Noch ein Diver im ohnehin überfüllten Microbrand-Markt? Ja und nein: Mit der Seaborn zeigt Dekla, dass man eine Taucheruhr auch jenseits von Retro, Reissue und Hommagen denken kann – auch, wenn das frische Design sicherlich die Gemüter spaltet.
Wer die Marke bzw. den Hersteller schon kennt, weiß, dass dort bisher eher in die Höhen, statt in die Tiefen geschaut wurde – Fliegeruhren, Einsatzuhren, modernes Design, viel Tool Watch-Charakter. Mit der Wiederbelebung der historischen Marke Buser Frères gab’s zuletzt auch klassischere Töne. Und nun also die Seaborn, die (so viel vorweg) im Meer der Microbrand-Diver definitiv heraussticht – nicht nur wegen der Optik, sondern auch wegen erstaunlich viel inhouse-Fertigung im „Ländle“ Baden-Württemberg.


Eckdaten Dekla Seaborn:
- Sellita SW200-1, Reglage auf -2/+5 Sekunden
- Lünetteninlay mit Saphirglas
- Lünette einseitig drehbar, 120 Klicks
- Wasserdichtigkeit 20 bar
- Gehäusedurchmesser: 40 mm
- Bandanstoßbreite: 20 mm
- Gesamthöhe inkl. Glas: 12,45 mm
- Horn-zu-Horn: 47 mm
- Schließenanstoß: 18mm
- Edelstahlband mit verschraubten Gliedern, Edelstahl-Schließe mit werkzeugfreier Feineinstellung
- Preis: 890 Euro, direkt über deklawatches.com



Dekla Seaborn im Hands-On
Bei der Seaborn sticht sofort ins Auge: Das Zifferblatt ist überaus aufwendig, vielschichtig und definitiv nichts für flüchtige Blicke. Aus dem Zentrum heraus leitet ein kräftiger Blau-Schwarz-Farbverlauf zu einem erhabenen äußeren Ring über, der den Rundungen der applizierten Stundenindizes folgt. Die „U“-Indizes auf 12-3-6-9 Uhr geben dabei Orientierung und erinnern in ihrer Form an Magnete – einer von mehreren Hinweisen auf den technischen Hintergrund des Dekla-Kopfes Yuriy. Kleines, aber feines Detail: Die Leuchtmasse der „U“-Indizes sowie der sonstigen Stundenindizes werden durch einen feinen Steg durchbrochen.
Das Blatt ist (genau wie das Gehäuse und der Zeigersatz) inhouse gefertigt, wohlgemerkt – kein Marketingblabla, sondern buchstäblich eine Werkbank-Aussage. In einer Zeit, in der sich quasi alle Microbrands auf externe Komponentenlieferanten verlassen (müssen), macht Dekla das meiste einfach selbst – die Crew rund um Dekla-Kopf Yuriy Shapiro fräst, poliert, lackiert und so weiter tatsächlich selbst, in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. Kein Zufall: Der gebürtige Ukrainer, den ich als ruhigen und fast schon etwas schüchternen Tüftler persönlich kennengelernt habe, ist ausgebildeter Maschinenbau-Ingenieur.
Und das merkt man auch im Produkt: Das Blatt der Seaborn wirkt keineswegs so als sei es schon hundertmal irgendwo in irgendeiner Form gebaut worden, sondern wie frisch am Reißbrett kreiert, bewusst außerhalb des Mainstreams.



Die Zeiger – ebenfalls Marke inhouse – sind poliert, facettiert und mit Super-LumiNova in der Farbe BGW9 belegt – hinsichtlich Leuchtkraft fast auf dem höchsten C3-Niveau, nur eben in technisch-kühlem Blau statt giftigem Grün. Eine kleine Besonderheit bei den Zeigern für Minuten/Stunden ist außerdem, dass die Zwischenräume in der mittleren Nut mit schwarzem Lack aufgefüllt sind.
Auch die ersten 15 Minuten der Lünetteneinteilung, die ebenfalls auf die Lünette verfrachtete Minuterie und die applizierten Stunden-Indizes kommen mit Super-LumiNova BGW9. Warum grade die ersten 15 Minuten? Nun, das ist durch die historische Brille betrachtet kein Design-Gag, sondern echte Taucherlogik und liegt ganz einfach daran, dass ein durchschnittlicher Tauchgang oftmals rund 30 Minuten dauert und es somit nach rund 15 Minuten langsam Zeit wird wieder aufzutauchen. Oder kurz gesagt: die Minuteneinteilung der ersten 15 (oder manchmal auch 20) Minuten bei Taucheruhren markiert Pi mal Daumen die Hälfte eines Tauchgangs und ist damit ein zusätzliches visuelles Hilfsmittel für Taucher, um die Gefahr zu minimieren, dass das Atemgas nicht mehr für den Rückweg an die Wasseroberfläche reicht.



Die unidirektionale Lünette klickt schön satt mit 120 Rastungen und trägt ein kratzfestes Inlay aus Saphirglas, was dieser eine gewisse optische Tiefe gibt. Schön: Hinter dem Saphirglas finden wir unter anderem vier Indexe, die die Form der „U“-Indexe auf dem Blatt aufgreifen.
Das Gehäuse bringt 40 Millimeter im Durchmesser und knapp 47 Millimeter Horn-zu-Horn mit – eher kompaktere Maße, die auch Uhrenfreunde mit schmaleren Handgelenken glücklich machen dürften. Am Arm sitzt die Seaborn dank 12,45 Millimetern Höhe angenehm flach, was für einen waschechten Diver keine Selbstverständlichkeit ist. Zum Vergleich: Mein Handgelenkumfang beträgt in etwa 18 cm und da wirkt die Uhr meiner Meinung nach sehr stimmig und ausgewogen.

Auch die Art, wie das (ebenfalls inhouse gefertigte) Gehäuse der Seaborn in Szene gesetzt wird, ist bemerkenswert eigenständig: Markant vertikal gebürstete Flanken, die an die Glashütte Machart erinnert, daneben führen geätzte, rechteckige Flächen über eine knackscharfe Kante zu den Hörnern über. Kronenschutz und Krone wirken, als kämen sie direkt aus dem Werkzeugkasten: Die beiden Kronenschutz-Elemente werden jeweils mit einer tief versenkten Mini-Torx-Schraube befestigt, die verschraubte Krone kommt in Form einer Sechskant-Schraube – als käme sie direkt aus dem Werkzeugkasten.
Als kleines Easteregg, in Anlehnung an den Modellnamen Seaborn, findet sich auf dem Boden die Gravur eines stilisierten Babys mit Taucherausrüstung als Gravur – eine nette, unaufdringliche Mini-Story.




Das Edelstahlband kommt im klassischen Oyster-Stil, die Glieder sind haptisch sauber aufeinander abgestimmt und verschraubt (ohne irgendwelche nervigen Mini-Hülsen oder dergleichen). Als kleinen Hingucker finden wir eine polierte Fase links und rechts vom mittleren Glied. Die Schließe ist massiv und mit seitlichen Drückern ausgestattet. Das Beste daran: Eine werkzeuglose Feinverstellung mit Hilfe eines „PUSH“-Drückers auf der Innenseite der Schließe über etwa 10 Millimeter. Kein umständliches Herumpopeln in der Seite der Schließe mit einer Büroklammer oder dergleichen – einfach drücken, schieben, fertig. Praktisch, wenn der Unterarm mal wieder entscheidet, im Laufe des Tages, vor allem im Sommer, deutlich an Umfang zuzunehmen.


Für den Antrieb setzt Dekla auf Bewährtes: ein Sellita SW200-1 mit 41 Stunden Gangreserve in der höheren Elaboré-Ausführung. Kein Firlefanz, keine Experimente, sondern ein ehrliches Schweizer Automatikwerk, das tut, was es soll. Von Dekla inhouse im Rahmen von -2 bis +5 Sekunden reguliert läuft die mir vorliegende Testuhr mit quasi-perfekten +1 Sekunden pro Tag.
Abschließende Gedanken
Viele Microbrands bemühen sich um Eigenständigkeit, aber Dekla fährt hier im Vergleich mal so richtig auf. Dennoch: Ich würde definitiv nicht so weit gehen und von einer Innovation sprechen – schließlich kommt auch die Seaborn nüchtern betrachtet mit grundlegenden bzw. klassischen Diver-Merkmalen und drei Zeigern. Dekla erfindet das Rad nicht neu. Aber: All die Designmerkmale sind erstaunlich frisch und mutig gestaltet, was zugegebenermaßen aber sicherlich nicht allen Uhrenfreunden gefallen wird (muss es aber auch nicht, oder?). Was ich definitiv sagen kann: Auch ich habe ein bisschen gebraucht, um mich an das Design zu „gewöhnen“. Dabei gefiel mir die Seaborn von Tag zu Tag immer besser.
Und: Gehäuse, Zifferblatt, Zeiger – wesentliche Komponenten der Uhr entstehen tatsächlich im eigenen Haus, mit eigenem Werkzeugpark und eigener Philosophie. Eine solche Fertigungstiefe ist (und das kann man gar nicht oft genug betonen) heute im Microbrand-Bereich fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.
Das Ergebnis ist eine Uhr, die sich anfühlt, als hätte sie jemand gebaut, der nicht nur Uhren liebt, sondern sich auch die Freiheit nimmt, Details neu zu denken – und zwar durch die Ingenieursbrille.

Dekla bleibt mit 890€ deutlich unter der magischen 1000€-Marke. In Zeiten, in denen einige Microbrands mit ihren Divern mittlerweile in deutlich höheren Preisregionen fischen wollen, ist das ein bemerkenswert bodenständiger Preis für eine Uhr, bei der so viel Wertschöpfung aus Deutschland kommt.
Fürs Erste gibt’s die Seaborn nur mit blauem Zifferblatt, weitere Farben sollen anno 2026 folgen. Aber auch so ist die Seaborn schon jetzt ein Diver, der zeigt: Dekla kann nicht nur Luft, sondern auch Wasser – und das ziemlich souverän. So souverän, dass man Lust auf mehr bekommt. Wem das ungewöhnliche und mutige Design zusagt, für den ist die Seaborn fast schon ein Nobrainer.



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Moin Mario,
Hast Du abgenommen? 18cm HGU, ich hatte bei Dir 19cm in Erinnerung 🤔.
DEKLA bietet sicher gute Qualität, dazu noch die zahlreichen Konfigurationsmöglichkeiten einiger Modelle👍. Jedoch vermisse ich bei den Uhren einen eigenständigen Charakter. Eine Ausnahme bildet da für mich der limitierte DEKLA Mriya Antonow An-225 Chronograph.
Beste Grüße & fröhliche Jahresendtage!
Frank
Dankeschön für deinen Kommentar Frank. Ja ich habe über 20 kg abgespeckt und das zeigt sich auch am Handgelenk 😅
Wünsche dir ebenfalls schöne Feiertage!
I am so glad that Yury gave me complete trust and freedom to design this model exactly as I imagined it.
Gefällt mir sehr gut!