Rolex Explorer 1 Test Review Geschichte

Rolex Explorer I – Geschichte und Test der Mount Everest-Uhr

Die Rolex Explorer I (aktuelle Referenz 214270) steht ein wenig im Schatten der extrem beliebten Modelle Daytona, GMT Master und Submariner. Wodran das liegt – darüber lässt sich nur spekulieren. Vielleicht sieht die Explorer I im Vergleich einfach viel zu „brav“, nach zu viel Understatement aus? Datumsanzeige mit fetter Lupe? Nö! Drehbare Lünette mit Bling-Bling-Keramikeinlage? Fehlanzeige! Wenn man sich schon eine Rolex kauft, soll diese doch auch bitte als solche erkannt werden, oder? 😉 Tatsächlich hat die Explorer I eine mindestens genau so spannende Geschichte wie Submariner & Co zu erzählen und wird meiner Meinung nach zu Unrecht unterschätzt. Warum dem so ist, was die Rolex Explorer I mit einem neuseeländischen Imker und der Erstbesteigung des Mount Everest zu tun hat, auf was ihr beim Gebrauchtuhren-Kauf achten müsst (Stichwort „Short Hands“ bzw. Stummel-Zeiger) und welche günstige Alternative bzw. Hommage es gibt, zeige ich euch in diesem Artikel…

Die Geschichte der Oyster Perpetual Explorer – Rolex als Ausstatter von Abenteurern bei der Besteigung des Mount Everest

Rolex in Spendierlaune: Der in Genf ansässige Uhrenhersteller hat ab den 1930er Jahren mehrere Jahrzehnte lang Expeditionen ins Himalaya-Gebirge bzw. auf den Mount Everest unterstützt und die jeweiligen Bergsteiger-Teams (z.B. aus den USA oder Frankreich) mit Uhren ausgestattet. Das war für alle eine Win-Win-Situation: Die ambitionierten Abenteurer durften sich auf ihren Expeditionen über zuverlässige Zeitmesser freuen und Rolex konnte die eigenen Uhren unter extremen Realbedingungen testen lassen – und wenn ich extrem schreibe, meine ich auch extrem: Bis die Spitze des 8848 Meter hohen Mount Everest im Jahre 1953 erstmalig von Bergsteigern erklommen werden konnte sind ein Dutzend Expeditionen gescheitert, 13 Menschen starben bei dem Versuch der Erstbesteigung.

Fester Bestandteil der Mount Everest-Bergsteigerausrüstung: Die Rolex Explorer I

Und heute? Mit moderner Ausrüstung, deutlich besseren Voraussetzungen (zum Beispiel fest installierten Seilen) und Erfahrungen aus mehreren Generationen Mount Everest-Führungen dürfte die Besteigung des Mount Everest doch ein Klacks sein, oder? Denkst! Auch heute noch sterben sehr viele Menschen bei ihrem Mount Everest-Ausflug, meistens beim Abstieg – der deutlich reduzierte Luftdruck vermindert die Sauerstoffaufnahme der Lunge. Die Folge: starker Leistungsabfall durch die sogenannte Höhenkrankheit. Schon ab einer Höhe von 1500 Metern sinkt die Leistungsfähigkeit mit jeder weiteren 1000-Meter-Marke um zehn Prozent. Sauerstoffflaschen helfen nicht auf Dauer und sind schwer zu transportieren.

Mehr noch: Es herrscht ein regelrechter Mount Everest-Tourismuslange Schlangen von Menschen, die bei minus 30 Grad Celsius auf dem Grat oder am Südsattel stehen und bibbernd warten müssen, bis sie an die Reihe kommen, sind zur Hochsaison keine Seltenheit.

Mich persönlich hat es vor einiger Zeit auf den Teide Vulkan auf Teneriffa verschlagen – selbst in einer Höhe von „grade mal“ 3500 Metern, in der ich mich befand, merkte ich deutlich, dass Bewegungen anstrengender werden und verstärkt Schwindel eintritt. Wie muss es da erst in über 8000 Metern Höhe sein? Hinzu kommen natürlich die bitterkalten Temperaturen auf dem Mount Everest. Das alles zusammen ist selbst für erfahrene Bergsteiger eine riesige Herausforderung.

Gut besucht: Das Mount Everest Basecamp, Bild: Daniel Oberhaus [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Der kanadische Filmemacher Elia Saikaly hat die Spitze des Mount Everest bereits drei mal erreicht und schreibt verstört: „Ich kann nicht glauben, was ich dort oben gesehen habe. Tod. Massensterben. Chaos. Tote Körper auf dem Weg und in Camp 4. Leute, die ich überreden wollte umzukehren und die tot endeten. Leute, die vom Berg geschleppt wurden. Das Gehen über Leichen.“

Eine sehr sehenswerte Dokumentation inklusive Videotagebücher der Everest-Bergsteiger gibt’s hier:

Aber zurück zu den Mount Everest-Expeditionen in den 30er, 40er und 50er Jahren: Auch andere Uhrenhersteller haben versucht einen Fuß in die Tür der Expeditions-Teams zu bekommen, darunter der (heute nicht mehr aktive) britische Uhrenhersteller Smiths. Ganz klar durchgesetzt hat sich aber Rolex – sicherlich auch dank des medienwirksamen Ausflugs der Schwimmerin Mercedes Gleitze, die 1927 mit einer Rolex am Arm den Ärmelkanal durchqueren wollte (was nur knapp scheiterte, den Beweis der Wasserdichtigkeit konnte Rolex trotzdem erbringen und auf Seite 1 der Londoner Tageszeitung „Daily Mail“ in die Welt kommunizieren – mehr dazu hier).

In den Anfangsjahren der Himalaya-Expeditionen wurden die Bergsteiger mit wechselnden Oyster Perpetual-Modellen ausgestattet, welche allesamt mit dem damals als innovativ geltenden Oyster-Gehäuse (englisch für Auster) ausgestattet waren. Die Gehäusekonstruktion wurde von Rolex im Jahre 1926 erfunden und patentiert – damals ein echter Durchbruch und die Geburtsstunde des ersten wasserdichten Armbanduhrengehäuses der Welt.

Die Rolex Oyster Perpetual war auch der zuverlässige Begleiter des Expeditionsteams, welches erstmalig die Spitze des Mount Everest erklommen hat – am 29. Mai 1953 gelang es dem neuseeländischen Imker Edmund Hillary und dem Sherpa Tenzing Norgay den Mythos von der Unbezwingbarkeit des höchsten Berges der Erde zu widerlegen. Die Rolex Oyster Perpetual, quasi die Pre-Explorer mit der Referenz 6098, die damals von Hillary getragen wurde, ist im Uhrenmuseum Beyer Zürich ausgestellt.

Rolex Oyster Perpetual, getragen von Edmund Hillary im Jahre 1953

Was viele nicht wissen: Neben der Rolex Explorer hatte das Zweiergespann Hillary-Tensing auch noch eine Smiths-Uhr bei der Gipfelbesteigung dabei. Smiths produziert seit 1979 keine Uhren mehr, weshalb dieser Teil der Uhrengeschichte kaum noch zitiert wird.

Übrigens: Behalten durften Hillary und Norgay – genau wie alle anderen Bergsteiger – die Rolex-Uhren damals nicht: Nach den Expeditionen wurden diese zurück nach Genf geschickt, damit die Schweizer umfangreiche Nachuntersuchungen vornehmen und stetige Verbesserungen vornehmen konnten.

Die allererste Rolex Oyster Perpetual im Explorer-Design, welches bis heute im Wesentlichen beibehalten wurde, erblickte im selben Jahr der Mount Everest-Bezwingung das Licht der Welt. Gut zu wissen: Rolex hat den Namen Explorer zwar bereits Anfang 1953 schützen lassen, aber erst ab Ende 1953 – also nach der Erstbesteigung des Mount Everests durch Hillary und Tenzing – auf dem Zifferblatt verewigt (Rolex Explorer Referenz 6350).

Das berühmte Bild von Hillary und Tenzing auf der Spitze des Mount Everest in einer Rolex Print-Anzeige

Besonders spannend ist, dass die erste Rolex Explorer im Jahre 1953 designtechnisch als Vorreiter für die weitere optische Entwicklung der Rolex Oyster Perpetual-Modelle zu betrachten ist: Die klassischen Ziffernindizes auf 3-6-9 Uhr, der „Mercedes“-Stundenzeiger, das sportlich-massive Design – das alles unterschied die Explorer deutlich von den eher klassisch wirkenden Oyster (Perpetual)-Modellen der vorherigen Kollektionen und legte den Grundstein für Rolex-Uhren wie wir sie heute kennen.

Das Gesicht der Rolex Explorer I heute

Auch technisch ist bei der Rolex Explorer der Name Programm: Das allererste Modell, die Ur-Explorer, war voll auf Robustheit bei gleichzeitig perfekter Ablesbarkeit und hoher Präzision ausgelegt. So hat das Rolex das Gehäuse der ersten Explorer noch etwas massiver gemacht als bei den vorherigen Oyster Perpetual Modellen. Außerdem wurde ein spezielles Schmiermittel benutzt, welches die Uhr auch bei extremen Temperaturen von -20° C and +40° C funktionsfähig machte.

Hier ist die Evolution der Oyster Perpetual hin zur ersten Rolex Explorer gut zu erkennen:

Im Laufe der Jahrzehnte hat die Rolex Explorer ihr Gesicht nur marginal verändert. Vintage-Fans wird am ehesten die Explorer mit der Referenz 1016 geläufig sein – das Modell wurde von 1963 bis 1989 gebaut – insgesamt also 26 Jahre!

Anzeige zur Rolex Explorer Ref. 1016

Im Jahre 1989 verpasste Rolex der Explorer dann erstmals einen etwas moderneren Anstrich – die applizierten Indizes und die Ziffern 3-6-9 in Weißgold haben erstmals Einzug in das Modell gefunden. Das Plexiglas wurde durch ein Saphirglas ausgetauscht. Mit 36 mm Durchmesser war die Explorer aber immer noch – für heutige Verhältnisse – eher klein dimensioniert. Den Sprung auf 39 mm hat die Explorer erst 2010 mit der Referenz 214270 gemacht. Diese Referenz wird auch heute noch bei Rolex als die aktuelles Modell geführt.

Der Teufel steckt aber im Detail: Es gibt zwei Varianten der Referenz 214270 – eine, die vor 2016 produziert wurde (Mk1) und eine, die ab 2016 und bis heute produziert wurde (Mk2). Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Modelle nicht wirklich: Ein Oyster-Gehäuse (aus 904L Oystersteel) mit 10 bar Wasserdichtigkeit (geeignet zum Schwimmen), 39 mm Durchmesser und das Kaliber 3132 sind die offensichtlichen Gemeinsamkeiten.

Ein Unterschied zwischen der 214270 Mk1 und der Mk2 liegt aber bei den 3-6-9-Stunden-Indizes, die bei der Mk1 aus Voll-Weißgold (ohne Leuchtmasse) sind, während die Ziffern der Mk2 (wie auch die Indizes) mit Leuchtmasse gefüllt sind.

Rolex Explorer I Mk2: Die Ziffern sind mit Leuchtmasse gefüllt

Ein weiterer Unterschied zwischen Mk1 und Mk2 ist fast schon etwas ulkig: Die Zeiger der Mk1 sind vergleichsweise kurz – offenbar hat Rolex hier einfach, trotz der Vergrößerung des Durchmessers auf 39 mm, dieselben Zeiger weiterverwendet, die auch bei der alten 36 mm-Explorer zum Einsatz kommen. Daher wird die Explorer 214270 Mk1 auch Shorty oder Short Hands genannt. Die Zeiger der Mk2 sind etwas länger und – zur Wahrung der Proportionen – auch deutlich dicker, was die Explorer einen Tick sportlicher wirken lässt.

Rolex Explorer I Mk2 mit langen Zeigern, die die Indizes perfekt treffen

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob ihn die eher kurzen Zeiger stören – bei Interesse an einer gebrauchten Explorer sollte man aber ganz genau hinsehen, damit man auch das bekommt, was man haben will – denn die meisten Händler weisen nicht auf die Unterschiede zwischen den Referenzen hin…

Damals wie heute kommt die Rolex Explorer I natürlich im Oyster-Gehäuse (aus 904L Oystersteel) mit Monoblock-Mittelteil, welches bei der Explorer I allerdings nur bis 10 bar bzw. 100 Meter wasserdicht ist – trotz verschraubtem Stahlboden und Twinlock-Aufzugskrone mit doppeltem Dichtungssystem. Die Uhr darf somit problemlos zum Schwimmen oder Schnorcheln anbehalten werden, nicht aber zum Tauchen. Etwas mehr Wasserdichtigkeit hätte es natürlich gerne sein dürfen, ich gehe aber davon aus, dass Rolex hier einfach auch einen gewissen Abstand zur Submariner als echte Taucheruhr lassen wollte (was sich ja auch preislich mit rund ’nem 1000er beim Listenpreis bemerkbar macht). Optisch unterscheiden sich die Oyster-Gehäuse von Explorer I und Submariner übrigens recht deutlich: Die polierten Seiten der Explorer I sind merkbar gewölbt, bei der Submariner hingegen flach. Der klassische Taucheruhren-Kronenschutz ist naturgemäß der Submariner vorbehalten. Auffälliges Gehäuse-Merkmal der Explorer I ist auch die polierte Lünette.

Das Stahlband an der Rolex Explorer I ist ein klassisches, dreireihiges Oyster-Stahlband samt Schließe mit der „herausstehenden“ Krone und eine Anpassungsmöglichkeit um 5 mm über die Easylink-Verlängerung. Die Easylink-Verlängerung wird ihrem Namen absolut gerecht: Sie ist einfach zu bedienen, eine Kürzung oder Verlängerung (zum Beispiel an heißen Sommertagen, an denen der Handgelenkumfang deutlich zunimmt) ist problemlos möglich. Trotzdem ist das Glidelock-System (siehe Rolex Submariner), welches in 2 mm-Schritten eine Anpassung bis maximal 20 mm bietet, dem Easylink-Mechanismus deutlich überlegen. Mir erschließt sich nicht so wirklich, warum Rolex nicht alle Uhren mit Glidelock ausstattet – schade!

Noch ein paar Worte zum Werk, dem Automatik-Kaliber 3132, welches komplett von Rolex entwickelt wurde und natürlich auch selbst produziert wird (Manufakturkaliber): Das Kaliber 3132 kommt mit Paraflex-Anti­schock­system und Parachrom-Spiralfeder. Eine Spiralfeder bildet – zusammen mit der Unruh – das Herz einer jeder mechanischen Uhr. Rolex investierte mehrere Jahre Entwicklungszeit in die hauseigene, tiefblauen Parachrom-Spirale, die aus einer NiobiumZirkoniumLegierung besteht. Diese Legierung zeichnet sich laut Rolex vor allem durch amagnetische Eigenschaften (Rolex spricht auch von „paramagnetisch“ – klingt ja auch irgendwie cooler 😉 ) und Resistenz vor Erschütterungen aus. Die Gangreserve beträgt 48 Stunden.

Die Chronometerzertifizierung von der COSC mit garantierten -4 bis +6 Sekunden pro Tag Gangabweichung ist Rolex übrigens nicht genug: Nachdem die Kaliber von der COSC zurück sind, schalt Rolex diese zunächst ein. Dann testet Rolex alle Werke erneut in Eigenregie und reguliert ggf. nach, um mindestens -2 bis +2 Ganggenauigkeit zu erreichen. Rolex tauft diese doppelt geprüften Werke „Superlative Chronometer“ und spendiert eine 5-jährige Garantie. Damit die Uhr auch auf Dauer in einem guten Ganggenauigkeitsbereich läuft muss sie hin und wieder zur Revision. Allzu große Angst vor Folgekosten braucht man aber nicht zu haben – zwar ist eine Revision bei Rolex mit Preisen von 600€ aufwärts kein Schnäppchen, der Serviceintervall liegt im Schnitt aber bei irre guten 10 Jahren!

„Superlative Chronometer – Officially Certified“ heißt es auf dem Zifferblatt der Explorer I

Abschließende Gedanken und günstige Alternative: Smiths Everest PRS-25 von Timefactors

Wie bereits Eingangs erwähnt ist die Rolex Explorer I eine der am meisten unterschätzten Modelle aus der Genfer Uhrenmanufaktur – die geschichtlichen Hintergründe gepaart mit den Rolex-typischen, genialen Eckdaten (die perfekte Detailverarbeitung, das Manufakturkaliber etc.) sprechen für sich.

Leider ist auch die Explorer I mittlerweile nicht mehr „einfach so“ beim Juwelier um die Ecke zu bekommen. Kürzlich berichtete mir ein Leser sogar, dass er nicht mal mehr auf die Warteliste für die Explorer aufgenommen wurde. Die Rolex-Blase ist (leider) sehr sehr real. Das macht sich auch bei den Online-Preisen bemerkbar, die teilweise deutlich über Rolex-Listenpreis sind. Wenn ihr also von der Rolex Explorer I „angefixt“ seid braucht ihr einen wirklich langen Atem – oder ein sehr gut gefülltes Portemonnaie.

Für das kleine Uhrenbudget oder sehr ungeduldige Gemüter lohnt sich der Blick auf die Explorer-Hommage des beliebten Herstellers Timefactors: Die Smiths Everest PRS-25 kommt mit gewölbtem Saphirglas, Miyota 9015 Automatikwerk und 40 mm Durchmesser (36 mm ebenfalls erhältlich) – der Preis ist mit 330 Britischen Pfund mehr als fair. Man beachte: Der von Timefactors eingesetzte Markenname Smiths hat Nullkommanix mit der Uhrenmanufaktur Smiths zu tun, die Hillary und Tenzing im Jahre 1953 gesponsert hat…

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4 Gedanken zu “Rolex Explorer I – Geschichte und Test der Mount Everest-Uhr”