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Wenn man nicht grade ein Uhrennerd und/oder Vintage-Uhrenfan ist, verbindet man mit der Marke Abercrombie & Fitch (A&F) sicherlich keine hochwertigen Uhren, sondern am ehesten halbnackte Männer, die vor den Filialen der amerikanischen Modekette rumlungern, um ungefragt ahnungslosen Passanten ihre Waschbrettbäuche in viel zu engen Hodenkneiferjeans zu präsentieren.

Kaufwillige, die sich von der Fleischbeschau nicht abschrecken lassen und ihren Weg in eine der Filialen finden, treffen auf viel zu laute Deep House- und Pop-Musik, penetrante Parfümwolken und gefühlt eine Energiesparlampe pro 100 Quadratmeter. Die Zielgruppe: die schönen, die reichen und die ganz schön reichen Kids auf den Schulhöfen dieser Welt.

Das Konzept funktionierte eine ganze Weile ziemlich gut, lange Schlangen vor A&F Stores waren keine Seltenheit. Der Erfolg stieg dem langjährigen (1992-2014) A&F-Chef Mike Jeffries aber offenbar zu Kopf – so sagte Jeffries beispielsweise 2006: „Wir wollen die coolen Kids. Viele Menschen haben in unserer Kleidung nichts zu suchen.“ Image und Umsätze machten eine Rolle rückwärts.

Heute ist das A&F-Konzept nicht mehr ganz so extrem auf gutaussehende Jungspunde ausgerichtet, mit Luxusuhren hat der US-Konzern aber anno 2021 so viel zu tun wie der hier schreibende Blogger mit schön definierten Muskelpaketen. Günstiger Quarzer sind bei A&F das höchste der Gefühle.

Bild: Sotheby’s

Abercrombie & Fitch Seafarer mit Gezeiten-Anzeige

Es gibt aber auch eine Ära lange vor Mike Jeffries: Bevor Abercrombie & Fitch eine Marke mit fragwürdiger Ausrichtung wurde, war das von David Abercrombie im Jahre 1892 (!) gegründete und 1907 an Ezra Fitch verkaufte Unternehmen ein renommierter Outdoor-Ausrüster. Mit dem Claim “Greatest Sporting Goods Store in the World” verkaufte das Unternehmen selbstbewusst hochwertige Ausrüstung für Angler, Jäger, Camper, Kletterer und andere Outdoor-Abenteurer. Berühmtheiten wie Howard Hughes, Ernest Hemingway, Amelia Earhart und Präsidents Roosevelt zählten zum Kundenkreis von A&F. Mit im Sortiment waren auch hochwertige, funktionale Schweizer Uhren.

Original A&F-Werbeanzeige

Mitte der 1930er Jahre reiste der damalige A&F-Chef Walter Haynes in die Schweiz, um die Ed. Heuer & Co. zu besuchen. Und so kam es zu einer Vereinbarung über die Produktion von Heuer-Uhren unter dem Abercrombie & Fitch-Label (sogenannte Private Label-Uhren). Die Zielgruppe: Seemänner und Angler – letzteres ist natürlich nicht zufällig ein echter Volkssport in den USA.

A&F Solunar, Bild: Sotheby’s

Im Jahre 1950 lancierte Abercrombie & Fitch das Modell Seafarer (engl. für Seefahrer), das auf dem Modell Heuer Solunar basierte. Auch die Solunar wurde exklusiv für Abercrombie & Fitch produziert, war aber nicht sonderlich erfolgreich. Die Solunar lief zunächst noch unter dem Heuer-Branding, später gab es dann auch Varianten mit Abercrombie & Fitch-Logo. Wie der Name schon sagt, sollte die Solunar beispielsweise Angler dabei unterstützen auf Basis des Standes von Sonne und Mond die beste Zeit zum Angeln herauszufinden.

Die Abercrombie & Fitch Seafarer aus Heuer’scher Produktion wurde von 1950 bis Mitte der 1970er produziert und kam in vielen verschiedenen Varianten. Die allererste Seafarer war die Referenz 346, die beispielsweise 2017 bei Christie’s für 60.000 US-Dollar unter den Hammer kam. Charakteristisch: Das Tropical Dial, verursacht durch eine chemische Beschichtung, die das Zifferblatt eigentlich vor dem Verblassen bzw. Verbleichen schützen sollte, aber genau das Gegenteil bei starker Sonnenlichteinstrahlung bewirkte.

Die erster Seafarer mit der Referenz 346, 50er Jahre, Bild: Christie’s

Die unter Vintage-Sammlern gesuchteste, da mit Abstand seltenste Variante der Seafarer ist die Referenz 2446, die im Gehäuse der Heuer Autavia und mit einem modifizierten Schaltrad-Handaufzugkaliber Valjoux 721 kam. Die größte technische Besonderheit war eine Tiden-Komplikation bzw. eine Gezeitenanzeige auf „9 Uhr“, die auch optisch ein schöner Blickfang war (anstelle klassischer kleiner Sekunde).

Valjoux 721

Weniger als 25 Stück der Seafarer 2446 sollen in den 60ern produziert worden sein. Anfang 2021 kam eine Abercrombie & Fitch Seafarer 2446 beim Auktionshaus Sotheby’s unter den Hammer: Die Erlösschätzung von 12.000 bis 18.000 US-Dollar wurde mit 94,500 USD weit übertroffen.

A&F Ref. 2446, Bild: Sotheby’s

Aber selbst weniger beliebte Varianten wie die Seafarer 2446CSF erzielen bei Auktionshäusern schnell mehrere Tausend US-Dollar – so wie im Jahre 2017 beim Auktionshaus Phillips – denn auch diese sind nur sehr schwer in gutem Zustand zu bekommen. Oder kurz gesagt: Das mangelnde Angebot determiniert klar den Preis.

Bild: Phillips

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Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Greg

    Da habe ich mich glatt zu früh gefreut, weil ich bei der Überschrift dachte, die Uhren sind wieder aufgelegt worden 🙂
    Gefallen mir sehr gut!
    Aber so wird das schwer…

  2. Kristian

    Diese A&F Shops sind stilistisch brillant beschrieben.
    Vor Jahren stand ich auch mal unwissend vor einem solchen und es war genau so.
    Ich hab mich über die Beschreibung sehr amüsiert.

  3. D. Hansen

    Spannend genau der Inhalt warum ich zwei mal die Woche hier vorbei schaue 😉

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