 (DAS Automatikwerk von Glashütte Original) basierte. Tatsächlich war das ein Chronographenmodul von Dubois-Dépraz und hat mich schon damals fasziniert: Wie kann man eine so komplexe Funktion wie einen Chronographen einfach „aufsatteln“?

[Beitrag von Leon Zihang,
Uhrmacher und Kopf hinter ChronoRestore.com]
Leon Zihang Uhrmacher ChronoRestore
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Schweizer Sellita SW300 mit Dubois Dépraz Chronographen-Modul in einer Anonimo-Uhr

Wer ist Dubois-Dépraz?

Die Geschichte von Dubois-Dépraz beginnt 1901 in der Vallée de Joux, dem Herzen der Schweizer Komplikationskunst. Gegründet wurde das Unternehmen von Marcel Dépraz, der sich früh auf Chronographen spezialisierte. Später kam sein Schwager Marius Guignard dazu, und in den 1930er-Jahren stieg Reynold Dubois, der Schwiegersohn, ein – so entstand der Name Dubois-Dépraz 

Dubois Depraz Calibre 38
Dubois Dépraz Calibre 38 (1937)

Ein Meilenstein war die Beteiligung am legendären Kaliber 11, dem ersten automatischen Chronographenwerk, das 1969 in Zusammenarbeit mit Heuer, Breitling und Büren entstand.

Heute ist Dubois-Dépraz einer der wichtigsten Zulieferer für Zusatzfunktionen wie Chronographen, Ewige Kalender oder GMT-Module – und das für Marken, wie Audemars Piguet, Omega, TAG Heuer und viele mehr.

Was macht ein Chronographenmodul?

Ein Chronograph ist im Grunde eine Stoppuhrfunktion, die zusätzlich zur normalen Zeitanzeige in einem Uhrwerk integriert ist. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Konstruktionsarten:

  1. Integrierte Chronographenwerke – hier ist die Stoppfunktion direkt in das Uhrwerk eingebaut.
  2. Modulare Chronographen – hier wird ein separates Modul auf ein Basiswerk aufgesetzt.

Dubois-Dépraz ist Spezialist für Letzteres. Das bedeutet: Sie entwickeln eigenständige Mechanismen, die auf bestehende Automatikwerke, wie das ETA 2892-A2Sellita SW300 oder wie damals das Kaliber 39 von Glashütte Original aufgesetzt werden können. Das Modul sitzt dabei meist auf der Zifferblattseite, also zwischen Werk und Zifferblatt.

Doch wie funktioniert ein solches Modul?

Ein Chronographenmodul besteht aus mehreren Zahnrädern, Hebeln, Kupplungen und Federn, die miteinander interagieren, um die Stoppfunktion zu ermöglichen. Die Herausforderung: Das Modul muss sich die Energie vom Basiswerk holen, ohne dessen Ganggenauigkeit zu stark zu beeinträchtigen. Dies ist ein großer Nachteil der Aufsatzmodule.

Ich bleibe bei dem Beispiel Kaliber 39 von Glashütte Original. Man muss sich vorstellen, dass das Kaliber 39 ein einfaches Automatikkaliber mit 3 Zeigern und einer Datumanzeige war. Genau so wurde es auch konstruiert. Das Federhaus und die Zugfeder wurden also so ausgelegt, dass die Kraftversorgung für den Betrieb eines 3 Zeiger Werkes ausreichend ist. Nicht aber, um noch einen kompletten Chronographenmechanismus mit zu betreiben. Darunter haben dann natürlich die Amplitude und vor allem die Gangreserve stark gelitten. Die Einstellung des Werkes war hier dann keine einfache Sache, da man immer einen schmalen Grad zwischen sicherer Funktion und möglichst wenig Reibungsverluste gehen musste.

Glashuette Original Kaliber 39 34
Das Kaliber 39-34 von Glashütte Original

Kraftübertragung

Die Energie kommt vom Automatikwerk, genauer gesagt meist vom Minutenrad, da sich dieses spürbar dreht und diese Drehung genau wie auf des Sekundenrad auf das Chronozentrumrad übertragen werden kann. Über eine Kupplung – oft eine sogenannte Schaltradkupplung oder Nockenschaltung – wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der das Chronographenmodul mit dem drehenden Minutenrad des Automatikwerkes in Eingriff bringt und somit die Kraft an das Modul übertragen wird. Dort treibt sie die Chronographenzeiger an: meist eine zentrale Stoppsekunde, ein 30-Minuten-Zähler und ein 12-Stunden-Zähler.

Steuerung

Die Steuerung erfolgt über Drücker, die mit Hebeln im Modul verbunden sind. Diese Hebel bewegen das Schaltrad oder die Nocken, die wiederum Kupplungen ein- oder ausrücken lassen. So wird der Chronograph gestartet, gestoppt oder zurückgestellt.

Rückstellung

Beim Nullstellen (Reset) treffen spezielle Hämmer auf Herzscheiben, die die Zeigerachsen tragen. Diese Hämmer drücken die Scheiben in ihre Nullposition zurück – ein faszinierender Moment, wenn alles gleichzeitig auf Null springt. Insbesondere bei den Aufsatzmodulen ist aber wichtig, dass die Kupplung, die den Energieabgriff vom Automatikwerk verursacht, früh genug und vor allem sicher vom Automatikwerk getrennt wird, da sonst bei der Nullstellung das Automatikwerk zerstört werden könnte.

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Omega 1140 mit DD-Modul

Vorteile und Nachteile von Modulen

Vorteile:

  • Flexibilität: Ein Modul kann auf verschiedene Basiswerke aufgesetzt werden.
  • Kostenersparnis: Die Entwicklung eines integrierten Chronographenwerks ist teuer – ein Modul ist günstiger.
  • Reparaturfreundlichkeit: Das Modul kann separat gewartet oder ersetzt werden.

Nachteile:

  • Bauhöhe: Durch das zusätzliche Modul wird die Uhr dicker.
  • Komplexität: Die Kraftübertragung über zwei Ebenen kann zu Reibungsverlusten führen, die dann wieder einen großen Einfluss auf die Funktion des Basiswerkes haben können.
  • Drückerposition: Da das Modul oben sitzt, liegen die Drücker oft nicht auf Höhe der Krone – das kann optisch stören.

Mein Bezug zu Dubois-Dépraz

Wie eingangs erwähnt, habe ich bei Glashütte Original gelernt. Damals arbeiteten wir mit einem Werk, das ein Dubois-Dépraz-Modul trug. Es war das Kaliber 39 mit einem DD-Modul. Die Technik hat mich damals schon begeistert: Die Präzision, mit der die Hebel greifen, die Synchronität beim Rückstellen – das ist echte Uhrmacherkunst.

Ich erinnere mich noch gut an die Revision eines solchen Moduls. Die Herausforderung war, die Kupplung exakt einzustellen, damit der Chronograph sauber startet, ohne dass der Sekundenzeiger springt. Auch die Rückstellung musste exakt justiert werden – ein Millimeter zu viel und der Hammer trifft die Herzscheibe nicht richtig. Dazu kam das größte Problem von allen, das uns öfter mal zur Verzweiflung gebracht hat: Das Chronographenmodul hat dem Basiswerk oft einfach zu viel Energie geraubt. In diesem Fall musste die Hemmung des Basiswerks so präzise eingestellt werden, dass die Amplitude ohne den Chronographen nicht zu hoch war, aber nach dem Zuschalten des Chronographen auch noch stabil genug war, um gute Gangergebnisse zu liefern.

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Bild: Omega / Emmywatch

Kraftverlauf im Detail

Der Kraftverlauf beginnt beim Federhaus des Basiswerks. Von dort wird die Energie über das Räderwerk zum Minutenrad geleitet. Ab hier greift ein Zahnrad vom Modul dort ein und überträgt die Kraft auf das Chronographenmodul. Dort wird sie über Kupplungen und Zwischenräder an die Chronographenzeiger weitergegeben.

Wichtig ist, dass das Modul nur dann Energie zieht, wenn der Chronograph läuft. Im Ruhezustand ist die Kupplung ausgeklinkt – das schont die Gangreserve und reduziert den Verschleiß.

Abschließende Gedanken

Dubois-Dépraz ist ein stiller Riese der Uhrenwelt. Ihre Module ermöglichen es vielen Marken, komplexe Funktionen anzubieten, ohne eigene Werke entwickeln zu müssen. Für uns Uhrmacher sind diese Module eine spannende Herausforderung – technisch anspruchsvoll, aber auch logisch aufgebaut.

Doch das Unternehmen ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Im Jahr 2025 zeigt Dubois-Dépraz eindrucksvoll, wie man Tradition mit Innovation verbindet: Mit dem Kaliber 540 hat Dubois-Dépraz ein modernes Flyback-Chronographenwerk vorgestellt, das vollständig inhouse entwickelt wurde – ein Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit und technischer Tiefe. Schon seit 1975 arbeiten sie an der Herstellung eigener Werke und nicht mehr nur Modulen.

Durch Übernahme von Anselmetti, die Integration eines Spezialisten für Mikromechanik, stärkt Dubois-Dépraz seine Fertigungstiefe und Präzision in der Komponentenherstellung.

Auf Fachmessen wie der EPHJ 2025 präsentiert sich das Unternehmen nicht nur als Modulhersteller, sondern auch als Anbieter für Prototyping, Laserbearbeitung und Oberflächenveredelung – ein Zeichen für die zunehmende Diversifizierung.

Doch trotz aller Expansion bleibt Dubois-Dépraz ein Familienunternehmen mit Sitz in der Vallée de Joux – tief verwurzelt in der Tradition, aber mit dem Blick fest in die Zukunft gerichtet.

Diese Entwicklungen zeigen: Dubois-Dépraz ist weit mehr als ein Modulhersteller geworden – es ist ein Innovationsmotor der Schweizer Uhrmacherei und ich glaube wir dürfen hier in der Zukunft noch viel sehen.

Wer mehr über die Technik hinter Chronographen erfahren möchte, dem empfehle ich unseren ausführlichen Bericht, den ich gemeinsam mit Mario geschrieben habe. Besonders der technische Teil stammt von mir:

👉 Uhren mit Chronograph-Komplikation einstellen, Definition und technische Funktion

Dort erkläre ich unter anderem die Unterschiede zwischen horizontaler und vertikaler Kupplung, Schaltrad vs. Nockenschaltung und vieles mehr.

Ich hoffe der Einblick in die Welt der Modulbauer hat euch gefallen! Ich freue mich über eure Rückmeldung in den Kommentaren!

Bis zum nächsten Mal!

Euer Leon von ChronoRestore

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Mik
1 Monat zurück

Großartiger Artikel, danke für diese Ausflüge in die Technik!