• Beitrags-Kategorie:Tests
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare
  • Beitrags-Autor:
  • Lesedauer:10 Min. Lesedauer

Wer lange genug Uhren sammelt, kennt das Muster: Irgendwann entdeckt die Szene ein Detail, das in hiesigen Gefilden zuvor kaum jemanden interessiert hat, und plötzlich wird dies zum begehrten Sammlerobjekt. Bei den sogenannten „Arabic Dials“ ist genau das passiert. Genauer: Die sogenannten ostarabische Ziffern sind inzwischen auf immer mehr Neuerscheinungen zu finden – mal als kulturelle Referenz bzw. mit bestimmten Märkten im Sinn, aber gelegentlich wohl auch einfach deshalb, weil sie anders aussehen als das, was man sonst gewohnt ist. Die Feynman VI Dune Arabic bewegt sich irgendwo zwischen all diesen Welten und bietet einen guten Anlass, sich das Phänomen etwas genauer anzusehen.

Über Arabic Dials

An dieser Stelle lohnt sich zunächst ein kleiner Abstecher zu jenem Merkmal der Feynman VI in der Dune-Arabic-Variante, das unter Uhrenfreunden meist unter der Bezeichnung „Arabic Dial“ bekannt ist. Gemeint ist dabei allerdings nicht das Dezimalsystem mit jenen Ziffern, die wir im Deutschen üblicherweise als „arabische Ziffern“ bezeichnen – also 0, 1, 2, 3, 4 und so weiter. Diese heute weltweit verbreiteten Ziffern gehen ursprünglich übrigens auf das indische Zahlensystem zurück – ihren Namen verdanken sie einfach dem Umstand, dass sie über arabischsprachige Gelehrte und Handelswege nach Europa gelangten, wo sie sich nach und nach gegen die bis dahin dominierenden, aber komplizierten römischen Zahlzeichen durchsetzten.

Der Weg dorthin war allerdings lang. Zwar bot das dieses Zahlensystem mit seinem Stellenwertsystem bzw. Dezimalsystem und der Verwendung der Null erhebliche praktische Vorteile, doch wurde es in Teilen Europas zunächst mit Skepsis betrachtet. In einigen Städten gab es zeitweise sogar Einschränkungen bei der Verwendung arabischer Ziffern in amtlichen oder kaufmännischen Dokumenten, da sie als leichter manipulierbar galten als römische Zahlzeichen.

Von diesen bei uns gebräuchlichen Ziffern zu unterscheiden sind die sogenannten ostarabischen Ziffern (Eastern Arabic Numerals): Es handelt sich dabei im Prinzip um eine regionale Variante dieser Schreibweise, die den identischen mathematischen Prinzipien folgt, sich aber optisch unterscheidet und heute in vielen Teilen des Nahen Ostens verwendet wird, etwa in Bahrain, Ägypten, Oman, Katar, Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie lauten von 0 bis 9: ٠،١،٢،٣،٤،٥،٦،٧،٨،٩.

Oder anders gesagt: Sowohl die heute in Europa gebräuchlichen Ziffern als auch die ostarabischen Ziffern gehen auf denselben Ursprung zurück: das sogenannte hindu-arabische Zahlensystem. Über Jahrhunderte entwickelten sich daraus unterschiedliche Schreibweisen, die sich regional verbreiteten und bis heute erhalten haben.

Die Verbreitung dieses Zahlensystems wurde während des Goldenen Zeitalters des Islam zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert maßgeblich durch Gelehrte und Wissenschaftler gefördert. Zu den wichtigsten Persönlichkeiten zählt ein persischer Mathematiker, dessen Name im Westen als „Algorismi“ latinisiert wurde. Sein Werk über das Rechnen mit hinduistischen Ziffern trug wesentlich dazu bei, das System im islamischen Kulturraum und später auch in Europa bekannt zu machen. Übrigens verdanken wir seinem Namen auch den Begriff „Algorithmus“.

image
Die Entwicklung indischer Ziffern zu arabischen Ziffern und deren Übernahme in Europa — Bild: Wikimedia Commons

Auf Uhren sind die ostarabischen Ziffern übrigens keineswegs ein neues Phänomen. Sie tauchen seit Jahrhunderten auf Taschenuhren, Wanduhren und später eben auch Armbanduhren auf. Dennoch wird ihre moderne Wiederkehr häufig mit Rolex verbunden: Bereits ab den 1950er Jahren fertigte Rolex verschiedene Day-Date-Modelle mit arabischen Tagesscheiben, Ziffern oder regionalen Anpassungen für Märkte in den Golfstaaten. Damals war das keine ästhetische Fingerübung für globale Sammlerzirkel, sondern schlicht eine Anpassung an lokale Kundschaft. Auch sehr bekannt: Die Stand 2026 nach wie vor gut erhältliche Seiko 5 SNK063J5 mit Kaliber 7S26, die ebenfalls mit Blick auf lokale Kundschaft produziert wird.

Heute ist die Situation nochmal eine etwas andere: Arabic Dials sind auch in unseren Gefilden fast schon ein eigenes Sammler-Genre geworden:  Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das heutige Interesse größtenteils auf einem Trend beruht, bei dem Käufer nach den ungewöhnlichsten und exotischsten Uhren suchen.

Denn Zifferblätter mit Eastern Arabic Numerals sind sofort erkennbar, wirken exotisch, unterscheiden sich sichtbar von Standardmodellen – und erfüllen damit ziemlich exakt jene Kriterien, die moderne Sammlerleidenschaft gerne befeuern. Manchmal aus echtem kulturellem Interesse. Manchmal einfach, weil sie selten aussehen. Beides muss sich nicht ausschließen.

Und: In den vergangenen Jahren hat die Uhrenindustrie den Nahen Osten zunehmend als wichtigen Markt entdeckt – wirtschaftlich stark, sammleraffin und mit wachsendem Einfluss auf die Luxusszene. Veranstaltungen wie die Dubai Watch Week haben diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Entsprechend häufen sich inzwischen Middle-East-Editions, Boutique-Exclusive-Editionen und Sondermodelle mit ostarabischen Ziffern.

Über Feynman

Feynman ist eine klassische Microbrand-Story: Yong Keong Lim, der Feynman anno 2018 (mit)gründete, ist eigentlich Informatiker – und zwar in Singapur, dem gleichzeitig wohl größten Microbrand-Cluster überhaupt. Er benannte die Marke nach seinem Sohn Feynman Lin, der wiederum nach dem US-Amerikaner Richard Feynman, dem Vater der Theoretischen Physik, benannt wurde. 

Yong Keong Lim ist also quasi ein horologischer Quereinsteiger, wobei die Erfahrung zeigt, dass aus solchen Storys beachtliche Produkte heranwachsen können. Einer der Hauptgründe, warum ich Microbrands liebe, ist, dass sie entgegen der Konventionen oder konzerngetriebener Interessen vor allem gewisse Freiheitsgrade ausspielen können. Das mag manchmal polarisieren, ist aber sicherlich einer der wesentlichen Aspekte, damit Microbrands aus der Masse an Marken herausstechen. Und mit Blick auf die Feynman-Kollektion kann man definitiv sagen: Die Microbrand gehört definitiv zu denen, die sich was trauen. Hinzu kommt: Jede Uhr wird in Singapur von Feynmans eigenen Uhrmachern montiert und reguliert – keine Selbstverständlichkeit im Microbrand-Markt und ein Indiz für einen nachhaltigen Ansatz.

Feynman VI – Dune Arabic

Das Gehäuse der Feynman VI kommt mit gewisser 70er-Anmutung, irgendwo zwischen TV-Gehäuse, Dresswatch und einem Hauch integrierter Sportuhr. Das Gehäuse misst 40 mm (L) x 38 mm (B) und ist angenehm kompakt, es spielt seine stärkste Karte aber an anderer Stelle aus: der Höhe. Oder genauer gesagt: fast keine Höhe. 8,64 Millimeter inklusive beider Saphirgläser. Und das ist tatsächlich ziemlich dünn für eine mechanische Uhr. So dünn, dass man beim ersten Anlegen kurz kontrolliert, ob die Uhr wirklich vollständig angekommen ist. 😉 Diese Schlankheit verändert den Charakter der Uhr spürbar. Die flache Bauweise ist in sofern auch ein cleverer Schachzug mit Blick auf die Tatsache, dass eckige Gehäuse per se wuchtiger wirken. Wenn dann noch eine stattliche Höhe dazu kommt, sieht eine solche Uhr gern mal aus wie ein Ziegelstein am Handgelenk aus – manche Varianten der TAG Heuer Monaco lassen grüßen.

Trotz ihrer markanten Form trägt sich die VI Dune Arabic in der Summe unaufgeregt. Sie verschwindet mühelos unter einer Hemdmanschette, bleibt aber präsent. Das flache Gehäuse verdankt die Uhr übrigens der Handaufzugskonstruktion des Schweizer ETA Peseux 7001. Zum Vergleich: Die HEINRICH Radiance, die ebenfalls mit dem ETA Peseux 7001 kommt, kommt auf exakt 8 mm Höhe.

Interessant wird es beim Zifferblatt der Dune Arabic-Variante. Hier entscheidet sich ziemlich schnell, ob man mit Feynmans Design-DNA warm wird oder nicht. Das rot-orange, dezent ins lachsfarbene gehende Blatt mit seinem metallischen Glanz und der vertikalen Bürstung bringt eine richtig schön satt-warme Anmutung mit – passend zum Namen, ohne platt auf „Wüstenromantik“ zu machen. Laut Feynman ist das Blatt übrigens inspiriert von den roten Dünen Dubais, was sicherlich eine durchaus passende Assoziation ist.

Die eingangs bereits ausführlich beschriebenen ostarabischen Ziffern passen thematisch perfekt zum Blatt und sind dezent eingefräst und mit schwarzem Lack gefüllt. Dazu kommen die skelettierten Zeiger und eine kleine Eigenheit: der Sekundenzeiger in einer Art Eidechsenschwanz-Optik – eines der Markenzeichen von Feynman, das wir schon beim Einstandsmodell Feynman One vorgefunden haben. Ebenfalls damals wie heute bei der Feynman One an Bord: Im Index-Kreis der kleinen Sekunden finden sich zwei chinesische Schriftzeichen, um die 60 und die 30 zu markieren – Moment mal, ostarabische Ziffern und chinesische? Ehrlichweise habe ich mit dieser Mischung zunächst etwas gefremdelt, andererseits stechen die chinesischen kaum hervor.

Zum Kontext: Feynmans erste Uhr, die Feynman One, hatte als Überschrift „Hommage an die Uhrmacherkunst“ und kam sogar mit gleich drei Zahlensystem auf dem Blatt, also römische, arabische und chinesische Ziffern. Tatsächlich sind die neueren Varianten der Feynman One hier deutlich zurückhaltender – genau wie eben die Feynman VI.

Bemerkenswert ist außerdem, was fehlt: ein dominantes Logo mitten auf dem Zifferblatt. In einer Branche, in der viele Marken ihr Branding behandeln wie Stadionwerbung am Spielfeldrand, wirkt diese Zurückhaltung fast schon rebellisch. Die Uhr vertraut darauf, über ihre Gestaltung erkannt zu werden.

Im Inneren arbeitet ein ETA 7001, das – genau wie das Blatt – einen gewissen Exotencharakter hat, und zwar einfach, weil es selten zur Anwendung kommt. Leider! Denn klar: Handaufzug ist nicht jedermanns Sache, das Werk passt allerdings hervorragend zum Konzept des Modells. Die geringe Bauhöhe wäre mit vielen Automatikkalibern kaum erreichbar gewesen und Feynman nutzt den Vorteil hier einfach voll aus.

Das Peseux 7001 wurde Anfang der 1970er Jahre erstmals vollständig ausgereift auf den Markt gebracht und erlangte schnell den Ruf besonders zuverlässig zu sein. Es handelt sich um ein mit 2,5 mm irre schlankes Uhrwerk mit 17 Steinen. Zum Vergleich: Eine 2€-Münze ist rund 2 mm hoch. Weiterhin sind eine Incabloc-Stoßsicherung, 42 Stunden Gangreserve ​​und eine Frequenz von 21.600 Halbschwingungen (3 Hz) an Bord – letzteres ist hinsichtlich der schleichenden Sekunde kein nennenswerter Nachteil gegenüber 28.800 bph-Kalibern, da dies bei der kleinen Sekunde optisch nicht ins Gewicht fällt. Wer nicht an Vintage-Uhren gewöhnt ist, wird aber vielleicht überrascht sein, dass es keine Sekundenstoppfunktion gibt.

Nach 1985 wurde das Peseux 7001 von ETA ohne nennenswerte Änderungen bis 2004 produziert, die Produktion wurde dann 2011 wieder unter dem Namen ETA 7001 aufgenommen. „Landläufig“ wird das Kaliber daher auch ETA Peseux 7001 genannt.

Durch den Sichtboden der Feynman VI Dune Arabic darf man dem Werk beim Arbeiten zusehen – gebläute Schrauben, sichtbare Lagersteine und Genfer Streifen machen aus dem Kaliber eine durchaus ansehnliche Kulisse für Uhrenfreunde.

Das Stahlband der Feynman VI wirkt optisch integriert, ohne tatsächlich integriert zu sein – ein wichtiger Unterschied für alle, die ungern lebenslang an genau ein Band gebunden werden – durch die Schnellwechselfederstege lässt sich das Stahlband einfach wegclipsen und gegen ein beliebiges Band mit 24 mm Anstoß tauschen – achtet aber unbedingt auf eine Verjüngung (das Stahlband verjüngt sich auf 15 mm) und ein flache Machart des Bandes, da es sonst schnell deplatziert wirken könnte mit Blick auf das filigrane Gehäuse.

Die Uhr ist insgesamt keine eierlegende Wollmilchsau: 50 Meter bzw. 5 bar Wasserdichtigkeit reichen für Alltag, Regen und versehentliche Begegnungen mit dem Waschbecken, aber die nächste Tauchsafari sollte man lieber einer anderen Uhr überlassen. Spannender ist aber ohnehin die Frage, wo sich die Feynman mit dem Modell im heutigen Microbrand-Dschungel positioniert – und klar ist: Die VI Dune Arabic will nicht everybody’s darling sein. Nicht jedes Detail wird jeden Uhrenfreund sofort begeistern – so wie der Mischmasch aus ostarabischen Ziffern und chinesischen Zeichen. Das Gesamtbild ist meiner Meinung nach aber äußerst stimmig und auf jeden Fall geprägt von viel Eigenständigkeit (mein persönliches Highlight ist übrigens der tolle metallische Farbton des Blattes und die flache Bauweise). Wer übrigens mit dem Arabic Dial nichts anfangen kann, der findet unter anderem auch Varianten des Modells mit klassischen Ziffern, die wir aus unseren Gefilden gewohnt sind.

Feynman-Uhren gibt es unter anderem beim offiziellen Fachhändler Finch Watches mit Sitz in der EU (genauer: in den Niederlanden).

Eckdaten:

  • 40 mm (L) x 38 mm (B) x 8,64 mm (H)
  • Uhrwerk: ETA 7001
  • Gehäuse aus 316L-Edelstahl
  • Wasserdichtigkeit: 50 m
  • Bandanstoßbreite: 24 mm
  • Preis: 1459 Euro, zum Beispiel über den europäischen Fachhändler Finchwatches.com

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like bei Facebook, Instagram, YouTube oder

Auch über WhatsApp kannst du immer auf dem neuesten Stand bleiben – jetzt abonnieren:

DSxOAUB0raA (1)

Darüber hinaus freue ich mich über Kommentare immer sehr (Kommentare werden in der Regel innerhalb kurzer Zeit geprüft und freigeschaltet). Vielen Dank!

Abonnieren
Benachrichtige mich bei...
0 Kommentare
Neueste Kommentare
Älteste Kommentare Kommentare mit den meisten Votings