Zehn Jahre – für eine unabhängige Uhren-Marke, die nicht auf einen seit Generationen aufgebauten Konzern im Rücken zurückgreifen kann, ist das eine ziemliche Hausnummer. Dabei macht Sternglas zum Jubiläum nicht unbedingt das, was man von anderen Marken gewohnt ist, z.B. mit einer Vollgoldgehäuse-Edition den Preis hochschrauben oder dergleichen. Stattdessen gibt es mit dem Modell Zirkel X eine vergleichsweise erschwingliche 38-Millimeter-Edelstahluhr mit Quarzwerk, Lederband, besonderem Zifferblatt und einem Preis von 299 Euro. Kurz gesagt: Einen bodenständigen Eintritt in die Welt der analogen Uhren – und genau das passt ziemlich gut zur Geschichte und auch zum Auftritt der Marke, z.B. auf verschiedenen Messen, wo ich unter anderem auch schon den hochsympathischen Sternglas-Designer Keyvan kennenlernen durfte.
Übrigens gibt es 2026 noch eine kleine persönliche Überschneidung: Die Hamburger Uhrenmarke Sternglas und Chrononautix.com feiern beide ihr zehnjähriges Bestehen. Wenn das mal kein Anlass ist, sich die Jubiläumsuhr der Hamburger, die Sternglas Zirkel X, etwas genauer anzuschauen.





Eckdaten Sternglas Zirkel X (S01-XX01-BR03):
● Durchmesser 38 mm
● Höhe 8 mm exkl. Glas
● Horn-zu-Horn 41 mm
● Wasserdichtigkeit 5 bar
● Zifferblatt silber, gewölbt, vertikale Bürstung
● Quarzwerk Miyota 6P23, Zeigerdatum, 24 Stunden-Anzeige, -20/+20 Sek/Monat
● Doppelt gewölbtes Saphirglas
● LumiNova Leuchtmasse
● Verschraubter Gehäuseboden
● Bridle-Armband aus Leder
● Listenpreis: 299 EUR
● über sternglas.de oder verschiedene Fachhändler
Von Münster über Kickstarter nach Hamburg
Die Geschichte von Sternglas beginnt nicht mit einem Uhrmachermeister, der seine Werkbank vom Großvater übernommen hat oder dergleichen. Sie beginnt bei einem Schülerjob. Dustin Fontaine arbeitete bereits mit 16 Jahren in einer kleinen Uhrenmanufaktur in Münster. Dort waren die Aufgaben zunächst eher bodenständig: Uhren bebändern, Kartons schleppen, Regale auffüllen. Das war letztendlich die Zündung für die Idee eine eigene Marke auf die Beine zu stellen. Anno 2011 war das – kurz zur zeitlichen Einordnung: Zu der Zeit formierte sich allmählich die damals noch junge Microbrand- und Kickstarter-Szene, die es eben auch Neugründungen abseits der „ausgetretenen Pfade“ ermöglichten, an den Markt heranzutreten.
Anfang 2016 fiel dann die Entscheidung: Jetzt oder nie. Im Oktober 2016 ging Sternglas schließlich bei Kickstarter an den Start unter der Überschrift „an affordable Bauhaus-Design watch“. Das Finanzierungsziel lag bei 10.000 Euro. Am Ende kamen knapp 17.000 Euro von 118 Unterstützern zusammen. Die Kickstarter-Kampagne war zwar ein Erfolg, aber ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die Summe im Vergleich zu manch anderer Kampagne nicht grade riesig ist.
Dennoch war der Grundstein gelegt. Und rückblickend ist das der spannende Teil der Geschichte, dass Sternglas aus einer ziemlich klassischen Microbrand-Idee heraus entstanden ist. Ein Gründer, ein Entwurf, ein gewisses Startkapital durch Crowdfunding und die Hoffnung, dass es genügend Menschen gibt, die die Uhren auch nach der Kampagne „im Regelbetrieb“ kaufen.
Und die gibt es – aus dem Kickstarter-Projekt ist über die Jahre ein deutlich größerer Betrieb geworden. Sternglas hat ein Team von derzeit 13 Mitarbeitern und nennt inzwischen mehr als 500 Fachhändler – weltweit wohlgemerkt und nicht nur in Deutschland. Das alles ist für eine Marke, die 2016 mit einer Crowdfunding-Kampagne und gut 17.000 Euro Startkapital begann, ziemlich bemerkenswert, denn es gibt auch nicht wenige Uhrenmarken, die nach Kickstarter wieder in der Versenkung verschwunden oder nach wie vor aus der Kategorie „One-Man-Show“ sind.

Wer Sternglas kennt, muss beim Blick auf die Jubiläumsuhr vermutlich nicht zweimal hinschauen: Das Design bewegt sich grundsätzlich in einem Bereich, den man von den Hamburgern kennt: 38 Millimeter Durchmesser (41 mm Horn-zu-Horn), helles Blatt, schlanke Zeiger und klare Skalen im Bauhaus-Dunstkreis. Die Uhr wirkt eher dressig als sportlich und dürfte damit insbesondere an kleineren bis mittelgroßen Handgelenken angenehm unaufdringlich sitzen.
Bauhaus ist natürlich keine magische Design-Zutat, die man auf ein Zifferblatt streut. Kurz zur Einordnung: Das Bauhaus steht ja bekanntermaßen für einen Architekturstil, der insbesondere auf Walter Gropius zurückgeht, der die Bauhaus-Schule 1919 in Weimar mit dem Ziel gründete, Alltagsobjekte für die breite Masse zu gestalten. Viele der vom Bauhaus entwickelten Produkte sind sowohl in ihrer ursprünglichen Form als auch in ihrer Weiterentwicklung bis heute aus vielen Haushalten nicht mehr wegzudenken, wie zum Beispiel der Freischwinger-Stuhl oder die Wagenfeld-Lampe. Die Idee damals: Unter dem Leitgedanken „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ sollten vorbildliche Gegenstände für die künftige Gesellschaft produziert werden. In ihrer schlichten, einfachen Form waren die Produkte des Bauhauses eine gestalterische Revolution. Die Form ordnet sich komplett der Funktionalität unter – Stichwort: „form follows function“.
Bei Armbanduhren ist dieser Leitgedanke bzw. diese Verbindung unter anderem durch Gestalter wie Max Bill besonders bekannt geworden. Sternglas bewegt sich in einem ähnlichen, „asketischen“ gestalterischen Umfeld, was das Layout der Zifferblätter angeht. Auch der Leitgedanke „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ findet sich bei Sternglas mit Blick auf die Preisrange wider.


Alles in allem: Wer beispielsweise die Naos, das Aushängeschild der Hamburger Marke, kennt, wird sich hier sofort wohl fühlen. Und doch ist da dieses kleine „Moment mal…“-Gefühl, das einen spätestens beschleicht, wenn man das Zifferblatt in direkteres Licht bzw. das Sonnenlicht hält.
Für die Jubiläumsuhr Zirkel X hat Sternglasnämlich nicht einfach beispielsweise eine Naos genommen, eine Jubiläums-Gravur auf dem Boden graviert und das Ganze zur Sonderedition erklärt. Okay, die Jubiläums-Gravur gibt’s natürlich schon, aber gleichzeitig hat Sternglas das bekannte Rezept im Bauhaus-Dunstkreis ein Stück weit aufgebrochen: Die Kombination aus zwei zusätzlichen Hilfszifferblättern bzw. Totalisatoren und dem perfekt dazu passenden, tiefen vertikalen Zifferblattschliff macht aus dem bekannten Grundrezept tatsächlich etwas augenscheinlich Neues, Eigenständigeres, indem die Anzeige nicht ganz so „brav“ organisiert ist.
Das Ganze wirkt auf den allerersten Blick wie ein Chronograph, tatsächlich sind die Totalisatoren aber für die 24-Stunden-Anzeige (bei 6 Uhr, also unten) und ein Datum (bei 12 Uhr, also oben) – und zwar in Form eines sogenannten Zeigerdatums. Und nein: Die 24-Stunden-Anzeige macht aus der Zirkel X natürlich keine waschechte GMT-Uhr, aber sie gibt zusätzliche Orientierung zwischen Vormittag und Nachmittag beziehungsweise Tag und Nacht.


Bei der Sternglas Zirkel X funktioniert die vertikale Anordnung der beiden kleinen Hilfszifferblätter in Verbindung mit der vertikalen Oberflächenbearbeitung wie aus einem Guss. Die hundertprozentige Symmetrie bleibt erhalten, auch dank der Anordnung des Schriftlogos „STERNGLAS ZEITMESSER“, der sich relativ auffällig durch das Zentrum zieht.
Insbesondere der markante, tiefe Schliff, der sich durch das silberfarbene Zifferblatt zieht, sorgt dafür, dass das Blatt sehr viel aufwändiger verarbeitet wirkt. Je nach Lichteinfall zeigt das Blatt immer wieder neue Nuancen – und genau solche Details liebe ich persönlich ja. Die Optik des Blattes ist in der Summe richtig richtig hochwertig und dem Jubiläumsgedanken mehr als angemessen. Prädikat: Eins mit Sternchen.



Quarz statt Mechanik – und warum das ziemlich konsequent ist
Nun könnte man natürlich einwenden: Eine Jubiläumsuhr zum zehnjährigen Bestehen einer Uhrenmarke und dann „nur“ Quarz? Nun, ich kann diesen Gedanken durchaus nachvollziehen, zumal ich selbst ja auch bekennender Mechanik-Fan bin. Gleichzeitig wäre es meiner Meinung nach ziemlich kurz gegriffen, eine Quarzuhr deshalb grundsätzlich als weniger interessant abzutun.
Sternglas ist schließlich mit Quarz gestartet und seit je her im erschwinglicheren Segment tätig (auch unter dem Bauhaus-Leitgedanken, wie beschrieben). Schon das initiale Kickstarter-Projekt von Sternglas wurde ja als erschwingliche Bauhaus-Uhr mit Quarz-Werk positioniert. Inzwischen hat Sternglas längst auch eine ganze Reihe mechanischer Modelle im Programm. Die Hamburger sind also keineswegs stoisch auf Quarz festgelegt. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren hat sich die Marke zunehmend aus ihrer ursprünglichen Komfortzone herausbewegt – von Automatikuhren über Taucheruhren bis hin zu GMT-Modellen und zuletzt Solartechnik. Und das alles gepaart mit stringenter Designsprache.
Die Jubiläumsuhr wirkt vor diesem Hintergrund fast wie ein kleiner Rückblick: zurück zu den bodenständigen Wurzeln. Und ja, auch sogar ich, als bekennender Mechanik-Fan, habe mich ja auch schon mal im Allgemeinen für mehr Quarz-Liebe ausgesprochen.




Abschließende Gedanken
Zehn Jahre sind definitiv lang genug, um eine Marke ernst zu nehmen – und wenn man die Entwicklung betrachtet, ist die Geschichte von Sternglas durchaus spannender als der typische „junge deutsche Uhrenmarke“-Steckbrief zunächst vermuten lässt. 2016 ein Kickstarter-Projekt mit einer überschaubaren Anschubfinanzierung, wenige Jahre später stationärer Fachhandel, Automatikuhren als zweite Säule im Sortiment, stringent-eigenständige Designs, internationales Händlernetz und – für eine unabhängige Uhrenmarke – eine beachtliche Anzahl Mitarbeiter in Deutschland.
Die Sternglas Zirkel X ist dabei eine unkomplizierte Quarzuhr für den Alltag. Sie nimmt den Bauhaus-Leitgedanken auf, bleibt mit 38 Millimetern angenehm kompakt und fügt mit der vertikalen, markanten Oberflächenbearbeitung des Blattes und den zusätzlichen Anzeigen eine schöne Portion Eigenständigkeit hinzu. Auch der Preis von 299 Euro liegt ziemlich genau dort, wo man Sternglas erwarten würde. Zum Vergleich: Das Einstiegsmodell, die klassische Dreizeiger-Naos Quarz 38 liegt aktuell bei 229 Euro, während etwa die Naos Mondphase Edition Neuwerk bei 299 Euro angesiedelt ist. Die Jubiläumsuhr ist also kein Versuch, das zehnjährige Bestehen plötzlich in eine völlig andere Preisliga zu katapultieren – die Zirkel X ist ebenso bodenständig positioniert, wie ich Sternglas als Ganzes damals wie heute wahrnehme.
Die ersten 1.000 Stück der Zirkel X tragen eine besondere Gravur zum zehnjährigen Jubiläum von STERNGLAS auf dem Gehäuseboden. Die Zirkel X bleibt anschließend als reguläres Modell in der Kollektion der Hamburger.



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