Wer sich die Uhren der Pano-Reihe von Glashütte Original anschaut, erkennt sofort: Hier herrscht kein gleichmäßiges Achsen-Korsett, sondern eine bewusste Verschiebung, ein Spiel mit Flächen und Proportionen. Der erstmals 2022 vorgestellte PanoMaticCalendar setzt dieses Prinzip mit einer zusätzlichen Komplikation um, die – meiner Meinung nach zu Unrecht – manchmal etwas im Schatten des Ewigen Kalenders steht: dem Jahreskalender. Das schauen wir uns natürlich genauer an!



Eckdaten Glashütte Original PanoMaticCalendar:
- Gehäuse aus Rotgold
- 5 bar Wasserdichtigkeit
- 42,00 mm Durchmesser
- 12,40 mm Gehäusehöhe
- Zifferblatt galvanisch silbern, Oberfläche opalin (feinmatt), Indexe aufgesetzt, Panoramadatum schwarz auf elfenbeinfarbenem Grund, Monatsanzeige schwarz auf elfenbeinfarbenen Grund, Mondphasenanzeige blau/gold
- Glashütte Original Manufakturwerk 92-09, Automatik, 100 h Gangreserve, 28.800 A/h, 4 Hz entsprechend Frequenz, Glashütter Dreiviertel-Platine mit Streifenschliff, Unruhbrücke von Hand graviert, Schriftzüge/Gravuren vergoldet, Rotor skelettiert (dezentral) mit Doppel-G Symbol und 21-Karat-Gold-Schwungmasse, Rückerloses Regulierungssystem mit zwei Schwanenhalsfedern, Schrauben poliert/gebläut, Stahlteile poliert, Kanten angliert
- Preis: ab 30.200€



Das vertraute Ungewöhnliche
Die Designsprache der Pano ist unverkennbar: Links der versetzte Stunden- und Minuten-Bereich mit der überlappenden kleinen Sekunde darunter, rechts unten das markante Panoramadatum.
Entscheidend dafür, dass dieses Design funktioniert, ist der Goldene Schnitt, auch göttliche Proportion genannt. Dieser geht bis in die Antike zurück und definiert ein bestimmtes Teilungsverhältnis zweier Größen zueinander. Die berechnete Zahl wird mit dem griechischen Buchstaben Phi bezeichnet und entspricht etwa dem Wert 1,618. Im engen Zusammenhang steht die Fibonacci-Folge, bei der jede Zahl die Summe der vorhergehenden zwei Zahlen ist: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 und so weiter. Das Verhältnis jeder Zahl zur vorhergehenden Zahl nähert sich dabei zunehmend 1,618 bzw. Phi an (8/5 = 1,6; 13/8 = 1,625 etc.). Diese unendliche Zahlenfolge ist benannt nach dem Italiener Leonardo Fibonacci.
Fibonacci-Zahlen tauchen in vielen Konstruktionen auf, die auf dem Goldenen Schnitt basieren — etwa in den sogenannten Fibonacci-Spiralen (Annäherung an logarithmische Spiralen).

Mit diesem theoretischen Wissen im Hinterkopf, sollte klar sein: Kein Element bei dem hier gezeigten Glashütte Original PanoMaticCalendar steht dort zufällig. Die Aufteilung folgt einer Art innerer Logik – asymmetrisch, aber nie chaotisch. Insbesondere die Anzeigen für Stunde und Minute bzw. Sekunde sind dabei nicht mittig gesetzt, sondern nach links verschoben – und zwar genau in einem Verhältnis, das dem Goldenen Schnitt entspricht.
Die Stunden und Minuten sitzen dabei leicht versenkt, fein strukturiert mit konzentrischen Rillen. Die Kleine Sekunde darunter ist ebenfalls leicht vertieft – das sorgt für ein plastischeres Erscheinungsbild.



Und bei dem PanoMaticCalendar im Speziellen schwingt eine weitere Ebene mit: Am Zifferblattrand zwischen „3 Uhr“ und „6 Uhr“ zieht sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Panoramadatum eine große Komplikation über das Blatt: eine Monatsanzeige, um den Jahreskalender zu komplettieren.
Die jeweilige Monatsziffer wird dabei auf dezente, pfiffige Art und Weise jeweils hervorgehoben und sorgt dafür, dass der Kalender (Monatsziffer plus Panoramadatum sich automatisch mit stets korrektem Datum durch das Jahr hangelt – nur einmal im Jahr ist manuelles Eingreifen notwendig: Immer am 1. März muss das Datum korrigiert werden, um dem besonders kurzen Monat Februar Rechnung zu tragen.
Der Monatsbogen fügt sich dabei fast unauffällig in die Gesamtkomposition des galvanisch-silbernen, feinmatten Zifferblattes ein: Eine subtile Kurve mit Monatszahlen, die in harmonischem Abstand zueinander stehen, um das Blatt-Viertel unten rechts zu füllen.

Das klingt alles einfach, ist aber in der Praxis eine technisch alles andere als banale Angelegenheit. Denn der Jahreskalender-Mechanismus muss zwischen langen und kurzen Monaten unterscheiden können. Die Lösung sitzt tief im Werk verborgen – ein fein abgestimmtes System, das jeden Monat neu bewertet, bevor es den Datumswechsel freigibt…
Jahreskalender: Was ist das eigentlich?
Wenn es um praktische Komplikationen geht, hat der Kalender klar die Nase vorn. Minutenrepetition und Rattrapante beispielsweise mögen die „Rockstars“ der Uhrmacherei sein – spektakulär, aber für den Alltag heutzutage meistens nicht allzu nützlich. Der Kalender hingegen ist unser treuer Begleiter und Everybody’s Darling vieler Uhrenfreunde.
Zugegeben, der Jahreskalender wird oft zugunsten des „großen Bruders“, des Ewigen Kalenders, übersehen. Letzterer hat diese Anerkennung natürlich nicht unverdient. Aber was wäre, wenn man eine mechanische Komplikation haben könnte, die nur geringfügig weniger Arbeit leistet als der Ewige Kalender, aber mit größerer mechanischer Zuverlässigkeit? Genau das erledigt der Jahreskalender, denn nur einmal im Jahr, genau am 1. März, verlangt dieser nach einer manuellen Korrektur – gleichzeitig ist die Konstruktion deutlich robuster.
Der Jahreskalender ist eigentlich eine recht neue Erfindung: Die Idee stammt ursprünglich aus der Feder eines jungen Ingenieurs aus Lausanne, der in den 1990er-Jahren fand, dass filigrane Nocken und Hebel zwar schön, aber nicht unbedingt stressresistent sind. Denn: Aufgrund des Ein-Aus-Wechselspiels zwischen Hebeln und Nocken sind ewige Kalender fehleranfällig und vergleichsweise empfindlich. Seine Lösung: Ein neuer innovativer Mechanismus verzichtete auf diese kniffligen Bauteile und ersetzte sie durch rotierende Zahnräder. Diese Räder blieben in ständigem Kontakt miteinander – etwas, das das Risiko von Schäden, die durch Bedienungsfehler oder ungenaues Einrasten der Komponenten verursacht werden, erheblich reduziert.

Der Jahreskalender unterscheidet selbstständig zwischen 30- und 31-Tage-Monaten. Nur im Februar bleibt der Jahreskalender launisch und eigenwillig – so wie es sich für einen Monat gehört, der nicht einmal eine feste Länge kennt. Diese Ausnahme sei ihm aber verziehen, denn Uhrenfreunde müssen tatsächlich nur einmal im Jahr korrigierend eingreifen und das Datum einfach um drei Tage in Nicht-Schaltjahren bzw. zwei Tage in Schaltjahren ändern – ein mehr als akzeptabler Kompromiss, dem eine Menge Vorteile gegenüber stehen.


Auf der Zwei-Uhr-Position befindet sich bei der PanoMaticCalendar noch eine klassisch funktionierende Mondphase, bei der der Mond in einer sichelförmigen Öffnung zu- und abnimmt. Die Skala reicht dabei von „0“ bis „29 ½“- der Zeitraum für den sogenannten synodischen Monat, den der Mond benötigt, um alle seine Phasen einmal zu durchlaufen und wieder in die gleiche Position zu Erde und Sonne zurückzukehren (also von einem Neumond zum nächsten). Dieser Zeitraum beträgt etwa 29,5 Tage.

Unterhalb der Mondphase thront das Panoramadatum: Zwei konzentrisch angeordnete Scheiben, perfekt auf einer Ebene, ohne Trennsteg – eine Spezialität von Glashütte Original, die in dieser technisch pfiffigen Umsetzung keine Selbstverständlichkeit ist.
Hochwertig wirkende Details sind die abgekantete Machart des Panoramadatumsfensters und der Mondphasenanzeige – kein Zufall: Glashütte Original produziert alle Zifferblätter in Eigenregie und das merkt man einfach mit Blick auf solche liebevollen Details.

Das Rotgoldgehäuse spielt mit dem Licht – mal warm, mal fast kupfern. Polierte und satinierte Flächen wechseln sich ab, ohne sich gegenseitig zu überbieten. 18K Rotgold ist eine hochwertige Goldlegierung, die aus 75% reinem Gold und fast ein Viertel Kupfer besteht. Das Kupfer verleiht dem Gold seine charakteristisch-rötliche Farbe, die sehr warm und elegant wirkt. Die 18K-Legierung bietet eine gute Balance zwischen Reinheit und Haltbarkeit, da höherkarätiges Gold zwar reiner, aber eben auch weicher und damit weniger widerstandsfähig gegen Kratzer ist. Die Vickershärte von Rotgold bewegt sich in etwa auf demselben Niveau wie Edelstahl. Der Korrekturdrücker für die Mondphase ist dezent an der rechten Gehäuseflanke untergebracht.



Mit 42 Millimetern Durchmesser und einer Höhe von gut zwölf Millimetern ist das Rotgoldgehäuse der PanoMaticCalendar überaus präsent am Handgelenk, trägt sich aber nicht übermäßig wuchtig: Die Gehäuseflanken sind sanft gewölbt, die Lünette schmal, der Übergang zum Band weich. Dadurch trägt sich die Uhr kleiner, als es die nackten Zahlen vermuten lassen. Am Krokolederband, wie hier gezeigt, ist der Tragekomfort in der Summe mehr als ordentlich – wer es etwas sportlicher mag, der greift zu einem der vielen Farbvarianten der Synthetikbänder mit Faltschließe – das ist im Übrigen auch meine favorisierte Bandlösung, da dieses genau die richtige „Dosierung“ aus Flexibilität mit einem Hauch Steifigkeit aufweist – so kann man grade im Sommer jederzeit das Band auch etwas lockerer tragen, um Luft ans Handgelenk zu lassen. Übrigens: Die Synthetikbänder von Glashütte Original werden aus einem Garn hergestellt, das zu 100 % aus recycelten Fischernetzen besteht.








Die Mechanik im Inneren: Kaliber 92-09
Der automatische Aufzug des verbauten Manufakturkalibers 92-09 arbeitet beidseitig, die Schwungmasse trägt eine massive Goldkomponente, die dem Rotor zusätzliches Gewicht gibt. Das Werk speichert genug Energie für überdurchschnittliche 100 Stunden – also mehr als vier Tage Gangreserve. Wer die Uhr am Freitag ablegt, findet sie am Montag noch laufend vor. Zum Vergleich: Standardkaliber kommen auf Pi mal Daumen 40 Stunden.
Die Unruh schwingt mit 4 Hertz, angetrieben von einer Siliziumunruhspiralfeder. Diese ist unempfindlich gegen Magnetfelder und Temperaturschwankungen und zahlt langfristig auf eine hohe Ganggenauigkeit ein.

Das Besondere bleibt die Finissage – ein Wort, das bei Glashütte Original immer noch etwas bedeutet. Der Rotor trägt den charakteristischen Glashütter Streifenschliff, die Brücken sind anglierte Kunstwerke, der Unruhkloben von Hand graviert: Jede Linie ist leicht anders, jedes Muster ein klein wenig individuell. Es ist diese feine Abweichung, die aufwändige Handarbeit verrät und das Werk lebendig macht. Durch den üppig dimensionierten Saphirglasboden sieht man all das in voller Pracht.





Hier auch noch einige Impressionen aus der Kalibermontage bei Glashütte Original:









Abschließende Gedanken
Der Jahreskalender ist eine der unterschätzten Komplikationen der Uhrmacherei. Er liegt zwischen dem einfachen Datum und dem Ewigen Kalender – anspruchsvoll genug, um Uhrenfreunde zu begeistern, aber noch überschaubar hinsichtlich Bedienung und Komplexität. Obendrein ist der Jahreskalender robuster als ein ewiger Kalender.
Der Jahreskalender fügt sich auf jeden Fall auch nahtlos in die bekannte Pano-Struktur ein – nichts wirkt aufgesetzt oder nachträglich hinzugefügt. Das spricht für eine Konstruktion, die von Anfang an als Einheit gedacht wurde.



Übrigens: Dass die PanoMaticCalendar sich auch deutlich sportlicher zeigen kann, beweist die noch recht neue Referenz 1-92-11-01-03-61 mit teilskelettiertem Blatt:

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